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Im Spannungsfeld von Philanthropie und Menschenverachtung

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 170-173, Copyright-Hinweise beachten!)

"Kennt man in Norwegen Kolumbien?" Der junge Mann hatte im Wörterbuch endlich das Wort "kennen" gefunden und konnte seine Frage stellen. Ich sah das 16-jährige lächelnde Gesicht, das unschuldige Neugier ausdrückte, und wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich konnte ihm einfach nicht erklären, dass wir dieses Land als Heimstätte der Kokainkartelle kennen, dass wir es für ein gefährliches Land halten und deshalb nur wenige hierher reisen. Ich versuchte, diese Gedanken in meinem Gesicht nicht sichtbar werden zu lassen und antwortete vorsichtig: "Ja". Er nickte, noch immer lächelnd, und fügte hinzu: "Weil dort mucho killers sind?"

Ich musste zugeben, dass es leider so war. – "Ja, sie morden für Geld und auch, um Kleidung zu bekommen", und der Satz wurde begleitet von dem unmissverständlichen Reiben der Fingerspitzen und dem Zupfen an seinem T-Shirt. Mund und Augen lächelten noch immer. Ich merkte, wie die Verzweiflung in mir stieg, und nickte nur. Er hob einen Finger, deutete auf sein Auge – was bedeutete: ich habe es selbst gesehen – und zeigte auf die Straße: da draußen. Ich befand mich nur wenige Schritte von dem kriminell belastetsten Stadtteil Bogotás entfernt, in Cartucho. Hier ist die Kriminalitätsrate am höchsten, und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, dass Kolumbien zu den Ländern mit der größten Gewalt gehört. Sogar die kolumbianische Polizei weigert sich, in Cartucho zu patrouillieren. Erst später erfuhr ich dies alles. Im Augenblick sah ich nur diesen Jungen mit seinem offenen Gesichtsausdruck und seinem Bemühen, mir seine Erfahrungen mitzuteilen.

In Kolumbien gibt es fast keine Touristen. Mit einer Mord-Statistik von 25- bis 30.000 Todesopfern pro Jahr und einer Guerilla, die über große Teile des Landes herrscht, sind es nur wenige, die es gelüstet, das schöne Land mit den hohen Bergen, den großen unerforschten Dschungel-Gebieten und einem Museum, gefüllt mit Gegenständen aus Gold – und nicht zuletzt mit der Geschichte über das legendäre El Dorado – zu besuchen. Zehn Prozent aller Morde weltweit werden in Kolumbien begangen. Entführungen gehören zum täglichen Brot. In den Dörfern ist es durch die willkürlich handelnde Guerilla so gefährlich geworden, dass viele Menschen von dort in die Städte flüchten. Dadurch wachsen die Städte explosionsartig. Vor 50 Jahren hatte Bogotá 300.000 Einwohner, heute kann man nur ahnen, dass es 8-10 Millionen sein müssen. Und ungefähr die Hälfte dieser Menschen ist unfassbar arm. Das konnte ich mit eigenen Augen sehen, als ich durch die armen, südlichen Teile der Stadt fuhr – ununterbrochen vier Stunden lang, und immer noch waren wir nicht überall gewesen!1

Waldorfpädagogik beginnt in Cali

In Kolumbien ging Waldorfpädagogik von philantropischen Unternehmern aus, die sich für eine nachhaltige Veränderung in ihrem Land einsetzen wollten. Einer der erfolgreichen Unternehmer, der sich von unten emporgearbeitet hatte, war Luis Horacio Gomez Escobar. Zusammen mit dem spanischen Psychologen und

Universitätsprofessor Andres Sevilla, der Waldorfpädagogik aus Europa kannte, ermöglichte er die Gründung der ersten Waldorfschule.

Die Luis-Horacio-Gomez-Stiftung, eine der ersten Wohltätigkeitseinrichtungen in Kolumbien, hatte sich zum Ziel gesetzt, kolumbianischen Studenten Auslandsstipendien zur Verfügung zu stellen. Als dies wegen der Studentenunruhen in den 70er-Jahren nicht mehr möglich war, entschieden sich Luis Horacio Gomez und seine Frau Olga Arango de Gomez der Stadt Cali ein Erziehungszentrum zu schenken, das die üblichen Erziehungsmethoden ändern sollte. Als Lehrer der Waldorfschule Luis Horacio Gomez gegen Ende seines Lebens die Frage stellten, warum er in jenem Moment den Waldorfimpuls förderte, antwortete er: "Weil ich es nicht aushalten kann, wenn man ein Kind schlecht behandelt."

Die Übersetzungen von Juan Berlin (1913-1987), der damals als einziger Studienmaterial ins Spanische übersetzt hatte, waren die einzige schriftliche Grundlage für die Lehrerausbildung. Juan Berlin bildete die Brücke, über die sich Waldorflehrer aus Europa und den Ver einigten Staaten am Aufbau der Waldorfschule in Cali beteiligen konnten. Weitere Unterstützung kam von der Universität der Franziskaner-Gemeinde im Zentrum der Stadt, aus der die Gründungslehrer stammten.

1977 eröffnete der erste Waldorfkindergarten in Cali mit zwei Gruppen in einem volkstümlichen Stadtteil. 1979 wurde die Schule gegründet, die nach einigen Umzügen 1986 von der Luis-Horacio-Gomez-Stiftung ein Grundstück und Gebäude in einer ländlichen Gegend außerhalb der Stadt in unmittelbarer Nähe einiger der bekanntesten Schulen geschenkt bekam, das sie seither nutzt. Die Schule ist voll ausgebaut.

Medellin

Benedikta zur Nieden (1910-1998) war eine weitere Persönlichkeit, die sich für Waldorfpädagogik in Kolumbien eingesetzt hat. In Deutschland aufgewachsen, war sie mit einem Geschäftsmann aus Antioka, Diego Echev Arria Misas, verheiratet, der sich bis zu seinem Tod durch Kidnapping für Kunst und Kultur eingesetzt hatte. Benedikta zur Nieden beriet die Waldorfschule in Cali und gründete im Februar 1985 die zweite Waldorfschule Kolumbiens in Medellin. Anfänglich wurde das Schulgeld aus der Ayuda-Stiftung zur Niedens finanziert, bis für die Schule ein Trägerverein gegründet wurde und die Eltern selbst für das Schulgeld aufkamen. Neben der Waldorfschule in Medellin entstand das "Centro Humanistico Micael", ein Waldorflehrerseminar.

In Guarne, einer Kleinstadt etwa 60 km von Medellin entfernt, unterrichtete Senior Octavio Mejia, ein pensionierter Lehrer, täglich vier bis fünf Kinder. Ihm war es ein Anliegen, die Pädagogik Rudolf Steiners in seine Arbeit einfließen zu lassen. Dies sprach sich unter den Eltern der Stadt herum, und bald war nicht einmal mehr Platz auf dem Fußboden seines Wohnzimmers, um all die Kinder aufzunehmen, die zu ihm kommen wollten. Nach vielen Bemühungen stellte die Stadt eine Finca in Guarne zur Verfügung, in der Platz für die ersten vier Klassen ist, und in der im Februar 1999 mit einer Kindergartengruppe und einer Vorschulklasse begonnen worden ist.

Cali

Während der 23 Jahre Waldorf Pädagogik in Kolumbien erlebte das Land eine zunehmende Verschärfung der politischen und sozio-ökonomischen Bedingungen. In den 70er- und 80er-Jahren gab es noch ein gewisses soziales Gleichgewicht, in den 90er-Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts eine immer größere Polarisierung, was zu sozialer Gewalt und politischem Verfall führte.

Die Waldorfeltern gehören in der großen Mehrheit dem Mittelstand an und leiden stark unter dem ökonomischen Druck dieser sozialpolitischen Krise. Trotzdem wurde alles getan, damit auch Kinder derjenigen Familien die Waldorfschule weiterhin besuchen können, die ihre Arbeit verloren haben. Seit 1998 gibt es an der Waldorfschule Cali einen Elternverband, der durch einen Solidaritätsfonds den Austritt einer großen Zahl von Kindern verhindert hat. Dies ist nur ein Beispiel, wie die Zivilbevölkerung Kolumbiens sich für gegenseitige Hilfeleistung einsetzt. Hilfeleistungen kommen ebenfalls den durch Gewalttätigkeiten Vertriebenen, Obdachlosen, Aidskranken und unheilbar Krebskranken, Witwen, Waisen und Behinderten zu.

Beim letzten Besuch der Erziehungsbehörde bestanden die Inspektorinnen darauf, dass die Erfahrungen mit Waldorf Pädagogik der Öffentlichkeit von Cali in größerem Maße als bisher zugänglich gemacht werden. Damit bekundeten sie ihre Anerkennung für die pädagogischen Leistungen der Waldorfschule Cali.

Nachdem inzwischen bereits acht Mal eine Klasse die Waldorfschule Cali mit dem Abitur verlassen hat, ist einiges Echo von ehemaligen Schülern zu hören, wie z. B. "Durchhaltekraft habe ich in der Waldorfschule entwickeln können, jedoch fehlt es mir an akademischem Wissen. Ich kann jedoch zur besten Buchhandlung der Stadt fahren und mir das beste Buch kaufen, um es zu studieren; aber die menschliche Bildung, die ich in der Waldorfschule bekommen habe, kann ich aus den Büchern nicht herausholen …" Es ist interessant, dass sich die Eltern in ähnlicher Weise äußern, wenn sie gefragt werden, warum sie ihr Kind auf die Waldorfschule geschickt haben.

Sozialarbeit in Bogotá

Seit Beginn der 90er-Jahre gibt es in Bogotá das Projekt "Extra Muros". Sozialarbeiter kümmern sich um einige der vielen tausend auf der Straße lebenden Kinder, alle unter zehn Jahren, und versuchen ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Das Lebensgefühl dieser Kinder lässt sich folgendermaßen beschreiben: "Hineingeboren sein in allerärmste Verhältnisse, wie ins Nichts. Aufgewachsen in einer Umgebung von permanent anwesender Gewalt: handgreiflich, blutig, Seele und Leib misshandelnd, dadurch sich selbst und den Menschen entfremdet, ohne Selbstbewusstsein, ohne Gefühl für sich selbst und die anderen. Mit etwa drei Jahren ausgestoßen sein, leben in einer "Gallada" (Kinderbande), verrohend, absolutes Gesetz des Stärkeren. Leben von Diebstahl, Hehlerei und Mord, umgeben von Desinteresse, Ignoranz und Lethargie. Leben im Jetzt und Heute, was morgen ist, weiß ich nicht, erlebe ich vielleicht nicht mehr."2

Seit 1997 betreut "Extra Muros" ein Umsiedlungsprojekt, das begann, als in Bogotá eine am Bahndamm gelegene Brettersiedlung eingerissen werden sollte. Mit Hilfe der Sozialarbeiter von "Extra Muros" fanden sich die Behörden nach langen Verhandlungen dazu bereit, an anderer Stelle eine Wohnsiedlung für die Familien zu schaffen, die durch die Baumaßnahmen ihr Dach über dem Kopf verlieren sollten.

Inzwischen ist eine Siedlung entstanden, in der jede Familie eine einfache Wohnung hat. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sichern die Mietzahlungen, mit den Kindern wird mehrmals die Woche gebastelt, sie spielen Theater und erhalten Hausaufgabenbetreuung sowie Nachhilfeunterricht. Durch den Verkauf selbst gebastelter Gegenstände können sie sich ein Taschengeld verdienen. Über Hygiene, Familienplanung, Gesundheitserziehung werden die Eltern in abendlichen Kursen informiert. "Extra Muros" arbeitet daran, den Ärmsten der Armen in Bogotá eine Lebensperspektive zu eröffnen.

Eine in Stuttgart, Deutschland, ausgebildete Waldorflehrerin, Susana Rubia, leitet in Bogotá einen Waldorfkindergarten für Kinder aus ärmsten Verhältnissen.

... und Cali

Auch in Cali leben viele Kinder auf der Straße oder müssen in aller Frühe auf dem Markt arbeiten, um ein paar Pfennige zu verdienen. Große Nachfrage besteht auf den vier großen Märkten Calis. Dort stehen dann die Sieben- bis Dreizehnjährigen morgens um fünf Uhr auf, schleppen Gemüsekisten und helfen beim Aufbau der Marktstände. Für einen regelmäßigen Schulbesuch bleibt da keine Zeit, denn die Arbeit hat Vorrang. Wo sollten die Kinder auch die saubere Kleidung hernehmen, um sich in die Klasse integrieren zu können?

Rubiela Prado, die dreizehn Jahre lang an der Waldorfschule in Cali unterrichtet hat, hat sich dem Schicksal dieser "Marktkinder" angenommen. Sie arbeitet mit ca. 260 Kindern im Alter von sieben bis dreizehn Jahren. Über zwei Jahre lang ging sie jeden Tag auf den Markt und sprach mit den Kindern. Langsam gewann sie ihr Vertrauen und konnte sie einladen, kleine Spiele mit ihr zu machen, mit ihr zu malen und lesen und schreiben zu lernen. Als das Vertrauen der Eltern ebenfalls gewachsen war, fanden die Kinder eine leer stehende Gaststätte, in der seither die "Marktschule" stattfindet.

Angelina Pineda, eine weitere "Einzelkämpferin", arbeitet in dem kleinen Dorf Villa Rica, ca. 50 km außerhalb von Cali. Sie berät junge Mütter, die bereits mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren Kinder bekommen haben, und zeigt ihnen, wie man sie stillt, wickelt, wie man mit ihnen spricht und spielt und welche hygienischen Bedingungen geschaffen werden müssen, damit die Babys nicht krank werden. Auf diese Weise versucht sie Gewaltprävention zu betreiben und schon in der frühesten Kindheit durch gesunde Entwicklung und gemeinsames Spiel spätere Verständigungsfähigkeit zu veranlagen.

LADY MORALES
ANGELA PINEDA

1 Der Augenzeugenbericht stammt von Astrid Bjönness, Waldorflehrerin aus Tonsberg, Norwegen, die im Juni, Juli 2000 Kolumbien besucht hatte.
2 Helmut von Loebell, Salzburg, Österreich, engagiert sich seit vielen Jahren für das Projekt Extra Muros.

Lady Morales
Studium der Erziehungswissenschaft. Waldorflehrerin und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit an der Waldorfschule Cali.

Angela Pineda
Studium der Sonderpädagogik. Ausbildung zur Waldorfkindergärtnerin. Seit zehn Jahren Kindergärtnerin im Waldorfkindergarten Medellin.