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Ein paradiesisch anmutender Flecken Erde

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 158-159, Copyright-Hinweise beachten!)

Südlich des Äquators zwischen den beiden höchsten Bergen Afrikas, dem Kilimandscharo und dem Mount Kenia liegt Kenia, ein Land, durch das der afrikanische Grabenbruch verläuft, der Ostafrika im Norden mit dem Roten Meer und im Süden mit dem Kap Südafrikas verbindet. 1989 wurde der erste Waldorfkindergarten Ostafrikas eröffnet. Diese Gegend hat einerseits seit Mary und Louis Leakeys anthropologischen Funden Nachweise für Spuren ältester Menschheitsgeschichte aufzuweisen, andererseits ist sie kulturgeschichtlich jung und fast unberührt; von Reisenden wird sie aufgesucht als ein Land der exotischen Tiere.

Künstlerisch-handwerkliche Traditionen bewahren

Wie kommt ein Ableger der Waldorfbewegung in diesen paradiesisch anmutenden Flecken Erde? Eine ehemalige deutsche Waldorfschülerin, Biologin, Glaskünstlerin und Unternehmerin, Nani Croze, lebte seit über 20 Jahren in Kenia, bevor sie einen Waldorfschulverein gründete. Sie fand in Vojko Vrbancic und Irmgard Wutte zwei pionierfreudige Waldorflehrer aus Deutschland. Nani Croze war berührt von der Not der einheimischen Bevölkerung, die mit ihrem kulturellen Erbe und künstlerischhand-werklichen Geschick in dem postkolonialen Bildungswesen keine Entfaltungsmöglichkeiten fand.

Durch die Gründung einer Waldorfschule sollten die künstlerisch-handwerklichen Traditionen bewahrt und an die jüngere Generation weitervermittelt werden. Die Gründung der Rudolf Steiner School Mbagathi in Nairobi war gekennzeichnet durch viel Enthusiasmus weniger Menschen und durch treue Freunde im Ausland. Es gab aber keinerlei anthroposophische Vorarbeit vor Ort und auch keine interessierte kenianische Elterngruppe. Entsprechend zäh und krisengeschüttelt gestalteten sich die ersten Jahre. Und doch, im rechten – oft im letzten – Moment kam immer die nötige Hilfe, sodass die ostafrikanische Waldorfbewegung inzwischen schon zwölf Jahre lang besteht.

Schule im Massaigrasland

Die Rudolf Steiner School Mbagathi, 25 km außerhalb der Millionenstadt Nairobi, bezaubert durch ihre Lage in dem weiten Massaigrasland am Rande des Nairobi National Parks. Auf 8 ha Land konnten eigene Wohn- und Schulräume erstellt werden. Rund 70 drei- bis vierzehnjährige Kinder besuchen den Rudolf Steiner Kindergarten und die vier kombinierten Schulklassen. Die staatlichen Prüfungen nach der 8. Klasse werden schulintern angeboten. Von Anfang an war die Landwirtschaft wichtiger Bestandteil des Lehrplans. Auch kenianische Kollegen studierten in den letzten Jahren Waldorfpädagogik und bilden inzwischen mehr als die Hälfte des Kollegiums.

Die Ausbildung zum Waldorflehrer wird maßgeblich unterstützt durch die Teilzeitlehrerkurse, die seit Ostern 1999 von Kollegen aus dem Center for Creative Education in Kapstadt, Südafrika, dreimal jährlich über jeweils zwei Wochen angeboten werden und sich großer Beliebtheit erfreuen. Bis zu 40 Teilnehmer aus Kenia, Tanzania und Uganda finden sich für die Kurse zum Klassenlehrer und Waldorfkindergärtner zusammen.

Zweite Waldorfinitiative im Stadtteil Karen

Schon 1992 wurde auf Anfrage einiger Eltern ein zweiter Waldorfkindergarten in gemieteten Räumen in Zentrumsnähe eröffnet, der Waldorfkindergarten Kileleshwa in Nairobi. Bald sollten sich hier um die deutsche Waldorfkindergärtnerin Miriam Bernecker Eltern finden, die für die zweite Schulgründung, die Nairobi Waldorf School, den Gründungskern bildeten. Die Schule liegt in einem Waldgelände im gut erreichbaren Stadtteil Karen, benannt nach der Dänin Karen Blixen, 1885- 1961. Die neue Waldorfschule wurde im September 2000 mit zwei kombinierten Klassen eröffnet, gefolgt von einem Waldorfkindergarten im Januar 2001.

Trotz guter Beziehungen sind vom kenianischen Staat keine finanziellen Mittel zu erwarten. Die Waldorfschulen müssen sich durch Elternbeiträge, Patenschaften und Gelder aus Fundraising-Aktivitäten selbst finanzieren.

Integration wird angestrebt

Für die Pioniere der ersten Stunde ergibt sich rückblickend das folgende Bild. In den allerersten Anfängen, 1989/90, war die Gruppe der Eltern und Kindergartenkinder (das gemietete Häuschen lag räumlich genau zwischen den beiden heutigen Schulen) ein kleines Abbild der ethnisch, kulturell und sozial gemischten Bevölkerung Nairobis. Doch die sehr unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen, wie man sie in Kenia findet, ließen sich nicht so leicht integrieren. Heute begegnen sich in den beiden Schulen zwei sehr unterschiedliche Gemeinschaften, sich gleichsam ergänzend und nach Integration und Ausgewogenheit strebend.

Überregionaler Waldorfverein

Mit der Gründung des EATAE, des "Ostafrikanischen Vereins für Kunst und Erziehung", im Mai 1999 wurde mehr Öffentlichkeitsarbeit und Erwachsenenbildung angestrebt. Neun öffentliche Seminare und Konferenzen überwiegend zu pädagogischen Themen konnten bisher angeboten werden, insgesamt 270 Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Ausbilder aus Kenia, Tanzania und Uganda folgten den Einladungen. Der EATAE erfreut sich der anfänglichen Zusammenarbeit mit der "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" (GTZ) in Nairobi, und mit dem kenianischen Erziehungsministerium. Vielversprechend begann die Zusammenarbeit mit kenianischen Lehrern aus Slumschulen Nairobis. Frei von staatlichen Regulierungen können sie neue pädagogische Anregungen leichter umsetzen. Eine waldorfnahe Initiative ist die Nyeri Steiner School, 200 km nördlich von Nairobi, die als private Landschule von einem kenianischen Schulinspektor gegründet wurde. Er hat am Emerson College in England Waldorfpädagogik studiert, pflegt aber keine Zusammenarbeit mit den anderen Waldorfschulen und -lehrern in Kenia.

Für die Zukunft der Waldorfpädagogik in Kenia ist zu hoffen, dass das noch kleine Pflänzchen sich zu einem mächtigen Baum entwickeln wird, der in Zukunft einmal Früchte tragen wird.

IRMGARD WUTTE

Irmgard Wutte
1990 Übersiedlung nach Kenia. Aufbau der ersten Waldorfschule in Nairobi, Kenia, und Gründerin des Vereins EATAE zur Förderung der Waldorfpädagogik.