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Am Anfang waren zwei Bücher

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 144-145, Copyright-Hinweise beachten!)

Schon seit vielen Jahren ist Waldorfpädagogik einer größeren japanischen Öffentlichkeit bekannt. Zwei Bücher von Prof. Michiko Koyasu mit den Titeln "Eine Grundschule in München" (Tokio 1975) und "Eine Oberschule in München" (Tokio 1980), in denen sie die Erfahrungen ihrer Tochter auf der Waldorfschule in München-Schwabing beschreibt, erweckten ein großes öffentliches Interesse an Waldorfpädagogik.

Viele Leserinnen und Leser hielten Waldorfpädagogik für eine ideale Erziehungsform für Deutschland, nicht allerdings für Japan. Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass eine solche Pädagogik auch für Japan sinnvoll wäre. Der erste kleine Spross keimte aus der großen Asphaltstadt Tokio im Frühjahr 1987 auf. Im Schuljahr 2000 gingen 89 Kinder in die sechs Klassen der Tokio Waldorfschule. Zum neuen Schuljahr Anfang April 2001 wird es zum ersten Mal eine siebte Klasse geben. Die bisherige Grundschule wird damit zur Mittelschule erweitert, der Lehrplan ist inzwischen bis zur 9. Klasse ausgearbeitet, und der Entschluss bereits gefasst, die Schule bis zur 12. Klasse aufzubauen.

Illegal und anerkannt

Die Tokio Waldorfschule hat bisher noch keine offizielle staatliche Registrierung beantragt, weil in Japan die Kriterien für eine unabhängige Schule vor allem bezüglich der Raumgröße sehr schwer zu erfüllen sind. Die Grundstückspreise sind in Tokio dermaßen hoch, dass überhaupt nicht daran zu denken ist, ein eigenes Grundstück und Gebäude zu erwerben. Das zuständige Bildungsdepartement registriert die Waldorfschülerinnen und -schüler bisher in der nahe gelegenen Grundschule und mit dieser informellen Vorgehensweise können alle Beteiligten ganz gut leben. Eine Aufgabe für die Zukunft wird es bleiben, die staatliche Genehmigung der Schule zu erwirken.

Das Schulhaus, früher ein Gebäude mit Schlafsälen einer großen Firma, wurde von den Eltern liebevoll renoviert, wird aber inzwischen zu klein und ist an den Schultagen einfach übervölkert. Neben einer Arbeitsgruppe, die sich um ein neues Gebäude kümmert, gibt es einen weiteren Arbeitskreis, der versucht, den Gemeinnützigkeitsstatus für die Schule zu bekommen und damit einen ersten Schritt in Richtung Schulanerkennung zu gehen.

Knospen im Land der Kirschblüte

Während die Tokio Waldorfschule am Wendepunkt zur Mittelschule angekommen ist, wird in der alten Hauptstadt Japans, Kyoto, wie Tokio eine 12-Millionen-Stadt, eine neue Waldorfschule eröffnet. Auch in Hokkaido, der nördlichsten Insel Japans, gibt es einen aktiven, an Waldorfpädagogik interessierten Menschenkreis und seit 1999 Waldorfunterricht für einige Kinder, der sich zu einer Schule entwickeln wird. In ganz Japan werden Freizeitschulen eingerichtet, in denen die Kinder als Ergänzung zum intellektuell dominierten staatlichen Unterricht am Wochenende künstlerisch aktiv sein können. All diese Initiativen geben der Waldorfbewegung in Japan Wärme und Kraft.

Nicht vergessen werden darf die Waldorfkindergartenbewegung in Japan. Inzwischen gibt es über 26 Waldorfkindergärten, die ständig wachsen. Elemente der Waldorfpädagogik wurden in viele Privatkindergärten und Kindertagesstätten integriert. Da der Betrieb von Kindergärten in Japan noch vielfach ein Familiengeschäft ist, das von der Mutter an die Tochter vererbt wird, können pädagogische Elemente schnell eingeführt werden, wenn die Eigentümerin sich dazu entschlossen hat. Dass die daraus entstehenden Sozialformen im Widerspruch zur Sozialgestalt der Waldorfpädagogik stehen, wird dabei manchmal schmerzlich bewusst. Im Februar 2001 beginnt ein Fortbildungskurs für Waldorfpädagogik im Kleinkind- und Kindergartenalter. Diese Ausbildung steht in Zusammenhang mit der eben gegründeten japanischen Assoziation der Waldorfkindergärten.

Der kleine Same der Waldorfpädagogik ist inzwischen zwanzig Jahre lang gewachsen. Liebe zu dieser Waldorfbewegung lässt sie größer werden. Bisher widmeten sich die Lehrerinnen und Lehrer ganz dem Aufbau der Tokio Waldorfschule. Doch inzwischen wird eine Zusammenarbeit mit den Kollegen in ganz Japan, Asien und weltweit angestrebt. Ein warmes Interesse bringt die Liebe zum Blühen und Ausstrahlen. Ein Schlüssel der Waldorfbewegung sind die Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Dasein und Verhalten. Es ist zu hoffen, dass sie sich in das neue Millennium hineinleben werden, erfüllt von Ernst und Fröhlichkeit.

RIEKO HATA

Rieko Hata
Eurythmielehrerin. Seit 1987 Unterricht an der Waldorfschule in Japan und Vorstandstätigkeit an der Schule.