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Über die Grenzen hinweg

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 76-79, Copyright-Hinweise beachten!)

Irland hat bei der kulturellen Entwicklung Europas eine bedeutende Rolle gespielt. Dolmen, Rundtürme und Hochkreuze, Ruinen von Klöstern und Kirchen zeugen von einem reichen Erbe vergangener Jahrtausende, obwohl Irland ein von Unruhen geprägtes Land ist, das erobert und wiedererobert, geteilt und gespalten wurde. Die irischen Völker haben durch die Jahrhunderte unter Kriegen, Hungersnöten und Unruhen gelitten. Die Unterschiede zwischen Norden und Süden sind mehr und mehr an die Oberfläche getreten. Die Vergangenheit ist für beide Teile Irlands lebendig geblieben – schwer zu vergessen und zu vergeben, steht sie der Gegenwart und der Zukunft im Wege. Viele Menschen bemühen sich jedoch bewusst darum, zu vergeben und Frieden zu bringen.

Waldorfpädagogik in Irland steht von Anfang an in Zusammenhang mit den heilpädagogischen Camphill-Gemeinschaften (vgl. Bericht von Dr. Rüdiger Grimm, S. 36-41). Die Holywood Rudolf-Steiner-Schule, die erste Waldorfschule in Irland, eröffnete im September 1975 ihre Tore in den Räumen der Camphill-Gemeinschaft Glencraig, zu der sie auch Beziehungen wahrte, als sie 1976 in ein eigenes Gebäude umzog. Ein neues Gebäude für den Kindergarten wurde 1979 errichtet, und mit der Zeit kamen mehrere Baracken hinzu, um die heranwachsenden Oberstufenklassen unterzubringen. 1993 konnte ein erster Klassenraum und 1997 ein weiteres Kindergartengebäude eingeweiht werden. Das Wachstum der Schule und ihre Weiterentwicklung haben ein enormes Engagement von Eltern und Lehrerinnen und Lehrern gefordert, da keinerlei staatliche Zuschüsse zu erhalten waren. Allerdings wurden der Schule Lottogelder zugesprochen, sodass jetzt der Bau für die Oberstufe abgeschlossen werden kann. Holywood blieb bis zur Eröffnung der Cooleenbridge Waldorfschule 1986 die einzige Waldorfschule in Irland.

Cooleenbridge

Anders als sonst häufig üblich wurde die Cooleenbridge Waldorfschule in County Clare von den Eltern jener 27 Kinder begründet, die dann im November 1986 die neue Schule besuchten. Bis heute sind die Eltern in die Schulverwaltung aktiv einbezogen. Die Schule erhielt ihren Namen von dem alten Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert, in dem sie zuerst untergebracht war. Von Anfang an bildete die Schule zugleich ein Zentrum für soziale Projekte; mit den Jahren haben sich auf Initiative der Eltern mehrere Unternehmungen entwickelt. Die Schule zog 1994 in ein eigenes Gebäude um und 1999 wurde ein neu errichteter Kindergarten fertig gestellt. Wie andere Schulinitiativen in Irland erhält auch die Cooleenbridge Waldorfschule keinerlei Unterstützung durch den Staat. Sie muss daher hart um ihr Überleben kämpfen, was zu einem starken Gemeinschaftserleben der Schule und zu vielen kreativen Initiativen geführt hat.

Dublin

1987 wurde die Dublin Rudolf-Steiner-Schule eröffnet, die lange Zeit in einem Haus in Rathmines in der Nähe des Zentrums untergekommen war. Die von Daniel Newman und Dorothey Haines gegründete Schule kämpfte jahrelang ums Überleben, ohne in der städtischen Umgebung einen starken Gemeinschaftssinn aufbauen zu können. Schließlich entschied man sich dafür, vorübergehend in die Dunshane Camphill-Gemeinschaft umzuziehen. Inzwischen gibt es ehrgeizige Pläne für einen Schulneubau mit Kindertagesstätte außerhalb der Camphill-Gemeinschaft.

Frühkindliche Erziehung

Der Beitrag der Waldorfpädagogik zur frühkindlichen Entwicklung ist in Irland in weiten Kreisen bekannt und wertgeschätzt und beeinflusst die Angebote frühkindlicher Erziehung. Das Ausbildungsprogramm für frühkindliche Erziehung wurde von der "Steiner Waldorf Schools Fellowship" akkreditiert. Es ist gut besucht und wird hoffentlich in den nächsten Jahren Anerkennung vom Lehrerbildungsinstitut in Limerick erhalten. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Kindergärten in Irland auf vierzehn angestiegen. Für die frühkindliche Erziehung gibt es staatliche Zuschüsse, und viele Kindergärten überlegen sich, Tagesstätten für Kleinkinder anzubieten. Der irische Zusammenschluss für frühkindliche Erziehung (Steiner Waldorf Early Childhood Association) hat ebenfalls staatliche Subventionen erhalten, sodass er in Zukunft seine Mitglieder besser unterstützen kann.

Zukünftige Entwicklungen

Die Waldorfbewegung in Irland ist an einem Punkt angelangt, an dem sie ihre Zukunft strategisch planen muss. Man kann den Eindruck haben, dass Pflege und Erziehung nach der Waldorf- Pädagogik bisher jenen Kindern zugute kam, deren Eltern Waldorfpädagogik gewählt haben. Heute ist jedoch vor allem im Bereich der frühkindlichen Erziehung klar, dass Waldorfpädagogik all denjenigen Eltern zur Verfügung stehen soll, die eine hohe Erziehungs-Qualität für ihre Kinder wünschen, ohne dass ein Verständnis der Grundlagen der Waldorfpädagogik vorausgesetzt oder gefordert werden kann. Tatsache ist, dass die Waldorfmethode Kindern bedeutungsvolle Erfahrungen vermittelt, die ihrem Alter entsprechen, Erfahrungen, die ihnen in anderen Einrichtungen und selbst in vielen modernen Familien nicht ermöglicht werden. Solche Antworten auf unmittelbare Bedürfnisse kleiner Kinder werden positive Auswirkungen auf die Zukunft haben.

PEARSE O’SHIEL

Zur Heilpädagogik

An die irische Republik richtete Karl König (1902-1966) 1938 sein Gesuch, eine Gemeinschaft für seelenpflegebedürftige Kinder und Erwachsene begründen zu dürfen. Er erhielt eine ablehnende Antwort von der irischen Regierung, und so entstand die Camphill-Bewegung ein Jahr später in Schottland. Sechzehn Jahre später, im Jahre 1954, wurde die erste Camphill-Gemeinschaft in Irland begründet: Glencraig entstand aus dem Wunsch und der unermüdlichen Arbeit einer Gruppe von Eltern, die die Arbeit von Karl König und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kennen gelernt hatten und deren Kinder in Camphill-Einrichtungen in Schottland untergebracht waren. Glencraig begann als eine Kindergemeinschaft in einem großen Herrenhaus.

Zur politischen Situation

In Nordirland gilt britisches Recht, wenn auch seit dem "Good Friday"-Abkommen Nordirland größere Autonomie zugestanden wird. Für die Waldorfschulen bedeutet das, dass sie wie die Waldorfschulen in England keinerlei staatliche Unterstützung erhalten. Die "Steiner Waldorf Schools Fellowship" für Großbritannien und Irland arbeitet beständig mit der Regierung zusammen, um den Waldorfschulen staatliche Unterstützung zu sichern, und in letzter Zeit wurden in dieser Hinsicht Fortschritte erzielt.

1994 schlossen sich die drei unabhängigen Waldorfschulen in Irland zur "Irish Steiner Waldorf Education Association" (ISWEA) zusammen, um im politischen Bereich zu kooperieren und eine jährliche Lehrerkonferenz zu organisieren.

1999 führte die Cooleenbridge Waldorfschule ein Gerichtsverfahren bis zur obersten Instanz gegen den Staat, um Anerkennung und Unterstützung für Waldorfschulen in Irland zu erlangen. Obwohl der Fall verloren wurde, musste die Schule anerkannt werden und der Staat hatte eine Strafe zu entrichten, da er sich nicht auf Verhandlungen mit der Waldorfschule eingelassen hatte. In Zukunft müssen Waldorfschulen von der Irischen Republik dann staatlich anerkannt werden, wenn sie staatlich ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer anstellen, die die irische Sprache sprechen.

Die irische Sprache wird in der Republik Irland unterrichtet und in Nord- und Südirland werden kulturelle Eigenheiten in den Waldorflehrplan aufgenommen werden. Irische bzw. keltische Elemente im Waldorfcurriculum sind die Betrachtung der irischen Heiligen und der Märchen aus "King of Irelands Son" sowie der spezifisch irische Beitrag zur Entwicklung des Christentums. Aber auch Tänze, Lieder und irische Musik werden in das Curriculum verwoben und verleihen ihm einen typisch irischen Charakter.

Aus diesen Anfängen von 1954 heraus wuchs Glencraig und entwickelte sich weiter. Heute besteht es aus 17 Hausgemeinschaften, einer großen Farm, Werkstätten und einer Schule für Kinder mit Behinderungen. Seit 1985 finden fortlaufende Gespräche mit dem Erziehungsministerium statt. Zahlreiche Inspektionen und Veränderungen waren die Folge und als Ergebnis ist die Schule seit zwei Jahren staatlich anerkannt.

Erweitertes Therapieangebot

Im Laufe der letzten neun Jahre wurde die medizinisch-therapeutische Arbeit erweitert. Wöchentliche Konferenzen mit Kinderbetrachtungen finden statt. Die Therapeuten (der Heileurythmie, Chirophonetik, Krankengymnastik, Sprachtherapie, Rhythmischen Massage, Hydro-, Musik- und Kunsttherapie), Lehrerinnen und Lehrer, Hausmütter und Werkstättenleiterinnen und -leiter kommen wöchentlich zusammen, um ihre Arbeit zu koordinieren und zu vertiefen.

Glencraig ist eine große Gemeinschaft. Insgesamt leben hier etwa 200 Menschen zusammen, von Neugeborenen bis hin zu 70- und 80-Jährigen. Barbara Lipsker, eine Camphill-Pionierin, lebt hier und ist trotz ihres hohen Alters eine Quelle der Inspiration.

Das dreijährige Seminar für Heilpädagogik und Sozialtherapie, dem ein Einführungsjahr vorangeht, sowie die fortlaufende Mitarbeiterausbildung schaffen in Verbindung mit dem Gemeinschaftsleben eine kontinuierliche Atmosphäre von Wachstum und Entwicklung.

Gründungen im Süden und Norden

In den frühen 70er-Jahren wurden mehr Plätze für Erwachsene mit Behinderungen notwendig. 1972/73 entstanden fast gleichzeitig zwei weitere Dörfer: "Mourne Grange" in den Mourne Bergen bei Kilkeel und "Duffcarrig" bei Gorey in Südirland. 1979 wurde in der Nähe von Kilkenny Ballytobin gegründet, die erste Camphill-Gemeinschaft für Kinder in der Republik Irland. Von 1984 an ging die Camphill-Entwicklung in Irland mit raschen Schritten voran. Im Norden entstand "Clanabogan" bei Omagh, eine kleinere Gemeinschaft für Erwachsene, und im Süden "Dunshane", eine Ausbildungsstätte für junge Menschen im Alter von 15 bis 23 Jahren. 1988 wurden "Camphill Kyle" und "Grangemocker" in Templepatrick gegründet, beide sind kleinere Gemeinschaften für Erwachsene in der Nähe von Ballytobin. 1992 öffnete "Camphill Jerpoint" bei Thomastown in Kilkenny seine Tore. Es verfügt über einen Wassergarten und ein Café im Ort selbst und hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit behinderten Menschen in der Umgebung von Thomastown zu arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit begannen die ersten Vorbereitungen für die Camphill-Gemeinschaft Ballybay. Heute bildet diese kleine Gemeinschaft in der Grafschaft Monaghan geographisch gesehen die Verbindung zwischen den Camphill-Einrichtungen im Norden und Süden.

In den letzten Jahren entstand aus einem Mangel an Plätzen für ältere Schülerinnen und Schüler heraus die Kilcullen Bridge Community in der Nähe von Dunshane. Heute verfügt sie über drei Häuser und einen Laden in Killcullen und ist fester Bestandteil des Dorfes geworden. So entwickelt sich also allmählich eine "Gemeinschaft von Gemeinschaften", wie sie um Ballytobin, Kyle, Grangemocker und Jerpoint bereits besteht.

Die neueste Entwicklung im Süden ist eine Gemeinschaft in Carrickon-Suir, die teils in ländlicher Umgebung und teils in der Stadt selbst liegt. Eine Elterngruppe in Dingle hat sich mit dem Wunsch an Camphill gewandt, dort eine Einrichtung für Kinder zu gründen. Die ersten Gespräche finden bereits statt. Camphill Holywood, die jüngste Camphill-Gemeinschaft in Irland, eröffnete im Juni 1997 ihre Bäckerei, ein Café und einen Verkaufspunkt für biologisch-dynamische Erzeugnisse.

Familien statt Heime

Die neueste Herausforderung für die Camphill-Gemeinschaften im Norden besteht in der Einführung der Kinderverordnung (Children Order) für Nordirland. Eine der Richtlinien dieser Verordnung besagt, dass ein Kind vorzugsweise in einer Familie aufwachsen sollte und folglich werden Pflegeeltern einer Heimsituation vorgezogen. Die Zusammenarbeit mit Eltern und Sozialarbeitern ist ein weiterer wesentlicher Aspekt. Obwohl das Wohlergehen des Kindes an erster Stelle stehen soll, scheinen gegenwärtig die enormen bürokratischen Anforderungen, die die Verordnung mit sich bringt, dieses Ziel eher zu verhindern als zu begünstigen.

In Südirland ist den entstehenden Camphill-Gemeinschaften mehr Freiheit gegönnt und die Behörden zeigen sich offen und positiv. Die Arbeit in kleineren Gemeinschaften wird vorgezogen. Vorteile sind die problemlosere Integration in die weitere Gemeinschaft und größere Flexibilität. Ein Nachteil liegt darin, dass die Entwicklung spezifischerer therapeutischer Angebote schwieriger ist.

Die Camphill-Einrichtungen in Irland sehen sich den folgenden Herausforderungen gegenüber: Der Aufbau temporärer Pflege, für die eine wachsende Nachfrage besteht; das zunehmende Alter von Bewohnern und Mitarbeitern der Dorfgemeinschaften; die Frage, ob Camphill die Bedürfnisse von Patienten erfüllen kann, die nach einem langen Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in die Gesellschaft entlassen werden. Die Zahl der Menschen mit psychiatrischen Problemen und schweren Verhaltensstörungen, die in Camphill-Heimen arbeiten möchten, nimmt ständig zu.

Die Camphill-Methode des gemeinschaftlichen Zusammenarbeitens und Zusammenlebens mit Menschen, die ein breites Band von Fähigkeiten und Behinderungen vorweisen, stellt die "arbeitsteilige" Tendenz innerhalb der Gesellschaft selbst infrage. So ist man oft gezwungen, Gespräche mit den verschiedenen Behörden (Erziehung, Gesundheit und Soziales, Umwelt, Arbeit) zu suchen, ein Umstand, der ständige Aufmerksamkeit und kontinuierliches Überdenken der Camphill-Ideale erfordert.

Ein bedeutendes Potenzial in diesem Land liegt in der Verbindung der Camphill-Bewegung, der anthroposophischen Medizin, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und der Waldorfschulbewegung. Ein aktives Interesse aneinan-der ist vorhanden, ebenso der Wille, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Dadurch hoffen wir, aus dem gemeinsamen Wirken von Kopf, Herz und Händen heraus einen Beitrag zum Frieden und zur fruchtbaren Entwicklung in diesem Land zu leisten.

MARIA VAN DEN BERG

Pearse O’Shiel
tätig für die "Waldorf Early Childhood Association"

Maria van den Berg
Vertreterin der Ärzte in der Konferenz für Heilpädagogik