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Wie Phönix aus der Asche

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 106-107, Copyright-Hinweise beachten!)

Sarajevo hat im 20. Jahrhundert in Europa und sogar weltweit eine traurige Berühmtheit erlangt. Bosnien-Herzegowina war 1878 der Verwaltung Österreich-Ungarns unterstellt und 1908 annektiert worden. In Sarajevo wurde 1914 der österreichisch-ungarische Kronprinz Franz Ferdinand erschossen, was zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte, nach dessen Ende Bosnien unselbstständiger Teil des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen wurde. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Jugoslawien zur föderativen Volksrepublik und erhielt 1947 eine kommunistische Gesellschaftsordnung. Als 1991 das sozialistische Jugoslawien zu Ende ging und nach Slowenien und Kroatien auch Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit erklärte, griff der "Bürgerkrieg" 1992 auf Bosnien-Herzegowina über, das bis 1995 Zentrum blutiger, menschenverachtender Auseinandersetzungen blieb.

Der Name Sarajevo ist von "Saraj", bosnisch "Haus", abgeleitet, und diese Stadt war lange Zeit ein Haus für Menschen mit verschiedenen, vor allem monotheistischen Religionen. Sie wird von vielen Bosniern als das Jerusalem des 20. Jahrhunderts empfunden. Für den bosnischen Dichter Dzevad Karahasan ist Sarajevo wie ein Zentrum Europas gewesen, in dem sich der europäische Umkreis spiegelt und umgekehrt. Dies im guten, wie dann leider auch im tragischen Sinne.

Auf Trümmern gebaut

Im Jahr 2000 wurde in Sarajevo sowohl eine Waldorfspielgruppe eingerichtet, die schon bald ein Waldorfkindergarten werden soll, als auch eine Freizeitschule, die nachmittags für Schulkinder ergänzende künstlerische und handwerkliche Kurse nach der Waldorfpädagogik anbietet. Leila Kostic leitet die Spielgruppe, Alma Begic die Freizeitschule zusammen mit Parthena Tsanakidou und Micaela Sauber. Eine sozialtherapeutische Einrichtung befindet sich in Planung.

Der Impuls der Waldorfpädagogik entstand während der Kriegsjahre. Die Bosnierinnen Alma Begic und Leila Kostic haben als Kriegsflüchtlinge in Deutschland Waldorf-Pädagogische Ausbildungen besuchen können. Für Leila war Waldorfpädagogik bereits vor dem Krieg bekannt. Die Familienmutter hatte, ohne dass eine Ausbildung in diese Richtung in Sichtweite gewesen wäre, den geheimen Wunsch, einmal in Bosnien einen Waldorfkindergarten zu führen. Dann kam 1992 der Krieg auf dem Balkan mit seinen tragischen Folgen. Leila Kostic verließ mitten im Krieg mit ihren Kindern das Land, kam nach einem Aufenthalt bei der kroatischen Waldorfkindergarteninitiative Zagreb schließlich nach Deutschland und machte in Kassel die Ausbildung zur Kindergärtnerin. Auch Alma Begic verließ ihr Land während des Krieges und gelangte nach Deutschland, wo sie eine sozialtherapeutische Ausbildung machte, um 1999 nach Bosnien zurückzukehren. Nach ihrer Rückkehr nach Sarajevo kam sie erst einmal einem dort entstandenen Bedürfnis nach einer Freizeitschule entgegen.

Friedensförderung durch Erziehung

Seit 1993 reisten Menschen vor allem aus Deutschland und den Niederlanden viele Male in die Kriegs- und Nachkriegsgebiete von Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Aus diesem Engagement wuchs ein Kreis von Menschen, durch den Alma und Leila einander kennen lernten, der sich regelmäßig zu treffen begann und der sich durch Freunde aus der sozialtherapeutischen Einrichtung Weckelweiler erweiterte. Außerdem bildete sich ein Kreis von Paten, Spendern und Freunden aus dem Umkreis der Ausbildungsstätten der beiden Bosnierinnen. Der Name der Initiative wurde "Phoenix-Initiative für Waldorfpädagogik in Bosnien-Herzegowina". Die ersten Schritte zur Begründung von Waldorfpädagogik in Bosnien-Herzegowina konnten nach der Rückkehr der beiden Frauen in ihr inzwischen sehr verändertes Heimatland getan werden. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass insbesondere die künstlerische Tätigkeit den Kindern neues Vertrauen in sich selbst ermöglicht und eine gesundende Wirkung auf diese verwundeten Seelen ausübt. Gerade durch die künstlerischen Aktivitäten wird eine Zusammenarbeit gepflegt, welche auf die Entwicklung von Friedensfähigkeit hinzielt.

Der starke Hoffnungskeim, der mit dieser Initiative verbunden ist, möge einer zukünftigen Entwicklung von Waldorfpädagogik und Sozialtherapie auf der Grundlage der Anthroposophie gesunde und starke Lebensbedingungen schaffen.

MICAELA SAUBER

Micaela Sauber
Ausbildung in anthroposophischer Heilpädagogik, Studium an der Hochschule der Christengemeinschaft, Märchenerzählerin.