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Streiflichter auf die Entwicklung der Heilpädagogik und Sozialtherapie

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 36-41, Copyright-Hinweise beachten!)

Weltweit gibt es mehr als 500 Einrichtungen für Heilpädagogik und Sozialtherapie in über 40 Ländern. Sie umfassen ein breites Angebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit besonderen Entwicklungsbedürfnissen: Frühberatung, heilpädagogische und integrative Kindergärten, Tagesschulen, Heimgemeinschaften, Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche, Werkstätten, Wohnheime und Dorfgemeinschaften.

Beginn der anthroposophischen Heilpädagogik

Die anthroposophische Heilpädagogik entwickelte sich vor nun 77 Jahren aus drei Initiativen: an der ersten Waldorfschule in Stuttgart gab es eine Reihe von Kindern mit Lernschwierigkeiten, die von Dr. Karl Schubert (1889-1949) in einer "Hilfsklasse" zusammengefasst wurden. Gleichzeitig kamen Kinder mit Entwicklungsstörungen zur Untersuchung und Behandlung an das Klinisch-Therapeutische Institut in Arlesheim, um Beratung und Hilfen durch Rudolf Steiner (1861-1925) und Ita Wegman (1896-1943) und deren Mitarbeiter zu finden. Schließlich begründete eine Gruppe junger Menschen – Franz Löffler (1892-1962), Albrecht Strohschein (1899-1962) und Siegfried Pickert (geb. 1898) – das Heil- und Erziehungsinstitut Lauenstein in Jena. Auch der Aufbau dieser Einrichtung geschah in enger Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner und führte dazu, dass dieser im Juni 1924 einen Berufskurs für Heilpädagogen hielt, zu dem Vertreter dieser drei Einrichtungen in Dornach zusammenkamen. Ein schulischer, ein klinischer und ein Impuls der Bildung von Lebensgemeinschaften stand somit am Anfang der anthroposophischen Heilpädagogik, von denen jeder in den folgenden Jahren eine intensive Arbeit und Differenzierung entfaltete.

So kam es bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland zunächst zu einer beträchtlichen Expansion und einer intensiven Wirksamkeit. Diese hatte ihren Mittelpunkt in der zusammenfassenden und verbindenden Tätigkeit Ita Wegmans zunächst innerhalb der Medizinischen Sektion am Goetheanum in Dornach, Schweiz, und auch nach ihrem Ausschluss aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft blieben fast alle Einrichtungen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihr verbunden. Ita Wegman unterstützte von Anfang an eine breite Entfaltung der heilpädagogischen Arbeit in verschiedenen Ländern. Dadurch wurden schon in den ersten Jahren Einrichtungen in England, in Holland und auf Island gegründet.

Retardation

Während des Dritten Reichs wurden die deutschen Einrichtungen zunächst immer mehr behindert, bedroht und schließlich, bis auf wenige Ausnahmen (Lauenstein-Seewalde und Eckwälden) geschlossen. Nicht nur die Existenz der Einrichtungen stand in Gefahr, viel mehr noch das Leben der in ihnen lebenden Kinder und Erwachsenen. Als nach 1941 die "Aktion T4" (Deckname der Euthanasieaktion, der mehr als 100.000 Menschen mit Behinderungen zum Opfer fielen) eingeleitet wurde, mussten viele Kinder in ihre Familien zurückgegeben werden, da sie dort höheren Schutz genossen. Einige der Einrichtungsleiter widersetzten sich unerschrocken den Schikanen und Untersuchungsmaßnahmen und konnten die Deportation von Kindern verhindern. Löffler und Strohschein wurden zeitweilig inhaftiert, Martin Kretschmer (1897-1942) starb im KZ. Da sich unter den führenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Menschen jüdischer Herkunft befanden, die in diesen Jahren emigrieren mussten, kam es zu weiteren Gründungen im europäischen und außereuropäischen Raum. Die Situation der Emigration kennzeichnet auch die Gründung der Camphill-Bewegung durch Karl König (1902-1966), die ihren Ausgang im Norden Schottlands nahm und sich von dort als Impuls der Gemeinschaftsbildung von Menschen mit und ohne Behinderungen in viele Länder ausbreitete.

Neubeginn

In der Nachkriegssituation ging es zunächst darum, den Wiederaufbau der heilpädagogischen Arbeit in Mitteleuropa voranzutreiben, neue Einrichtungen zu begründen, aber auch den Zusammenhalt als heilpädagogische Bewegung neu zu finden. Der Krieg hatte viele Kinder allein und mit tiefen Beeinträchtigungen ihrer Entwicklung zurückgelassen. Und eine große Anzahl junger Menschen drängte in die Einrichtungen, die dort Lebens- und Ausbildungsmöglichkeiten suchten. Die meisten fanden ihren Beruf nicht primär durch die Heilpädagogik selbst, sondern durch ihre Suche nach der Anthroposophie, die sie in den heilpädagogischen Einrichtungen kennen- und lebenlernen konnten. So entstanden bald nach dem Krieg die ersten Seminare für angehende Heilpädagogen. Auch sie wurden nicht primär als professionelle Ausbildungskurse empfunden, sondern als durch die Anthroposophie durchdrungene Lebensschule.

Anthroposophische Heilpädagogik hatte sich genuin aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners entwickelt, ohne Kontakt zu Entwicklungen der Fachwissenschaft und zu den Einrichtungen der damaligen Behindertenhilfe. Gerade aber durch das Lebensgemeinschaftsprinzip in vergleichsweise kleinen, familienorientierten Einrichtungen stellte sich die anthroposophische Arbeit als innovative Richtung der Heilpädagogik dar. Sie nahmen vieles vorweg, das sich erst später allgemein durchsetzen sollte: einen Unterricht, der sich nicht auf elementare Reduktion der Inhalte beschränkte, therapeutische und medizinische Behandlung, Arbeitsmöglichkeiten in der Herstellung von Produkten, die bedarfsorientiert waren, und ein soziales und kulturelles Leben, das den Einzelnen in seiner Individualität ernst nahm. Das insulare Leben, das z.T. mit klösterlicher Strenge und autoritativer Führung gelebt wurde, trug allerdings auch den Charakter von Enge und Abgeschlossenheit. Andererseits führte die Konsequenz in der Lebensführung, die intensive heilpädagogische Betreuung auch zu bedeutenden Erfolgen in der Entwicklung von Kindern und zu einer holistischen heilpädagogischen Methodik von unschätzbarer Wirksamkeit.

Ausbreitung

Mit Beginn der 60-erJahre begann sich der Charakter der heilpädagogischen Einrichtungen zu wandeln: schon einige Jahre vorher war sichtbar geworden, dass ein neuer Arbeitsbereich für das Leben von Erwachsenen mit Behinderungen aufgebaut werden musste. Dies führte zur Begründung sozialtherapeutischer Einrichtungen wie "Botton Village" in Großbritannien, durch die das Prinzip der Dorfgemeinschaft ins Leben gerufen wurde, Gemeinschaften, die sich zum Ziel setzen, innerhalb der Lebens-, Arbeits- und Kulturverhältnisse die Trennung zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen im Zusammenleben zu überwinden.

In diesen Jahren begann sich erst allmählich ein staatlich gefördertes System der Behindertenhilfe zu entwickeln, das die Lebensbedingungen behinderter Menschen hinsichtlich ihrer Rechtsstellung und ihrer materiellen Versorgung gravierend verbessern half. Auch die Einrichtungen der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie wurden dadurch in ihrer Entwicklung entscheidend gefördert. Jedoch bezahlten sie den Preis materieller und rechtlicher Sicherheit, die neue Einrichtungen hervorbrachte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finanziell von Taschengeld- zu Gehaltsempfängern machte, mit zunehmender Verrechtlichung des Lebensgefüges der Einrichtungen selbst.

Die Arbeit selbst bekam einen immer größeren Umfang durch die Ausbildungsangebote, den Aufbau von immer stärker fachlich orientierten und differenzierten Kollegien und durch die heilpädagogische Arbeit mit Kindern, für die es noch wenig Möglichkeiten der Förderung gab, z. B. mit autistischen Kindern.

Inzwischen war eine Arbeit herangewachsen, die sich primär als internationale Bewegung verstand und erst sekundär in ihrer Manifestation in bestimmten Ländern und Regionen. Gleichwohl mussten nun auch nationale Verbände und Arbeitszusammenhänge aufgebaut werden, um eine nationale Binnenstruktur zu entwickeln und um Partner für die Zusammenarbeit mit Behörden und anderen Verbänden der Behindertenhilfe zu werden. Aus Berührungsängsten und dem Bewusstsein, nicht die gleiche Sprache zu sprechen – die Anthroposophen als merkwürdige "Spezies", die "aber" gute Arbeit machen – entwickelten sich nach und nach die Voraussetzungen für eine partnerschaftliche und sachliche Zusammenarbeit. Die großen internationalen Tagungen am Goetheanum in Dornach, Schweiz, und die internationalen Strukturen, die sich innerhalb der Medizinischen Sektion manifestierten, blieben die primären Bindeglieder einer sich immer mehr differenzierenden Arbeit, in der die traditionellen Angebote der Lebensgemeinschaften und der sozialtherapeutischen Dörfer durch den Aufbau z. B. der Tagesschulen und Kindergärten, die psychiatrische Nachsorge und andere Arbeitsformen ergänzt wurden.

Umbruch

Die 80er-Jahre brachten für viele Einrichtungen, ja die heilpädagogische und sozial-therapeutische Bewegung insgesamt, neue Herausforderungen durch den Generationenwechsel. Diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach dem Krieg als junge Einrichtungsgründer viele Angebote aufgebaut und der Bewegung zu einem beträchtlichen Expansions- und Blütezustand verholfen hatten, starben oder gaben die Verantwortung in jüngere Hände. Dass dadurch eine soziale Krise einsetzte, ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass eine Reihe von Einrichtungen durchaus autoritativ geführt worden waren und dass sich die heilpädagogische Kompetenz in manchen Einrichtungen in wenigen und überragenden Persönlichkeiten präsentiert hatte. Ein Vakuum entstand. Die Führungskrise der 80er- und 90er-Jahre traf zusammen mit den Ausläufern der antiautoritären Bewegung und brachte zunächst teilweise tief greifende Verunsicherungen in der sozialen und professionellen Struktur hervor. Insgesamt führte sie jedoch zu klareren Möglichkeiten, soziale und berufliche Gestaltungen zu bewältigen. In diese Jahre fallen zwei weitere Entwicklungen. Der Aufbau der Frühberatung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und der ambulanten Heilpädagogik ließ eine Grenze durchsichtig werden, die behinderte und nichtbehinderte Kinder scheinbar voneinander scheidet. Rudolf Steiners Diktum, dass das Heilen und Erziehen gleichen Ursprungs seien und dass in jeder Erziehung eine heilende – Ausgleich schaffende – Wirksamkeit entfaltet werden müsse (GA 317, S. 179), bewahrheitete sich bei einer Vielzahl von Kindern, deren Entwicklung im allgemeinen Kindergarten, in der Regelschule oder der Berufslehre gefährdet war. Heilpädagogische Erfahrungen und Maßnahmen begannen damit im Bereich der allgemeinen Pädagogik wirksam zu werden. In diesen Jahren setzte sich eine weitere Entwicklung durch: Schon immer waren Eltern und Angehörige Initiativträge z.B. bei der Begründung neuer Einrichtungen gewesen, sie standen jedoch dem Leben in den Einrichtungen, z. T. fern und wurden wenig als Partner der Kollegien angesehen. Die epochale Wende in der Zusammenarbeit mit den Eltern begann sich jedoch auch in der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie durchzusetzen und den Weg zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit anzubahnen, welche die gegenseitigen Möglichkeiten, Rechte und Pflichten berücksichtigt und zu gemeinsamen Handlungsformen findet. So stellten sich den Einrichtungsverbänden auch immer mehr Elternverbände zur Seite.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs veränderte sich der Charakter der Bewegung für Heilpädagogik und Sozialtherapie wieder entscheidend: In vielen Ländern des Ostens wurden – mit ungeheurer Energie und Willen zum Aufbau von Angeboten für behinderte Menschen – Einrichtungen begründet, oft von ganz jungen Menschen oder von Eltern. Die Länder des Westens und Mitteleuropas standen ihrerseits vor der Herausforderung, diese Entwicklungen zu begleiten und zu unterstützen. So entwickelten sich Patenschaften zwischen alten und neuen Einrichtungen, Hilfstransporte wurden über weite Strecken geführt, eine intensive Beratungstätigkeit setzte ein. Diese Entwicklung machte ein neues Verständnis dessen nötig, was sich über Jahrzehnte hinweg etabliert hatte: die Praxis musste mit höherem Bewusstsein durchdrungen werden, um "lehrbar" werden zu können. Dabei zeigte sich auch, dass anthroposophische Heilpädagogik als mitteleuropäischer Impuls einen Verwandlungsprozess braucht, wenn er sich in anderen Kulturen und anderen sozialen Verhältnissen manifestieren will. In Süd- amerika, im südlichen Afrika, den Ländern des Ostens wiederholte sich nun, was in Europa nach dem Ersten Weltkrieg Ausgangspunkt war: den geistigen Impuls der Heilpädagogik in äußerer Armut, in schwierigen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen, aber unbeirrbar dem Leben abzuringen und sich in der Praxis erst allmählich für die heilpädagogischen Aufgaben qualifizieren zu können.

Aber gerade auch dort, wo jahrzehntelange Erfahrung zu gewohnten Verhältnissen geführt hatte und verglichen mit der Situation der genannten Länder ein hoher materieller Lebensstandard vorhanden war, entstand das Bewusstsein einer anderen Armut: dass die Substanz der anthroposophischen Menschenkunde und Methodik mit dem Abgang der Pioniere wieder von Neuem erarbeitet werden musste und womöglich auf eine breitere Basis zu stellen war, eine Entwicklung, welche unsere heutige Situation kennzeichnet.

Dieser Aufbau- und Erneuerungsprozess ist jedoch nicht isoliert und unabhängig in der anthroposophischen Bewegung für Heilpädagogik und Sozialtherapie zu leisten, sondern innerhalb der heutigen gesellschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen. Damit hat zu tun, dass die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie immer stärker Teil der allgemeinen Fachwissenschaft und Praxis der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen geworden ist und damit in dem Balanceprozess zwischen Abgrenzung und Anpassung steht, um das Eigene behalten und weiterentwickeln zu können. Dies stellt auch Anforderungen an die Sprache, mit der wir mit Vertreterinnen und Vertretern von Verbänden und Wissenschaft, vor allem aber auch der Elternschaft unserer Einrichtungen kommunizieren und wo es weder mit Fundamentalismus noch mit allzu eilfertiger Anbiederung getan ist. Gleiches gilt in der Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem Feld, in dem wir sowohl einem gestiegenen Interesse von Vertreterinnen und Vertretern der akademischen Sonder- und Heilpädagogik begegnen als auch erhöhten Möglichkeiten, uns selbst in diesem Feld zu behaupten. Der Paradigmenwechsel der 70er-Jahre, der die Blickrichtung auf die sozialen und interaktionalen Prozesse als verursachende Faktoren für Behinderung lenkte, hat in seiner Konsequenz das Normalisierungsprinzip und den Gedanken der Inklusion – der vollen Einbeziehung behinderter Menschen in alle Felder der Gesellschaft – als Leitidee vorangetrieben. Ernüchterungen blieben nicht aus: vor allem die westlichen Gesellschaften sind viel weniger integrationsbereit und -fähig als erhofft, sondern erschweren durch Verrechtlichung, Professionalisierung und ein immer stärker greifendes Aufsichtswesen die Entfaltung von autonomen gesellschaftlichen Sozialprozessen. Damit hat sich auch das Selbstverständnis der in der sozialen Arbeit Tätigen gewandelt: in wirtschaftlicher Terminologie zu Dienstleistern, die einem Kundenbedürfnis entsprechen. Andererseits hat sich angesichts der fortschreitenden Diskussion ethischer Fragen, der biomedizinischen Entwicklungen und der in ihrem Gefolge auftretenden Lebenswert- und Lebensrecht- Debatten die philosophische Dimension der Heil- und Sonderpädagogik verstärkt und auch in der Forschung statt der vorwiegend quantitativen Methoden zu einer Betonung qualitativer, anthropologisch fundierter Wege geführt, durch die Menschen mit Behinderungen als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Dazu gehört eine weitere Entwicklung: Menschen mit Behinderungen treten immer stärker für sich selbst ein und organisieren sich in eigenen Verbänden und Selbsthilfegruppierungen als gleichberechtigte Bürger unserer Gesellschaft. Sie sind nicht mehr – trotz ihrer Einschränkungen und der Benachteiligung, die sie vielfach noch erleiden – die Objekte unserer Hilfe, sondern Partner.

Perspektive und Aufgaben

Man kommt bei all dem nicht um die Erkenntnis herum, dass die heilpädagogisch-sozialtherapeutische Bewegung in all den Jahren ihrer Entwicklung nicht nur einen autonomen Impuls zu verwirklichen suchte. Sie hat diesen Impuls viel stärker auch in seiner gesellschaftlich- historischen Gebundenheit – gebend und nehmend – gelebt, als man gewöhnlich einräumt: anders als Behindertenarbeit noch vollkommen institutionalisiert war, anders als sie unter dem Prinzip der Normalisierung stand, anders als z. B. die 68er-Bewegung und alternative Lebenskonzepte die Vorstellungen des Lebens prägten. Daran kann deutlich werden, dass der Impuls der Heilpädagogik nicht nur in seiner traditionellen Ausprägung verstanden werden kann und darüber geklagt werden muss, wenn die traditionellen Formen veralten, sondern dass er vor allem aus seiner Inspirationsquelle immer neu erworben und verwandelt werden muss. Betrachtet man unter diesen Gesichtspunkten den Heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners (GA 317), so zeigt sich, wie wenig Vorgaben für die konkrete Arbeit und Zusammenarbeit dort gemacht werden. Vielmehr ist alles darauf gebaut, dass die Heilpädagogen sich selbstständig an die Initiativ- und Intuitionskräfte heranwagen, die zu einer authentischen Lebenswirklichkeit führen, in der das Verständnis und die Entwicklung von Menschen mit Behinderungen im Zentrum stehen und Arbeits- und Lebensformen hervorbringen, die zu therapeutischen Institutionen werden.

Wenn sich die "Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie" als Organ der Medizinischen Sektion am Goetheanum zu ihren jährlichen Plenarversammlungen trifft, versammeln sich Vertreterinnen und Vertreter aller Länder an einem runden Tisch. Zweierlei wird sichtbar: unsere Verschiedenheit begründet kein hierarchisches Verhältnis, in dem der eine lehrt und der andere lernt, sondern eine Situation des Voneinander-Lernens und Aneinander- Erwachens. Und trotz aller Verschiedenheit teilen wir die gleichen Fragen und Probleme: Wo wir zusammenarbeiten wollen, schaffen wir nicht nur gute Arbeitsergebnisse, sondern bringen Probleme, Fragen und Ratlosigkeit hervor. Wir haben offene Forschungsfragen und Schwierigkeiten in der Weitererarbeitung der geisteswissenschaftlichen Grundlage unserer Arbeit. Wir stehen vor innerem und äußerem Druck in einer Zeit, in der soziale Initiative immer mehr mit Restriktionen und Gängelung bestraft wird. Gerade dies kann aber auch dazu führen, unser eigenes Potenzial zu unterschätzen: unsere brüderliche Verbundenheit zu den Menschen, die in unseren Einrichtungen leben, die Vielzahl an Einrichtungen und Angeboten, welche die breite Arbeitsbasis der heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Bewegung repräsentieren und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Arbeit auf breiteren Füßen ruht denn je und sich in einer enormen – auch verwirrenden – Vielfalt zum Ausdruck bringt. Anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie ist heute in vielen Ländern anerkannter Teil des sozialen Hilfesystems, sie verfügt über ein internationales Netzwerk der Zusammenarbeit, das auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung beruht und ihre Angebote werden von denjenigen, die sie in Anspruch nehmen – Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige –, nicht nur genutzt, sondern mit- und weiterentwickelt.

Ich möchte diesen Bericht nicht schließen, ohne den Freunden der Erziehungskunst im Namen der heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Bewegung von Herzen zu danken. Sie haben überall dort, wo Unterstützung notwendig wurde, materiell und personell großzügig geholfen und damit ergänzt, was wir aus eigenen Kräften nicht leisten konnten.

RÜDIGER GRIMM

Rüdiger Grimm
Dr. phil., Dipl.-Päd., geb. 1952 in Gunzenhausen, Deutschland. Ausbildung am Camphill-Seminar für Heilpädagogik am Bodensee, Studium der Waldorfpädagogik in Stuttgart, der allgemeinen Pädagogik und der Sonderpädagogik in Weingarten und Reutlingen, Promotion. Langjährige Mitarbeit in heilpädagogischen Gemeinschaften der Camphill-Bewegung, seit 1995 Sekretär der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie in der Medizinischen Sektion am Goetheanum in Dornach, Schweiz, Redakteur, Autor und Herausgeber.

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