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Wieviel Staat braucht eine Schule?

Um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt zu entfalten und um die Würde und das Recht der freien Persönlichkeitsentfaltung des Menschen anzuerkennen, braucht es freie Menschen. Initiative, Freiheit und Verantwortung müssen schon in den Kindern geweckt werden. Dazu braucht es eine Erziehung, die - frei, vielfältig, selbstverantwortlich und autonom - die Individualität des Kindes bestmöglich fördern kann. Die Gestaltung des Bildungswesens muß dem entsprechen. Dies gilt für die Unterrichtsfreiheit, das Recht, Schulen einzurichten, den Gleichrang von Schulen in staatlicher, kommunaler und freier Trägerschaft, deren gleichberechtigte Finanzierung sowie für die Kompetenzen der Schulaufsicht.

"Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf Erziehung und Unterricht; dazu gehört das Recht des Kindes, seine Fähigkeiten und Talente zu entwickeln; die Eltern haben im Rahmen der gemeinsamen Verfassungsüberlieferungen der Mitgliedstaaten und der auf diesen beruhenden Gesetzen das Recht, die Erziehung und die Art des Unterrichts ihrer minderjährigen Kinder zu bestimmen."
(Europ. Parlament, Entschließung zur Freiheit der Erziehung in der EG vom 14.3.1984, I.1)


Die UN-Deklaration zum Recht auf Entwicklung vom 4.2.1986 betrachtet den Menschen als Subjekt der Entwicklung. Wer die Deklaration im Hinblick auf die Bildungspolitik nicht ignorieren und aus der aktuellen Bildungskrise herauskommen will, muß auf Reformen setzen und neue, politikfähige Perspektiven aufzeigen, die erfahrungsreich, anschaubar und erlebbar sind.

Entwürdigung und Entrechtung des Menschen im 20. Jahrhundert haben gezeigt, daß das friedliche Zusammenleben der Völker entscheidend davon abhängt, daß jeder einzelne Mensch sich seiner Würde gemäß entwickeln und entfalten kann. Kein Mensch darf Mittel zum Zweck eines anderen sein; jeder Mensch ist "Selbstzweck", hat das Recht auf Selbstbestimmung. Nur durch den zukunftsfähigen Menschen als Quelle der Entwicklung kann auch die Gesellschaft zukunftsfähig werden.

In der Selbstbestimmung verwirklicht sich Menschenwürde nur, wenn sie umweltoffener Selbstführungsfähigkeit im Denken, Fühlen und Tun entspringt. Im selbstbezogenen Eigennutz verfehlt der Mensch sich selbst. Freiheit der Selbstbestimmung ist zugleich soziale Verantwortung. Allgemeinbildung, d.h. Bildung, die allen Menschen zukommen sollte, muß daher danach fragen, welche Bedingungen Umweltoffenheit und Selbstführungsfähigkeit fördern und welche sie behindern.

Fördernde Bedingungen kann nur ein Bildungswesen einlösen,

- das von Lehrern getragen wird, die mit Welt- und Menschenerkenntnis Freiheit, Verantwortung, Initiative und Mündigkeit selbst vorleben;
- das seine Lehrpläne aus dem Inbegriff des Rechts auf individuelle Entwicklung dynamisch und zugleich Kontinuität sichernd ableitet und diesen Entwicklungsprozess (Lehrplangenese) offenlegt;
- das seine Strukturen auf Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung gründet; Selbstverwaltung der am Erziehungsprozeß Beteiligten ist zu gewährleisten;
- das seine Lehrerbildung unabhängig von staatlicher Reglementierung organisiert;
- das keine zentralen Lehrpläne kennt. Der Lehrplan muß für die jeweilige Schule in ihrer besonderen kulturellen Situation entwickelt und weiterentwickelt werden;
- das Schulaufsicht auf die rechtsstaatliche Durchsetzung der für alle gültigen unveräußerlichen Menschenrechte beschränkt;
- das die pädagogischen Aufgaben in Selbstverantwortung von den Schülern und den an den jeweiligen Schulen Beteiligten gestaltet;
- das Aufsicht und notwendige Kontrolle durch Offenlegung, öffentlichen Dialog und Selbstevaluation erreicht.

Das dem selbstbestimmt-verantwortlichen Ergreifen der Umwelt und Gesellschaft dienende Bildungswesen schlägt die Brücke zu einer aus der Individualität stets neu geschaffenen und von ihr erhaltenen Kultur. Die Achtung vor der Würde des andern und der auf dieser Grundlage gepflegte Dialog läßt individuelle, gesellschaftliche und nationale sowie ethnische Unterschiede zur Bereicherung für die Menschheit insgesamt werden.

Im Ergebnis führt ein so verstandenes Bildungswesen zu einem Schulpluralismus, der Ausdruck von Demokratie ist.

Otto Ulrich