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Von der Dampfmaschine zum Computer.

Technik muß für den Menschen eine dienende Funktion haben; technisches Handeln hat sich daher bei aller Funktionalität und Effizienz am Wohle des Menschen zu orientieren. Einfache handwerkliche Techniken und hochmoderne Technologien sind beides Erfindungen des menschlichen Geistes. Entwicklung und Funktion von Technik elementar zu verstehen, ist Aufgabe des Technologie-Unterrichts in der Waldorfschule. Auf der Basis praktischer Erfahrung und handwerklicher Kurse werden im Mathematik- und Physikunterricht die pädagogischen Wege gelegt, auf welchen die Schüler in die Probleme der Informatik und des Computers eingeführt werden.

Wie im kindlichen Spiel Arbeit zunächst in natürlicher, ganzheitlicher Weise erlebt wird, so bilden eigene Betätigungen und Anleitung zur Arbeit die Grundlage für ein Verständnis technischer Abläufe. Der praktische Unterricht bietet hierzu vielfältige Anregungen und Erfahrungen, um "....wenigstens von den wichtigsten Lebensverrichtungen einige elementare Begriffe ...." (R. Steiner, Neuorientierung des Erziehungswesens im Sinne eines freien Geisteslebens, GA 192, S. 17) zu erhalten.

Technologieunterricht an der Waldorfschule ist daher im Kontext unterschiedlicher Lernfelder zu sehen und kann fächerübergreifend nach z.B. folgenden Möglichkeiten entwickelt werden: Kausales Denken wird über die Physik, die Schattenlehre im Hell-Dunkel-Zeichnen und die Konstruktion der Perspektive zum ersten Mal im 6. Schuljahr angesprochen und durch die Mechanik (Hebel, Schiefe Ebene, Kraftmaschinen) in Klasse 7 weitergeführt. Telegraphie und das Morsealphabet als erster Code sind u.a. Lehrinhalt im 8. Schuljahr, im Holzwerken wird mechanisch-bewegliches Spielzeug entworfen und gebaut. Nocken, Rad und Welle kommen also praktisch zum Einsatz, so daß der gesamte Ablauf aus der Kombination von aufeinander abgestimmten Einzelbewegungen durchschaut werden kann. Für die Behandlung der Industriellen Revolution (Dampfmaschine, lochkartengesteuerter Webstuhl) im Geschichtsunterricht liefert die Physik der Klasse 9 u.a. die Grundlage. Hier findet ferner über die praktische Ausführung einer Hausinstallation (Schalter), über das Knüpfen von Netzen ("Netzwerke" im Textilbereich), über die Kombinatorik, über duale Zahlensysteme im Mathematikunterricht sowohl praktisch wie gedanklich die Vorbereitung auf die Informatik in Klasse 10 statt. Das Verständnis für einen abstrakten Speicher basiert also auf unmittelbarer Bekanntschaft mit den Möglichkeiten eines Schalters (z.B. Relais), einer Lochkarte und auch eines geknoteten Netzes. Ergänzend erklärt die Biologie anfänglich den Organismus und legt so die Grundlage für die Steuer- und Regelungstechnik (Auge).

Die Physik greift das "neue Denken" (Galileo Galilei) in Form des naturwissenschaftlichen Ansatzes zum ersten Mal auf. Daher kann dann eine Einführung in den Aufbau, in die Funktion und Wirkungsweise eines Computers gegeben werden: Vom antiken Automaten (Heron von Alexandria) bis zum Programmieren einfacher Volumenberechnungen in BASIC. Mit der Biologie in Klasse 11 (Embryologie) wird die Unterscheidung von Konstruktion und Organisation, von Maschine und Organismus deutlich. Die Physik führt zu den Erscheinungen des Katodenstrahls (Röhre) und zur Atomlehre (Halbleiter). Die inhaltliche Vielfalt des Technologieunterrichts erfährt z.B. in den Ausbildungsgängen der Hiberniaschule für Maschinenbauer und Elektroinstallateure eine Vertiefung durch die CNC-Technik, den logischen Schalteraufbau der Hydraulik und durch die SPS-Technik (Ampel- und Maschinensteuerung).

Waldorfpädagogik ist also bestrebt, im Rahmen des Technologieunterrichts curriculare Angebote zu entwickeln, an welchen der Wandel der Technik als Teil der Menschheitsentwicklung anschaulich erfahren und im Sinne eines exemplarischen Lernens praktisch nachvollzogen werden kann. Dadurch kann das Verhältnis zur Technik aus seiner lebensfeindlichen Abstraktion herausgelöst und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den ihr immanenten Möglichkeiten erzogen werden

Holger Becker / Mathias Riepe