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Vom Bild zum Begriff – vom Wahrnehmen zum Verstehen.

In den Lehrplan-Anregungen für die Waldorfschule als einer Gesamtschule für die 1. bis 12. Klasse gibt es einen fächerübergreifenden methodischen Aufbau. In den unteren Klassen wird im Bild veranlagt, was in der Oberstufe in verwandelter Form wieder auftaucht. In Bildern lernt das Kind die Buchstaben, z.B. das Z, entdecken, die es später flüssig schreiben wird. Diesen Vorgang begleitet u.a. der Naturkunde-Unterricht, der in der Waldorfschule mit einer deutlichen Hinwendung zu den Phänomenen beginnt. So lernen die Kinder in der 4. Klasse verschiedene Tiere durch Erzählungen kennen, sie zeichnen, spielen und malen sie; in der Zoologie-Epoche der 12. Klasse wird dann eine Systematik der Tierreiche vermittelt. Was zunächst durch die verschiedenen Sinnesqualitäten wahrgenommen wurde, wird in der Oberstufe dem individualisierten Urteil zugänglich. Die Lehrplan-Anregungen für die Waldorfschule sind eine anthropologisch begründete Komposition.

Die Art und Weise, in der wir die Welt verstehen, wandelt sich im Lauf des Lebens. Diese Wandlung vollzieht sich allmählich. Vom bildhaften Erfassen ganzheitlicher Zusammenhänge führt sie über das Begreifen dazugehörender Einzelheiten und ihrer gegenseitigen Beziehungen zu der Möglichkeit gedanklicher Synthese. Diese Metamorphose der begreifenden Tätigkeit ist ein Grundzug menschlicher Entwicklung. Sie prägt die Jahre der Schulzeit und ist mindestens zum Teil physiologisch bedingt. Sie wird beim Kind von einem zunehmend stärkeren Hervortreten der Individualität begleitet und drückt sich u.a. in einer wachsenden Konturierung der Denktätigkeit aus. In der Waldorfpädagogik liegt dieser Wandel nicht nur dem gesamten Lehrplan, sondern auch dem Aufbau einzelner Unterrichtsepochen zugrunde.

Das Interesse des Kindes für dasjenige, was es in der Schule lernt, beruht darauf, daß Unterrichtsinhalte und -gestalt seiner inneren Entwicklung entsprechen und diese gleichzeitig fördern. Um dies zu erreichen, strebt die Waldorfpädagogik eine qualitative Erfassung verschiedener Lebens- und Fachbereiche statt einer additiven Aneignung abrufbaren Wissens an. In diesem Bestreben ist der Weg vom Bild zum Begriff von doppelter Bedeutung. Im Hinblick auf den auf 12 Jahre angelegten Lehrplan beschreibt er die Art und Weise, in der die Kinder in den verschiedenen Klassenstufen angesprochen werden. Die unteren Klassen sind durch einen bildhaften, im Tun nachgebildeten Unterricht gekennzeichnet; in den oberen Klassen spielt das Begriffliche eine zunehmend größere Rolle. Die Eigenaktivität wird so gefördert, daß sie schließlich in der selbständigen Urteilsbildung in Erscheinung treten kann. In allen Fächern wird das zunächst bildhaft Angelegte später in begrifflicher, wissenschaftlicher Form wieder aufgegriffen.

Im Hinblick auf die Gestaltung der einzelnen Unterrichtsepochen ist dieser Weg vor allem als Unterstützung der kindlichen Gedächtnisbildung von Bedeutung. Das Kind steht im Volksschulalter in einer vom Gefühl durchzogenen Beziehung zu allem, was um es herum ist. Erinnert wird vorwiegend das, was im Kind dieses Gefühl anzusprechen vermag. Das Gedächtnis wird später durch das phantasievolle innerliche Nachbilden in der Vorstellung verstärkt. Eine bildhafte Charakterisierung regt sowohl diese wie jene in wesentlich stärkerem Maße an als abstrakte Definitionen.

In jedem Lernprozess steht die Erfahrung immer am Anfang, ob in der inneren Vorstellungsbildung oder in der aktiven Begegnung mit dem Phänomen. Das begriffliche Verstehen folgt. Die Fähigkeit, Neues zu erkennen, beruht auf der Bereitschaft, immer neu auf die Erfahrungen einzugehen. Der Weg vom Bild zum Begriff, wie er in den Waldorfschulen weltweit gepflegt wird, unterstützt die Entwicklung eines Denkens, das ohne Vorurteile die Welt neu zu entdecken sucht. Ein Kind lernt in der Waldorfschule also nicht nur das Lernen zu lieben, sondern auch eine Methode des Lernens, die ihm lebenslang dienen kann.

Jon McAlice