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Nach Verbot und Schließung den Neuanfang gewagt

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 168-169, Copyright-Hinweise beachten!)

Mexiko ist ein Land voller Gegensätze, das besonders durch die prähistorischen Bauten und Kunstwerke der Maja und Azteken beeindruckt, deren Wirken erst mit dem Einmarsch der Spanier im 16. Jahrhundert zu Ende ging. Der ägyptisch anmutende theokratische Lebensstil ist also erst seit wenigen hundert Jahren Vergangenheit, Nachwirkungen scheinen heute noch nicht gänzlich überwunden. Mexiko gehört geographisch zu Nordamerika, wird aber aufgrund der spanischen Landessprache Lateinamerika zugeordnet, obwohl von dort aus keine Einflüsse ins Land kamen, sodass Mexiko durchaus ein Land zwischen zwei Welten ist.

Für Juan Berlin (1913-1987), der aufgrund seines Halbjudentums 1940 aus Deutschland fliehen musste, bot Mexiko Schutz vor den Nazis. Juan Berlin, der 1921 in die erste Waldorfschule in Stuttgart, Deutschland, eingeschult wurde und 1938 als Sekretariatsleiter die tragische Schließung der Waldorfschule durch die Nationalsozialisten aus allernächster Nähe miterlebt hatte, brachte die Vision in sein neues Heimatland, dort eine Waldorfschule zu gründen. Neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als Chemiker und Miterfinder des Medikaments "Cortison" übersetzte er pädagogische Werke Rudolf Steiners ins Spanische und bildete Lehrerinnen und Lehrer in der Waldorfpädagogik aus.

Eine erste 1957 gegründete Waldorfschule in Mexiko City musste schon bald aus ökonomischen Gründen wieder schließen. 1971 gründete Juan Berlin eine experimentelle, öffentlich anerkannte Grundschule, die auf dem Waldorflehrplan beruhte, mit sechs Klassen für z. T. unterprivilegierte Kinder. Die Schule wuchs innerhalb von vier Jahren auf 400 Kinder an. Vom staatlichen Erziehungsministerium zunächst unterstützt, wurde die Waldorfschule bereits 1975 von einem Tag auf den anderen aus politischen Gründen verboten. Mit dem Aufstieg der Militärdiktatur ging die Waldorfschule in Mexiko unter.

Doch Juan Berlin gab nicht auf und gründete 1979 den Verein "Antropologia Integral"; pädagogische und künstlerische Seminare begannen in Zusammenarbeit mit einigen Lehrerinnen, die schon in der zweiten Waldorfschule mitgearbeitet hatten, sowie einigen Lehrern aus dem Ausland. 1980 kam ein Kunstzentrum für Kinder hinzu, das im Jahr darauf in einen Waldorfkindergarten umgewandelt wurde.

Schule am Vulkan Xitle

1986 gab es einen erneuten Versuch, eine erste Waldorfklasse in Mexiko City zu eröffnen, allerdings ohne Anerkennung durch das Erziehungsministerium. Zwei Jahre später richtete sich die Schule in einem anderen Stadtteil ein, wo Grundstück und Gebäude von einem Freund leihweise zur Verfügung gestellt wurden. Dieses Grundstück befindet sich auf Lavagestein des benachbarten Vulkans Xitle. Als man mit der Konstruktion des Schulgebäudes begann, waren in 200 m Entfernung einige Leute damit beschäftigt, Vulkanstein zu zerschlagen. Diese Steine wurden gekauft und mithilfe von Eltern, Schülern, Freunden und Lehrern zum Schulgrundstück transportiert und für das Fundament des Kindergartens benutzt. Nach und nach wurden die alten Räume abgerissen und neue errichtet, bis 1994 das ganze Gebäude nach den Vorgaben des Erziehungsministeriums fertiggestellt war. 1996 erhielt die Schule die offizielle Anerkennung des Erziehungsministeriums.

In Chiapas und Cuernavaca entstehen und vergehen Schulen

In San Cristóbal de las Casas in Chiapas kam es 1987 zur Gründung der Waldorfschule "Pequeño Sol" (kleine Sonne). Sie hatte schon vorher als staatliche Schule existiert und wurde, als sie 1992 schließen musste, als staatliche Schule weitergeführt. 1989 wurde die "Escuela Waldorf de Cuernavaca" gegründet, die heute bis zur 9. Klasse führt. Aufgrund eines Bruches zwischen einigen Eltern und Lehrern gründete eine Gruppe von Eltern 1990 eine neue Schule, die "Villa Educativa Altair", die 1997 wieder geschlossen wurde.

Eine Arbeitsgruppe auf anthroposophischer Grundlage, die sich zweimal im Jahr trifft, plant eine Koordinationsstelle für Waldorfpädagogik in Mexiko, eine Art Bund der freien Waldorfschulen. An diesen Treffen nehmen ca. 100 Personen teil.

"Typisch mexikanisch"

Die Grundschule in Mexiko umfasst das 1. bis 6. Schuljahr, ein Rhythmus, dem die Waldorfschule sich angepasst hat. Da die Schülerinnen und Schüler danach in der Regel an andere Schulen wechseln, werden sie im letzten Schuljahr auf den Übergang in eine staatliche Schule vorbereitet. Eine Ausnahme bildet die "Escuela Waldorf de Cuernavaca", die bis zur 9. Klasse führt.

In jeder Schule in Mexiko müssen bestimmte offizielle Zeremonien durchgeführt werden. Hier sei nur die "Ceremonia a la Bandera" (Mexikanische Fahnen-Zeremonie) erwähnt, die jeden Montag zu Schulbeginn stattfindet und von der u. a. die Genehmigung oder Duldung der Waldorfschule abhängt. Die Kinder singen die Nationalhymne und reichen die Fahne herum. In dieser Sache müssen sich die Waldorfschulen nach den Vorgaben des Erziehungsministeriums richten.

In Mexiko ist die Waldorfpädagogik noch wenig bekannt, was u. a. mit ihrem Verbot in den 70er-Jahren zusammenhängt. In den letzten Jahren wurde allerdings deutlich, dass es immer mehr Eltern gibt, die ernsthaft nach einer pädagogischen Alternative suchen, in der die Erziehung humaner und künstlerischer als in den traditionellen Schulen ist.

PILAR FENELON

Pilar Fenelon
Studium der Waldorfpädagogik und Bothmergymnastik in Mannheim. Klassenlehrerin am "Centro Educativo Goethe" in Mexiko City.

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