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Der arabische Kindergarten in Shefar´am

Die Partnerschaft zwischen der Waldorfschule Harduf und einer arabischen Schule im Nachbardorf Shefar´am führte vor einem Jahr zur Gründung eines Waldorfkindergartens für arabische Kinder. Geplant ist auch eine Waldorfschule, später dann eine gemeinsame Oberstufe für jüdische und arabische Kinder...

Ein strahlend warmer Herbsttag hüllt mich ein, als sich der Wagen von Masen Ayoub - Direktor der arabischen Schule in Shefar`am und Mitgründer unseres Projekts - durch die engen Straßen schiebt. Es ist Freitagmorgen, der letzte Tag des Fastenmonats Ramadan. Überall bieten die Händler gestikulierend ihre bunten Waren an. Hausfrauen eilen von Stand zu Stand, um kulinarische Kostbarkeiten für das „Fastenbrechen“ einzukaufen. Masen steuert mit bewundernswerter Ruhe durch das bunte Treiben, unterbrochen von kurzen Plaudereien - er ist hier eine stadtbekannte Persönlichkeit...

Langsam wird es ruhiger um uns herum. Wir fahren hügelan, biegen in eine Art Einfahrt, und dann sehe ich sie: in einem kleinen Garten mit alten Bäumen spielen gedankenverloren „unsere Kinder“. Die einen bauen sich im Sand phantasievolle Täler und Hügel. Fünf Buben machen sich lebhaft schwatzend in der hinteren Gartenecke zu schaffen: der neue „Mitbewohner“ des Gartens traf heute morgen ein - eine Schildkröte. Die Kinder richten ein Revier her, bauen ein Häuschen und stellen Salatblätter bereit...

Ein Junge klettert mutig auf die unteren Äste eines Eukalyptusbaumes, drei Mädchen werkeln an der Hauswand am Wasserhahn. Als ich näher hinschaue, sehe ich, dass sie „spülen“.

Ein anderes Mädchen, drei Jahre alt, müht sich mit einem viel zu großen Besen, den verschütteten Sand auf der Terrasse zusammenzufegen. In ihre Arbeit vertieft, bemerkt sie das Treiben um sie herum nicht: am Tisch daneben sitzt Stefanie, die Kindergartenleiterin, und formt in Seifenlauge Filzkugeln, unterstützt von vielen kleinen helfenden Kinderhänden.

Leise betrete ich den Kindergarten, und sofort habe ich ein Gefühl von „zu Hause sein“. Die beduinische Kindergärtnerin Amina umarmt mich freudig, und schon bin ich mit eingespannt. Da sie gerade Früchte schneidet, gehe ich mit einem Mädchen, dessen schwarze große Augen mich strahlend anschauen, zum „Pipimachen“. Menschliche Begegnungen bedürfen manchmal keiner Sprache, durchfährt es mich voller Freude...

Beim kurzen Rundgang durch die Räume erfahre ich, dass bei der liebevollen Ausgestaltung in den Sommerferien ZwölftklässlerInnen der Waldorfschule Harduf mitgewirkt haben. Und jede Woche kommen an zwei Tagen Kinder der 7. Klasse. Ihre Hilfe wird dankbar angenommen, sind die „Kleinsten“ doch noch nicht den Windeln entwachsen und bedürfen intensiver Zuwendung...

Wie anders ist dieses friedliche Treiben hier im Vergleich zum Trubel des kaum 200 Meter entfernten Marktes, sinniere ich vor mich hin, als mich plötzlich eine schrille Singsangstimme aus meinen Gedanken reißt: es ist 12 Uhr mittags und der Muezzin ruft aus der neben dem Haus gelegenen Moschee zum Freitagsgebet. Dann läßt eine dunkle Glocke von der gegenüber liegenden Kirche das Mittagsläuten erklingen.

Flink, ohne ein Wort der Kindergärtnerinnen, sammeln die „Großen“ aus der Gruppe die „Arbeitsgeräte“ aus dem Garten und Sandkasten ein; die „Kleinen“ drängen sich um das Waschbecken, lassen sich die Hände reinigen und laufen dann ans Ende des Gartens. Staunend verfolge ich diese Zeremonie und erlebe die Zauberkraft stetiger Gewohnheit.

Stiller wird es jetzt um den uralten Maulbeerbaum in der Gartenecke. Auf einer kniehohen Mauer aus naturbelassenen Steinen sitzen die Kinder. Die Sonne scheint warm und hell durch das grüne Dach, das Schutz und Schatten spendet... Leise summt Stefanie ein Lied vor sich hin, in das Amina und Aida, die arabische Kindergärtnerin, langsam einstimmen.

Das kleine Mädchen, welches vorhin mit dem riesigen Besen den Sand fegte, klettert auf meinen Schoß und schmiegt sich an mich. Stefanie erzählt eine kurze Geschichte, dann geht Amina von einem Kind zum anderen und jedes nimmt ein Stückchen Obst aus der großen Schüssel. Der Durst wird mit einem Schluck Wasser aus bunten Bechern gelöscht. Das leise, gleichmäßige Atmen des kleinen Mädchens auf meinem Schoß zeigt mir, dass es am Einschlafen ist...

Eine kleine silberhelle Glocke ist das Zeichen zum Aufbruch. Die Kinder versammeln sich nun drinnen zu einem Sitzkreis: jedes wählt sich einen Platz auf bunten ausgelegten Tüchern. Aida spielt eine kleine Melodie auf der Kinderharfe. Dann erzählt Stefanie die Geschichte vom kleinen Fisch, der auszog, die Welt zu entdecken. Bereits beim ersten Wort legen sich die „Kleinen“ wie auf ein geheimes Zauberwort hin und lauschen aufmerksam der erzählenden Stimme.

Nach und nach werden die Kinder von ihren Eltern, Großeltern oder größeren Geschwistern abgeholt. Ich sitze abseits und erlebe eine liebevolle Verabschiedung jedes einzelnen Kindes. Worte zwischen den Erwachsenen werden gewechselt. Ich verstehe kein Arabisch, doch ich spüre Vertrauen, Achtung und Anerkennung auf Seiten der Eltern und die Offenheit und Liebe der Kindergärtnerinnen.

Voller Dankbarkeit sitze ich in meiner schattigen Ecke und wünsche, meine Freunde in Europa könnten jetzt diese geschenkte Zeit mit mir teilen.

Annette Wälz-Brink

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