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Eintauchen in die innere Bilderwelt – Rätselfragen in Moskau

Was geht nur mit unsern Erstklässlern vor? Die sitzen ja stumm da wie in einer Rechenstunde, wenn der Lehrer eine besonders interessante Aufgabe gegeben hat! Nur Marina schaut fröhlich und triumphierend wie eine Königin mit roten Backen und glänzenden, wachen Augen von einem Kind zum andern.

Jetzt blickt Marina zu mir herüber und fragt mich, während ich mich über die unglaublich lebhaften Gesichter auch der andere Kinder wundere:

„Felix Wernerowitsch, können Sie mir sagen, was das ist:
U wcrósslyx i u djétok / Adjéschda is manjétok.
Wo trägt Erwachsener und Kind, ein Kleid aus Münzen? Sag´s geschwind!
Die anderen bringen es nämlich nicht heraus.“

„Doch!“ ruft da Galja aufgeregt, bevor ich überlegen kann, „Ich hab´s! Es ist der Herbst!“

„Nein!“ sagt Marina, „der Herbst ist es nicht.“

„Warum nicht?“ Fast beleidigt verteidigt Galja ihren Fund, der ihr so sehr einleuchtet. „Alle Bäume haben doch Blätter! Und jetzt, im Herbst, bevor sie abfallen, werden sie wie Goldstücke.“

Marina kommt nicht dazu, etwas zu sagen, denn nun ist Wanja überzeugt, daß er die einzig richtige Lösung gefunden hat. Er richtet sich umständlich und langsam etwas auf und verkündet: „Es ist das Meer!“

„Es ist nicht das Meer“, sagt Marina.

„Aber ich war doch im Sommer am Meer“ sagt Wanja etwas weinerlich, „da war auf jeder Welle ein silbriges Lichtlein!“

„Es ist trotzdem nicht das Meer, aber du bist ganz nahe an das Richtige herangekommen!"

Und zu allen gewendet: „Es ist etwas aus dem Meer, das keine Beine hat.“

Eine kurze Weile ist es ganz still, dann tönt es wie ein freudiger Schrei von allen Seiten: „Die Fische! Die Fische!“

Allen ist es klar, daß die Schuppen in ihrer Gleichmäßigkeit und Form zwanglos als kleine Silbermünzen gelten können. Ich sehe die glänzenden Leiber vor mir, wie sie geschmeidig vor dem inneren Blick der Kinder aus der Tiefe auftauchen.

Die Frage ist nun nur noch, wer das nächste Rätsel aufgeben darf, da doch alle zusammen die richtige Lösung gefunden haben.

Marina entscheidet mit königlicher Souveränität: „Wanja ist selbständig fast darauf gekommen, also darf er weitermachen!“

Wanja macht sich strahlend ans Werk. Schwierig muß das Rätsel zu lösen sein, das er aufgeben wird – das sieht man ihm an – fast unlösbar. Wie er sich am Hinterkopf kratzt, die Stirn in Falten legt, eine Weile das Kinn in die Hand stützt, den Mund öffnet, als sei er zum Stellen der Rätselfrage bereit, wird nicht klar, ob er im Erinnerungsschatz kramt oder ob er dabei ist, in seiner eigenen Bilderwelt etwas entstehen zu lassen. Es wäre ihm zuzutrauen.

Jetzt ist es soweit, unser geduldiges Warten hat sich gelohnt:

Ohne Beine eilen sie. Ohne Flügel fliegen sie. Ohne Segel segeln sie.

„Das ist doch kinderleicht“, meldet sich sofort Platón: „Das können nur die Enten sein. Die Füße sind direkt am Bauch angewachsen, Flügel haben sie keine richtigen und Segel sowieso nicht!“ Doch alle anderen sind überhaupt nicht einverstanden und bringen ihm mit entenhaftem Geschnatter bei, daß er vollständig daneben gehauen hat. Gutmütig läßt er sich belehren und fragt betont unschuldig: „Was ist es dann?“

Da wird es still. So lange, bis Wanja, der sein Geheimnis kaum mehr bewahren kann, die entscheidende Hilfe gibt.

„Es ist etwas am Himmel“.

„Die Wolken“ rufen Marina und Galja zusammen.

„Ja, genau“, sagt Wanja und möchte gleich noch vieles über die Wolken erzählen, doch dazu kommt er nicht.

„Jetzt bin ich dran!“ bestimmt Galja und will gleich ihr Rätsel nennen. „Nein ich!“, sagt Marina.

Nach einem kleinen Hin und Her entscheiden einige Jungen einleuchtend: „Marina hat bereits ein Rätsel gesagt, jetzt ist Galja dran!“

Ich gehe – etwas geht. Ich stehe – etwas steht. Ich liege – etwas liegt.

Wie aus einem tiefen Traum ertönt nach einer Weile das  Stimmlein von Marat: „Das Echo“. Er hat bis vor kurzem noch in den Bergen des Kaukasus gelebt und nun tauchten in seiner Vorstellung die Felswände wieder auf. Aber es ist nicht das Echo, sondern, wie Timofei nach einer Weile ruhig sagt: „Der Schatten“.

So stellen sich die Kinder noch eine ganze Weile Rätsel vor, und die Stunde geht fröhlich zuende. Eine Frage beschäftigt mich seitdem: Wie kann dieses einzigartige, aber vom Aussterben bedrohte „Leben in inneren, objektiven Bildern“, über welches die Kinder offensichtlich gerade noch verfügen, erhalten, gestärkt und entwickelt werden? Wie kann die Erziehungskunst Rudolf Steiners immer wieder aus ihren Wurzelkräften heraus gestärkt werden?

Felix Stöcklin

Nachdem Elsbeth und Felix Stöcklin bereits jahrelang auf Grundlage der Anthroposophie Vorarbeit geleistet und mit Pädagogen gearbeitet hatten, gründeten sie 1989 noch zu Sowjetzeiten den ersten Waldorfkindergarten in Rußland. E. und F. Stöcklin hatten auch einen wichtigen Anteil an der Arbeit des pädagogischen „Club Aristotel“, aus dem die verschiedenen Moskauer Waldorfinitiativen hervorgingen. Sie selbst gründeten 1993 die Moskauer Rudolf-Steiner-Schule. Diese hat nie Unterstützung vom russischen Staat beansprucht. Sie hat dadurch die Freiheit, sich ohne äußere Einschränkung um die Realisierung der Pädagogik Rudolf Steiners zu bemühen. Im Juni legten die ersten Neuntklässler die staatlichen Examen ab – zum Teil mit Auszeichnung.

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