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Weitere Initiativen in Vorderasien und Asien

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 196-199, Copyright-Hinweise beachten!)

Libanon - Pakistan - Tadschikistan - Südkorea - Hongkong - China - Singapur

Libanon

Seit 1974 arbeitet Frau Dr. Wali Mehej am Aufbau heilpädagogischer Initiativen und biologisch-dynamischer Landwirtschaftsbetriebe im Libanon. Sie gründete den Verein „First Step Together Association“ (FISTA), der sich auch während des Bürgerkriegs um Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Lernschwierigkeiten gekümmert hat.

In Beirut gibt es inzwischen einen Waldorfkindergarten und eine Krippe für Problemkinder im Alter von null bis sechs Jahren zur Früherkennung, Frühbehandlung, Sprach- und Bewegungsförderung. In Jal-el-Deeb, einem Stadtteil von Beirut, gibt es eine Waldorfschule für Kinder und Jugendliche mit leichten Problemen. Hier soll das Kind vom selbstständigen Spiel zum Lernen erweckt, seine Fantasie gefördert und sein Tätigkeitsdrang gelenkt werden.

Grundlage für den Unterricht ist das libanesische Curriculum, das durch viele praktische Kurse wie Kochen, Holzarbeiten, Nadelarbeiten, Musik, Drama, Zeichnen und Sport ergänzt wird. Die einzelnen Klassen bestehen aus sechs Schülern und führen von der Unter- über die Mittel- zur Oberstufe. In einer Abschlussklasse werden die Schülerinnen und Schüler gezielt auf das Berufsleben vorbereitet. Im Stadtteil Khaldeh gibt es eine heilpädagogische Schule für Kinder und Jugendliche mit starken Behinderungen.

Pakistan

Sehnsüchtig erwartet und durch viele Ausbildungsjahre vorbereitet, hat 2001 die heilpädagogische Arbeit „Roshni“ in Pakistan begonnen. In der 15-Millionenstadt Lahore hat das Ehepaar Hannesen-Perveen die ersten behinderten Jugendlichen in einem gemieteten Haus aufgenommen. Im September 2001 wurde die Einrichtung einer Bio-Bäckerei, einer Holzwerkstatt und einer Textilwerkstatt fertig gestellt, in denen die Jugendlichen einen Ausbildungsplatz finden. Sie sind ehemalige Schüler der Amin Maktab Schule, die von der pakistanischen Gesellschaft für die Wohlfahrt behinderter Kinder betrieben wird und Partnerschule von „Roshni“ ist.

Tadschikistan

Waldorfpädagogik kann man sogar in Chudjand, der zweitgrößten Stadt Tadschikistans am Ufer des Syrdarias, kennen lernen. Zwei Lehrerinnen studieren mittlerweile in Moskau, drei Deutschlehrerinnen in Stuttgart. Sie bereiten sich auf die Gründung einer Schule in diesem von Bürgerkriegen und terroristischen Überfällen heimgesuchten Land vor.

Südkorea

Als Präsident Kim nach der Landung in Pyöngyang zu Beginn seines historischen Besuchs beim nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong II nach einer Eiszeit von fast fünfzig Jahren aus der Tür des Flugzeugs trat, blickte er statt auf die riesige Menge, die ihn empfing, für einen langen, stillen Moment, während er eine Pause auf der kleinen Flugzeugplattform einlegte, seitlich auf die fernen, heiligen Berge. In diesem Moment der Stille, während er innerlich die Berge grüßte, die von allen Koreanern stets als heilig betrachtet wurden, drückte er das tiefste der Gefühle eines Volkes aus. Mit diesem Besuch im Jahr 2000 kam es zum wichtigen Durchbruch in der tragischen Beziehung zu Nordkorea, und die darauf folgende Auszeichnung von Präsident Kim Dae Jung mit dem Friedensnobelpreis kann Mut und Hoffnung geben. Korea befindet sich gegenwärtig in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, bedingt durch den gigantischen Umstrukturierungsprozess, der durch die Entschuldungsmaßnahmen des Internationalen Währungsfonds vor drei Jahren notwendig wurde.

Das staatliche Unterrichtssystem Koreas erregt so viel Besorgnis und Unzufriedenheit in der Bevölkerung, dass das Unterrichtsministerium gegenwärtig Veränderungen einführt. Waldorfpädagogik erhält dadurch Entfaltungsmöglichkeiten. In Korea wurde Waldorfpädagogik erstmals 1995 einem größeren Publikum vor gestellt. Vorbereitet durch den Architekturprofessor Young Rok Hoh wurde die Ausstellung „Waldorfpädagogik“ der Freunde der Erziehungskunst in Seoul gezeigt und von einer Seminarreihe über Waldorfpädagogik begleitet.

1997 wurde die Vereinigung für Rudolf-Steiner-Pädagogik gegründet. Ihre Mitglieder, Lehrer, Eltern und andere Interessenten, treffen sich zurzeit monatlich zu Wochenendtagungen, an denen gelegentlich Gastredner aus aller Welt zu hören sind. Ein Teilzeitlehrerseminar findet jährlich zweimal für zwei bis drei Wochen statt. Auch ein Waldorfkindergarten konnte eröffnet werden; zwei Kindergärtnerinnen befinden sich in der Umschulung. 1999 wurde das Zentrum für Anthroposophie in Seoul begründet, das Kurse zur Pädagogik der Waldorfschule durchführt und mit der Vorbereitung eines weiteren Kindergartens und einer Schule beschäftigt ist.

Die Medien, sowohl Fernsehen wie auch Presse, trugen dazu bei, Waldorfpädagogik in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, ausgehend von dem zurzeit großen Bedürfnis nach alternativen Erziehungs-modellen.

RITA TAYLOR

Hongkong

Hongkong ist eine schnelllebige, verrückte Stadt ohne Rhythmus. Schon mit drei Jahren müssen Kinder dort Examen ablegen, um in den Kindergarten aufgenommen zu werden. Von frühester Kindheit an stehen die Kinder also unter hohem Leistungsdruck. Die Bildungspolitik wird im „Human Resources Department“ geplant. Die Effizienz der dort entwickelten Curricula wird mittels Examina statistisch gemessen, wobei Schwerpunkte der Förderung durch das Ministerium die Entwicklung neuer Technologien und der chinesische Sprachunterricht bilden.

Privatschulen müssen sich selbst finanzieren und sind daher teuer und nur einer Elite zugänglich. Die Hauptprobleme der Kinder in Hongkong sind Kriminalität, Selbstmord und der Verlust moralischer Werte.

Im Dezember 1997 begann die „Waldorf School Foundation“ in Hongkong Kurse über Waldorfpädagogik anzubieten. Ein Kreis von etwa zehn an Waldorfpädagogik und Anthroposophie Interessierten versammelte sich wöchentlich, um Veranstaltungen zu planen. Im April und November 1998 hielten Hans Mulder und Sue Simpson einführende Vorträge über Waldorfpädagogik. Die „Waldorf School Foundation Hongkong“ arbeitet an der Vermittlung eines vertieften Verständnisses der Waldorfpädagogik und plant die Eröffnung eines Waldorfkindergartens. Vorbereitend wurde eine Spielgruppe eingerichtet, um Kindern und Eltern ein Kennenlernen der Waldorfpädagogik zu ermöglichen.

China

In der chinesischen Gesellschaft prallen die Gegensätze von ländlicher Kultur und moderner Zivilisation ständig aufeinander. Das Schulwesen wird vom Staat finanziert und ist obligatorisch von der 1. bis zur 9. Klasse. Die Grundschule reicht von der 1. bis zur 6. Klasse, die Mittelschule von der 7. bis zur 9. Klasse, die Oberschule von 10. bis zur 12. Klasse, sie vermittelt weiterführende Bildung. Ein gewöhnlicher Schultag umfasst Unterricht bis 16 Uhr, an den sich eine Zeit unter Aufsicht anschließt, in der die Hausaufgaben gemacht werden. Die Gehälter der Lehrerinnen und Lehrer hängen von den Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler ab, die zweimal jährlich in Multiple Choice Tests abgeprüft werden. (Examina haben in China eine Jahrhunderte alte Tradition.) Rund 20 Millionen Lehrer sind betroffen.

In China gibt es viele Privatschulen, die versuchen, die staatlichen Examensstandards zu erfüllen, wenn nicht zu übertreffen, um Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Die Einzelkindpolitik Chinas führt dazu, dass viele Eltern für ihr Kind eine Privatschule wählen, um dem einzigen Kind die besten Berufschancen zu ermöglichen und für seinen Erfolg zu sorgen. Seit zwei Jahren allerdings scheint es für Privatschulen möglich zu sein, auf Examina zu verzichten was die Gründung einer Waldorfschule erleichtern würde.

Harry Wong, am Sunbridge College, USA, ausgebildeter Waldorflehrer, und seine Frau Lilly, eine ausgebildete Waldorfkindergärtnerin, planen die Eröffnung eines Waldorfkindergartens in China. Im Moment arbeitet Harry Wong mit der Holy Love Foundation in Chengdu zusammen, die sich um behinderte Kinder kümmert und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. In Nanning gibt es eine heilpädagogische Einrichtung, deren Leiter sich um die anthroposophische Heilpädagogik bemüht.

HARRY WONG

Singapur

In Singapur begann die anthroposophische Bewegung durch den Handel mit biologisch-dynamisch erzeugten Nahrungsmitteln. Mr. John Yeo und seine Geschäftspartner eröffneten 1995 einen Handel mit biologisch-dynamischen Produkten. John Yeos Bekanntschaft mit Peter Proctor, einem Dozenten für biologisch-dynamische Landwirtschaft, ließ ihn heilpädagogische Einrichtungen für seine Tochter, ein autistisches Kind, suchen. Das war 1996. Ein Besuch des heilpädagogischen Heimes in Hohepa, Neuseeland, gab ihm eine Vorstellung, wie eine solche Einrichtung in Singapur zu eröffnen wäre, auch wenn sich dies bis heute nicht über die Diskussionsebene hinaus entwickelt hat.

Über die Waldorfpädagogik wurde im Oktober 1994 in einem offenen Forum über ganzheitliche Gesundheit von Dr. Chiu-Nan Lai, einer Krebsforscherin aus den USA, gesprochen. Dr. Lai beschrieb die Waldorfpädagogik als ein Beispiel für ganzheitliche Erziehung vor 18.000 Besuchern im „Singapur Indoor Stadion“. Um 1998 entstanden drei eigenständige Waldorf-Initiativen, geführt von Joyce Low, John und Rita Dickens und Anna Guillen. Diese schlossen sich mit Betty Khoo-Kingsley und John Yeo zusammen und bilden die Gruppe der Gründungspersönlichkeiten.

Daraus ging noch 1998 die „Steiner Interest Group“ als informelle Gruppe für Eltern, Lehrer und interessierte Erwachsene hervor. Vorträge und Seminare fanden 1999 und 2000 statt, ermöglicht durch den Besuch von Persönlichkeiten wie Hans Mulder, Renate Breipohl und Tine Bruinsma. Im Jahr 2000 hielt Harry Wong ein Seminar in Mandarin und erreichte damit Zuspruch bei der chinesisch sprechenden Bevölkerung.

Am 5. Januar 2000 begann der Unterricht für die erste Klasse des „Waldorf School Project“ in den Räumlichkeiten eines beteiligten Elternpaares. Das Schulprojekt unter der Leitung von Kay Diaz konnte aufgrund mannigfaltiger Schwierigkeiten leider nur für ein Jahr durchgeführt werden. Die Schulaktivitäten wurden dann an die „Kampung Senang“, einer von Joyce und James Low gegründeten Stiftung, übertragen und sind zurzeit als künstlerisches Teilzeitprogramm für Kinder zwischen 6 und 8 Jahren ausgelegt.

Auf Wunsch von John Dickens kamen Margarete und Ingo Lange nach Singapur, um im Februar 2000 mit der Arbeit im ersten Waldorfkindergarten, ebenfalls in Räumlichkeiten beteiligter Eltern, zu beginnen. Die privaten Räumlichkeiten und unterschiedliche Auffassungen erwiesen sich über die Monate als stark wachstumsbegrenzend, und mit der Entscheidung einiger Eltern nach Übersee wegzuziehen wurde der Kindergarten im September 2000 geschlossen. Auf eigenes Betreiben und mit hilfreicher Unterstützung von Joyce und James Low eröffneten Margarete und Ingo Lange im Dezember 2000 eine neue Kindergartengruppe in „Kampung Senang“. Dies war der Wendepunkt für den Kindergarten; eine zweite Gruppe ist im März 2001 eröffnet worden.

Die Herausforderungen für Waldorfinitiativen in Singapur sind vielfältig. Vor allem ist der starke Einfluss der Regierung auf das Ausbildungssystem zu nennen, die das Individuum nach den „Kerninhalten“ nationaler Grundsätze zu formen versucht. Mit der Entscheidung ab 2003 die staatliche Erziehung für die ersten sechs Schuljahre verpflichtend einzuführen, sind Eltern, die ein alternatives System bevorzugen, gezwungen, ein Curriculum zur staatlichen Prüfung vorzulegen. Viele werden sich davor scheuen und fürchten in Misskredit zu geraten. Eltern fürchten auch, dass der Waldorfunterricht ihre Kinder nicht genügend auf die staatlichen Schulexamen vorbereitet. Examen sind nicht nur im Kindergarten weit verbreitet, sondern auch stetiger Bestandteil der gesamten Schulzeit.

Etwas Optimismus ist berechtigt, da etwa 2000 Kinder in einem experimentellen Kindergarten-Regierungsprogramm Platz gefunden haben, das nicht-akademisch auf freies Spiel und Kreativität ausgerichtet ist. Wenn es kein Wunschdenken ist, könnte dies, neben den existierenden Initiativen, ein kleiner Hoffnungsfunke sein, der dem Waldorfimpuls in Singapur mehr Auftrieb gibt.

CLARA LAU