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Eine Schule platzt aus allen Nähten

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 102-103, Copyright-Hinweise beachten!)

Slowenien mit seinen Bergen und grünen Hügeln gilt als Schweiz des Balkans. Auch als jugoslawische Teilrepublik war Slowenien immer schon Vorbild: industriell hoch entwickelt, mit dem besten Lebensstandard und der niedrigsten Arbeitslosenrate. Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1991 ergriffen einige Slowenen die Möglichkeit, Waldorfpädagogik im Ausland zu studieren und gründeten später die erste Waldorfschule in Slowenien. Noch zu kommunistischen Zeiten eröffneten Samo und Claudia Simcic 1989 den ersten Waldorfkindergarten. Zwar wurden zu Zeiten des Kommunismus Privatinitiativen weder unterstützt noch gefördert, aber schon damals war bemerkbar, dass ein Wandel bevorsteht.

Unterstützung von staatlicher Seite

Die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens im Sommer 1991 war ein deutlicher Beweis für die Entwicklung demokratischer Kräfte in allen Gebieten der Gesellschaft, nicht zuletzt auf dem Feld der Erziehung. Neue Gesetze wurden entworfen, neue Ideen propagiert. Einzelne Menschen waren offen für neue Ansätze in der Erziehung und setzten sich dafür ein. So wurde Branka Strmole 1992 vom Slowenischen Pädagogischen Institut, welches das Ministerium für Erziehung und Sport berät, beauftragt, in Ljubljana eine Waldorfschule zu gründen, da deutlich war, dass eine solche von den Eltern gewünscht wurde. Da es in Slowenien bisher keine freien Schulen gab, war die Zusammenarbeit mit den staatlichen Bildungsinstitutionen wesentlich. Weitere Unterstützung erhielt die Waldorf-initiative vom Europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen (EFFE)1 , das 1992 eine Konferenz in Slowenien veranstaltete. Bereits seit Herbst 1991 nahmen fünfzehn Slowenen an einem Blockseminar zur Waldorfpädagogik teil, das von der Waldorfschule Wien-Mauer organisiert wurde. Als erster freien Schule in Slowenien wurde der Waldorfschule Ljubljana große Aufmerksamkeit geschenkt, die sich in Unterstützung, aber auch in Zweifeln äußerte.

Das Raumproblem

Der neuen Waldorfschule wurden Räume zugewiesen, die sie sich mit einer Staatsschule teilt. Sie erhielt vier Klassenzimmer; Cafeteria und Versammlungsraum werden mit der anderen Schule gemeinsam genutzt. In den ersten zwei Klassen wurden 56 Kinder von vier Lehrern betreut. Die Schulverwaltung wurde von Eltern und Lehrern übernommen, die stark an die Schule und ihre Wachstumsmöglichkeiten glaubten. Während des ersten Schuljahrs gab es noch ausreichend Platz für alle Aktivitäten. Doch schon im zweiten Jahr nahm die staatliche Schule außerdem noch die neu gegründete Internationale Schule, ein Staatsprojekt, in ihre Räume auf und so verlor die Waldorfschule an Wichtigkeit. Seit dieser Zeit bildet das Raumproblem die vordringlichste Sorge. Da die Schule von Jahr zu Jahr um eine Klasse wuchs, musste schließlich das Lehrerzimmer geräumt werden, sodass die Lehrer sich seither ein 20 m 2 großes Zimmer mit der Schulsekretärin teilen, wodurch Überschneidungen die Regel sind. Während die Sekretärin telefoniert, studiert ein Klassenlehrer ein neues Lied mit der Blockflöte ein, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Handwerksunterricht muss auf dem Flur stattfinden.

Mit dem Schuljahr 1997/98 wurde deutlich, dass die Waldorfschule keine weiteren Räume in der staatlichen Schule mehr bekommen würde. Nach langen Verhandlungen mit den zuständigen Behörden erhielt sie weitere Klassenzimmer in einer nahe gelegenen Grundschule. Die Aufteilung auf zwei Schulgebäude war schmerzlich und schwer zu organisieren. Auch das hat die Schule überlebt.

Große Freiheiten für staatsunabhängige Schulen

Neben der Lösung der Raumprobleme musste die Waldorfschule um ihre Anerkennung kämpfen. Die Waldorfschule war gegründet worden, bevor es in Slowenien eine gesetzliche Regelung für freie Schulen gab, und so war es wichtig, dass die Waldorfpädagogen dafür sorgten, dass die neuen gesetzlichen Bestimmungen Freiraum für Waldorfpädagogik und andere freie Schulen ließen. Die Bemühungen waren erfolgreich; freie Schulen erhalten seither staatliche Unterstützung bei voller Lehrplanfreiheit; Lehrer dürfen an Waldorfschulen unterrichten, auch wenn sie kein staatliches Lehrerdiplom haben. Freie Schulen erhalten 85 Prozent der den staatlichen Schulen für laufende Kosten und Lehrergehälter zur Verfügung stehenden Mittel. Schülerinnen und Schüler müssen zwar nach der 8. Klasse eine externe Prüfung ablegen, werden aber nicht nach der 3. und 6. Klasse geprüft wie ihre Altersgenossen an staatlichen Schulen. Die Waldorfpädagogen in Slowenien haben demokratische Impulse im Erziehungssystem vorangetrieben und sich darüber hinaus auch für Kinder mit besonderen Bedürfnissen eingesetzt, von denen manche in die Klassen der Waldorfschule integriert wurden.

Ein eigenes Grundstück, noch kein eigener Bau

Leider bekommt die Waldorfschule keine staatlichen Zuschüsse für den Bau einer neuen Schule, jedoch ist es durch dreijährige Verhandlungen mit der Stadtverwaltung von Ljubljana gelungen, ein Grundstück zu bekommen. Durch Vermittlung der Freunde der Erziehungskunst hat die Waldorfschule Düsseldorf, Deutschland, Pavillons zur Verfügung gestellt, in denen die 5. bis 11. Klassen untergebracht werden können.

Der Waldorfimpuls beschränkt sich in Slowenien nicht auf Ljubljana. In Maribor wird für das Schuljahr 2001/02 die Eröffnung einer weiteren Waldorfschule geplant. Bisher gibt es dort einen Waldorfkindergarten mit 18 Kindern und ein Lehrerseminar, das mithilfe der Waldorfschule Graz, Österreich, organisiert wird.

Als Pioniere freier Schulen stehen den Waldorfpädagogen in Slowenien immer noch große Aufgaben bevor. Die Öffentlichkeit soll erfahren, dass es unterschiedliche Methoden gibt, Kinder zu unterrichten und dass im Leben von verschiedenen Menschen verschiedene Dinge wichtig sind.

BRANKA STRMOLE UKMAR

1 Das Europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen ist ein Zusammenschluss von Europäern aus 32 Ländern, die sich für den rechtlichen und wirtschaftlichen Freiraum für Schulen sowie die damit zusammenhängenden pädagogischen Fragestellungen einsetzen.

Branka Strmole Ukmar
Waldorflehrerin und u. a. Mitbegründerin der Waldorfschule Ljubljana.