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Eine Hoffnung für behinderte Kinder in Kirgisien

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 128-129, Copyright-Hinweise beachten!)

Kirgisien, im mittelasiatischen Teil der GUS an der Grenze zu China gelegen, steht nach dem Zerfall der Sowjetunion heute vor einem äußeren und inneren Umbruch. Täglich begegnet man neuen Situationen, die sowohl Chancen als auch Gefahren in sich bergen. Jeder versucht, das Beste für sich herauszuholen. Die Kranken und Schwachen kommen aber wie immer zuletzt.

Toleranz ist gefordert

Das Kinder-Rehabilitationszentrum "Ümüt-Nadjeschda" wurde im Herbst 1989 von Karla-Maria Schälike gegründet, als die Sowjetunion noch existierte und Kirgisien eine Republik dieses riesigen Staates war. Damals wie heute sind die besondere Mentalität, die Kultur und die Tradition der in Kirgisien lebenden Völker jene konstante Grundlage, auf der die gesamte Arbeit mit den Kindern aufbaut. In Kirgisien leben auf einem verhältnismäßig kleinen Territorium 80 Völker. Jedes Volk hat seine eigene Sprache, seine Kultur und seine Traditionen. Deshalb ist die Toleranz gegenüber dem anderen in Kirgisien eine Selbstverständlichkeit. Diese Toleranz schließt Erscheinungen von Nationalismus und Chauvinismus allerdings nicht aus.

Das öffentliche Interesse für die Waldorfpädagogik wurde durch die konkreten Arbeiten von Kindern geweckt, denen Erwachsene geholfen hatten ihre Individualität und ihre Begabung zu entwickeln, all den Schwierigkeiten zum Trotz, die ihnen ihr Schicksal zugemutet hat. Für ein Kind ist die Frage, wie die Erwachsenen ihre Pädagogik nennen, kaum von Interesse. Für ein Kind ist wichtig, dass sie ihm helfen und ihm das geben können, was es zur Entwicklung seiner Individualität braucht, nicht irgendwann, sondern hier und heute.

"Nadjeschda" – der kleine Hoffnungsschimmer für behinderte Kinder

Zentrum "Nadjeschda" heißt: Zentrum der Hoffnung. Es ist der erste kleine Hoffnungsschimmer für mehrfach und schwerbehinderte Kinder in Kirgisien, denn bisher bedeutete dort Behinderung Hoffnungslosigkeit. Deshalb übergaben viele Mütter ihre behinderten Kinder nach der Geburt dem kommunistischen Staat. Die Öffentlichkeit erfuhr nicht, was mit diesen unglücklichen "Staatskindern" weiter geschah. Wer sein Kind behielt, stieß auf Unverständnis.

Aus verzweifelter Lage geboren

Als der Sohn von Karla-Maria Schälike geboren wurde, war neben ihm ein anderer Junge zur Welt gekommen, dessen Mutter bitterlich weinte und ihren Kopf unter der Bettdecke verbarg. Um ihr Bett standen Ärzte, beschimpften sie und forderten irgend etwas von ihr. Karla-Maria, die als Ausländerin in Kirgisien lebte, wollte verstehen, was vorging. Zu ihrem Entsetzen und Erstaunen erfuhr sie, dass von ihrer Zimmernachbarin gefordert wurde, sich mit ihrer Unterschrift von ihrem eben erst geborenen Kind loszusagen, nur weil es behindert war. Die Mutter dieses Jungen fand in sich aber den Mut, nicht so zu handeln, wie man es von ihr erwartete. Karla-Maria Schälike erfuhr später, welch' schweres Schicksal Eltern und ein behindertes Kind erwartet.

Am 17. September 1989 wurde nach langen schwierigen Vorbereitungen und mit Hilfe eines sowjetischen Kinderfonds das "Zentrum zum Schutz von Kindheit und Mutterschaft" gegründet. Alle 28 Mitarbeiter dieses Zentrums arbeiteten ehrenamtlich. Kinder mit schweren Behinderungen sollten hier wie alle Kinder ihres Alters miteinander spielen und lernen können. Dieses Anliegen wurde von der damaligen Präsidentin der UNO-Kommission der UdSSR, Otunbaewa, von der Gründung an nach besten Kräften unterstützt. Mit ihrer Hilfe wurde am 18. November 1991 das Zentrum "Nadjeschda" Mitglied im Programm der UNESCO-Projektschulen. Der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow konnte als Ehrenvorsitzender des Zentrums "Nadjeschda" gewonnen werden. Aus Liebe zu seiner Heimat hat er sich bereit erklärt, diese Initiative zu unterstützen.

Am 17. September 1992 wurde das Zentrum "Nadjeschda" nach dem Auseinanderfallen der UdSSR vom staatlichen Kinderfonds gelöst und als eigenständige Kinderorganisation vom Justizministerium registriert. Es erhielt den Status eines gemeinnützigen Vereins der Republik Kirgisien. Noch im selben Jahr teilte das Oberschulamt mit, dass alle Kinder, die als nicht bildungsfähig eingestuft worden waren, ab sofort kein Recht auf Unterricht in staatlichen Einrichtungen und Gebäuden mehr hätten. Nach verzweifelten Kämpfen um die Rechte dieser Kinder war ein Großteil der Eltern und Kinder gezwungen, das mit viel Liebe und Spendengeldern renovierte Gebäude zu verlassen. Die Situation schien ziemlich aussichtslos, da nach dem Zusammenbruch der UdSSR auch die Betreuung vieler gesunder Kinder, was Ernährung, Kleidung, Bildung und Gesundheit anbetraf, nicht mehr gesichert war. In dieser verzweifelten Lage erschien ein Retter in der Not und bot an, einen Spendenverein für das Kinderzentrum "Nadjeschda" in Deutschland aufzubauen.

Es geht aufwärts mit internationaler Hilfe

1995 erhielt das Kinderzentrum von der "Fondation Danielle Mitterand" ein Grundstück und ein kleines Werkstattgebäude. 1997-1999 wurde auf diesem Grundstück ein neues Schulgebäude errichtet, ermöglicht durch Vermittlung der Freunde der Erziehungskunst im Rahmen eines vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Projektes. Innerhalb dieses Projektes wurde auch ein Schulbus erworben und die Mitarbeiter des Kinderzentrums erhielten eine Waldorf- und Heilpädagogik-Ausbildung. Im Jahr 2000 schließlich wurde der weitere Ausbau des neuen Schulgebäudes durch die Unterstützung von UNICEF möglich.

Eine Ausstellung über Waldorfpädagogik bringt die Wende

Im Laufe der Jahre kamen zu den behinderten Kindern immer mehr gesunde Mitarbeiterkinder, Kinder von Freunden und Straßenkinder hinzu, sodass neben den anderen Einrichtungen des Kinderzentrums "Nadjeschda" eine kleine integrierte Schule entstand.

Die Waldorfpädagogik ist in der kirgisischen Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Bei der ersten größeren Ausstellung über Waldorfpädagogik im Bildungszentrum der Gattin des kirgisischen Präsidenten, Mairam Akajewa, war das Echo der Öffentlichkeit positiv. Mairam Akajewa ließ sich trotz Zeitmangels fast eine Stunde lang durch die Ausstellung führen und die Prinzipien der Waldorfpädagogik erklären. In einem Artikel der Zeitung "Bischkek am Abend" beschrieb sie daraufhin die Methoden des Kinderzentrums "Nadjeschda" folgendermaßen: "Ich hoffe, dass viele Bischkeker die ungewöhnliche Ausstellung der Schüler des Kinderzentrums ‚Nadjeschda‘ im Erziehungsmuseum im Gedächtnis behalten haben. Ihre Erfahrung erweckt die Hoffnung, dass wenn man nach einer echten Pädagogik sucht ... viele Kinder mit den verschiedensten gesundheitlichen Problemen in die Gesellschaft integriert werden können ... Dank sei den ‚Hoffnungsträgern‘ der Einrichtung Nadjeschda."

IGOR ILJITSCH SCHÄLIKE

Igor Iljitsch Schälike
Leiter des Kinder-Rehabilitationszentrum "Ümüt-Nadjeschda".