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Freie Schulen machen von sich reden

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 66-67, Copyright-Hinweise beachten!)

Kaum ein anderes Land der Welt bietet dem Reisenden solch einen landschaftlichen, historischen und kulturellen Reichtum wie Italien. Von den Bergen im Norden bis zu den Inseln im Süden beeindruckt die Schönheit der Landschaft. Hier in Italien liegen die Anfänge der Waldorfpädagogik nicht so weit zurück wie in anderen Ländern. Der erste Verein für Waldorfpädagogik wurde 1947 in Mailand gegründet, der zweite und dritte erst 1973.

Im Jahre 1984 gab es insgesamt sechs Schulen und ab 1985 wurden dann ein bis zwei Schulen pro Jahr gegründet. So gab es 1993 insgesamt neunzehn Schulen. Dann kam es plötzlich zu einem explosiven Wachstum: in nur vier Jahren wurden weitere siebzehn Schulvereine gegründet. Zurzeit gibt es in Italien 49 Vereine und insgesamt 29 Waldorfschulen: in Bologna, Merano, Bolzano, Trecallo, Florenz, Gorizia, Sagrado, Imperia, Garlate, Livorno, Mailand (3), Palermo, Padova, Cittadella, Rom (4), Sava, Trento, Rovereto, Torino (2), Treviso, Conegliano, Oriago, Zane und sechs weitere, die der Federation der Waldorfschulen in Italien nicht angeschlossen sind.

Neue Schulgesetzgebung eröffnet Chancen

Die italienische Waldorfschulbewegung befindet sich z.Zt. in einer sehr dynamischen Situation: Durch das seit dem 1. März 2000 gültige neue italienische Schulgesetz gab und gibt es tiefe Veränderungen in der Schullandschaft Italiens, z. B. in Bezug auf eine Neuordnung des Lehrplans, in Bezug auf die Lehrerausbildung sowie in Bezug auf die Möglichkeit einer öffentlichen Förderung aller nicht-staatlichen Schulen, die bisher minimal ist. Gleichzeitig hat die rapide Ausbreitung der Waldorfschulen eine große Nachfrage nach angemessen ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern erzeugt, der die gegenwärtigen Lehrerseminare nur mit Mühe nachkommen können. Für die oberen Klassen ist die Situation noch kritischer: Nur die Waldorfschule in Mailand hat alle Klassen bis zur 13. aufgebaut und nur acht Schulen führen bis zur 8. Klasse.

In den letzten Jahren ist ein großes Interesse an Waldorfpädagogik auch im italienischen Süden festzustellen: außer der Schule in Palermo – 1987 hat dort ein Waldorfkin dergarten begonnen, 1992 die Waldorfschule – wurde eine Schule in Sava gegründet, und weitere sind geplant.

Erst 1992 wurde die Federation der Steinerschulen in Italien begründet, um die Belange der einzelnen Schulen zu vertreten. Sie hat ihren Sitz in Oriago di Mira in der Nähe von Venedig und teilt die Räumlichkeiten mit dem Lehrerseminar. Die Vertreter der Federation haben sich seit einigen Jahren um eine Verständigung mit dem Bildungsministerium bemüht und auch schon vor der Verabschiedung des neuen Schulgesetzes erste positive Ergebnisse erzielt. Dies war vor allem deshalb schwierig, weil Italien neben den staatlichen Schulen bisher nur konfessionelle und profitorientierte Privatschulen kennt und kein plurales Schulwesen hat.

Durch die Ausstellung der Freunde der Erziehungskunst, die im Jahr 2000 in einer belebten Einkaufspassage in Bologna gezeigt wurde, und entsprechende Pressearbeit, konnte Waldorfpädagogik auch einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt werden.

MARIO CONTI

"Bologna 2000: In Freiheit zur Freiheit erziehen"

Thomas Homberger aus Zürich, Schweiz, berichtet:
Als Schweizer bin ich seit etwa 25 Jahren immer wieder sporadisch in Italien tätig, meistens innerhalb der Rudolf-Steiner- Schulbewegung, aber auch innerhalb staatlicher Schulen und Lehrerbildungs-Einrichtungen. Ein Höhepunkt innerhalb dieser Jahre war sicher der Kongress in Bologna vom 17. Januar bis 3. Februar 2000 "Nelle libertà educare alla libertà" (In Freiheit zur Freiheit erziehen). Innerhalb dieses Kongresses traf sich vom 21. bis 23. Januar das "European Council of Steiner Waldorf Education", in welchem die Rudolf-Steiner-Schulen aus allen europäischen Ländern vertreten sind. Anlässlich dieses Treffens wurde auch der erste Spatenstich für ein neues Schulhaus der Rudolf-Steiner-Schule Bologna gesetzt.

Dieser Neubau bedeutet einen Meilenstein in der Geschichte der Schulbewegung in Italien: zum ersten Mal wird eine Schule ein eigenes, für ihre Zwecke konzipiertes Haus von Grund auf selbst bauen. Die Stadt Bologna hat dafür das Land mit Baurecht unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Elternschaft der Bologneser Schule hat sich finanziell außerordentlich eingesetzt; doch ohne die Hilfe der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners wäre es wohl bei den Plänen geblieben. Heute (im Mai 2001) steht das Haus vor der Vollendung: Es ist ein Haus für eine achtklassige Schule mit Erweiterungsmöglichkeiten, sehr klar, bescheiden, aber schön mit Naturmaterialien gestaltet, ein lebendiger Akzent außerhalb der alten Stadt.

Im Jahr 2000 war Bologna eine der Kulturhauptstädte Europas. Der Kongress "In Freiheit zur Freiheit erziehen" stellte sich in diesen Zusammenhang und wurde auch durch Mittel aus dem entsprechenden Kulturetat mitfinanziert. Er zeigte den pädagogisch- kulturellen Beitrag der Rudolf-Steiner-Schulen in der ganzen Welt, u. a. auch durch die Ausstellung, welche die Freunde der Erziehungskunst 1994 für die Erziehungsminister- Konferenz der UNESCO geschaffen hatten. Noch nie war in der nationalen Presse Italiens so viel über die Steiner-Schulen zu lesen gewesen. Mit großer Hochachtung nahm zum Beispiel "La Repubblica" davon Kenntnis, dass es eine so große, nicht-katholische und nicht-staatliche Schulbewegung gibt.

"Bologna 2000" hat nicht nur für die Schule von Bologna Neues in Bewegung gesetzt, sondern in Italien ein zur-Kenntnis-nehmen bewirkt, das gerade jetzt, wo seit März 2000 das neue Schulgesetz gilt, besonders wichtig ist. Bis jetzt ist das Gesetz noch auf dem Papier, sollte es aber nach den Neuwahlen im Mai 2001 doch zum Leben erweckt werden, müssen freie Schulen von sich reden machen. Mit "Bologna 2000" haben die Steiner-Schulen Italiens dies im besten Sinne getan.

 

Heilpädagogische Schulen

Jünger noch als die Waldorfschulen ist die Heilpädagogik und Sozialtherapie in Italien. In den Siebzigerjahren trat in Italien ein Gesetz in Kraft, das die Integration aller Kinder mit Behinderungen in staatlichen Schulen forderte. Es bezog sich auf private und öffentliche Schulen. Damit mussten die Sonderschulen, die in Italien als Gettos erlebt worden waren, schließen. An eine Gründung von heilpädagogischen Schulen oder Einrichtungen war nicht zu denken. Nachdem aber inzwischen die Ergebnisse der Integration in den Schulen vorliegen, fangen die Familien der Kinder mit Behinderungen an, eine Pädagogik zu suchen, die den besonderen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht wird, und fragen oft in den Waldorfschulen an.

Die Anfrage nach Sonderklassen und nach Lehrerinnen und Lehrern mit einer geeigneten Ausbildung besteht ganz akut. Somit sind in Italien Initiativen gegründet worden, die sich an Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen wenden. Die erste sozial-therapeutische Einrichtung (Casa Loic) ist 1989 in Capena bei Rom gegründet worden, wo 2000 ein erster Sozialtherapiekurs in italienischer Sprache begann. Die Waldorfschule Sagrado z. B., die sich schon lange um die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen bemüht, hat inzwischen einen Verein gegründet, der vom Kindergarten bis zum Jugendalter besondere Angebote wie Therapien, Werkstätten, Kunstunterricht und eine Berufsberatung bereitstellt. Die Arbeit findet ehrenamtlich in enger Verbindung mit der Schulverwaltung statt.

RITA AMADIO-DI TANNO

Mario Conti
Forschung über Elektronik und Halbleiterphysik, Professor an der Universität Mailand, FB Physik. Seit 1985 Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Mailand.

Rita Amadio-Di Tanno
Vorsitzende der Assoziation für Heilpädagogik und Sozialtherapie und der "Associazione Loic Francis-Lee" in Capena, Italien.