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Höflich das Schicksal herausfordern

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 72-75, Copyright-Hinweise beachten!)

Im Jahr 2001 stehen die Waldorfschulen in England vor neuen Herausforderungen. Mit den Veränderungen des bildungspolitischen und kulturellen Klimas in den letzten zehn Jahren rückte Waldorfpädagogik mehr und mehr in den Blickpunkt pädagogischen Denkens und Handelns. Die Ergebnisse der Waldorf- Pädagogik haben großes Interesse und Anerkennung bei Politikern, Pädagogen und in den Medien hervorgerufen und dadurch auch die Öffentlichkeit erreicht.

Was bisher ein wohlgehütetes Geheimnis schien, gehört inzwischen der Öffentlichkeit an und ist Teil des aktuellen bildungspolitischen Diskurses. Wenn ein alternativer und kohärenter Standpunkt gefragt ist, um irgendein traditionelles bildungspolitisches Argument zu widerlegen, ist die "Fellowship of Steiner Waldorf Schools" aufgerufen, ihre Kommentare zu geben, und die Diskussionen finden ausschließlich mit Vertreterinnen und Vertretern der höchsten Regierungskreise statt. Eine radikale Veränderung wie diese in der Art der Wahrnehmung von Waldorfpädagogik, die vermutlich zu irgendeiner Form der finanziellen Förderung der Schulen in England und vermutlich auch in Schottland führen wird, muss von einem Prozess des Überdenkens und erneuter Evaluierung bereits etablierter Werte innerhalb der Waldorfschule begleitet werden. Es erfordert ebenfalls eine neue soziale Verpflichtung und eine Veränderung in der Haltung, die man in den letzten 75 Jahren gegenüber einem wenig entgegenkommenden Umfeld eingenommen hatte.

Bisher war eine pädagogische Theorie und Praxis, die auf philosophischen Prinzipien und spirituellen Einsichten gegründet ist, als fremd betrachtet worden. Zwei Waldorflehrerseminare im universitären Rahmen, deren Dozenten auch bei Erziehungs-Konferenzen Beiträge geben und mit Erziehungswissenschaftlern im Gespräch sind, haben zum Abbau der Vorurteile beigetragen. Ein breiteres internationales Bewusstsein fördert die Bereitschaft, von anderen Erziehungssystemen und -strategien zu lernen, sowie den Wert der Vielfalt anzuerkennen; grundlegende und willkommene Veränderungen stehen also bevor.

Waldorfschulen bringen sich in die bildungspolitische Debatte ein

Zurzeit arbeiten die Waldorfschulen zusammen mit der "Steiner Waldorf Schools Fellowship" daran, die Qualität des Unterrichts zu verbessern, Lehrerinnen und Lehrern Mentoren an die Seite zu stellen, die Lehrerbildung auszubauen und zu verstärken, Weiterbildungskurse anzubieten, die Forschung auf dem Feld der Curriculumsentwicklung und Methodologie zu verstärken, das Engagement von Eltern zu fördern, Alternativen zu dem gewöhnlichen Prüfungssystem zu suchen, die internationale Dimension zu pflegen, innovative und altersspezifische Methoden in der frühkindlichen Erziehung bekannt zu machen, relevante und inspirierende Oberstufenprogramme zu entwickeln und die Verwaltungsvorgänge an Waldorfschulen zu verbessern. Ziel ist es, den Bedürfnissen von immer mehr Kindern gerecht zu werden und ein breiteres soziales und pädagogisches Spektrum abzudecken, das sich auch den Randgruppen in städtischen Ballungsgebieten widmet. Bisher haben die Waldorfschulen im Vergleich mit staatlichen Schulen ein ärmliches Dasein geführt, was zu Lehrermangel führte und schwere Opfer von Eltern und Lehrerinnen und Lehrern verlangte. Auf lange Sicht wurde dieser Zustand unhaltbar und schmälerte das Potenzial der Waldorfpädagogik aufzublühen und zur Verbesserung der Bildung des Landes beizutragen. Viele Eltern im ganzen Land verlangen danach, ihre Kinder auf eine Waldorfschule zu schicken, aber das Spezialwissen sowie ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer sind nicht vorhanden.

Den rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einnehmen

Die erste Generation von Waldorfschulen begann mit der ausdrücklichen Ermunterung durch Rudolf Steiner in den 20er-Jahren, als er pädagogische Vorträge in England hielt. Begünstigt wurden diese Gründungen durch wohlhabende Lehrerinnen und Lehrer, die durch Spenden gute Voraussetzungen für die Schulgründungen schufen. Von Anfang an wies Rudolf Steiner darauf hin, dass Waldorfschulen ihren rechtmäßigen Platz innerhalb der Gesellschaft einnehmen sollten: groß, modern und gut etabliert sollten sie sein, wirklich umfassend und weder eine modisch gesättigte Schule werden, noch in einer völlig verarmten Umgebung Fuß fassen1 – eine schwere Aufgabe für eine pragmatisch orientierte Gesellschaft.

Die ursprünglich sechs Schulen, die zwischen 1925 und 1949 gegründet wurden, erhielten seit den 70er-Jahren Verstärkung durch neue Schulgründungen und neue Kollegen. Diese Schulen wurden in dem Wissen gegründet, dass hohe Schulgebühren – der einzige Weg, ohne Unterstützung durch den Staat zu überleben – gegen das Prinzip verstießen, allen Kindern den Zugang zur Waldorfschule zu ermöglichen. Zwanzig Jahre lang haben die Schulen mit ihren idealistischen Ansichten und unter großen finanziellen Opfern überlebt. Inzwischen wurde ein Mittelweg eingeschlagen, der Richtsätze mit freier Einschätzung der Eltern kombiniert und so die Einkommenslage der Eltern und die Nöte des Schulhaushalts berücksichtigt.

Mittlerweile wird die dritte Generation Schulen gegründet und zwar diesmal eher von Eltern als von begeisterten, hingebungsvollen Lehrern wie in früheren Jahren, was für die englische Waldorfbewegung neue Impulse und Veränderungen bringen wird.

Phantasie, Mut und Verantwortung sind gefragt

Die weitreichenden kulturellen Transformationen führen ebenfalls dazu, dass an den Waldorfschulen transparenter, verantwortlicher und in multi-kulturellen Begriffen gedacht und gehandelt wird. Die Tendenz des Englischen zur Weltsprache zu werden, hat eine große Zahl Schüler mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen nach England gezogen und so zu der bisher bereits reich gegebenen kulturellen Vielfalt dieser Insel beigetragen.

Ein greifbarer und oft erwähnter Vorzug der Waldorfschulen ist die Wärme und Sorgfalt in den Beziehungen zu Schülern und ihren Eltern. Diesen Gemeinschaftssinn aufrecht zu erhalten, ist eine der Prioritäten für neue Schulgründungen. Bisher ist es fünf Kindergärten gelungen, für ihre Vierjährigen staatliche Mittel zu erhalten. Die Sorge, dass die mit der staatlichen Unterstützung einhergehenden Vorschriften zu unakzeptablen Kompromissen führen, hat sich bisher als unbegründet erwiesen. Im Gegenteil, durch die Teilnahme der Waldorfschulen an der allgemeinen pädagogischen Debatte haben die Waldorfpädagogen das ganze Konzept der frühkindlichen Erziehung landesweit greifbar beeinflusst und dabei viele unterstützende und einflussreiche Partner gewonnen. Das ist die neue Aufgabe, die ansteht und die Mut und Verantwortungsbereitschaft erfordert. Es ist zu erwarten, dass das, was in der Vergangenheit zu verwirklichen versucht wurde, nun in den vielfältigsten Formen erscheinen wird. Das geht Hand in Hand mit der Erkenntnis, dass sich Vertreterinnen und Vertreter der Waldorfpädagogik für die Kindheit und Jugend im Allgemeinen einsetzen möchten. Hierzu wird eine Phantasiefähigkeit wie nie zuvor nötig sein.

"Wir arbeiten nicht für uns selbst; wir wissen ganz genau, dass wir nur den Anfang von Bedingungen schaffen können, die eines Tages dazu führen werden Frieden, Glückseligkeit, Freiheit und ein reicheres Leben für all diejenigen zu schaffen, die nach uns kommen werden." (Keir Hardie, 1856–1915, erster Vorsitzender der Labour Party).

CHRISTOPHER CLOUDER

1 Übermittelt durch Joy Mansfield. Persönliche Mitschriften bei einem Vortrag Rudolf Steiners in Ilkley im August 1923.

Zur Heilpädagogik

Die erste Camphill-Einrichtung wurde 1939, vor mehr als sechzig Jahren in Aberdeenshire, Schottland, gegründet. Vorbereitet wurde die Gründung von einer Gruppe von Pionieren in Clent, die in den 30er-Jahren das heilpädagogische Heim "Sunfield" gründeten. Die geistigen Wurzeln sind auf die Arbeit Dr. Karl Königs (1902- 1966) zurückzuführen, der sich in Wien, Österreich und Dornach, Schweiz, für Kinder mit besonderen Bedürfnissen einsetzte. Karl König war Rudolf Steiner (1861-1925) nie begegnet. Er lernte anthroposophische Medizin durch Dr. Ita Wegman (1876-1943) kennen, arbeitete eine Zeit lang als Schularzt und praktizierte in der Schweiz, in Deutschland und Österreich, bevor er wegen seines Judentums auswandern musste.

Die Arbeit in Camphill mit Erwachsenen und Kindern, die Lernschwierigkeiten haben, ist von dem gemeinschaftlichen Lebensstil, der dort gepflegt wird, nicht zu trennen. Hauseltern, Mitarbeiter, freiwillige Helfer und ihre Kinder leben mit denjenigen Kindern und Erwachsenen in erweiterten Familien zusammen, die auf eine besondere Betreuung angewiesen sind. Das gemeinsame Leben und Wirtschaften erstreckt sich auch auf Lohn- und Gehaltszahlungen. Alle, die zusammen leben, teilen die Verantwortung von Einkünften und Ausgaben, ohne auf Gehaltszahlungen zurückzugreifen.

Einrichtungen für Kinder und Erwachsene und später Ausbildungszentren begannen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ständig zu wachsen, so dass es im Jahr 2001 an die fünfzig Camphill-Einrichtungen in England, Schottland, Wales und Irland gibt, die Teil einer weltweiten Bewegung sind.

Neben den Camphill- Einrichtungen gibt es ebenfalls eine große Zahl heilpädagogischer Heime, die auf anthroposophischer Grundlage arbeiten. Mit ihrer Pionierarbeit trug die Camphill-Bewegung zur Verbesserung der Lebens- und Lernbedingungen all derer bei, die Lernschwierigkeiten haben, sowie ihrer leidenden Familien. Durch Verständnis und Unterstützung wird ihr Los erleichtert.

In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts begann sich anthroposophische Medizin als Erweiterung der traditionellen Medizin zu entwickeln und jetzt, zur Jahrhundertwende, arbeiten diese beiden Bewegungen enger zusammen und zwar sowohl hinsichtlich bestimmter Studienangebote als auch des Austausches der jeweiligen Forschungsergebnisse.

Dramatische Veränderungen

Welche Neuerungen gibt es nach all den Jahren auf dem Feld der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie – oder blieb alles unverändert? Wie überall in der zivilisierten Welt hat sich auch in Großbritannien das Los der Menschen mit Lernschwierigkeiten und deren Familien dramatisch verändert. Es gibt inzwischen Gesetze, die den Kindern Schulbildung und den Erwachsenen Wohn- und Arbeitsplätze garantieren. Es gibt inzwischen unzählige Elternverbände, Selbsthilfegruppen, Vereine und Gesellschaften für jedes einzelne Krankheitsbild. Diese Gruppen artikulieren ihre Anliegen und kennen ihre Rechte sehr genau.

Von der idealen Gesellschaft

Hat Großbritannien nun also eine ideale und sozial gerechte Gesellschaft? Wenige sind dieser Meinung. Wenn man aber auf sechzig Jahre Entwicklung zurückschaut, kann man sich über vieles freuen. Viel mehr Hilfsangebote und ein viel größerer Einsatz von Regierungsseite stehen den Behinderten zur Verfügung, wobei auf der anderen Seite Regelungen, Gesetze und Inspektionen zugenommen haben. Dies trifft jedoch für viele Berufe zu und man muss damit leben.

PIET BLOK

Christopher Clouder
Organisator der "Steiner Waldorf Schools Fellowship", des "European Council for Steiner Waldorf Education" und der "Alliance for Childhood" in Großbritannien.

Piet Blok
Seit 1955 in Camphill-Einrichtungen in Großbritannien und den USA tätig. Beratung neuer heilpädagogischer Einrichtungen.