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Unbekannt und doch umstritten

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 64-65, Copyright-Hinweise beachten!)

Mit dem Ende des 2. Weltkriegs war in Frankreich wie in anderen europäischen Ländern alles so völlig zerstört und zertrümmert, dass es nur noch galt, wiederaufzubauen. Damals war die Waldorfpädagogik in Frankreich so gut wie unbekannt, nicht zuletzt wegen der fremden Sprache.

Einige deutsch sprechende Elsässer wollten jedoch eine Waldorfschule in Frankreich gründen und eröffneten am 1. Oktober 1946 die "Ecole Saint-Michel" in Straßburg. Es hatte zwar schon 1924 eine Schulklasse in Paris gegeben, die von der jungen Eurythmistin Simone Rihouet gegründet worden war, aber keinen Bestand hatte.

1950 wurde der Verein "L’art de l’éducation" (Erziehungskunst) von Henriette Bideau gegründet, die damals Deutschlehrerin am französischen Gymnasium für Militärkinder in Baden-Baden, Deutschland, war. Henriette Bideau übersetzte einige grundlegende Bücher von Rudolf Steiner über Pädagogik ins Französische und veröffentlichte selber u. a. einen Lehrplan für die Waldorfschulen in Frankreich. Auf dieser Grundlage kam es 1955 zu einer weiteren Schulgründung in der rue d’Alésia in Paris. Es war ein interessantes, aber auch schwieriges Abenteuer, denn wie sollte sich die Waldorfschule an die französischen Gegebenheiten anpassen? Eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

1957 wurde die dritte Schule in Chatou bei Paris gegründet, und 1968 begann dort das erste Lehrerseminar. Inzwischen waren die Gebäude in Paris zu klein geworden und die gesamte Schule 1977 nach Verrières le Buisson umgezogen. In dieser Pionierphase wurden zwei weitere Schulen gegründet. Beide hatten ein bestimmtes Anliegen: die Schule in Laboissière en Thelle war ein Internat und führte bis zur Oberstufe, was in den anderen Schulen nicht der Fall war, die Schule in La Mhotte wollte eine Schule auf dem Land sein.

In den 80er-Jahren folgte dann eine zweite Gründungswelle. Es entstanden die Schulen in Pau, Colmar, Lyon und Troyes. Von diesen Schulen konnte nur Colmar vollständig aufgebaut werden. Die Schule in Lyon umfasst Unter- und Mittelstufe, während die Schule in Pau sehr klein geblieben ist und die Schule in Troyes eigentlich nur aus einem Kindergarten besteht.

In den 90er-Jahren sind wiederum eine ganze Reihe von Schulinitiativen entstanden, hauptsächlich im Süden Frankreichs. Die Aussichten dieser Schulen und Initiativen sind zz. gering. Dies hängt mit der Geschichte von Schule in Frankreich zusammen, die in dieser Hinsicht noch sehr von den Jakobinern (der Einführung einer zentralistischen und kontrollierenden Struktur des Bildungswesens) beeinflusst ist. Der Sektenvorwurf, der das Leben der Waldorfschulen in Frankreich erschwert, ist eine logische Folge des extremen Zentralismus, der in Frankreich herrscht, und der anhaltenden Spannung zwischen Staat und Kirche hinsichtlich des Schulwesens.

Waldorfschulen und das "Ministère de l’Education Nationale"

Die ersten drei Waldorfschulen sind langsam gewachsen, nach und nach wurden Beziehungen zum "Ministère de l’Education Nationale" hergestellt, was in den Achtziger-jahren zu einem Vertrag mit dem Staat geführt hat. Dieser Vertrag enthält einerseits die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung, andererseits aber auch einige Zwänge, die das Leben der drei Schulen erschweren. Obwohl der Versuch gemacht worden war, die Waldorfpädagogik den französischen Verhältnissen anzupassen, war es immer schwierig, wenn nicht unmöglich, sich nach dem staatlichen Lehrplan zu richten. Seit 1997 wird den Pariser Schulen vorgeworfen, die staatlichen Vorgaben des Vertrags nicht zu erfüllen. Demzufolge wurden einige Veränderungen notwendig, was zu interessanten Fragestellungen hinsichtlich der Lerninhalte und Methoden führte. Seit einigen Jahren haben sich fast alle französischen Waldorfschulen mit der Frage der Neugestaltung der Mittelstufe beschäftigt. Das Studium der französischen Sprache muss ganz besonders gepflegt werden, denn es erfordert viel Zeit und besondere Aufmerksamkeit.

Die heftigen Angriffe von staatlicher Seite auf die Waldorfschulen in Frankreich während der letzten beiden Jahre bieten ein neues Übungsfeld, eine besonders gefährliche Gratwanderung zwischen Anpassung und Wahrung der eigenen Identität.

Wenn die Waldorfschulen in Frankreich weiter am Leben bleiben wollen

Die französische Schulbewegung ist klein, hat finanzielle Schwierigkeiten, die öffentliche Meinung ist gegen die Schulen eingenommen, die Politiker fürchten sich davor, die Schulen zu unterstützen, wenn sie es überhaupt vor haben, die Presse hat wenig Aufklärungsarbeit geleistet, die Perspektiven sind nicht sehr erfreulich. Dennoch hat die französische Schulbewegung viele Eltern, Freunde und Lehrer, die die Waldorfschule wollen, und die sich für ihr Fortbestehen einsetzen. Was ist zu tun?

Die Waldorfschule muss in Frankreich als Methodenschule neu begründet werden, und ihr Konzept in der Öffentlichkeit kommunizieren. Der Bund der Freien Waldorfschulen in Frankreich ist zz. damit befasst, die Gespräche mit dem Bildungsministerium zu intensivieren, und ist überzeugt, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben. Dies wurde vom französischen Bildungsminister Jack Lang in einem Brief vom 24. Juli 2001 bestätigt, der den positiven Dialog fortsetzen möchte.

ISABELLE ABLARD-DUPIN

Zur Heilpädagogik

Die erste heilpädagogische Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage wurde 1954 in Burgund eröffnet. Bis zum Jahr 2000 sind insgesamt elf weitere Einrichtungen, die geographisch z. T. weit voneinander entfernt liegen, entstanden. In Frankreich gibt es nur wenige große heilpädagogische Schulen und Heime, wohl aber mehrere kleine "Foyers" mit sechs oder sieben Betreuten. Der laufende Haushalt wird zu hundert Prozent vom Staat finanziert. Die Kinder werden von einer staatlichen Kommission in die Institute vermittelt. In jeder Region sitzt wohl der eine oder andere anthroposophische Heilpädagoge in einer solchen Kommission, denn es ist wichtig dazu beizutragen, dass der heilpädagogische und sozialtherapeutische Impuls mitten im sozialen Leben des Landes steht. Im Jahre 1999 wurde eine Einrichtung für Kinder kontrolliert: der Bericht war zum Teil negativ formuliert, vor allem in Bezug auf die (heilpädagogische) Waldorfpädagogik. In einem "Foyer" für Erwachsene wurde im selben Jahr eine kurze Reportage für das Fernsehen gefilmt. Diese wurde ebenfalls mit einem tendenziösen Kommentar veröffentlicht. Auch wenn es seit Anfang 2000 keine direkten Angriffe mehr gibt, bleibt das allgemeine Klima doch belastet. Aber die vielfältigen Aktionen, die mit und in der Öffentlichkeit schon jahrelang stattfinden, sind eine reale Unterstützung für die Heilpädagogik in Frankreich.

RUTH JACQUEMART

Isabelle Ablard-Dupin
Lehrerin für Deutsch und Musik an der Waldorfschule Chatou, Frankreich. Mitarbeiterin im Haager Kreis und in der Fédération des Ecoles Steiner en France.

Ruth Jacquemart
Musiklehrerin in der Heilpädagogik. Seit 1984 Heimleiterin in "Les Fontenotte" St. Julien-du-Sault, Frankreich.