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Steter Tropfen höhlt den Stein

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 88-89, Copyright-Hinweise beachten!)

Die erste Idee zu einer Waldorfschule in Finnland entstand im Kopf eines jungen Finnen, der Anfang der 30er-Jahre die Waldorfschule in Stuttgart, Deutschland, besuchte. So erzählt Reijo Wilenius, einer der Gründungsväter der finnischen Waldorfschulbewegung, der lange Jahre an der Universität von Jyväskylä Philosophie lehrte. 1938 fand dann ein Sommerkurs über Waldorfpädagogik in der finnischen Stadt Sammatti statt, an dem Annie Heuser (1896-1962), eine vor dem Nazi-Regime emigrierte Berliner Waldorflehrerin, und Elena Zuccoli (1901-1996), eine italienisch-schwedische Eurythmistin, beteiligt waren. Sie wollten in Finnland bleiben, der Krieg durchkreuzte aber ihre Pläne.

Die finnische Lehrerin Maija Juvas war die treibende Kraft, die 1949 und 1950 weitere Seminare über Waldorfpädagogik organisierte und Rudolf Grosse (1905-1994), Waldorflehrer aus Basel, Schweiz, einlud, um Vorträge zu halten. Nach ihrem Studium der Waldorfpädagogik in Dornach, Schweiz, bereitete sie zusammen mit Kaisu Virkkunen, Reijo Wilenius und Aijami Wilenius eine große internationale Ausstellung über Waldorfpädagogik vor, die 1955 in Helsinki stattfand. Hier konnte die Öffentlichkeit mit eigenen Augen sehen, was Waldorfschülerinnen und Schüler alles herstellen konnten. Die Abendvorträge wurden wiederum von Rudolf Grosse gehalten. Am ersten Abend erschienen 50 Zuhörer, am nächsten Abend 100, am dritten 200 und am vierten mehr als 400 Interessierte. Viele Eltern hatten den Wunsch im Herbst mit einer Waldorfschule zu beginnen. Doch dann kam die Tragik des Lebens dazwischen. Maija Juvas wurde krank und starb. Daraufhin entschloss sich Kaisu Virkkunen in aller Eile nach Stuttgart, Deutschland, zu gehen, um dort Waldorfpädagogik zu studieren. Anfang September 1955 öffnete dann wirklich die erste Waldorfschule in Helsinki ihre Tore; aufgrund der Zweisprachigkeit Finnlands mit einer schwedischsprachigen und einer finnischsprachigen Klasse. Schon 1958 erhielt die Waldorfschule ein eigenes Schulhaus und zehn Jahre später den Anbau für die Oberstufe.

Der Funke springt über

Anfang der 70er-Jahre entstanden zwei neue Waldorfschulen in Lahti (westliches Mittelfinnland) und Tampere (östliches Mittelfinnland), die zunächst als Privatschulen arbeiteten, bis sie sieben Jahre später staatlich anerkannt wurden. Die Waldorfschule in Helsinki dagegen war von Anfang an als Experimentalschule anerkannt gewesen. 1977 trat das Sondergesetz für Steiner-Schulen in Kraft, das die bestehenden drei Waldorfschulen als zwölfjährige Einheitsschulen bestätigt und eine Gleichstellung mit den staatlichen Schulen auch hinsichtlich der Finanzierung garantiert.

In den 80er-Jahren entstanden in vielen Städten Finnlands Gründungsinitiativen. In Helsinki, Lahti und Tampere wurden Waldorflehrerseminare eingerichtet. Ein Bund der freien Waldorfschulen wurde gegründet, um die Zusammenarbeit der Waldorfschulen zu fördern und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. 1981 bestimmte das Bildungsministerium einen Arbeitskreis, der die Waldorfpädagogik unter der Fragestellung evaluieren sollte, ob Waldorfpädagogik in Zukunft das staatliche Schulsystem positiv beeinflussen könne. Das Ergebnis war negativ. Die sozialdemokratische Regierung hatte erreicht, dass jedem Kind in Finnland gleiche Zugangschancen zur Schulbildung eingeräumt wurden, und wollte nun das Schulsystem möglichst effektiv und einheitlich gestalten. Für freie Waldorfschulen war in diesem System kein Platz.

Es gab jedoch eine große Zahl von Eltern, die unermüdlich um ihr Recht kämpften, die Qualität der Erziehung und die Schule ihrer Kinder selbst wählen zu können. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass es unmöglich war, weitere staatlich anerkannte Waldorfschulen zu gründen, fanden sich Eltern zusammen, die private Waldorfschulen eröffneten. Solche Privatschulen wurden Anfang der 80er-Jahre in Helsinki, Turku, Jyväskylä und Oulu gegründet. Bald darauf kamen Schulen in Vantaa, Pori, Tammisaari, Lappeenranta, Rovaniemi, Vaasa und Seinäjoki hinzu. Die Hartnäckigkeit der Eltern im Kampf um die freie Schulwahl führte 1991 dazu, dass Privatschulen, die nach einem internationalen Erziehungssystem arbeiteten, für die Zeit der Grundschule bis zur 9. Klasse finanzielle Unterstützung erhielten und als Ersatzschulen anerkannt wurden. 17 Waldorfschulen und zwei heilpädagogische Schulen erhalten seither staatliche Unterstützung.

Freiheit im finnischen Bildungswesen hart umkämpft

Nach all den harten Kämpfen für Freiheit im finnischen Bildungswesen kam es 1998 zu einer Bildungsreform. Das neue Bildungsgesetz regelt die Finanzierung von Privatschulen in der Weise, dass 90 Prozent des Haushalts, der für eine staatliche Schule festgesetzt ist, übernommen werden. Privatschulen, die schon vor dem Jahr 1998 in Betrieb waren, erhalten eine staatliche Unterstützung von 100 Prozent der laufenden Kosten, aber keine Investitionskostenzuschüsse. So haben die Waldorfschulen inzwischen die öffentliche und staatliche Anerkennung erreicht. Dennoch trifft man in Finnland immer noch häufig auf Meinungen, die sich gegen Freiheit im Bildungswesen aussprechen.

In einem nächsten Schritt wird der finnische Rahmenlehrplan überarbeitet werden. Von staatlicher Seite wurden viele Arbeitskreise zu diesem Thema eingerichtet. Vertreterinnen und Vertreter der Waldorfpädagogik wurden gefragt, sich in dem Arbeitskreis zur alternativen Pädagogik zu engagieren.

Einsatz mit Haut und Haar

Waldorfschulen haben in Finnland im Allgemeinen einen guten Ruf. Es herrscht die Meinung vor, dass Waldorfschulen etwas für künstlerische Schülerinnen und Schüler oder gar Kunstschulen seien. Manchmal wird auch die Meinung vertreten, dass die Waldorfschule eine Schule für besonders begabte Kinder sei oder eine Schule, die viel verlangt; Eltern, Kinder und Lehrerinnen und Lehrer setzten sich mit Haut und Haar für ihre Schule ein. Aber es gibt auch negative Stimmen, die da lauten: Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule lernen nichts und spielen nur. Die Methoden der Waldorfpädagogik seien veraltet. Und zu guter Letzt gibt es auch die Methode des Totschweigens.

Der Schlüssel für die Zukunft

Man muss sich die Frage stellen: Gibt es eine Zukunft für die finnischen Waldorfschulen? Schulen brauchen Kinder, Kinder brauchen Lehrerinnen und Lehrer, Lehrerinnen und Lehrer brauchen Eltern, die ihnen ihre Kinder anvertrauen. Eine Schule ist immer so gut wie ihre Lehrerinnen und Lehrer. Ohne eine fundierte Ausbildung zum Waldorflehrer wird es keine Waldorfschulen geben. Deshalb ist eine gründliche Lehrerausbildung der wichtigste Schlüssel für die Zukunft der Waldorfpädagogik in Finnland.

LEA BLÅFIELD

Lea Blåfield
16 Jahre Klassenlehrerin und langjährige Vorstandstätigkeit im Bund der Freien Waldorfschulen in Finnland.