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Im Land der Schulfreiheit

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 82-83, Copyright-Hinweise beachten!)

Die dänischen freien Schulen bestehen seit ungefähr 1850 und sind aus der gleichen Bewegung entstanden wie die dänischen Volksoberschulen und Volkshochschulen. Ihr Gründungsvater war N.F.S. Grundtvig (1783–1872), tief beeinflusst von Heinrich Steffens (1773–1845), welcher aus seiner Verwurzelung im deutschen Idealismus Anfang des 19. Jahrhunderts brillante Vorträge hielt, die das dänische Kulturleben stark geprägt haben. Grundtvig war Geistlicher und Dichter, für den der Mensch aus Gott erschaffen und zugleich ein freies und verantwortungsbewusstes Wesen war. Mit den Grundtvig Schulen, deren Ziel es war, Kinder als unabhängige denkende Wesen zur Verantwortung gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft zu erziehen, wurde Dänemark das Land der Schulfreiheit.

Die dänische Waldorfschulbewegung konnte im Jahre 2000 auf ihr 50-jähriges Bestehen zurückblicken. 1950 wurde die erste Schule, Vidar Skolen, in Kopenhagen gegründet. In den Jahren danach wuchs die Anzahl der Schulen bis auf siebzehn an. Die jüngste Schulgründung im Jahre 2000 fand wiederum in Kopenhagen statt. Die dänischen Waldorfschulen sind, besonders in dünner besiedelten Gebieten, Unter- und Mittelstufenschulen. Nur in einigen Städten gibt es eine Oberstufe. In den ersten Gründerjahren entstanden die Schulen vielfach auf Initiative anthroposophisch engagierter Menschen, die oft in langjähriger Vorbereitung auf eine Schulgründung hinarbeiteten. Dieses Bild hat sich nach und nach geändert. In jüngster Zeit werden Schulen oft da gegründet, wo es viele Waldorfkindergärten gibt, als Antwort auf den Wunsch der Eltern, nun auch eine Waldorfschule für ihre Kinder in der Nähe zu haben. Die Waldorfkindergärten erfreuen sich regen Zuspruchs. An einigen Orten sind auch Kinderkrippen für die jüngsten Kinder eingerichtet worden; dies als Konsequenz der hohen Erwerbstätigkeit sowohl der Mütter als auch der Väter in Dänemark.

Es gibt mehrere heilpädagogische Einrichtungen in Dänemark, die relativ großzügig vom Staat unterstützt werden und deren Arbeit breite Anerkennung findet. Besonders bekannt ist das heilpädagogische Heim Marjatta auf Seeland. Einigen Schulen sind heilpädagogische Klassen für behinderte Kinder angegliedert.

Lediglich Unterrichtspflicht und keine Examen

Aufgrund der langen Tradition eines freiheitlichen Bildungswesens, welche auf die starke Volksaufklärungsbewegung im 19. Jahrhundert zurückgeht, gibt es in Dänemark keine Schulpflicht, sondern lediglich eine Unterrichtspflicht bis zum 9. Schuljahr, deren Wahrnehmung in der Verantwortung der Eltern liegt. Die Eltern könnten im Prinzip ihre Kinder selbst unterrichten (vgl. § 76 der dänischen Verfassung). Anerkannte freie Schulen werden vom Staat mit etwa 70 Prozent der Kosten für einen Volksschüler unterstützt. Als Anerkennungsgrundlage gilt, dass der Unterricht gleichwertig, nicht jedoch gleichen Inhalts mit dem Unterricht der Volksschule sein muss. Die Aufsichtspflicht obliegt der Elternschaft, die einen Aufsichtsführenden damit beauftragt. Die oder der Aufsichtsführende muss lediglich bestätigen, dass der Unterricht in den Fächern Dänisch, Englisch und Mathematik zufrieden stellend ist.

Da die Waldorfschulen keinerlei Examina abnehmen und keine Notenzeugnisse ausstellen, somit also keine formalen Berechtigungsnachweise für eine weitergehende Ausbildung geben, haben sie einen weiten Freiheitsraum für ihre Unterrichtsgestaltung und ihre Selbstverwaltung bewahren können. Das ist ein hohes Gut, das die Schulen unbedingt bewahren wollen, weshalb auch vorerst nicht daran gedacht wird, eine gymnasiale Anerkennung anzustreben, obwohl die Waldorf-Oberstufe sich von Inhalt und Niveau her mit jeder gymnasialen Oberstufe messen kann.

Diese Freiheit hat natürlich ihren Preis. Nach der 12. Klasse haben die Schülerinnen und Schüler keine formale Studienberechtigung. Viele Schülerinnen und Schüler verlassen denn auch die Schule vor der 12. Klasse, um z. B. anderswo ihr Abitur zu machen, was an manchen Orten zu einer Ausdünnung der Oberstufe führt. Wer nach der 12. Klasse studieren will, braucht jedoch kein volles Abitur zu machen. Er kann sein Textzeugnis, das sehr ausführlich ist und das Pensum der Oberstufe detailliert aufführt, um einige studienrelevante Fächer auf Abiturniveau ergänzen und damit zum Studium aufgenommen werden.

Wie sicher vielerorts ist die finanzielle Situation nicht ganz unproblematisch. Die dänischen Waldorfschulen werden nur bis zur 10. Klasse staatlich bezuschusst. Die 11. und 12. Klassen müssen aus Elternbeiträgen finanziert werden. Für die 12. Klasse ist die Situation in den letzten Jahren durch eine gesetzgeberische Neuschöpfung etwas gemildert worden, die so genannte Freie Jugendausbildung (FUU). Durch sie können sich junge Menschen einen bis zu dreijährigen Ausbildungsgang frei nach eigenen Wünschen aus verschiedenen Komponenten zusammenstellen, der dann finanziell vom Staat unterstützt wird. Das 12. Schuljahr an der Waldorfschule kann eine Ausbildungskomponente sein, von der fast alle Zwölftklässler Gebrauch machen. Die Finanzierung der 11. Klasse ist noch ungelöst.

Gemeinsames Singen und individuelle Jahresarbeiten

Die Waldorfschulen sehen sich selbstverständlich als Teil der dänischen Kultur. Dänische Literatur, Kunst und Geschichte haben ihren Platz im Lehrplan. Das reichhaltige dänische Liedgut spielt eine wichtige Rolle im Jahreslauf. So versammelt sich die ganze Schule morgens vor dem Unterricht zum gemeinsamen Singen, die Oberstufe häufig getrennt zum gemeinsamen Rezitieren. Eine hohe Priorität im Schulleben haben die Jahresarbeiten der Zwölftklässler. Sie werden mit großer Intensität ausgeführt und im festlichen Rahmen der Schulgemeinschaft und der Öffentlichkeit vorgestellt. Jede Jahresarbeit wird von einem Fachmann schriftlich begutachtet; das Gutachten ist Bestandteil des Abschlusszeugnisses.

Seit einiger Zeit stellt sich verstärkt die Frage, wie sich die Schule und die Schulbewegung von innen erneuern kann. Im pädagogischen Bereich wird in verschiedenen Schulen daran gearbeitet, den Stundenplan geschmeidiger zu gestalten und die Zusammenarbeit der Lehrerinnen und Lehrer in den jeweiligen Klassen zu intensivieren. Es wird ebenfalls daran gearbeitet, die Oberstufe zu reformieren, eventuell in regionaler Zusammenarbeit. Die Frage nach der pädagogisch-didaktisch sinnvollen Einbettung der Informationstechnologie in den Lehrplan wird bearbeitet.

Neue Gestaltung gesucht

Eine Neubesinnung auf die Schule als einen selbstverwalteten sozialen Organismus zeichnet sich ab. An mehreren Schulen und in dem "Bund der Freien Rudolf-Steiner-Schulen" wird an den Grundlagen der Selbstverwaltung gearbeitet und nach neuen Formen kollegialer Zusammenarbeit, der Beteiligung von Vorständen und Eltern an der Sozialgestalt der Schule und des Dialogs mit der Öffentlichkeit gesucht.

Als Manifestation dieser Bestrebungen fand im Mai 2000 eine groß angelegte Ausstellung zur Waldorfpädagogik in Kopenhagen statt. Es war die erste Unternehmung dieser Art mit Beteiligung aller Schulen. Durch Schülerarbeiten, Aufführungen, Workshops wurde ein Einblick in das Leben der Waldorfschulen gegeben. Durch Konferenzen mit namhaften bildungspolitischen und gesellschaftspolitischen Persönlichkeiten wurde der Wille der Waldorfschulen bekundet, aus der bisher relativ unbeachteten Arbeit in den eigenen Einrichtungen jetzt verstärkt in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten, ein Bestreben, das weitergeführt werden soll.

ANNA MARGRETHE SCHOLLAIN

Anna Margrethe Schollain
in der Waldorflehrerausbildung in Dänemark und der Ukraine tätig und Übersetzerin anthroposophischer Literatur ins Dänische.