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Vom Regenwald bis in die Berge

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 148-151, Copyright-Hinweise beachten!)

Die erste Waldorfschule Australiens öffnete ihre Tore 1957, eine große Freude für eine Gruppe engagierter Anthroposophen, die auch australischen Kindern Waldorfpädagogik ermöglichen wollten. Beinahe 50 Jahre später gibt es in Australien 38 Waldorfschulen an verschiedenen Orten, von modernen Großstädten am Meer bis zum roten Zentrum Australiens, Alice Springs. Die Idee, eine Waldorfschule in Australien zu gründen, entstand bereits bei einem Treffen 1951, an dem einige Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in Australien anwesend waren, Menschen mit Visionen und Idealen und mit der Fähigkeit und Energie Träume wahr werden zu lassen. In den 30er- und 40er-Jahren gab es in der anthroposophischen Gesellschaft bereits ein reiches kulturelles Leben, das Künstler anzog, die in Theater, Malerei, Architektur, Musik, Literatur und Eurythmie kreativ tätig waren.1

Schule mit drei Kindern

Eric Nicholls war die treibende Kraft hinter der ersten Waldorfschulgründung. Zunächst ging es darum, einen geeigneten Lehrer zu finden. Man verabredete schließlich, dass die Lehrerin Sylvia Brose nach Edinburgh, Großbritannien, reisen solle, um dort Waldorfpädagogik zu studieren. 1956 konnte "Dalcross", ein Grundstück mit einem bestehenden Kindergarten nördlich von Sydney Harbour, erworben werden und 1957 begann die aus Edinburgh zurückgekehrte Sylvia Brose mit der ersten Waldorfklasse und drei Kindern. Schon bald zog die kleine Schule auf ein neues Grundstück, wo sie bis heute zu einer Schule mit dreizehn Klassen und 500 Schülerinnen und Schülern angewachsen ist. Mit über achtzig lebt Sylvia Brose immer noch in der Nähe der Schule und nimmt lebhaften Anteil am Schulleben. Fast vierzig Jahre lang setzte sie sich aktiv für Waldorfpädagogik in Australien ein, als Lehrerin, Geschäftsführerin, Mentorin und Beraterin junger Waldorfschulinitiativen.

Besondere Liebe zur Unabhängigkeit

Mittlerweile sind viele weitere Waldorfschulen aus der Initiative von Lehrern, von Eltern oder auch von ein oder zwei Einzelkämpfern entstanden. Die frühen Schulgründungen fanden in den Großstädten statt, zunächst in Sydney, Melbourne, Adelaide, später in Canberra, Perth, Hobart und Brisbane. Von dort aus breitete sich Waldorfpädagogik auch in kleinere Städte aus und schließlich zu einigen wunderschönen Ortschaften in Küstendörfern, Landbaugebieten, im tropischen Regenwald und in den Bergen. Diese Vielfalt birgt eine Schwierigkeit in sich, die der Entfernung. Die einzelnen Waldorfschulen können hunderte, ja tausende von Kilometern voneinander entfernt liegen, was eine Schulbegleitung schwierig macht. Die Schaffung eines Netzwerks zwischen den Waldorfschulen ist daher eine besondere Aufgabe und widerspricht gleichzeitig der Unabhängigkeit liebenden Psyche der Australier. Die Assoziation der Rudolf-Steiner-Schulen in Australien ist das nationale Forum, in dem sich Delegierte der Mitgliedsschulen zwei Mal im Jahr über Fortschritte, Schwierigkeiten und über die Belange der nationalen Bildungspolitik austauschen. Zwei Mal im Jahr finden Waldorflehrertagungen statt und da Australier gewöhnlich gerne reisen, nehmen sie auch häufig an Waldorflehrertagungen in Übersee teil.

Aborigineskultur integriert

Im Unterschied zu vielen anderen Ländern ist Demokratie in Australien tief verwurzelt. Die Gesellschaft ist tolerant, obwohl auch hier Probleme existieren. Seit 50 Jahren hat sich Australien zu einem der multikulturellsten Länder der Welt entwickelt mit einer großen Vielfalt an Blickwinkeln. Eine besondere Aufgabe ist es, die Kultur der Aborigines in den Unterricht der Waldorfschule einzubeziehen, ohne nur einzelne Elemente zum Lehrplan hinzuzufügen. Legenden und Mythen der Aborigines sowie deren soziale und religiöse Riten nehmen viel Raum im Lehrplan der Waldorfschule ein. Dennoch ist es traurig aber wahr, dass aus sozialökonomischen Gründen nur wenige Aborigines zur Waldorfschule gehen. Viele Schülerinnen und Schüler der Waldorfschulen waren in der Versöhnungskampagne aktiv, durch die sich Australier bei den Aborigines für das seit der europäischen Besiedlung 1788 begangene Unrecht entschuldigten.

Integration in das staatliche Finanzierungssystem

Waldorfschulen in Australien werden auf föderaler und kommunaler Ebene vom Staat finanziert, dennoch müssen Schulgebühren erhoben werden. Im Staat Victoria gibt es jedoch seit zehn Jahren ein neues Finanzierungsmodell. Dort wurde einer existierenden Staatsschule ein Waldorfzweig angegliedert, der zu 100 Prozent durch den Staat finanziert wird. Inzwischen gibt es in Victoria sieben solcher Schulen und es ist zu hoffen, dass andere Staaten dem Beispiel Victorias folgen.

Obwohl die Zahl der Waldorfschulen in Australien sehr hoch ist, bleiben die Schülerzahlen der einzelnen Schulen häufig gering, sodass die Finanzierung des Schulhaushalts immer wieder Besorgnis erregt. Eine zweite Sorge betrifft den Mangel an ausgebildeten und erfahrenen Waldorflehrern. Es gibt eine Reihe Studienmöglichkeiten, aber die beiden größten Lehrerseminare befinden sich in Sydney und Melbourne. Auch hier spielen die großen Distanzen eine Rolle, die manchmal nicht zu überbrücken sind. Daher wurde ein Waldorfpädagogik-Fernstudium eingerichtet, um diesem Problem Herr zu werden.

"Freies Spiel" wird Standard

Faszinierend ist es zu verfolgen, wie Methoden der Waldorfpädagogik in das nationale Erziehungssystem Eingang finden. Erwähnt sei z. B. die Methode des "Freien Spiels", das zum Fundament des staatlichen Lehrplans für frühkindliche Erziehung gemacht wurde. "Holistische Erziehung" ist ein weiteres Schlagwort, das heute in aller Munde ist, obwohl hier allerdings breite Interpretationsspielräume möglich sind. Erfreulicherweise ist Waldorfpädagogik in pädagogischen Fachkreisen inzwischen bekannt und ihr Beitrag zum Erziehungssystem geschätzt. In den Augen der weiteren Öffentlichkeit wird Waldorfpädagogik ebenfalls als eine bereichernde Alternative betrachtet, im Sinne jener häufig gemachten Bemerkung: "Ich wünschte, ich hätte früher davon erfahren als ich bzw. meine Kinder noch jung waren".

Bisher wurde Australien von vielen Tragödien und Traumata verschont, die andere Nationen im letzten Jahrhundert durchleiden mussten. Francis Edmunds, Gründer des Emerson College in Großbritannien, der Australien oft besucht hatte, fragte sich immer, ob nicht in Zukunft viel von Australien verlangt werde. Wenn von der südlichen Hemisphäre neue Impulse ausgehen sollen, muss man sich fragen, woraus sie entstehen sollen. Australien hat in der Vergangenheit wichtige Kulturen in sich vereint: die europäische, amerikanische und die asiatische. Heutzutage gibt es ermutigende Zeichen eines neuen Verantwortungsbewusstseins und einer neuen Identität, aber dennoch ist der Weg zum Ziel noch lang. Australien benötigt junge Menschen, die unabhängig denken, ein starkes moralisches Gefühl ausgebildet haben und voll Kraft und Energie sind. Hierzu leistet Waldorfpädagogik ihren Beitrag.

ROSEMARY GENTLE

1 Zu dieser Gruppe gehörten u. a. Lute Drummond, Alice Crowther, Walter Burley Griffin (Architekt, der die "Federal Capital" in Canberra entworfen hat), seine Frau Marion, Eric Nicholls, Walter Burle.

Zur Heilpädagogik

Die Heilpädagogik in Australien begann 1952 mit der Übersiedlung Dr. Joachim Pohls (1909-1963) und Kyra Pohls (gest. 1967) von Deutschland nach Sydney. Kyra Pohl hatte anthroposophische Heilpädagogik in Arlesheim, Schweiz, kennen gelernt und noch mit Dr. Ita Wegman zusammengearbeitet. In Cremorne, Sydney, gründete sie 1957 zusammen mit Lesley Evans, Susan Harris, Inike Tenekest und Majory Wough die St.-Michael’s-Schule, erste heilpädagogische Tagesschule auf anthroposophischer Grundlage in Australien. Die Anfänge waren bescheiden. Ein Jahr später zog die Initiative nach "Inala" in die Pennant Hills, 20 km nördlich von Sydney um. Die Mitarbeiter lebten zusammen mit den Kindern in einem Raum, in dem dann am Morgen der Kindergarten oder Schulunterricht stattfand. Etwas später kamen Eisenbahnwagen als Schulräume hinzu. Heute umfasst diese Institution eine Schule für 30 Schüler, viele Gruppenhäuser für 80 Betreute und Werkstätten mit 40 Arbeitsplätzen.

In den 60er- und 70er-Jahren kamen fünf weitere Gründungen hinzu: 1965 die Warrah-Heimschule und Werkstätten in der Nähe von Sydney durch Karl und Hannelore Kaltenbach, 1966 die "Miroma" Tagesschule in Sydney durch Susan Haris, 1972 die Wandin-Heimschule und Gärtnerei in der Nähe von Melbourne, 1978 "Knights Hill" und 1980 "Ngeringa". Die letzen drei mussten in den 90er-Jahren von kirchlichen Organisationen übernommen werden, da sie mit ihrer kollektiven Organisationsführung den rechtlichen und individuellen Anforderungen, die vom Staat verlangt wurden, nicht in voller Verantwortlichkeit nachkommen konnten.

Zusammenschluss

1969 wurde die "Association for Rudolf Steiner Curative Education and Social Therapy in Australia" gegründet. Diese veranstaltet jährlich heilpädagogische Tagungen in Sydney, Melbourne und Adelaide und wurde so das verbindende Glied zwischen den Institutionen. Von 1974 bis 1992 organisierte die Association dreijährige Praxis begleitende Ausbildungskurse. Das Seminar wurde Mitte der 90er-Jahre eingestellt, weil sich die gesellschaftlichen Erwartungen an eine heilpädagogische Institution in den letzten Jahren stark gewandelt haben, und ganz neue Konzepte erarbeitet werden müssen.

Neues Gesetz bringt große Veränderungen

Im Jahr 1986 ist in Australien ein neues Gesetz, "The Disability Services Act" verabschiedet worden. Dieses Gesetz setzte eine grundlegende Veränderung in den Verhaltensweisen von Mitarbeitern, Erwachsenen mit Behinderungen und deren Eltern in Gang.

Das hatte zur Folge, dass die Heimführung und Mitarbeiterausbildung in stärkerem Maße als bisher rechtliche Aspekte berücksichtigen musste. Bis dahin wurden die Erwachsenen mit Behinderungen in Gruppen unter fürsorglichster Pflege einer Gruppe von Mitarbeitern betreut. Jetzt musste für jeden Betreuten ein persönlich passendes Entwicklungsprogramm erarbeitet werden.

Das erforderte von den Mitarbeitern, zusätzlich zu deren anthroposophisch-menschenkundlichen Kenntnissen, gute Rechtskenntnisse. Die Institutionen mussten sich auch spezialisieren und konnten nicht mehr den Bedürfnissen aller Behinderten gerecht werden. Die medizinische Behandlung wurde nicht mehr in den Heimen vorgenommen, sondern der Entscheidung der Eltern und den Erwachsenen mit Behinderungen selbst überlassen.

Der Staat forderte dann auch Qualitätssicherungen und Leistungsgutachten für jeden einzelnen Betreuten wie für die Gruppenhäuser. Dies führte zu einer erheblichen Ausweitung der Administration und beanspruchte alle zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen.

Die Verlagerung des Schwerpunktes in der Heilpädagogik von einem Gemeinschaftsfokus zum individuellen Erziehungsund Arbeitsprogramm ist nun abgeschlossen. Die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie ist heute bemüht, die geisteswissenschaftlichen und menschenkundlichen Erkenntnisse fruchtbringend mit den rechtlichen und individuellen Erwartungen der heutigen Kultur zu verbinden. Die "Association for Curative Education and Social Therapy" bemüht sich heute einen neuen Ansatz für einen zeitgemäßen Ausbildungskurs für Mitarbeiter anzubieten. Dieser soll noch im Jahr 2001 beginnen.
 
DR . KARL KALTENBACH

Rosemary Gentle
Waldorflehrerin; Diplom in Schulverwaltung. Aufbau und Beratung von jungen Waldorfschulen. Leiterin des Bundes der freien Waldorfschulen in Australien.

Dr. h.c. Karl Kaltenbach
Studium der Landwirtschaft und Wirtschaft. Heilpädagoge. Von 1982 bis 2000 Leiter der anthroposophischen Gesellschaft in Australien.