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Anatolij Pinskij – „ein Kämpfer für seine Zeit“

Mit nur 50 Jahren starb am 14. Dezember Anatolij Pinskij – ein unersetzbarer Verlust für die russische Waldorfbewegung, und für das Bildungsleben in Russland überhaupt. Er war maßgeblich am Aufbau der russischen Waldorfbewegung beteiligt, war Mitbegründer und langjähriger Leiter der ersten Waldorfschule in Moskau, Berater des Bildungsministers, Leiter verschiedener Reform-Projekte – und daneben ein sehr begabter Künstler.

Prägend für die Biographie von Anatolij Pinskij war der „Schedrowizkij-Zirkel“. Schedrowizkij war einer der bedeutendsten Philosophen-Dissidenten Russlands in den 70er und 80er Jahren. Aus diesem Zirkel, der u.a. über die wichtigen westlichen Philosophen diskutierte, gingen viele bedeutende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Philosophie und Politik hervor – und wichtige spätere Kontakte für Pinskij.

In diesem Kreis lernte er das Diskutieren und Moderieren: Fähigkeiten, die viel später, als er als Politiker zu wirken begann, ihre Früchte trugen. Ich war tief beeindruckt, wie geschickt er ganz verschiedene Leute - Lehrer, Schulleiter, Vertreter von Verwaltung und Regierung, Juristen, Ökonomen und Eltern - zusammenbrachte, jeden verstand und jede produktive Idee aufnahm. Pinskij leitete runde Tische und Arbeitsgruppen, er wirkte als Vermittler bei der Lösung konkreter Probleme des Schulwesens auf der föderalen, regionalen und lokalen Ebene und führte Diskussionsforen im Internet, wo Fragen zur Schulreform aus dem ganzen Lande zusammenliefen.

Daneben hatte er auch eine ganz andere, künstlerische Seite. Schon als Physikstudent gab er eine Zeitschrift „Lyriker“ mit heraus, schrieb Erzählungen und Gedichte. Leidenschaftlich begeisterte er sich für Musik, spielte Gitarre, sang – und bereicherte jede Feier. Das an „seiner“ Waldorfschule einstudierte Musical „Anatevka“, in dem er die Hauptrolle des Milchmannes Tewje spielte, gewann den ersten Preis im Schultheater-Wettbewerb.

Pionier der Waldorfbewegung

Ende der 80er Jahre lernte Pinskij die Anthroposophie kennen. In seiner Wohnung veranstaltete er erste pädagogische Arbeitskreise, bald darauf wurde er Mitgründer und Namensgeber des Klub „Aristotel“, aus dem verschiedene Waldorfinitiativen hervorgingen. Für Pinskij verband sich mit dem Namen „Aristoteles“ die Suche nach Ideen in der Realität selbst, ausgehend von den Gegebenheiten des Lebens. Immer wieder stellte er der „platonischen“ Begeisterung vieler Waldorflehrer und -initiativen sein Konzept der Kompromisse und der Beachtung der Realität gegenüber, was ihm starke Antipathien unter vielen russischen Waldorfinitiativen einbrachte.

Davon unbeirrt, gelang es Pinskij, für seine Moskauer Schule den Status einer staatlichen Waldorfschule zu bekommen. Als unter Putin die staatlichen Zuschüsse an private Schulen wegfielen, blieb so die „Pinskij-Schule“ eine der wenigen großen, stabilen Waldorfschulen Russlands. Pinskij vertrat auch eindeutig den Standpunkt, daß russische Schulen einen Direktor brauchen: Weil die kollegiale Selbstverwaltung Instabilität und Konflikte provoziert und die reale Verantwortung verwischt (tatsächlich gingen mehrere russische Schulen an internen Konflikten zugrunde) und weil das russische Rechtssystem einen Direktor verlangt, der natürlich alle Entscheidungen auch verantworten muß.

Pinskij selbst entlastete als Direktor „seine“ Lehrer von allen administrativen Fragen und hielt ihnen auch sonst den Rücken frei.

Eine Lehrerin berichtet: „Ich feierte mit meinen Kindern ein Fest, viele Kerzen waren angezündet. Plötzlich öffnete sich die Tür und der Feuerwehrinspektor stand vor mir. Jetzt ist alles aus! Dann sah ich Pinskij hinter seinem Rücken auftauchen, der freundlich lächelnd zum Inspektor sagte: ‚Schön, nicht wahr?‘ Der Mann hat genickt und zurückgelächelt. Voller Erleichterung konnten wir aufatmen.“

Mit der Zeit wurde die Pinkij-Schule bekannt als eine der besten Schulen in Moskau. Sie ist voll ins Moskauer Bildungsleben integriert und hat doch ihr eindeutiges Waldorfprofil.

Weite Kreise und große Reformen

Weit über die Waldorfbewegung hinausgreifend iniitiierte Pinskij ein Diskussions- und Begegnungsforum für Schulleiter und einen „Moskauer Club of Rome“ der intellektuellen Elite Russlands zu wichtigen Tagesthemen und grundsätzlichen Problemen. Beide Kreise trafen sich oft in den Räumen der Waldorfschule, was zur Popularität der Waldorfpädagogik beitrug, ohne das Pinskij bei solchen Treffen ein einziges Wort über diese verlor.

Im Jahr 2000 wurde Pinskij Berater des Bildungsministers, wirkte an der Spitze verschiedener Kommissionen mit – und in den folgenden Jahren gab es keine einzige aktuelle Frage, zu der er nicht Stellung genommen hätte. Oft kritisierte er Entscheidungen des Ministeriums in scharfer Form und wohlbegründet.


Einige Beispiele der von ihm initiierten Reformen:

In der Umbruchzeit der 90er Jahre versank das russische Schulwesen in Armut. Pinskij erreichte, daß die Schulen durch zusätzliche Bildungsangebote wie Theater, Musik oder Sprachkurse Elternbeiträge erheben durften (was vorher strafbar war). Er entwickelte ein neues Gehaltssystem, das nicht mehr streng an die Zahl der Unterrichtsstunden geknüpft war und so die Voraussetzung für inhaltliche Reformen schuf. Eltern bekamen ein Mitwirkungsrecht bei Entscheidungen der Schulverwaltung. Sein vielleicht wichtigstes Reformprojekt war die Profilierung der Oberstufe: Mußten zuvor alle Schulen ein übervolles Pflichtprogramm anbieten, durften sie sich nun naturwissenschaftlich oder humanistisch ausrichten.

Politik und Kunst vereint

In den letzten Jahren führte Pinskij einen sehr besonderen Lebensstil. Morgens konnte er in der Duma einen wichtigen Bericht geben, abends mit Freunden in einem Restaurant wunderbare georgische und hebräische Lieder spielen und singen... Diese letzten Jahre seines Lebens widmete er intensiv dem Aufbau eines Ensembles für jiddische Volksmusik.

Nun ist Anatolij Pinskij von uns gegangen, und wir versuchen uns bewusst zu machen, was er geleistet hat und wie uns seine Beobachtungen zu einer Neubesinnung anregen können. Seine Gedanken widersprechen in vielem unseren gewohnten Vorstellungen, doch meiner Meinung nach ist gerade Pinskijs Wirken ein konkretes Beispiel dessen, was Rudolf Steiner als Ziel der Waldorferziehung formulierte, nämlich aus dem Geiste die konkreten sozialen Probleme der Gegenwart zu lösen.

Vladimir Sagvosdkin