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Emily Moabelo – ein Nachruf

Die südafrikanische Waldorfbewegung verlor am 19.10.2006 drei wichtige Persönlichkeiten. Bei einem tragischen Autounfall starben an diesem Tag Emily Moabelo, die Gründerin der Lesedi Waldorfschule in Madietane, und ihre Verwandte Irene, die die Verwaltung der Schule übernommen hatte. Yvonne Bleach, die als Mentorin der südafrikanischen Waldorfbewegung jahrelang Initiativen begleitet hatte, erlag am Weihnachtstag ihren Verletzungen.

Ich hatte das Privileg, Emily über ein Jahrzehnt gekannt zu haben. Emily wuchs in einem abgelegenen Dorf vier Autostunden nördlich von Johannesburg auf. Sie durchlebte Jahrzehnte der Apartheid, machte dann eine Waldorfausbildung und eröffnete in ihrem Heimatdorf eine Waldorfschule, die sie Lesedi nannte – „Licht“ in der Sotho-Sprache.

Emily erzählte mir oft, wie sie aufwuchs. Nach der Ernte wurden die Kinder mit Säcken von Bohnen auf ihren Köpfen auf den stundenlangen Weg zum nächstgelegenen Laden geschickt. Das war dann die einzige Zeit im Jahr, wo Emily etwas Brot essen und Zucker kosten konnte. Emilys Familie war mit der Lutheranischen Missionskirche in Madietane verbunden, und genau in dieser Kirche begann sie – Jahre später – ihren Waldorfkindergarten.

Täglich 8 Stunden Schulweg

Obwohl es im Dorf natürlich keine Oberschule gab, war Emily entschlossen, einen Abschluß zu machen. Die nächste Oberschule lag vier Stunden entfernt jenseits der Berge, in denen man aggressiven Pavianen begegnete. Emily machte sich jeden Morgen um 4 Uhr auf den Weg, um pünktlich um 8 Uhr die Schule zu erreichen, und sie war nie vor 19.30 Uhr wieder zuhause. Täglich ging sie ohne Proviant, ohne Schuhe und mit immer derselben Kleidung. Und am Ende hatte Emily als einzige in ihrem Dorf einen Oberschul-Abschluß.

Dann heiratete sie, bekam drei Kinder, zog sie alleine groß und arbeitete jahrelang als Hausangestellte in Johannesburg, wo sie in einem winzigen Zimmer wohnte und nur einen Nachmittag in der Woche frei bekam. Sie kümmerte sich um die Kinder ihrer Arbeitgeber, aber durfte ihre eigenen Kinder nicht bei sich haben.

Schließlich bekam sie Arbeit bei einer Familie, die den ersten Waldorfkindergarten Südafrikas in ihrer eigenen Garage gründete. Nun konnte sie zumindest ihren jüngsten Sohn bei sich haben, der als einziges schwarzes Kind den Kindergarten besuchte, obwohl die Apartheidsgesetze gemischte Erziehung damals noch bei Strafe verboten.

Emily war beeindruckt von der Waldorfpädagogik. Ihre Arbeitgeber wiederum entdeckten schnell Emilys Potential und ermutigten sie, eine Abendschule zu besuchen, wo sie eine Fortbildung in Buchhaltung machte. Als sie dann eine besser bezahlte Arbeit suchte, merkte sie schnell, daß Schwarze nur jene Arbeit tun durften, die in ihrem Pass vermerkt war, und das war in ihrem Fall „Haushaltshilfe“.

Später wurde ihr eine gut bezahlte Arbeit in Spanien angeboten wurde, doch da starb die Frau ihres Arbeitgebers. Als dieser sie bat, nicht wegzugehen, sondern für seine nun mutterlosen Kinder zu sorgen, zögerte sie nicht und blieb. Dieses eine Beispiel zeigt die tiefe Liebe, die Emily stets für Kinder empfand.

Späte Gelegenheit

Als sich 1986 die Möglichkeit ergab, sich am Baobab Centre in Alexandra für eine Waldorfkindergarten-Ausbildung anzumelden, ergriff Emily die Gelegenheit. Inzwischen war sie 48 Jahre alt. Nach der Ausbildung wurde sie eine der ersten Erzieherinnen im Waldorfkindergarten Inkanyezi, der in der Township gegründet worden war. Schließlich, im Jahr 1991, fühlte sie, daß die Zeit reif war, ihren eigenen Kindergarten in Madietane zu eröffnen.

In kürzester Zeit war ihr Kindergarten mit Kindern überflutet. Zeitweise hatte sie 70 bis 120 Kinder, die sie alle selbst betreute. Die meisten Eltern konnten kaum einen einzigen Rand bezahlen, doch Emily nahm alle Kinder auf und gab ihnen sogar nahrhafte Mahlzeiten. So mußte sie sich zugleich um Spenden kümmern. Ihre Methode war: Öffne das Telefonbuch irgendwo, dann tippe mit geschlossenen Augen auf den Namen einer Firma und verfolge diesen Kontakt, bis Du irgendein Ergebnis bekommst. Meist hatte sie mit dieser Methode Erfolg...

1992 brachte der „Sowetan“, eine große Zeitung, die exklusive Story darüber, was eine Frau in einer ganz armen Gegend allein auf sich gestellt erreichen konnte – und vergab an Emily den Preis für die „Frau des Jahres“.

Nach einigen Jahren war die Schule auf mehrere Kindergartengruppen und sieben Klassen gewachsen. Noch immer deckte das Schulgeld allein nicht einmal die bescheidensten Gehälter für die Lehrer. Emily kämpfte kontinuierlich für die Anerkennung durch die Bildungsbehörden, um wenigstens einen kleinen Zuschuß zu erhalten.

Sieg über den Krebs

Oft war Emily sehr müde. Und dann wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Sie aber verzweifelte nicht, sondern war überzeugt, daß sie die Krankheit überwinde, weil der Erzengel Michael sie beschützen würde. Und nach der ersten Serie von Chemotherapie konnten die Ärzte keinen Tumor mehr finden.

Im Jahr 2004, mit 66 Jahren, zog sich Emily dann in den Ruhestand zurück. Nach einem Jahr baten die Lehrer sie zurückzukommen. Im Mai erhielt ich ihren letzten Brief, in dem sie mich bat, bei der Suche nach Unterstützung für die Schule zu helfen, weil die Lehrer schon drei Monate ohne Gehalt gearbeitet hatten. Die Schule hatte außerdem drei Waisenkinder aufgenommen...

Fünf Monate später starb Emily bei einem tragischen Autounfall. Während ich dies schreibe, fühle ich ihre Gegenwart. „Ja“, scheint sie zu sagen, „die Schule braucht Hilfe, um ihre fruchtbare Arbeit fortzuführen.“ Eine Waldorfschule in solch einer armen Umgebung ist ein Wunder. Emily und ihre Schule haben über Jahre hinweg gezeigt, wie das Leben von Kindern inmitten von Armut bereichert werden kann.

Truus Geraets (übers. hn)