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Ein Weihnachtsspiel in Mexiko

“Unsern Eingang segne Gott...”, singt der kleine Zug, angeführt vom Engel. Begleitet vom mexikanischen Klang einer Gitarre und einer Violine, beginnen so auch im 19. Jahr die Oberufer Weihnachtsspiele am Centro Educativo Goethe – aufgeführt in zwei Schichten für 101 Kinder und ihre Eltern. – Ein Porträt einer sehr engagierten Schule.

„Ich bin froh, daß wir gekommen sind“, denkt Luisa, eine Kindergartenmutter. 45 Minuten brachte sie mit ihren Kindern im chaotischen Verkehr zu, um die friedliche, kleine Straße im Süden von Mexiko-Stadt zu erreichen. Die Kumpanei hört auf zu singen und der „Sternsinger“ beginnt seine Grüße. „Sie sieht aus wie Frau Monica“, flüstert Sebastian seiner Mutter zu. Er sieht sie täglich im Kindergartenbüro. Nun entfaltet sie die lange Schere mit dem Stern. Überraschtes Aufatmen bei manchen der kleinen Zuschauer...

Der Chor singt ein traditionelles spanisches Weihnachtslied, während Maria ihre Wäsche wäscht. Sebastian richtet sich auf: Das ist doch seine Kindergärtnerin! Veronica Lozano, Waldorferzieherin schon seit 1984.

Als das Lied endet, klagt Joseph über den Tribut an Caesar Augustus– und vielleicht auch über seine eigenen Steuern... Es ist Octavio Reyes, Sekretär des anthroposophischen Zweiges, Absolvent der Heilpädagogik-Ausbildung in Bad Boll. Neben seiner Tätigkeit an der Nationaluniversität arbeitet er privat heilpädagogisch. Seine Unterstützung für die Schule war ganz entscheidend – spirituell und materiell. Doch jetzt findet Joseph nicht einmal ein Dach über dem Kopf: Die jungen Lehrer der 2. und 3. Klasse und der neue Musiklehrer weisen als die drei Wirte das heilige Paar von der Schwelle...

Nun verfolgt das Publikum die Geburt Jesu in einer seltenen Ruhe – zur Verwunderung vieler neuer Eltern, die bisher nur den Streß unserer Millionenstadt und die allgemeinen Schlagzeilen über wachsende Gewalt und Kriminalität erlebt haben.

Nach dem Freudenchor kommt Galo (Gallus) herein, dünn und von einer Erkältung geschüttelt: Frau Lourdes Mendez, lange Jahre Klassenlehrerin. Jetzt arbeitet sie an den notwendigen Dokumenten, damit wir für unseren Kindergarten die durch ein neues Gesetz vorgeschriebene offizielle Registrierung erhalten.

Galo-Gallus begrüßt nun den jungen Miguel-Stichl, dessen Charakter das Spiel so belebt. – Pilar Fenelón gibt auch der Schule viel Leben. Sie ist seit 1988 Klassenlehrerin, unterrichtet Bothmer-Gymnastik und Bewegung, leitet Lesekreise, Arbeitsgruppen für Eltern, betreut weniger erfahrene Lehrer und vieles mehr.

Ein Tambourin und eine spanische Klapper bringen die Hirten zum Tanzen. Tirso-Wittok springt höher als die anderen, obwohl er „älter“ ist: Die junge Sofia Herrera war seit 1999 Administratorin bei uns und hat nun nach verschiedenen Kursen die 1. Klasse übernommen.

Die Hirten verlassen den Stall voll stillen Entzückens und beginnen zu tanzen. Mit „Las Chiapanecas“, einem volkstümlichen Lied, betritt der alte Crispino die Bühne. Das Publikum lacht erheitert: Hinter dem langen weißen Bart blinken die Augen von Elisa Martínez, der Handarbeits- und Mallehrerin!

Kurze Pause ... und die zweite Aufführung

Nun zieht die Kumpanei fröhlich hinaus und feiert die Geburt Jesu. – Gleich wird es noch eine zweite Aufführung geben, da der Raum nur die Hälfte der Kinder faßt. Auf dem Schulhof überschlagen sich derweil die enthusiatischen Kommentare zum Stück. Neue Eltern sind überrascht von der Intensität unserer Aktivitäten. Alle erinnern sich noch gut an die beiden Adventsbasare, auf denen die Lehrer und einige Eltern farbenfrohe Tänze vorführten, geleitet von Silvia Jimenez, die Sport und Volkstanz unterrichtet.

Im „Kostümraum“ unterhalten sich währenddessen die Schauspieler: Letzte Woche hatten sie eine schöne Aufführung in Tlaxcala, eingeladen von der dortigen Waldorfschule. Kein Wunder – ist deren Gründerin Isabel Fenelón doch dieselbe Frau, die auch das Centro Educativo Goethe ins Leben rief: 1981 den Kindergarten und 1986 die Schule.

„Zeit für die zweite Aufführung“, sagt Alicia Jimenez und tritt vor das neue Publikum. Jeder hört aufmerksam zu: Alicia ist unser Technischer Direktor für das Bildungsministerium. Ihre schwierige Aufgabe besteht in diplomatischen Verhandlungen, damit wir auch weiterhin nach dem Waldorf-Lehrplan arbeiten können, obwohl das mexikanische Bildungsgesetz alle Schulen dem gleichen Curriculum unterwirft...

Im Publikum sitzen jetzt die Klassen 3 bis 6. Etwas erregt ihre besondere Aufmerksamkeit: Die Gitarre von Margarita Castañón. Sie alle erhalten bei ihr Unterricht, und viele können schon fließend spielen und klassische Stücke singen. Nicht selten sieht man Kindergruppen, die sich gegenseitig Lieder vorspielen.

Plötzlich und unerwartet wird das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ von sehr lauter Salsa-Musik überlagert. Doch das Publikum bleibt ruhig und verfolgt weiter gespannt die Geburt Jesu. „Letzten Endes haben wir eine typische Nachbarschaft“, kommentieren hinterher einige Eltern, während sie für alle den Transport organisieren. Nicht jeder hat ein Auto, die ökonomische Situation wird immer schwieriger. Doch viele Eltern strahlen und unterhalten sich darüber, wie sehr das Weihnachtsspiel – und viele andere Aktivitäten an der Schule – ein Geschenk für Herz und Seele ist.

Dankbarkeit und Gedenken an die Gründer

Währenddessen versammeln sich im Kostümraum die Lehrer fröhlich für das jährliche Foto, und sind wiederum erfüllt vom glücklichen Gefühl, an dieser Schule arbeiten zu dürfen. Das Gehalt eines Waldorflehrers ist nicht hoch, etwa 550 Euro – finanziert aus Schulgeld und Spenden. Eine vierköpfige, bescheidene Familie braucht zum Leben 600-700 Euro... Ein Staatsschullehrer verdient ähnlich wenig, aber seine Arbeit kann sehr trist und monoton sein...

Zum Schluß bleiben zwei Lehrer zurück, um das Licht des Musik- und Gymnastikraums zu löschen. Sie schauen noch einmal auf die neben der Tür in Holz geschnitzten Namen von Juan und Ana Elisabeth Berlin: ein bescheidener Dank an die beiden Menschen, die sich seit ihrer Ankunft in Mexiko 1939 darum bemüht haben, die Waldorfpädagogik aufzubauen.

Juan Berlin war Schüler der ersten Waldorfschule in Stuttgart und erlebte als Junge noch selbst Rudolf Steiner. In Mexiko gründete er dann zwei Schulen, eine private (1955-58) und eine staatliche (1971-75), doch beide mußten wieder schließen. Sein Geist scheint in unserer Schule noch immer anwesend. Sein Tod 1987 betrübte uns sehr, doch seine Frau Ana Elisabeth führte seine Arbeit weiter, bis auch sie 1997 starb. Die beiden Lehrer kommen ins Gespräch über das, was wir erreicht haben: Beständigkeit, Harmonie unter Lehrern und Eltern und den starken Impuls der jüngeren Lehrer.

Wenn wir die offizielle Registrierung unseres Kindergartens bekommen haben, ist unser nächstes Ziel, das notwendige Land für eine größere Schule zu kaufen, auch wenn wir jetzt noch nicht wissen, woher wir die Mittel nehmen sollen.

Doch unser wichtigstes – und das allen Waldorfschulen gemeinsame – Ziel ist: Das spirituelle Leben in jedem Kind, das in unsere Schule kommt, zu bewahren und zu pflegen, und so Fenster zu öffnen, die Licht in die Zukunft werfen.

Margarita Castañón