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Josés Geschichte

In Brasilien steht einer kleinen Oberschicht und oberen Mittelschicht mit europäischem Lebensstandard der sehr arme Rest der Bevölkerung gegenüber, die oft nicht einmal lesen und schreiben kann. Die „Associação Comunitaria Micael“ kümmert sich in São Paulo um arme Kinder wie José, dessen Geschichte hier erzählt werden soll.

José ist 9 Jahre alt. Immer wieder sahen wir ihn, wie er durch Fenster oder Türen unsere Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen beobachtete. Seine Anwesenheit erweckte unsere Sympathie, und schließlich nahmen wir ihn mit Zustimmung seiner Großmutter mitten im Schuljahr in einige Aktivitäten auf.

Wer Josés Familie besucht, dem bietet sich ein ganz traurigen Anblick, der leider in der Peripherie der Großstädte nicht selten ist. Sein Zuhause sind drei an einem steilen Gelände aneinander-gebaute einfachste Holzhütten. Die Hütten entstanden illegal inmitten einer ebenfalls illegalen Mülldeponie (es gibt hier keine regelmäßige Müllabfuhr), ohne Trinkwasser und Abwasserversorgung. Der Strom wird illegal an einem Strommast angezapft. Die Familie hat einen Fernsehapparat, der täglich viele Stunden lang die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Müllsammeln für die Familie

Josés stammt aus einer sehr armen Gegend, wo auch heute noch auf einfachste Art Ackerbau betrieben wird und das Elend die Menschen in die Grosstadt treibt. Seine Familie besteht aus zwei Grosseltern, vier Onkeln, zwei Schwestern und vier Vettern - sein Vater ist unbekannt, seine Mutter verschwunden. Nun sammeln alle Bierdosen, Zeitungen, Kartons und anderes aus den Abfällen von Wohnhäusern, um es wieder zu verkaufen – und mit insgesamt vielleicht 300 Euro im Monat gerade so zu überleben. Das heißt ... vieles von dieser Arbeit wird unter dem Druck der nicht sehr arbeitswilligen Erwachsenen von den Kindern verrichtet.

José ist ein sympathischer, fröhlicher und intelligenter Junge. Letztes Jahr besuchte er die dritte Klasse der öffentlichen Grundschule, doch ist er total sich selbst überlassen – die Oma fordert nur den gesammelten Müll. José kennt keine Ordnung, viel weniger noch Aufmerksamkeit oder Zuwendung, er hat keinerlei Selbstwertgefühl. Was für ihn schliesslich zählte, war das Überleben an jedem einzelnen Tag. In seinem Universum gab es keinen Platz für Träume...

Am Anfang machte José unseren Lehrerinnen sehr viel Arbeit. Fast wie ein wildes Tier, konnte er nicht lange im Klassenzimmer verweilen oder sitzend einer Geschichte lauschen. Er sprach sehr laut und wusste nicht, wie man isst. Dank liebevoller Zuwendung hat sich sein Verhalten im Laufe der Zeit sehr verbessert. Wir konnten ihn schließlich sogar dazu anregen, Bücher aus unserer Bibliothek zu lesen – und heute ist er einer unserer fleissigsten Leser.

Leider hat Josés 11-jährige Schwester, die wir Maria nennen wollen, viel schwerwiegendere, bis ins Anti-Soziale führende Verhaltensstörungen. Darin spiegeln sich deutlich die Schwierigkeiten, sich von den widrigen Lebensumständen befreien zu können.

Am meisten fehlt Zuwendung

Die Geschichte von José und seiner Familie ist nur ein einziges Beispiel für die vielen Herausforderungen, denen wir bereit sind entgegenzutreten. Ständig beobachten wir, wie stark die Lebensbedingungen die Kinder prägen und belasten: Unterernährung, elende Lebensverhältnisse, täglich abwesende oder verwahrloste Eltern, Müllsammeln von kleinauf... Diese schrecklichen Umstände führen nicht selten dazu, daß zum Beispiel ein Kind oder Jugendlicher als halber Analphabet in seiner Entwicklung stagniert, obwohl er schon vier, fünf oder acht Jahre die Schule besuchte! Der faktische Ausschluß aus der Gesellschaft führt die jungen Menschen leicht an die Randexistenz und ins Verbrechertum.

Unsere Initiative, die Associação Comunitaria Micael, ist das Ergebnis der Initiative einiger Eltern, Lehrer und Freunde der Waldorfschule Micael, die vor 29 Jahren in unserem Randbezirk São Paulos gegründet wurde. Im Laufe der Zeit siedelten sich immer mehr arme Familien aus ganz Brasilien hier an. Und schon nach wenigen Jahren begann man aus freiwilligem Engagement heraus eine auf der Waldorfpädagogik basierende Arbeit für die Kinder dieser Familien. Im Jahr 2000 wurde unser Verein dann offiziell registriert und konnte 2003 mit Hilfe großzügiger Spenden ein Gebäude erwerben.

Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, die Kinder vor dem sozialen Ausschluß zu bewahren, indem wir ihnen in liebevoll ausgestatteten Räumen unsere außerschulischen Aktivitäten anbieten. Schon fast 1.000 Kinder haben an diesen teilgenommen. Es ist unsere tiefe Überzeugung, daß die Kindheit und Jugend weitgehend bewahrt werden müssen, damit jeder Einzelne voll und ganz die Phasen seiner Entwicklung ausschöpfen kann, um zu einem gesunden, zuversichtlichen, kreativen und verantwortlichen Menschen heranzuwachsen.

Es ist uns bewusst, dass Kinder, die aus solchen Familien stammen wie José und Maria, viel mehr Unterstützung benötigen, als wir sie in der Associação geben können. Doch auch der Staat bietet keine Möglichkeiten – und wir tun, was wir können.

Im Namen aller von uns betreuten Kinder und Jugendlichen sind wir dankbar dafür, daß wir Ihnen ein wenig über unsere Realität berichten konnten.

Christian M. Nielsen, Ute Weitbrecht