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Sozialarbeit mit Herz und Seele

Im Mai reisten Nana Göbel und Barbara Schiller nach Westafrika zu Einrichtungen in Sierra Leone, Nigeria und im Senegal. In Freetown besuchten sie die Waldorfinitiative von Shannoh Kandoh – eines Sozialarbeiters mit Herz und Seele.

Wir kamen mit dem Flugzeug aus Lagos, einem der großen Wirtschaftszentren Westafrikas, laut und schmutzig, Hochhäuser, Glaspaläste und Slums. Was hier wie wohl fast überall auf der Welt zählt, ist Macht und Geld. Wie anders war da Sierra Leone. Schon der Flugplatz ähnelte einer alten Lagerhalle, umgeben von Palmen. Autos gab es kaum. Freetown selber lag auf der anderen Seite einer weiten Bucht. Wie die meisten Reisenden bestiegen wir einen vorsintflutlich anmutenden Militärhubschrauber. Ein Mann neben uns scheint ins Gebet versunken. Nach der Landung klärt er uns auf, daß die Fluglinie auf der europäischen schwarzen Liste besonders unsicherer Fluglinien steht...

Freetown liegt am Meer, der Sandstrand ist herrlich, die Küste bergig, die wunderschöne Vegetation gedeiht in der schwülen Hitze üppig. Allerdings bringt das Klima auch die typischen tropischen Krankheiten mit sich: Malaria, Typhus, Gelbfieber.

Doch viel mehr litten die Menschen unter dem erst 2000 beendeten fürchterlichen Bürgerkrieg. Die meisten Menschen leben in der Hauptstadt Freetown, sehr viele kamen als Flüchtlinge. Noch immer gibt es keinen Strom, kaum Licht, und fließendes Wasser ist eine Seltenheit. In bezug auf den "Human Development Index" des UNDP (der sich nach Einkommen, Lebenserwartung und Alphabetisierung errechnet) steht Sierra Leone heute an zweitletzter Stelle weltweit...

Wohl kaum jemand hat den Krieg ohne Trauma überlebt – Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer gleichermaßen. Die meisten haben auf der einen oder anderen Seite gekämpft und entsprechend viel Grausames erlebt und nicht selten auch getan. Viele Kinder waren als Kindersoldaten an diesem Krieg beteiligt und mußten unter Drogen die fürchterlichsten Dinge tun. Zahlreichen Menschen auf den Straßen fehlen eine oder beide Hände, sie wurden während des Krieges mit der Machete abgetrennt...

Dann treffen wir Shannoh Kandoh, mit dem wir schon seit Jahren in Verbindung stehen, seitdem er auf der Suche nach Unterstützung in einer Bibliothek zufällig unseren Katalog "Waldorfpädagogik weltweit" entdeckt und mit uns Kontakt aufgenommen hatte. Später hatten wir ihm eine Waldorfausbildung in England ermöglicht. Seine gemeinsam mit Freunden gegründete NGO "Action for Child Protection" (ACP) will den Kindern helfen. Unser erster, bleibender Eindruck: ein bescheidener, zurückhaltender Mensch, der sich zutiefst engagiert.

Die ACP arbeitet vielseitig – mit den Straßenkindern im Stadtzentrum, mit jungen Erwachsenen, die frustriert und traumatisiert nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen, mit Eltern. Ein Beispiel:

Im Westen von Freetown liegt auf einer Landzunge der Stadtteil Goderich. Hier leben Christen und Moslems dicht zusammengedrängt in Slums ohne Strom, Wasser und Abwasser. Viele Kinder leben auf der Straße – haben zuhause keinen Schlafplatz, entfliehen der häuslichen Gewalt oder haben gar kein Zuhause. Tagsüber arbeiten sie für die Fischer, die von den reichen Bootsbesitzern ausgebeutet werden und wiederum die Kinder ausbeuten. Drogen kursieren, es gibt Prostitution.

Die ACP baute mit einfachsten Mitteln eine Hütte, in der die Kinder nachts nicht der Gewalt der Erwachsenen ausgesetzt sind. Der Boden ist der nackte Fels, wenn es regnet, fließt Wasser durch das Zimmer. Und doch – ein Schutzraum, der nach viel Überzeugungsarbeit durch Shannoh und seine Freunde von allen als Rückzugsort für die Kinder anerkannt wird.

Dann besuchen wir die von Shannoh gegründete Waldorfinitiative. Hier lernen Kinder, die normalerweise nie eine Schule betreten würden. Die Eltern oder Pflegeeltern halten Schulbildung nicht für wichtig, kein Wunder angesichts der Vergangenheit. Und so sind viele Gespräche nötig, damit die Kinder doch kommen können – natürlich nur ohne Schulgeld oder sonstige Kosten... Von den derzeit 74 Kindern haben nur sieben noch beide Eltern, ein Drittel lebt bei der alleinerziehenden Mutter, der Rest bei Verwandten oder Pflegefamilien, die die ACP für die Kinder fand.

Die kleine Schule hat kein einfaches Leben. Vor einem halben Jahr entzog ihr die Gemeindeverwaltung ohne Vorankündigung das angemietete Gebäude, um es an eine (zahlungskräftigere) spanische NGO zu geben. In kürzester Zeit suchte Shannoh ein anderes Grundstück und errichtete mit seinen Mitstreitern eine neue "Schule" – aus vier Holzpfählen, einfachem Dach und großer Plastikplane als Trennwand. Alle hören alles! Und dennoch, uns kommt hier etwas Besonderes entgegen. Wir dürfen bei der "Einweihung" dabei sein und erleben ... strahlende, lebensfrohe Kinder und Lehrer, Frauen und Männer, die beginnen, etwas verändern zu wollen.

Shannoh zeigt hier die ersten neuen Wege, waldorfpädagogische Wege im Unterrichten. Es ist ergreifend, zu erleben, wie Kinder inmitten einer Lebenssituation wie hier den Morgenspruch lernen und in ihrem Herzen tragen dürfen! Die Situation wird in ganz Sierra Leone sicher noch viele Jahre sehr schwierig bleiben. Aber was wir in dieser kleinen Schule gesehen haben, war ein Licht am Horizont!

Nach ein paar Tagen müssen wir wieder unser Flugzeug besteigen. Tiefe Bilder begleiten uns – und der feste Wille, den Menschen, die wir kennengelernt haben, auch weiterhin beizustehen und beim nächsten Schritt zu helfen: einem kleinen Schulgebäude mit festen Wänden und Garten.

Barbara Schiller