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Khanyisa - eine besondere Schule für besondere Kinder

Khanyisa öffnete seine Tore 1994 – im Jahr der historischen Wahlen. Alle hofften auf etwas Neues, und die junge Schule paßte genau in diese Vision. Seitdem hat Khanyisa einen langen Weg hinter sich und hat sich trotz aller Schwierigkeiten stetig entwickelt – für die Kinder, die genau diese Schule brauchen.

Bedenkt man die Geschichte Südafrikas, dann sind die friedlichen Wahlen 1994 und die konsequente Entwicklung wie ein Wunder. Aber auch die Entwicklung unserer Schule ist für uns immer wieder ein kleines Wunder. Wir begannen mit drei Kindern, deren Eltern sich Waldorfpädagogik wünschten und die mehr Unterstützung brauchten als die etablierten Waldorfschulen in Kapstadt bieten konnten. Nach vielem Suchen fanden wir einen Lehrer, und unsere neue Schule Khanyisa ("das Licht bringen") konnte beginnen.

Unsere erste Unterkunft war ein einzelner Raum in einer Synagoge. 1997 zogen wir dann in unsere jetzigen Räumlichkeiten um. Die Richtung, in die wir uns bewegten, sollte sich bald ändern – entsprechend der Bedürfnisse. 1998 definierten wir unsere Ziele neu. Unsere Vision war nach wie vor gültig: "In jedem Kind ist ein Schatz verborgen – es ist nur die Frage, wie er zu entdecken ist." Doch nun beschlossen wir, uns um Kinder und junge Erwachsene zu kümmern, die eine dauerhafte Behinderung und Lernschwierigkeiten haben.

Die Kinder und jungen Menschen von Khanyisa passen nicht in eine Kategorie, doch es sind kleine und größere Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen mit dem Lärm und den Anforderungen einer großen Klasse nicht zurechtkommen – ebensowenig mit einer Methodik, die im wesentlichen nur den Intellekt fordert. Eltern kommen zu Khanyisa, die verzweifelt Hilfe suchen, weil sie bemerken, wie ihr Kind sich zurückzieht, sein Selbstvertrauen verliert, oft nicht einmal die Anfänge des Lesens und Schreibens lernt und dann ein unausgeglichenes und selbstdestruktives Verhalten entwickelt.

Vertrauen gewinnen

Sie glauben nicht, was wir täglich für Erfahrungen machen. Ich werde Ihnen von Philip erzählen. Er kam Anfang 2005 nach Khanyisa. Er kam aus einem wohlhabenden Elternhaus in Kapstadt und war immer wieder von Experten untersucht worden, da er ungeschickt war und in der Schule nicht zurecht kam. Philip bekam jede verfügbare Therapie - Beschäftigungstherapie, Spieltherapie, Therapie gegen Angst... Es wurde ADS diagnostiziert, und er bekam Ritalin, später Antidepressiva. Im Alter von 10 Jahren entwickelte er Zuckungen und Krämpfe, und er wurde auf Epilepsie untersucht und behandelt. Schließlich steckte man ihn in eine sehr teure Schule mit einer starken Heil-Abteilung.

Philip kam in Khanyisa mißmutig, düster, kritisch und sehr ängstlich an. Zuerst trug er nur schwarze Kleidung. Er war unfähig, sich anderen Kindern zu öffnen und explodierte in Wutanfällen, wenn sie ihn neckten oder zu viel von ihm wollten. Zuhause pflegte er in sein Zimmer zu stürmen und die Tür hinter sich zuzuschlagen. Zuerst wurde er regelmäßig vom Kinesiologen behandelt und bekam Heileurythmie.

Am Ende des letzten Jahres konnte ich ein Foto von ihm machen - lächelnd! Während dieses Jahres veränderte er sich völlig. Er hat jetzt keinerlei Therapien mehr. Er kommt mit seinem Ärger zurecht, kann seine Gedanken und Ideen in Worte fassen und mischt sich leicht unter die anderen Kinder.

Im ersten Jahr kam er ständig in mein Büro und fragte, ob er nach Hause gehen könne, weil er sich nicht gut fühle. Gestern kam er herein, und ich bemerkte, daß ich ihn monatelang nicht geehen hatte. Ich sagte es ihm ... und er lachte.

Es gibt viele Geschichten wie diese. In Khanyisa sind die Kinder frei von Leistungsdruck. Viele sind anfangs nicht in der Lage, an irgendetwas teilzunehmen, weil sie es an ihrer alten Schule nicht gelernt haben, irgendetwas zu tun.

Ich erinnere mich, wie ich einmal ein Mädchen fragen hörte, ob sie auch in den Kreis kommen solle, den der Rest der Klasse gebildet hatte. So sehr war sie es gewöhnt, in ihrer früheren Schule ausgeschlossen gewesen zu sein! Auch diesmal saß sie einfach an ihrem Tisch, bis die Lehrerin sie fragte warum...
Hier in Khanyisa wachsen die Kinder - oft langsam - an das Verständnis heran, daß sie ebenso Aufgaben bewältigen können. Und Schritt für Schritt, während ihr Vertrauen wächst, wollen sie sich an schwierigeren Aufgaben versuchen.

Sorgen und Träume

Vor einiger Zeit hat das Bildungsministerium das Prinzip der "inclusive eduation" (integrierter Unterricht) eingeführt und damit einhergehend leider sukzessive die Unterstützung für Schüler, die in "normalen" Klassen nicht zurecht kommen, dramatisch gekürzt. Finanzielle Unterstützung vom Staat gab es für uns immer nur sporadisch. Dieses Jahr bekamen wir nur noch drei Prozent unserer laufenden Kosten. Die Erziehungsbehörde unterstützt unsere Arbeit und empfiehlt sogar Schüler hierher – doch wegen der Bedürfnisse der Staatsschulen und der Rückstände (teilweise noch 60 Kinder pro Klasse und minimale Ausstattung) muß sie sich auf die Schüler konzentrieren, die keine besondere Förderung brauchen.

Wir wollen trotz allem Familien mit jedem sozialen Hintergrund offenstehen. Früher hatten wir einen einheitlichen Beitrag und suchten für die Deckungslücke Spenden, heute sollen Eltern, die dies können, die vollen Kosten tragen. Dennoch zahlen drei von vier Familien weniger als die Hälfte, 60 Prozent der laufenden Kosten kommen aus Spenden. Jedes Jahr können Eltern auf einem Formular ihren Beitrag erhöhen, und es ist wundervoll zu sehen, daß manche dies freiwillig tun.

Anfang des Jahres konnten wir eine sechste Gruppe eröffnen und haben nun 64 Schüler. Eine großzügige Spende ermöglichte uns den Aufbau zweier neuer Klassenzimmer für die Klassen 5 und 7/8, deren Räume so klein waren, daß die Kinder über die Tische klettern mußten, um nach vorn zu kommen.

Ohne größere Änderungen kann die Schule nun nicht mehr weiter wachsen, unser "Saal" ist gerade noch groß genug für alle Kinder und Lehrer, einige Eltern und eine schmale Bühne. Es mangelt an Platz für Handarbeiten und anderes, aber noch bekommen wir alles irgendwie hin. Das Land ist von den lokalen Behörden gemietet, wir teilen es mit dem Centre for Creative Education und der Eurythmieschule.

Um für unsere Umwelt zu sorgen, begannen wir 2004 mit einer "Recycling-Werkstatt". Seitdem sammeln Bulelani und Garth, zwei unserer ehemaligen Schüler, auf einer täglichen Route Material von Restaurants, Geschäften usw. und verkaufen es dann an Recycling-Unternehmen. Der Erlös deckt im Moment kaum die Kosten, aber das ganze Projekt ist ein Anfang und der Stadtrat gibt sogar einen kleinen Zuschuß.

Es ist unser Traum, eines Tages weitere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für einige unserer Absolventen anbieten zu können. Angesichts der großen Arbeitslosigkeit ist die Suche nach Möglichkeiten gerade für unsere jungen Menschen oft geradezu aussichtslos. Wenn wir eines Tages zugleich auch für unsere Schule weitere Einkommensmöglichkeiten hätten – sagen wir durch ein Catering, Pflanzenzucht oder was auch immer –, wäre das wundervoll. Doch all das braucht selbst bei guter Planung Jahre, bis es aufgebaut ist und produktiv wäre. Und es muß jemand die Zeit und Kraft dafür haben!

Trotz aller Sorgen für unsere Schützlinge – wir sind dankbar für das, was wir bis jetzt erreicht haben. Und dafür daß "draußen in der Welt" unsere Sache von vielen anderen Menschen mitgetragen wird, die uns finanziell unterstützen und in Gedanken begleiten.

Als der Haager Kreis hier in Südafrika auch Khanyisa besuchte, fragte ich, was die Definition einer typischen Waldorfschule sei. Die Antwort war: ein Platz, wo Kinder glücklich sind und sie selbst sein können. – Dies haben wir erreicht!

Eileen Parker (übersetzt hn)