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Aus der Arbeit der Freunde der Erziehungskunst

Am 28. April 2006 fand in Stuttgart unsere jährliche Mitgliederversammlung statt; es war die 35. in der Geschichte der Freunde der Erziehungskunst. Worauf können wir zurückschauen? Im Gründungsjahr der Freunde der Erziehungskunst 1971 gab es 103 Waldorfschulen weltweit, davon 77 in Europa und 16 in Nordamerika, d.h. es gab nur zehn Waldorfschulen außerhalb Europas und Nordamerikas.

Die Freunde der Erziehungskunst sind mit der Schulbewegung gewachsen und haben mit ihr in den vergangenen 35 Jahren ein globales Wirkungsfeld erhalten. Die Schwerpunkte der Arbeit haben sich mit den neuen Kindergarten- und Schulinitiativen verändert, und entsprechend des sozialen Auftrags der Waldorfpädagogik kamen Schulen in ärmsten Gegenden hinzu.

Heute gibt es – je nach Zählung – rund 950 Schulen und wir stehen mit den meisten Schulen außerhalb Nordamerikas und der EU in Verbindung. Die Zusammenarbeit einer so großen internationalen Bewegung erfordert andere Strukturen, als sie noch Anfang der 70er Jahre tauglich waren. Diese müssen gefunden werden. Wir tragen dazu bei, indem wir bei der Vernetzung der Schulen und Kindergärten helfen und den Austausch innerhalb dieser aus inneren Gründen dezentral organisierten Bewegung fördern.

Vietnam und China

Im Sinne dieser Vernetzung unternahmen wir im ersten Halbjahr 2006 wieder einige Reisen, bei denen wir Kindergärten und Schulen kennen lernen konnten, zu denen wir bis dahin nur schriftlichen Kontakt hatten. Die drei Kindergärten in Ho-Chi-Minh-Stadt gehörten ebenso dazu wie der Kindergarten in Chengdu.

Gerade solche Kindergärten sind in den von enormem Wirtschaftswachstum geprägten Städten Ostasiens Oasen der Menschlichkeit. Das wirtschaftliche Wachstum geschieht ja auf dem Rücken der Menschen, in deren Gesichtern die Folgen der Ausbeutung zu lesen sind. Von frühester Kindheit an ist kognitiv erfolgreiche Bildung gefordert. Wer sich diesem Streben entzieht, ist ein Sonderling und wird nicht verstanden.

Um so mutiger sind die Frauen, die sich diesem Strudel entgegensetzen und für die Kinder eine Umgebung schaffen, in der sich gesunde Lebenskräfte und eine bilderreiche Seele entwickeln können. Die Kinder danken es mit strahlenden Augen. Eine der Frauen, die wir schon mit einem Stipendium unterstützt hatten, war etwa 60 Jahre alt, als sie ihren etwas ausserhalb Ho-Chi-Minh-Stadt liegenden Kindergarten gründete. Sie hat den zweiten Weltkrieg erlebt, ihre eigene Jugend im japanischen, französischen und amerikanischen Krieg und später unter kommunistischer Herrschaft verbracht – und auch für sie ist es die erste freie und friedliche Initiative im Leben. Kindergärtnerin und Kinder lernen gemeinsam und bauen an einer neuen Welt.

In Chengdu, inmitten Chinas, wird seit drei Jahren der Keim der Waldorfpädagogik gepflanzt. Für die gehüteten Einzelkinder Chinas (die Ein-Kind-Politik gibt es nach wie vor) wünschen die Eltern nur das Beste. Aber auch hier ist "das Beste" die frühzeitige Karriereförderung. Um die eigenen Kinder in den exotischen Waldorfkindergarten zu schicken, in dem – wie auf dem Dorf – gespielt wird, braucht es echte innere Überzeugung.

Es soll gelernt und nicht gespielt werden! Weltweit scheint man an der Vergreisung der Kinder interessiert zu sein. Kindheitskräfte werden in unserer Zivilisation mehr und mehr unterdrückt; aber wo soll dann Erneuerung herkommen, wenn nicht aus den mitgebrachten Kräften der Kindheit?

Westafrika und Lateinamerika

Von unserer Reise nach Westafrika finden Sie einen eigenen Bericht in diesem Rundbrief (S.12). Im Unterschied zu China mit seiner Jahrtausende alten Kultur ist Afrika ein Kontinent, auf dem die Kindheitskräfte einem geradezu in die Augen springen. Nur werden sie auch hier mißbraucht. Am Stadtrand von Freetown, wo die Bürgerkriegsflüchtlinge siedeln, all die entwurzelten Menschen, ist der Mißbrauch jeden Tag da. Und doch siegen die unter der Oberfläche verborgenen Kindheitskräfte immer wieder, wenn Zuwendung den Hass vertreibt wie Licht das Dunkel.

Die Potentiale Afrikas können sehr leicht zerschellen an der Gier der mächtigen Klanführer, am Öl- und Diamantenfieber der Konzerne, aber sie sind da und werden immer wieder wachsen.

Lateinamerika ist von uns ebenfalls wieder durch eigene Wahrnehmung ins Bewusstsein genommen worden. Wir haben die Waldorfschulen in Costa Rica entdeckt, den Kindergarten in Santo Domingo (Dominikanische Republik), Schulen, Kindergärten und heilpädagogische Einrichtungen in Kolumbien, Peru und Brasilien. Dort gibt es seit einigen Jahren eine zweite kleine Gründungswelle. Die Zahl der brasilianischen Waldorfschulen ist auf fast 30 gestiegen, auch in Peru und Kolumbien sind einige neue Schulen hinzugekommen.

Zusätzlich zu den Schulen im engeren Sinne sind nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen Ländern Lateinamerikas Projekte der Sozialarbeit entstanden, die sehr wertvolle Arbeit leisten und unsere Unterstützung brauchen. Auch wenn, z.B. in Brasilien, genügend Kapital vorhanden scheint, um alle Probleme selbst zu lösen, so findet dies eben nicht statt. Selbst kleine Schritte erfordern geduldige Öffentlichkeitsarbeit.

Wir konnten unsere Zusammenarbeit mit Stiftungen im Arbeitskreis "Kapital für Bildungsinvestitionen" weiter festigen, ebenso die Zusammenarbeit mit den anderen europäischen Hilfsfonds (Anfang Februar hatten wir alle nach Berlin eingeladen). Wir haben unseren Katalog "Waldorfpädagogik" inzwischen auch auf Chinesisch und Arabisch herausgegeben, haben dank der Unterstützung von inzwischen sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern neue BMZ-Projekte vorbereitet und auch schon genehmigt bekommen, haben mehrere Baufinanzierungen bewerkstelligen können ... und freuen uns auf all die neuen Aufgaben, die sich sicher in Kürze stellen werden.

Nana Göbel