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Ein Novembermorgen in Siebenbürgen

Im bitterarmen Rumänien gibt es wiederum Dörfer, in denen innerhalb des Landes nochmals die größte Armut lebt. Eines davon ist Rosia. Aber auch hier gibt es eine Waldorfschule, die den Kindern Freude, echtes Lernen und Zukunftschancen schenken kann.

Im Herzen Rumäniens, in einem kleinen Dorf in Siebenbürgen, das rumänisch Rosia und deutsch Rothberg heißt, liegt die "Hans Spalinger Waldorfschule". Gegründet wurde sie vor sieben Jahren von der Waldorfschule im nahe gelegenen Sibiu/Hermannstadt aus. Heute hat die Schule rund 150 Schüler: In den Klassen 1-8 lernen zwischen 12 und 16 Kinder, Tendenz steigend, in den Berufsschulklassen (9. und 10.) insgesamt 35 Schüler.

Diese Berufsschulklassen haben momentan noch keinen Waldorfstatus und die mündliche und praktische Abschlussprüfung am Ende der 10. Klasse macht die Schüler zu konventionellen "qualifizierten Landwirtschaftsarbeitern". Unser Ziel ist natürlich, eine Waldorf-Berufsschule mit biologisch landwirtschaftlichem Profil zu werden, doch dafür muss das Erziehungsgesetz geändert werden. Für die notwendigen, langwierigen Verhandlungen, die wir schon eingeleitet haben, werden wir einen langen Atem brauchen.

Für unsere zehn Klassen haben wir im Moment nur vier Klassenräume! Also muß in zwei Schichten von 8 bis 13 Uhr und von 13 bis 18 Uhr unterrichtet werden und zusätzlich zweimal zwei Klassen simultan in einem Raum.

Bald wird endlich das neue Kantinengebäude immerhin die Klassen 8-10 aufnehmen können. Dieses sogenannte Kantinengebäude ist in der reichlich langen Bauphase zweimal rationalisierend umgeplant worden, und nur dank ungewöhnlich durchhaltefähiger Freunde, zahlreicher wohlwollender Spender und der vielen, bis zum Umfallen schaffenden Waldorfschüler aus München, Hannover und Freiburg nun fast fertig.

Stolz zeigt sich jetzt neben unserem ursprünglichen Pavillon ein ansprechender, moderner Bau mit grandioser Panoramasicht. Darüber werden sich besonders die beiden Klassen freuen, die in die obere Etage einziehen werden. Im Erdgeschoss liegt die noch nicht ausgestattete Küche mit anschließendem Essraum, der zunächst auch als Klassenzimmer genutzt werden muß.

Eine große Hürde ist noch die fehlende und schwer zu findende Finanzierung der Betriebskosten. Es ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, daß Einrichtungen mit "gutem Ruf" für sichtbar bleibende Bauprojekte mit einigen Anstrengungen Spender finden. Für "Vergängliches", nicht Greifbares, wie Betriebs- oder Fahrtkosten, die für jede Initiative genauso existentiell sind wie ein Gebäude, findet sich die nötige Hilfe nur selten und sehr, sehr schwer.

Dörfer wie Rosia gibt es viele in Rumänien, und hier ist eine Kantine besonders wichtig, erst recht im Winter, wenn die meisten Familien wirklich nicht genug zu essen haben. Rosia hat rund 800 Einwohner, wovon zwei Drittel zu jener bitterarmen Randgruppe gehören, die sich bis vor 5, 10 oder 15 Jahren als Roma empfanden. Heute wollen 95 % nicht mehr als solche ethnisch etikettiert und damit ausgegrenzt sein, sie wollen endlich "ganz normale Rumänen" werden. Bis sie es sind, müssen die allermeisten durch ein tiefes soziales Tal.

Verschiedene Facetten der gleichen Problematik manifestieren sich bekanntermaßen weltweit. Da wir wissen, daß erst Bildung die Eingliederung und Assimilierung in die allgemeine Bevölkerung überhaupt möglich macht, gründeten wir vor acht Jahren diese Waldorfschulinitiative für Kinder, die in eine normale Staatsschule nicht gegangen wären.

In der Schule

Ein Novembermorgen gegen 8 Uhr. Es ist naß und kalt, und wo die Erde nicht zufälligerweise asphaltiert oder gepflastert ist, hat sie sich in eine mehr oder weniger tiefe Schlammschicht verwandelt - weniger im privilegierten Oberdorf, dafür oft mehr als knöcheltief im Tal, "la vale", wie das Unterdorf hier genannt wird.

Aus dem Tal kommen auch heute morgen die meisten unserer Kinder, einige Glückliche in Gummistiefeln, unter denen eine dicke Lehmschicht klebt, viele aber in Schuhwerk, das eigentlich für Sommertage vorgesehen ist. Wie gut, daß es in der Schule richtig warm ist und die Füße wieder warm und trocknen werden! Die Kinder kommen aus ihren kleinen Lehmhäuschen, die von Holzöfen nur spärlich beheizt werden, in denen sie mit mehreren Geschwistern in einem Bett schlafen müssen und in denen es nicht jeden Tag eine warme Malzeit gibt.

In der zweiten Klasse begrüßt die Lehrerin Cristina Hriscu die ankommenden Kinder und wärmt ihnen die kalten Händchen. Trotz Nässe, Kälte und unpassender Kleidung strahlen die meisten ihre Lehrerin glücklich an, für einige Stunden können sie sich in der behaglichen Atmosphäre der Klasse wohl fühlen.

Gleich fangen sie an zu spielen: sie ziehen sich bäuchlings über die Tischreihen, spazieren über aufgestellte Baumstümpfe oder bauen mit Tüchern und Tischen eine Behausung. Die rauchige Duftnote ihrer Kleidung hat mittlerweile das ganze Klassenzimmer ausgefüllt. Als die Klassenlehrerin zum Aufräumen ruft, beschweren sich einige: "Warum jetzt schon? Früher durften wir länger spielen!"

"Ihr seid jetzt schon in der zweiten Klasse, und wir wollen doch noch viel besser Schreiben, Lesen und Rechnen lernen", antwortet die Lehrerin. Sie hat in der ersten Klasse sehr bald gemerkt, daß die Kinder, die nie im Kindergarten waren und auch zu Hause keine Möglichkeit zum Spielen haben, noch dringend diese Art des freien "Kindergartenspiels" brauchen.

Mit ein paar Seufzern machen sich die Kinder ans Aufräumen. Bald stehen sie ruhig im Morgenkreis. Ein Kind zündet die Kerze an und der Morgenspruch klingt energisch im Raum.

Die Berufsschule

Zwei Klassenzimmer weiter herrscht eine deutlich andere Atmosphäre. Die Berufsschüler rücken an. Es ist einer der ersten Schultage nach dem dreiwöchigen Lehrerstreik. In Rumänien haben die meisten Waldorflehrer mitgestreikt, weil sie zum staatlichen Schulsystem gehören, und sie mit Gehältern zwischen 120 und 200 Euro weiterhin eine der am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen sind.

Ein Fabrikarbeiter verdient nur etwa 100 Euro mehr, was dann aber immerhin der Monatsmiete für eine kleine Wohnung entspricht. Um als Einzelperson, unabhängig von Eltern oder anderen Verwandten, sparsam einen Monat lang "über die Runden zu kommen", wären sicher 600 Euro notwendig!

Die Berufsschüler scherzen und lachen laut hörbar und poltern in die Klasse. Jeder vorbeikommende Lehrer jedoch wird erstaunlich respektvoll gegrüßt. Man hockt sich in Grüppchen zusammen, klassenübergreifend, denn bis zur Fertigstellung des neuen Gebäudes werden die 9. und 10. Klasse zusammen unterrichtet. Die meisten knabbern schnell noch ein paar Sonnenblumenkerne und werfen die Hülsen eilig in das Fach unter der Bank. Das ist zwar verboten, aber wenn es niemand merkt…

Als die Klassenbetreuer hereinkommen, stehen die Schüler zügig auf. Sie kommen zum größten Teil aus den "normalen" Hauptschulen in Rosia bzw. Nou (Neudorf) und sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Daher ist es wenig erstaunlich, daß sie das tägliche Sprechen des Morgenspruches nicht unbedingt begeistert mittragen, es reicht ihnen offensichtlich, daß die Klassenbetreuer ihn sprechen können.

Dann wird über das Praktikum in einem Gewächshaus in Sibiu gesprochen, das vor dem Streik stattgefunden hat. Damals waren die Klassen nicht vollzählig, weil Erntezeit war. Entweder haben sie auf dem eigenen Acker helfen oder als bezahlte Tagelöhner das Familieneinkommen aufbessern müssen. Heute ist das Klassenzimmer voll, und als die Schüler begeistert über die Erfahrungen im Gewächshaus berichten, nehmen sich einige, die nicht dabei waren, fest vor, beim nächsten Mal mitzufahren.

Während der Stunde fällt immer wieder das eine - Schalen von Sonnenblumenkernen - und andere - Papier in seiner ganzen Vielfältigkeit - herunter, und der feuchte Schlamm bröckelt langsam trocknend von den wohl 25 Paar Schuhen. Am Ende des Schultages sieht es in der Klasse aus, wie nach einer Schlacht. Die Klassenbetreuer lassen aufräumen und fegen, damit der Raum ordentlich an die 8. Klasse weitergegeben werden kann...

Annette Wiecken