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"Hauptsache nicht aufgeben"

Rumänien ist ein europäisches Land, dessen Lebensverhältnisse man hierzulande kaum kennt – noch weniger könnte man sie sich ausmalen, sie nachempfinden oder gar ... ertragen. Doch die Waldorfschulen schaffen auch und gerade hier "Orte der Liebe". Adrian Condrea berichtet aus seinem Land.

Hallo! Mein Name ist Adrian Condrea und ich bin Lehrer am Liceul Waldorf in Iasi im Nordosten Rumäniens. Ich bin ein “alter” Lehrer, seit dreizehn Jahren in der Waldorfschule. Meine Frau Irina ist Ärztin, unsere Tochter Daria ist gerade ein Jahr alt geworden. Wie Sie sehen, habe ich viele Gründe glücklich zu sein: eine schöne Familie, eine Arbeit, die ich mir gewünscht habe...

Ein bitterarmes Land

Materiell gesehen, leben wir von einem Tag zum anderen, aber wichtig ist, dass wir nicht Hunger leiden. Ich habe ein Gehalt von 200 Euro, mit der Hälfte muß ich die Raten bei der Bank bezahlen. Irina verdient auch ungefähr 200 Euro. Die Preise in Rumänien gleichen denen in der EU. Nur die Gehälter sind kleiner. Ich hatte gehofft, daß die EU-Mitgliedschaft uns sowohl fremde Investoren als auch westliche Gehälter bringen wird, doch in diesem Fall wären wir nicht mehr attraktiv, nicht wahr? Also werden wir auch nach dem Eintritt arm bleiben. Uns Bürger hat übrigens niemand gefragt. Vielleicht hätte ich bei einem Referendum "ja" gesagt, aber ich hätte ein besseres Gefühl gehabt.

In Rumänien steht beinahe alles unter dem Zeichen des Provisoriums und der Extreme. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:

Ich und meine Familie sind zwar eine Familie, aber wir wohnen nicht zusammen. Irina und Daria wohnen im Appartement meiner Schwiegermutter und ich wohne in einem Zimmer in einem Heim. Wir kommen ungefähr zwei mal in der Woche zusammen, also seltener als vor der Heirat... Ich arbeite in einer Schule, die uns nicht gehört, und wir sind seit ungefähr 14 Jahren Gast in dem Gebäude und versprechen jedes Jahr, dass wir nächstes Jahr ausziehen werden.

Und die Beispiele könnten weitergehen. Manchmal scherzen wir über diese Art von Existenz, aber wir verlieren nicht die Hoffnung.

So ungefähr ist es in Rumänien. Jeder kommt zurecht, wie er kann. Ein ehemaliger Kollege schmuggelt in der Freizeit Ware aus der Ukraine, andere geben Kindern reicher Eltern Nachhilfeunterricht. Ich habe eine Menge Freunde, denen ich schon aus dem Weg gehe, weil sie mir jedes Mal Töpfe, Schminke oder Versicherungen verkaufen wollen.

Es sind aber zu viele Rumänen, für die "zurechtkommen" heißt, den Müll zu durchsuchen oder zu betteln...

Ich sagte schon, dass wir ein Land der Extreme sind. Am Abend, während ich dies schreibe, sehe ich im Fernseher eine Nachricht über fünf Kinder aus Iasi meiner Stadt, die bei lebendigem Leib im Haus verbrannt sind. Das Feuer entstand durch eine Kerze, die die Kinder anzündeten, um ein bisschen Licht zu haben. Das Haus hatte keinen Strom- oder Wasseranschluss und die Feuerwehr kam nicht rechtzeitig, weil der Weg beinahe unbegehbar war. Es ist ein ganzes Stadtviertel wie die berühmten Favelas in Brasilien, nur gibt es dort keine 30 Grad Frost. – Nach dieser Nachricht folgte eine Reklame für Villen zum Preis von 120.000 Euro...

Es ist gut, in Rumänien trotz Armut gesund zu bleiben oder zumindest nicht ernsthaft krank zu werden. Das Krankenhaus bietet die Arbeitsleistung und das Wasser, um die Pillen herunterzuschlucken. Als ich einmal in der Klinik war, mußten wir die Medikamente, aber auch Infusionsnadeln selbst kaufen. Aber auch die Leute erwarten Geld: Zwei Euro für die Krankenpflegerin, 20 Euro für die Krankenschwester, 200 Euro für den Arzt. Wenn man lange Schlangen alter verzweifelter Leute an einer Apotheke sieht, weiß man, dass verbilligte oder unentgeltliche Medikamente gegeben werden.

Die Waldorfschulen...

Aber kommen wir auch zur Waldorfschule. Warum Waldorf? Für mich war und ist es die Chance, einen wirklichen Weg der geistigen Entwicklung zu beschreiten - durch das Kind und für das Kind. Ich wusste nichts über Waldorf oder Anthroposophie, aber ein einziger Vortrag über Waldorfpädagogik reichte mir, um zu verstehen, dass dies der gesuchte Weg war. 1994, drei Jahre nach der Gründung in Iasi, wurde ich Teil der Schule - und bin nicht mehr fort.

Ich habe mit der Zeit versucht, zu erfahren, welches für die Eltern die Gründe waren, ihre Kinder zu uns zu schicken. Die meisten sagten: "Ich habe gehört, dass es eine gute Schule ist". Andere Gründe waren die überfüllten staatlichen Lehrpläne oder die eigene Erfahrung in ihrer Schulzeit.

Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der rumänischen Waldorfbewegung. Vor 15 Jahren gab es eine große Begeisterung und vom Westen kam viel Geld, um dies zu unterstützen. Es gab kostspielige Tagungen. Hohe Bildungsbeamte wurden im Ausland "kutschiert", um bestehende Schulen zu besuchen. Und tatsächlich nahm der rumänische Staat den neuen Ansatz unter seine Fittiche und finanzierte sogar für fünf Jahre die Teilnehmer der einjährigen Ausbildung in Bukarest. Ich habe selber diese Großzügigkeit erlebt. Waldorfklassen erblühten überall im Land, je mehr Studenten in Bukarest vorbereitet wurden. In den letzten paar Jahren kamen dann keine neuen Initiativen mehr hinzu. Es scheint, daß die "Initiatoren" eine vom Aussterben bedrohte Art sind.

Heute gibt es sechs Waldorflyzeen mit Klassen 1-12, vier Waldorfschulen mit Klassen 1-8, fünf Initiativen mit Waldorfklassen in traditionellen Schulen und 39 Kindergartengruppen.

In Iasi hatten wir im Jahr 2000 die erste Abiturklasse – ein großer Erfolg. Der schwerste Verlust war in dem Moment, als die Eurythmielehrer nach Kanada auswanderten. Seitdem haben wir das Fach “Eurythmie” nicht mehr im Stundenplan, und das spürt man... Aber in ganz Rumänien fehlen Eurythmielehrer. Ein wunder Punkt für alle Schulen ist auch, daß der Klassenlehrer seine Kinder nur bis zum Ende der vierten Klasse begleiten darf – das ist Gesetz.

Da wir staatliche Schulen sind, zahlen die Eltern kein Schulgeld. Aber sie zahlen monatlich einen Mitgliedsbeitrag an ihre Schulvereine (in Iasi fünf Euro), und wenn sie ihn nicht zahlen, geschieht nichts, sowohl für die Eltern als auch für die Schüler. In meiner Klasse – ich habe wieder eine erste – war es dieses Jahr schwierig für mich, Wachsmalblöcke zu finden, und bis zuletzt habe ich Geld von den Eltern gesammelt und sie schließlich in der Schweiz gekauft. Wir brauchen auch Geld für Handarbeitsmaterial, Bälle, Farben, Malpapier, Saalmiete für die Feiern, Renovierung der Klassenräume usw.

Manche Schulen haben Partnerschulen aus Deutschland oder der Schweiz, aber aus unserer Erfahrung in Iasi weiß ich, dass es ziemlich schwer ist, eine auländische Partnerschule zu finden, wenn man arm ist und die befreundete Schule nur die einseitige finanzielle Belastung empfindet.

...geben nicht auf

Wir haben viele Sorgen und Probleme - und trotzdem steckt in jedem Waldorflehrer die Freude der Arbeit in der Klasse, die Freude, die Kollegen aus dem Land bei den Fortbildungen zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen, die Gemeinsamkeit zu spüren. Ich weiß nicht, was uns alle zusammenhält, Eltern, Schüler, Lehrer. Aber es ist sicherlich nicht der Enthusiasmus des Anfangs, sondern vielmehr ein edles Ziel: das Leben unserer Kinder schöner zu machen, aus der Schule ein Ort der Liebe zu machen. Das scheint angeberisch aber es ist so.

Es ist nicht leicht, von einem Lehrergehalt zu leben und es ist nicht leicht, seine Kinder großzuziehen und ihnen das Allernotwendigste zu geben. Mit wenig Geld versuchen wir möglichst viel. Und wenn wir keinen eigenen Festsaal haben, ist auch der Flur gut, oder ein Klassenraum. Hauptsache ist: Nicht aufgeben...

Adrian Condrea (übers. L. Dumitriu)