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System im Wandel - theoretisch

Mit Hilfe eines BMZ-kofinanzierten Projektes entsteht in Bukarest-Pantelimon ein sozialtherpeuthisches Projekt (wir berichteten vor einem Jahr). Doch die staatlichen Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach. Kurz gesagt: Zahllose neue Auflagen, aber völlig ungesicherte Finanzhilfen. Volker Ermuth berichtet aus dem rumänischen Alltag.

Wo man geht und steht: "EU-Angleichung" ist das oberste Ziel. Innerhalb kurzer Zeit entstanden Unmengen neuer Auflagen, Gesetzeswerke, Durchführungsvorschriften, Qualitätsstandards, Ethik-Maßstäbe und und und... Dann sollten alle Einrichtungen ihre Dienste bis ins letzte Detail dokumentieren, um eine Akkreditierung zu bekommen. Der auf Ende 2005 festgesetzte Termin wurde nun auf Ende 2006 verschoben...

Neue Vorschriften, aber keine Zuschüsse

Es ist durchaus zu merken, daß in Rumänien eine Sehnsucht nach Ordnung, Ehrlichkeit und Professionalismus besteht. Gerade die Deutschen verkörpern für die Rumänen diese Qualitäten. Es gibt ein Sprichwort: “das machen wir deutsch”, im Sinne von “perfekt”. Doch eine Fülle neuer Gesetze bringt konkret vor Ort nicht die kleinste Veränderung. Hier herrscht nach wie vor das "alte System".

Wir wollten nichts mit dem Staat zu tun haben und sind daher keine "staatliche" Einrichtung geworden. Wir haben uns gesagt: Über kurz oder lang müssen auch private Einrichtungen, die sich engagieren, staatliche Hilfen bekommen. Noch sind wir im (Auf)Bau, aber schon jetzt haben wir Jugendliche aufgenommen, die wir gut betreuen.

Doch staatliche Zuschüsse sind vorerst nicht zu erwarten. Nicht nur, daß wir noch nicht akkreditiert sind. Selbst wenn wir es nach umfangreichen Dossiers und Dokumentationen wären, ist das staatliche Budget so klein, daß es niemals für alle Einrichtungen reichen kann. So genügt die staatliche Kilometerpauschale für notwendige Fahrten nicht mal, um die Lebensmittel für die Küche einzukaufen. Von gar nicht vorgesehenen Ansätzen wie Maltherapie ganz abgesehen...

Was nützt also die schönste EU-Angleichung, wenn nur Vorschriften entstehen, aber für die zu betreuenden Menschen konkret gar nichts getan wird?

Sicherlich klingt es gut, wenn ein Bürgermeister künftig soziale Dienste ausschreiben lassen und den billigsten und besten Anbieter auswählen will. Aber unsere Jugendlichen sind doch schon da! Sie brauchen Betreuung, und wir betreuen sie – bisher ohne offizielle Genehmigung und ohne alle Zuschüsse.

Das unveränderte System der Korruption

Geld bedeutet übrigens gerade in Rumänien immer auch Abhängigkeit. So könnte es vorkommen, daß ich, um Geld vom Bürgermeister zu bekommen, seinen Neffen einstellen muß – möglichst als Direktor oder Buchhalter...

Und damit sind wir bei dem schon erwähnten "alten System". Die alles prägende Erfahrung mit den Behörden ist, daß es dort keinerlei Interesse an der Sache gibt. Wir brauchen zum Beispiel die Genehmigungen der Gesundheitsbehörde. Da kann ich nun eine perfekte Edelstahl-Küche haben - und der Beamte hat trotzdem einiges zu meckern. Auf der anderen Seite gibt es Restaurants mit grauenvollen Küchen, die genehmigt sind. Es gibt einfach keinen Maßstab der Vernunft, nur ein Netz von Abhängigkeit. Der Beamte will eben 20 Euro für seinen Besuch, dann ist ihm die Arbeitsplatte aus Holz oder der Fußboden aus uraltem Linoleum egal.

Wenn ich genug zahle, kann ich mir alles erlauben, alles. Es schaut niemand nach. Wenn ich aber nicht bereit bin, habe ich ein Problem. Aber es ist auch ein Problem für einen Verein, Schwarzgeld zu haben – ich brauche für alles Belege!

Oder nehmen wir einfach nur die Müllabfuhr. Unser Container ist voll, wir haben einen gültigen Vertrag. Doch der Müllfahrer erscheint nur, wenn er etwas extra bekommt, sonst kann ich fünfmal anrufen, und es geschieht nichts.

Armut ... und Ehrlichkeit

Ich will ihnen aber auch sagen, woran das liegt: Der kleine Beamte oder Angestellte bekommt vielleicht 100 Euro im Monat. Ich bin seit sieben Jahren hier und trotzdem verstehe ich noch nicht, wie die Leute hier leben. Das Benzin ist so teuer wie in Deutschland, das Gas ist teurer. Ich weiß nicht, was noch billiger ist als in Deutschland, vielleicht ein Brot. Das offizielle Existenzminimum liegt bei 90 Euro – damit kann man gerade einmal volltanken!

Also der Beamte vom Gesundheitsamt, der mir meine Küche genehmigen soll, der sagt sich: Es ist mir egal, ob du eine tolle Küche hast. Mein Kind ist in der ersten Klasse, und ich muß zehn sehr teure Schulbücher kaufen...

Die Chefs und Abteilungsleiter, die Minister und Staatssekretäre, die haben ihre Villen und dicken Autos. Die anderen haben nur ihre 100 Euro, haben Zweit- und Drittjobs und kassieren Extras... Viel geändert hat sich seit der Wende nicht, gerade in der Verwaltung nicht. Die Löhne müßten zuerst auf ein anständiges Niveau steigen, wobei man sich nicht vorstellen kann, wann das denn sein soll.

Doch wo viel Schatten ist, muß auch viel Licht sein. Vor allem die älteren Leute oder aber die jungen Menschen, die sich um so ein Projekt wie unseres versammelt haben, sind korrekt, ehrlich und zuverlässig. Rentner, bei denen die Pension gerade für die Nebenkosten der Einzimmerwohnung reicht, stehen beim Zahltermin für die Stromrechnung Schlange, um ihr ganzes Geld loszuwerden. Und was unsere jungen Mitarbeiter leisten, ist von unschätzbarem Wert. Vor allem im Sozialen werden hier Dinge praktisch, sensibel und mit knurrendem Magen gelöst, was meine Achtung steigen läßt, je länger ich hier bin.

Volker Ermuth