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Ein Brief aus Kroatien

Tobias Richter arbeitet seit vielen Jahren in der Waldorflehrerausbildung an der Universität Zagreb. Auf ganz persönliche Weise gibt er Einblicke in die Situation der Waldorfpädagogik in Kroatien.

Lieber Olaf!

Bei dir in Denver ist es jetzt Nacht, doch ich bin wieder unterwegs mit dem Auto von Wien nach Zagreb. Das wievielte Mal? Ich weiß es nicht, seit mehr als 13 Jahren meist monatlich…

Schon nach einer Stunde das Problem mit der Sendersuche im Autoradio: ungarische Nachrichten, kroatische Musik, slowenische Werbung – alles springt durcheinander, aber bis Zagreb sind es noch vier Stunden. Ja, ein großes Grenzgebiet. Die Staatsgrenzen sind zwar eindeutig markiert und gezogen, doch darüber hinaus erscheint es fast wie ein ganz eigener, besonderer Kontinent...

Spielfeld – Maribor – an Ptuj vorbei und die letzten Kilometer bis zur kroatischen Grenze führen fast durch eine Schlucht. Dahinter gleich ein Schild – Pazi Mine! – Vorsicht Minen. Groß und rot, wie eine Mobilfunkwerbung.

Ja, Minen, die gibt es hier wahrlich. Tatsächliche aus dem vergangenen Bruderkrieg und dann gibt es sie - mindestens ebenso gut vergraben - in vielen Gemütern... Die muss jeder selbst entschärfen, sonst gehen sie hoch und haben verheerende Wirkungen. Wie hat die Zagreber Waldorfschule darunter gelitten! Eine Zeit schien es, als ob sie auf einem einzigen Minenfeld aufgebaut sei. Doch hoffen nun alle, dass das "Gelände" jetzt neu bebaut werden kann. Allerdings sind die Nachwirkungen noch deutlich zu sehen: Der ursprüngliche Name "Georgsschule" ist verschwunden, genauso wie viele Kinder: Einmal besuchten 178 Kinder in 8 Klassen die Schule, jetzt sind es noch 81 Kinder in 7 Klassen.

In einem so kleinen Land wie Kroatien wirkten sich diese durch die Medien gehenden Detonationen natürlich auf alle waldorfpädagogische Einrichtungen in Kroatien und Bosnien-Herzegovina aus. In Sarajevo verfolgte man aufmerksam, was in Zagreb geschah, und der dortige Kindergarten sowie die bis dahin äußerst florierende Freizeitschule spürten die Druckwellen und Erschütterungen.

Inzwischen bin ich aber in Zagreb angekommen, und gleich beginnt der Waldorfpädagogik-Kurs an der Uni, wie immer einmal im Monat von Freitagabend bis Sonntag. Auf dem Flur werde ich begrüßt von Miroslav und Siniša, unseren Studenten aus Serbien, und im großen Hörsaal wartet schon Slavica Bašic (du erinnerst dich, die Professorin für Erziehungswissenschaft, der es zu verdanken ist, dass die Waldorflehrer- und Kindergärtnerausbildung an der Uni stattfinden kann und mit einem staatlichen Diplom abschließt) mit den 32 angehenden Kindergärtnerinnen. Sie kommen aus ganz Kroatien, aber auch aus Bosnien-Herzegovina und sogar aus Montenegro angereist.

Unterstützt wird Slavica von Ivanka aus der Zagreber Einrichtung "Osana" für seelenpflege-bedürftige Kinder, von Brigitte Goldmann (du kennst sicher noch "Tante Brigitte" aus deiner Wiener Kindergartenzeit?) und den Künstlern Diana (Professorin für Musik), Alen (Eurythmist an der Zagreber Waldorfschule) und seinem Kollegen Darko, dem Maler.

Bei mir im Lehrerkurs sind es 24 Studenten – und alle sind Lehrer! Zum Teil unterrichten sie schon an den Waldorfschulen in Rijeka und Zagreb, oder an staatlichen Schulen, oder sie arbeiten an einer der anthroposophischen sozialtherapeutischen Einrichtungen in Osijek (Kroatien) bzw. Meljak (Serbien). Auch die Lehrer haben Kurse bei den drei Künstlern, dazu kommen dann aber noch der Bothmergymnast Mirko, Sunica und Beate Gerber (Graz) für Musik und Kollegen aus dem Wiener Waldorfseminar, mit dem wir ja zusammenarbeiten.

Das große Waldorfmotto "Erziehung zur Freiheit" hat hier in Kroatien einen besonderen Klang, da Autonomie oft noch mit Durchsetzungsfähigkeit und Selbstbehauptung verwechselt wird. Zuviel schweres Schicksal ist damit verbunden. Obwohl vieles in Kroatien und Bosnien-Herzegovina wieder aufgebaut wurde, sind die Kriegswunden immer noch zu spüren. So trifft man z.B. in Sarajevo auf die Begräbnisstätten in den Parks, auf die immer wieder nachgemalten Erinnerungsmarkierungen auf den Straßen und Plätzen, wo Bomben und Granaten einschlugen, und an den Schulen auf die stets blank polierten Messingschilder mit den Namen der Kinder, die im Krieg ums Leben kamen...

Dass wir Studenten aus den sich einst bekriegenden Ethnien und Regionen haben, die nun Waldorfpädagogik in Kindergärten und Schulen unter diesen Bedingungen adäquat verwirklichen wollen, ist nicht nur eine Freude, sondern auch eine große Hoffnung! An diesem Wochenende sagte mir Danijela von der Zagreber Waldorfschule: "Weißt du, das Wichtigste ist die Offenheit für das Neue, das ist der Schlüssel für die Zukunft; sie wird besser werden, auch wenn wir noch viel Zeit brauchen."

Und wenn ich ihre Kommilitoninnen frage, warum sie denn an der Waldorfschule unterrichten wollen, trotz der nicht einfachen finanziellen Bedingungen (in Zagreb kommen vom Ministerium und der Stadt ungefähr 63% des Finanzbedarfs - allerdings oft unregelmäßig), höre ich: "Wenn sich jemand in die Waldorfpädagogik verliebt, findet er Geld. Schließlich kann man ja in den langen Sommerferien als Kellner oder sonstwo im Tourismusbereich arbeiten!" Oder: " Was mich besonders motiviert ist, dass die Waldorfpädagogik zusammen mit der Natur, der Erde und den Kindern atmet." (So hat sie es gesagt – Waldorfpädagogik ist für sie eine "atmende Pädagogik"). Oder: "weil das Kind im Zentrum steht, mit dem ich mich tief verbunden weiß. Da ist es doch völlig unvorstellbar von der Schule zu gehen, nur weil der Lohn nicht regelmäßig kommt!"

Und die Eltern, warum melden sie trotz der über 100 Euro Schulgeld – das sind 25 bis 40 Prozent des Monatslohnes! – ihre Kinder an? Wegen der Erwartung und Erfahrung, als echte Partner am Schulgeschehen teilnehmen und offen ihre Fragen besprechen zu können.

Seit es Waldorfschulen in Kroatien gibt (die Zagreber Schule wurde ja 1993 gegründet, dann folgte 2000 Rijeka), hat sich auf Seiten des Ministeriums manches geändert: Der Pluralismus im Schulwesen hat tatsächlich Boden gewonnen, und die Pioniere der Waldorfpädagogik in Kroatien haben dazu nicht unwesentlich beigetragen. Immerhin gibt es jetzt insgesamt neun Waldorfkindergärten in Kroatien (Zagreb, Samobor, Split, Dubrovnik, Rijeka und einige Waldorfgruppen in staatlichen Kindergärten), sowie eine heilpädagogische und drei sozialtherapeutische Einrichtungen. Natürlich war der Weg äußerst mühevoll – und er ist es noch immer.

Du erinnerst dich sicher noch an die zahlreichen Aufbauhilfen durch deutsche, schweizer und österreichische Schulen, durch die Freunde der Erziehungskunst, die Software AG Stiftung und die Hünig-Stiftung. Ohne all diese wäre das, was nun entstanden ist, schwer möglich gewesen.

Warum ich dir das alles schreibe? Weil du mich ja in deinem letzten Brief gefragt hast, nachdem ich dir von den schwierigen Verhältnissen in Zagreb berichtet hatte, wie ich die Entwicklung der "waldorfpädagogischen Idee" in diesem besonderen Teil Südosteuropas einschätze und beschreiben würde.

Hier, wo Grenzen durchlässig sind, wo Multiethnizität, Interdisziplinarität herrscht oder sich zu entwickeln beginnt, wo viele Wege durchs und ins Unterholz führen und stärker frequentiert sind als die Autobahnen, zeigt sich vieles deutlicher, existentieller und radikaler als anderswo. Deswegen lässt sich aber vielleicht auch eindeutiger erkennen, welche Fähigkeiten gefordert sind, um die "Erziehung zur Freiheit" zu realisieren. Top down geht es sehr schwer. Also bottom up!

So blicke ich einigermaßen hoffnungsvoll in die Zukunft, wenn ich sehe, wie viele staatliche Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen unsere Fortbildungsseminare besuchen und weitere Seminare fordern. Das ist klimabildend!

Soviel für heute, es ist spät geworden. Morgen muss ich einigermaßen vorbereitet den Studenten Rede und Antwort stehen zum Thema "Waldorfpädagogik - eine Pädagogik der Rechtzeitigkeit".

Sei vielmals gegrüßt von
deinem Vater