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Rauher Wind an der Adria

An der Adria gibt es verschiedene Winde und jeder hat sein ganz eigenes Gesicht. Der Nordwind, die Bura, ist einer der rauhesten. Sie bringt gutes Wetter, klärt den Himmel, aber zaust und zerrt an jedem Gestrüpp und jedem geducktem Baum, der sich im spärlichen Erdreich an den felsigen Berghängen über der Küste hält.

Wo kein Wald mehr steht, ist es fast unmöglich, dass wieder ein Baum Wurzeln schlägt.

Als die Schüler der Rijeker Waldorfschule etwas südlich der Stadt auf einem solchen kahlen Bergrücken ihren Bus verliessen und die Bura ihnen die Mützen vom Kopf blies, konnten sie erleben, was es bedeutet, den schützenden Wald zu missen. Unter Anleitung eines Försters wurde das Unmögliche versucht: mit dicken Stangen ein Loch in den Boden gestossen, wo sich zwischen dem Geröll etwas Erde angesammelt hatte, dann kleine Fichten hineingesetzt und gut festgedrückt... Ob es der Baum schaffen würde, hier zu überleben?

Diese Frage stellt sich auch im Schulalltag: Die Waldorfschule und der Kindergarten stehen auf spärlichem Erdboden und müssen dem rauhen Wind ungeschützt standhalten.

Unsere Schule begann im Jahr 2000 mit der ersten und zweiten Klasse, heute sind es sieben Klassen. Die Bedingungen schienen günstig damals nach dem Krieg, mitten im Neubeginn: Beide Kindergartengruppen waren stets voll, und bis 2004 wurden immer 15 und mehr Kinder in die erste Klasse eingeschult.

Heute weht ein rauherer Wind: Das Schulgeld ist hoch, und Interesse und Mut, ein Kind in die Waldorfschule zu geben, sind deutlich gesunken. Der Kindergarten musste zum Schuljahresbeginn eine Gruppe schliessen, und in die sieben Klassen gehen heute nur 65 Kinder. Seit zwei Jahren können wir keine erste Klasse füllen, und aus den älteren Klassen wechseln Kinder in die Staatsschule, weil die Eltern fürchten, sie seien nach der achten Klasse den hohen Anforderungen der Fachschulen und Gymnasien nicht gewachsen.

Erlebnisse in der Schule...

Jurajs Mutter hat diese Sorge nicht. Sie ist Erzieherin im Waldorfkindergarten und verdient 420 Euro monatlich, ein "Pate" aus Norwegen zahlt für Juraj das Schulgeld: 120 Euro. Manchmal sieht man den Zweitklässler morgens um 7 Uhr auf dem Sofa vor seinem Klassenzimmer tief schlafen. Doch bald schon stürmen die sechs Erstklässler herein. Dann geht Juraj in den Schlafraum der Kindergartenkinder und macht dort seine Hausaufgaben. Erst danach beginnt auch sein Unterricht: Handarbeit, Englisch, Deutsch, Eurythmie oder Spielturnen, alles zusammen mit der ersten Klasse. Für den Sprachunterricht tauscht man den engen Raum mit den Drittklässlern, die es sich hier zu zwölft beim Handarbeiten gern gemütlich machen. Spielturnen findet meistens draussen statt, aber bei Regen hat die Lehrerin auch ein paar Spiele parat, die man auf engem Raum spielen kann. Zur Eurythmiestunde ziehen die Kinder hinunter in den Saal des Bürgervereins im Erdgeschoss, den die Schule für sechs Stunden in der Woche mieten kann.

Hauptunterricht hat Juraj erst von 12 bis 14 Uhr. Die Zweitklässler geniessen diese Zeit zu fünft mit ihrer Klassenlehrerin Iva. Sie ist 26 Jahre alt und wollte eigentlich nur den Kunstunterricht an der Schule übernehmen. Da aber dringend eine Erstklasslehrerin gesucht wurde, entschied sie sich für beides. Ausserdem ist sie Leiterin der technischen Konferenz, gestaltet die Webseite der Schule, macht Ausstellungen von Schülerarbeiten und eigene Ausstellungen.

Insgesamt teilen sich zwölf Lehrer und einige Eltern die Aufgaben der Schule. Die beiden männlichen Kollegen werden von den Kindern hochgeschätzt, sind sie doch zum grossen Teil zuhause nur mit der Mutter zusammen. Viele Eltern sind geschieden, oft ist der Vater regelmässig monatelang auf dem Schiff unterwegs.

Alle Lehrer bekommen ihre Löhne oft erst zwei Monate später, müssen sich viel mehr engagieren als ihre Kollegen an den Staatsschulen und blicken in eine unsichere Zukunft. Sie bleiben nur dann, wenn sie ihre Begeisterung nicht verlieren. Alle sind Neulinge in der Waldorfpädagogik, haben keine Vorbilder auf diesem Gebiet und es gibt nur sehr wenig Literatur auf Kroatisch. Dennoch müssen sie von Beginn an diese Pädagogik vertreten - in einer politischen und gesellschaftlichen Umgebung, für die Waldorfpädagogik noch immer mit Vorurteilen belegt ist.

Doch die Kinder lieben ihre Schule und geben uns immer wieder neue Kraft. Dora, 5. Klasse: "Die Schule bedeutet mir sehr viel, denn es gibt keinen Druck. Ich wünschte, unsere Schule wäre gross und schön. Drinnen sollten viele Schularbeiten ausgestellt sein, draussen müßte es einen Park, einen Garten und eine Sporthalle geben..." – ganz wie bei der Patenschule in Dietzenbach, deren Besuch 50 Rijeker Kinder, Eltern und Lehrer in Begeisterung versetzte, auch wegen der herzlichen, gastfreundlichen Menschen.

...und draußen

Kiran, ein verträumter, zarter Bub aus der dritten Klasse mit kupferrotem Haarschopf, liebt seine Schule ebenfalls. Er wohnt in der Stadtmitte und fährt mit dem Bus in die Schule, am Meer entlang, vorbei an Fabriken der Ölindustrie und Schiffswerften, aber auch mit Blick auf die Kvarnerbucht und das ferne Velebitgebirge. Nach zehn Minuten steigt er an einer vierspurigen Kreuzung aus und wird am Schuleingang um die Ecke freundlich vom Schnellschuster begrüsst. Er hat hier im Windfang seine Werkstatt und ersetzte schon manches Mal den fehlenden Hausmeister. Wenn Kiran nach dem Unterricht auf seine Eltern wartet, schauen er und andere Kinder ihm gern bei der Arbeit zu.

In der großen Pause stürmen die Schüler hinter der Schule die Treppe zum öffentlichen Park hinauf. Hier findet auch der Sportunterricht statt, bei jedem Wetter. Einen Teil des Parks hat die Stadt uns für den Gartenbauunterricht zur Verfügung gestellt. Zur Zeit sind die Schüler damit beschäftigt, die Erde mit Spitzhacken vom Beton zu befreien. Ein Baumhaus, von einer dritten Klasse gebaut, wurde leider umgehend zerstört.

In der Umgebung Rijekas können Handwerk, Landwirtschaft und Hausbau noch ganz konkret erlebt werden. In den Bergen besuchen wir einen Schmied in seiner Werkstatt, im Dorf auf der Insel Cres werden große Backsteinöfen wieder zum Leben erweckt. Auf der Halbinsel Istrien arbeiten noch immer Wassermühlen. In einem alten, abgelegenen Dorf lebt Luciano, der seit 30 Jahren seinen kleinen Hof nach dem Maria-Thun-Kalender bewirtschaftet. Kirans Klasse ist die zweite, die hier drei Tage lang pflügen und säen, im Heu übernachten und toben kann und mit dem Jeep abenteuerliche Ausflüge macht.

Im Sommer, wenn es in den Klassenräumen zu heiß ist, können wir innerhalb von fünf Minuten mit dem Bus ans wunderschöne Meer fahren. Vielleicht wird es künftig noch näher sein.

Im Stadtzentrum am Hafen gibt es ein ehemaliges Fabrikgebäude, aus dem die Kunstakademie bald auszieht. Es soll zwar in fünf bis zehn Jahren abgerissen werden, aber die Schule hat im jetzigen Gebäude, keinerlei Wachstumsmöglichkeiten mehr. Am Hafen wird die Schule auch nicht Wurzeln schlagen können. Aber vielleicht ist sie kein Baum, sondern ein Schiff, das beweglich auf die launigen Wind- und Wetterverhältnisse der Adria reagieren muss? Dann hoffen wir, dass sie am Hafen einen geschützten Platz findet, wo sie eine Weile ankern kann, um Kinder an Bord zu nehmen, die ohne Druck und Angst, aber mutvoll ins Leben hinaussegeln wollen.

Mirjam Habunek