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Eine besondere Partnerschaft: Bad Nauheim – Kishinew

Moldawien, einst Gemüse- und Obstlieferant der Sowjetunion, gilt heute als Armenhaus Europas. 1992 wurde in Kishinew eine Waldorfschule gegründet, die inzwischen voll ausgebaut ist und von 350 Kindern besucht wird. Der Lehrer der 8. Klasse aus Bad Nauheim berichtet über den Besuch der moldawischen Partnerklasse.

Es gibt viele Gründe für einen Klassenlehrer, einen Schüleraustausch zu begleiten, und besonders viele einen mit moldawischen Schülerinnen und Schülern.

Als Schüler hat es mich schon intensiv beschäftigt, wie es möglich war, dass die Generation meiner Großväter auf unsere französischen Nachbarn schießen konnte. Der Austausch mit französischen Schülern bewirkte bei mir den intensiven Beschluss, eine nochmalige Feindschaft mit den Nachbarn nicht mitzumachen, und hatte weitreichende biografische Folgen.

Mit östlich gelegenen europäischen Nachbarn befanden wir uns vor wenigen Jahrzehnten noch in einem „Kalten Krieg“. Noch in den 80er Jahren richteten die Regierungen des Westblockes Atomraketen gegen die Mächte des Ostblocks und umgekehrt. Die Länder unserer Partnerklassen gehörten damals noch zu den verfeindeten Systemen. Austausch unter solchen Ländern fand selten statt, jedenfalls hatte ich nie die Möglichkeit dazu. Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert, eine riesige neue Welt tut sich auf – wir dürfen sie kennen lernen. Und zwar ohne Kriege.

Begegnung mit Osteuropa: Historische Chance...

Ich wollte meinen Schülerinnen und Schülern klar machen, welche historische Chance darin liegt, südosteuropäische Menschen in Frieden kennen zu lernen. Dazu schilderte ich in einer extra anberaumten Geschichtsstunde die Entstehung des „Eisernen Vorhangs“ nach dem Zweiten Weltkrieg quer durch Europa. Viele Schülerinnen und Schüler konnten im anschließenden Gespräch an Schilderungen ihrer Eltern und Großeltern zur deutsch-deutschen Grenze und den unvergesslichen Erlebnissen dort anknüpfen. Sie bekamen hoffentlich ein besseres Verständnis für die neue Situation und dadurch mehr Interesse an der nun leichter zu erreichenden östlichen Hälfte Europas.

Seit etwa einem Jahr hingen bei uns im Klassenzimmer Bilder der moldawischen Schülerinnen und Schüler. Die moldawische Klassenlehrerin Frau Dascal ist besonders stolz auf ihre folkloristischen Lieder- und Tanzvorführungen. Auch bei ihrem Besuch in Deutschland zeigten die Achtklässler Erstaunliches auf einer Monatsfeier – in traditionellen Kleidern.

Unsere Jugendlichen brauchten fast ein Jahr, bis sie merkten, dass die moldawischen Jugendlichen gar nicht immer so aussehen, sondern außer bei Folklore ganz normal angezogen sind wie sie. Auch ich als Lehrer muss eingestehen, dass ich die moldawischen Kolleginnen und Kollegen am Anfang unserer Begegnungen aufgrund ihrer etwas anderen Kleidung in Kategorien gesteckt habe, in die ich sie nach ausführlicheren Gesprächen nicht belassen konnte. Immer war ich angenehm überrascht, wie interessant und lohnend diese Gespräche waren, wenn sie sich ergaben.

... und unvergeßliche Erlebnisse

Wenn 13 von 23 Jugendlichen aus einer Klasse das erste Mal in ihrem Leben in einem Schwimmbad sind und wenn auch Schülerinnen voll Begeisterung vom Sprungbrett springen, die nicht schwimmen können, und wenn es trotzdem irgendwie gut geht, dann sind das für den Aufsicht führenden Lehrer und die begleitenden Schüler unvergessliche Eindrücke.

Wenn die moldawischen Schüler auf unsere bauchnabelfrei angezogenen Schülerinnen völlig unreflektiert reagieren, dann können sich daran noch einmal interessante Gespräche mit unseren „Mädels“ anknüpfen.

Es blieben viele beeindruckende Erlebnisse zurück.

Wir mussten alle flexibel auf die Situation in der Austauschwoche reagieren, das forderte von allen Seiten viel. Hinzu kamen andere Lebensauffassungen, anderes Temperament und eine erhebliche Sprachbarriere. Auch das Monate vorher geplante Programm ließ sich mit Rücksicht auf die angestrengten Gäste und das schlechte Wetter nicht wie geplant durchziehen. Einige Eltern arbeiteten dadurch sehr spontan und viel – herzlichen Dank.

Wir waren eine Woche mit Menschen zusammen, die ganz anders waren als jene, die sonst um uns sind. Man hatte die Chance, unbefangener und offener zu werden, toleranter, flexibler, großzügiger, und man konnte sehr viel Neues kennen lernen. Hoffentlich haben alle diese Chance genutzt, und hoffentlich ergeben sich noch weitere...

Uwe Mos