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Ein kleiner Junge und seine große Familie

TEMI ist eine Lebensgemeinschaft im nordost-georgischen Dorf Gremi am Rande des Kaukasus. Über 20 Menschen von vier bis 76 Jahren mit unterschiedlichsten Schicksalen (Behinderte, Waisen, Menschen mit seelischen und sozialen Problemen...), bilden eine grosse Familie – ohne jede staatliche Unterstützung. Die Berlinerin Susanna Reinhart ist hier jedes Jahr sozialtherapeutisch tätig.

Mein Name ist Petre und ich bin vier Jahre alt. Meine Mutter Isa kam hierher, weil mein grosser Bruder behindert ist und es zuhause schwierig war - vielleicht aber auch, damit ich hier zur Welt kommen und aufwachsen kann. Ich bin zwar der Kleinste hier, aber ich habe den grössten Kopf von allen, mit zwei grossen, braunen, schelmischen Augen. Es war gar nicht so einfach für mich, sitzen und laufen zu lernen, weil ich erst mein Gleichgewicht finden musste. Aber jetzt bin ich flink und geschickt und vor allem sehr stark.

Am liebsten bin ich in der Küche, obwohl Lewan und Nika mich oft hinausschicken. Die wissen gar nicht, was ich alles kann. Ich kann abwaschen und Teig kneten und Gemüse schneiden. Und ich lass mich nicht so leicht verjagen. Wenn Susanna da ist, darf ich sowieso mithelfen. Susanna kommt jedes Jahr für ein paar Monate zu uns und unterrichtet meinen Bruder und Simon und Anna, die nicht in die Dorfschule gehen können wie Nino, Mari und Rima. Sie macht auch immer Käse, wo ich am liebsten reinbeissen würde, aber das darf ich nicht. Dafür macht meine Mutter jeden Tag frischen Joghurt.

Draussen spiele ich viel mit den Hunden und den Kälbern und den anderen Kindern. Jetzt gehen wir nachmittags oft zum Bach und spielen mit Sand, Lehm und Steinen, so viel wir wollen. Wir bauen schöne Sandburgen und Staudämme und bringen Lehm mit nach Hause zum Töpfern. Neulich habe ich zugeschaut, wie die Grossen mit Lewan bei den jungen Weinpflanzen Unkraut jäteten, und durfte sogar Bohnen säen. Unten im Hof bauen Männer eine Holzwerkstatt neben dem Stall, und manchmal darf ich mit der Schubkarre fahren.

Zur Zeit ist wieder Lika aus Tbilisi da. Sie töpfert und malt viele Bilder mit uns und stickt mit den grossen Mädchen. Zweimal in der Woche kommt Leila, die wunderschön Klavier spielen kann, und bringt uns viele Lieder bei. Und jede Woche kommen auch viele Kinder und Ältere aus dem Dorf, die bei Galina Englisch und Computer lernen.

Habe ich euch schon erzählt, dass man im Sommer jeden Abend Glühwürmchen sehen kann? Sie kommen sogar auf die Hand. Jetzt sind auch bald die blauen Maulbeeren wieder reif, dann kann ich den ganzen Tag unterm Baum sitzen oder hinaufklettern und essen, bis ich von Kopf bis Fuss blau bin. Dann holt meine Isa [seine Mama] vom Holzherd heisses Wasser (wenn es welches gibt) und wäscht mich, aber meistens bleibe ich nicht lange sauber...

Susanna Reinhart