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Eine „Andersschule“ in einem „Andersland“

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten keinen pädagogischen Beruf und fühlten auch keine besondere Berufung in dieser Richtung. Sie wären dennoch aus vollem Herzen Anthroposoph und möchten sich einsetzen für die geschundene Natur. – Das war das Motiv für die ersten von uns, als sie vor bald 35 Jahren heruntergewirtschaftetes Land in der Serra da Mantiqueira kauften und aufforsteten.

Ja, und nun stellten sie fest, dass die menschliche Not fast noch grösser war. Die Bewohner der Berge wohnten in zugigen Lehmkaten, mit Lehmboden, Fenstern ohne Glas, nur Holzverschlägen für die Nacht, bei regelmässigem Frost von Juni bis September. Die Kinder waren fast alle unterernährt und voller Parasiten. Sie liefen auch bei Frost nur in T-Shirts und Latschen herum. Es gab noch Milzbrand und Lepra, aber keine Schule. Bei den Kindern musste man anfangen!

Gründung der Escola Araucária in den Bergen 

Der Appell an die Behörden war vergeblich. Also stellten wir selbst ein Hektar Land und die ersten einfachen Baulichkeiten. Nun mussten die Behörden doch eine Lehrerin schicken! Weit gefehlt... Ein aufreibender Kampf von über drei Jahren und viele Auflagen waren zu bestehen, bis endlich die Genehmigung einer Schule kam, aber die Lehrerin mussten wir selbst bezahlen.

Der Anfang war sehr schwer. Nur 12 Schüler kamen regelmässig – die Eltern sahen nicht ein, wozu eine Schule notwendig sein sollte. Die jungen Lehrerinnen wechselten ständig, weil sie es in der Einsamkeit nicht aushielten. Doch mit gemeinsamer Kraft wurde Elternarbeit geleistet, wurden neue qualifizierte Pädagogen gefunden und die Eltern zunehmend überzeugt. Schließlich erkannten auch die Behörden in Camanducaia die Initiative als Gemeindeschule an. Und doch gab es immer wieder Behinderungen: Die Zuschüsse waren unzureichend und von der Laune des jeweiligen Bürgermeisters abhängig; die Schulrätin lauschte heimlich unter den Fenstern, ob auch genau der Lehrplan unterrichtet würde und vieles mehr.

Besonders in diesen frühen Jahren gab es große Geldnot. Unter Präsident Collor wurden 1991 zur Bekämpfung der Inflation die Bankkonten gesperrt,  und wir mußten vor Gericht ziehen, um nach vielen Monaten unser inzwischen entwertetes Geld wiederzubekommen. Viele Brasilianer glaubten nicht, daß sie ihr Geld je wiedersehen würden. Es gab sogar Selbstmorde, doch in einem „Andersland“ wie Brasilien fällt schliesslich alles wieder auf die Füsse!

Kampf um die Waldorfpädagogik

Im Laufe der Jahre wurde die Waldorfpädagogik bei uns eingeführt. Die Schule hatte nun schon 80 Schüler, die teils zu Fuss, teils zu Pferde bis über 10 km weit aus den Bergen kamen.

Als ein neuer, junger Bürgermeister gewählt wurde, in den wir große Hoffnungen setzten, kam stattdessen ein Ultimatum: Wir müssten innerhalb von drei Wochen die Waldorfpädagogik aufgeben oder aber ganz Privatschule werden. Was nun? Es blieb uns nichts als abzuwarten, was kommen möge. Schliesslich wird in unserem „Andersland“ nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Die neue Schulrätin stand zum Glück heimlich auf unserer Seite. Mit ihrer Hilfe konnten wir langsam Bürgermeister und Gemeinderat überzeugen, dass im Bundesland Minas Gerais ein neues Schulgesetz erlaubte, die Pädagogik selbst zu wählen.

Nachdem dann noch eine Fernsehreportage unsere Schule als gutes Beispiel rühmte, kam es doch zu einer guten Zusammenarbeit. Unsere Lehrer erhielten nun ein kleines Grundgehalt, und erstmals bezahlte die Gemeinde einen Bauern mit Geländewagen dafür, dass er die besonders abgelegen wohnenden Kinder zur Schule brachte. So bescheiden alles bei uns war, bekamen wir doch einen Ruf als Musterschule.

Wo stehen wir heute? Inzwischen haben wir 160 Kinder in einem Kindergarten und neun Klassen und die Gemeinde zahlt auch den größten Teil der Schulspeisung. Die Schüler pflanzen das Gemüse im Schulgarten selbst und backen auch das Brot. Der Schulverein zahlt die berufsbegleitende Weiterbildung der Lehrer und gibt einen ordentlichen Zuschuss zu den Gehältern (die meisten Lehrer in den Städten unterrichten wegen der niedrigen Löhne an zwei Schulen!). Wir fördern, soweit wir können, besonders arme begabte Schüler bei der Weiterbildung.

Zukunftspläne

Die Schulgemeinschaft hat schon viel erreicht. Durch das hier übliche frühe Heiraten haben wir schon viele Ex-Schüler als Schuleltern. Die Menschen sind heute allgemein ausreichend gekleidet und ernährt. Fast alle leben inzwischen in Backsteinhäuschen mit richtigen Fenstern, Toilette, Dusche und Holzherd mit Heizschlange für Warmwasser. Ein von Lehrern und Eltern gegründeter Verein kümmert sich mit den Schülern um das soziale Leben, die Landschafts- und Flussreinigung und um den Bau von Abwässergruben. In Zukunft sollen Berufsalternativen und Ausbildung für die Landbevölkerung gefunden werden, um den Kartoffelanbau einzuschränken, der hier mit Gifteinsatz und in Monokultur betrieben wird.

Mögen auch weiterhin die guten Geister unserer Initiative beistehen!

Ulla Kolpatzik