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T-Shirts, Honig und Ziegen im armen Nordosten Brasiliens

Maranhao ist der ärmste Bundesstaat Brasiliens, 2000 Kilometer von Sao Paulo entfernt. Hier im Nordosten gibt es die höchste Analphabetenquote, für Jugendliche existieren so gut wie keine Ausbildungsplätze. In dem Städtchen Barao de Grajaú-Maranhao begann jedoch vor 12 Jahren ein Projekt, das einigen Mädchen und jungen Frauen Hoffnung gab: Eine Nähstube.

Einige Zeit zuvor hatte Gudrun Pavel die Sozialarbeit der Favela Monte Azul in Sao Paulo kennengelernt und unterstützte daraufhin zunächst dort mit großem Engagement verschiedene Sozialprojekte.

1992 renovierte sie ein kleines Häuschen, besorgte sieben Nähmaschinen und stellte zwei Näherinnen an. Auf diese Weise konnten sieben Mädchen ihre Ausbildung beginnen. Bald konnten die Mädchen selber T-Shirts nähen, die von Frau Pavel gekauft und während der Weihnachtszeit an die Armen verteilt wurden.

Jahre später weitete sich die Initiative aus: Ein „Nothilfefonds“ entstand, der zum Beispiel die abgebrannten Hütten zweier Familien wiederaufbaute und einem krebskranken Mädchen die Behandlung in der weit entfernten nächstgrößeren Stadt ermöglichte.

Als 1997 Trockenheit im Nordosten Brasiliens die Ernte vernichtete, begann am Martinstag eine Hilfsaktion für 50 unterernährte Kinder. Dank vieler Spenden erhalten sie seitdem ständig Grundnahrungsmittel wie Milch und Mehl. Einmal in der Woche kommen die Eltern dafür aus einem Umkreis von 20-50 Kilometern zu Fuß ins Dorf (wenn sie nicht von einem Lastwagen mitgenommen werden).

Als Frau Pavel dann erfuhr, daß aus dem Nordosten Brasiliens der beste Honig kommt, war eine neue Idee zur Selbsthilfe geboren. Bald waren mehrere Imker gefunden, die ehrenamtlich weitere Väter zu Imkern ausbilden. Inzwischen gehören zu dem Projekt 200 Bienenvölker, die in einem weiten Umkreis aufgestellt wurden.

Schritt für Schritt geht es weiter

„Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum – Wenn viele gemeinsam träumen, so ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit! (Dom Helder Camara, Bischof aus Nordbrasilien).

1999 konnte man einen richtigen Traum verwirklichen: Ein Grundstück wurde erworben, die Nähstube zog um und ist nun in einem Haus mit vier Räumen untergebracht. Längst sind weitere Näh- und Stickmaschinen dazugekommen, und mittlerweile kommen täglich über 80 Mädchen und Frauen im Alter von neun bis 69 Jahren zu den Kursen. Sie werden von sechs Lehrerinnen in drei Schichten ausgebildet. Viele weitere Mädchen warten auf einen Platz!

Seit vier Jahren gibt es auch Nachhilfeunterricht für 50 Kinder. Die meisten von ihnen sind Waisen und ihre Großmütter können weder lesen noch schreiben. Viele von ihnen werden auch medizinisch und künstlerisch betreut. Es sind bereits vier Lehrerinnen und ein Lehrer angestellt. Zwei von ihnen haben im Oktober die 12-stündige Busfahrt nach Fortaleza unternommen und eine Fortbildung an der dortigen Waldorfschule besucht. Im Jahr davor waren sie zu einem vierwöchigen Praktikum in der Favela Monte Azul.

2004 hat das ganze Projekt die – nicht sehr oft gewährte – staatliche Anerkennung bekommen. Dadurch sind die Angestellten ab diesem Jahr sogar sozialversichert. Zwei junge „Männer für alles“ versorgen die Kinder mit Essen, halten die Räume sauber und sind wunderbare Handwerker. Sie dürfen auf dem Grundstück des „Centro Social“ für ihre jungen Familien zwei bescheidene Häuschen bauen, deren Material das Projekt bereitstellt.

Seit einem Jahr können die Kinder auch zweimal in der Woche Flöte spielen, und eine pensionierte Musiklehrerin übt mit 30 Kindern im Chor. Außerdem ist eine eigene Fußballmannschaft entstanden, jedoch noch ohne Schuhe...

2003 wurden auch zwei weitere Ideen in Angriff genommen: Zum einen eröffnete eine Puppenwerkstatt, in der 12 Mädchen ausgebildet werden. Zum anderen konnten dank einer großzügigen Spende 100 Ziegen gekauft werden. Jeweils fünf Tiere sicherten nun 20 Familien eine Existenz. Jedes Jahr werden einige Zicklein geboren, und nach drei Jahren gibt jede Familie fünf Tiere zurück. Für jede Ziegenfamilie braucht man etwa 200 Euro. Inzwischen ist schon 40 Familien geholfen, und es wird auch Kurse über Tierhaltung, Käserei etc. geben.

Auch in diesem Jahr werden vier neue Arbeitsplätze entstehen: Die Gemeinde hat dem Projekt ein neues kleines Grundstück geschenkt, auf dem nun eine Webstube mit zwei Webstühlen entstehen soll. Hergestellt werden dann Hängematten – im Nordosten Brasiliens schläft fast niemand in einem Bett.

Nach 12 Jahren Arbeit ist Barão de Grajaú-Maranhao noch kein Paradies, wo Milch und Honig fließen, doch im Projekt von Frau Pavel sind viele Arbeitsplätze entstanden: Hoffnung für viele Familien aus der ärmsten Region des Landes und Zukunftsperspektiven für die Jugend!

Holger Niederhausen
 

Frau Pavel erzählt über die Entstehung Ihres Projektes:

Ich habe selber in einem Heim für Sozialwaisen gearbeitet. Als ich 1986 meine Schwiegermutter in Brasilien besuchte, hörte ich von Ute Craemers Sozialarbeit in der Favela Monte Azul. Wie soll das gehen, fragte ich mich, und besuchte sie. Da ist der Stein ins Rollen gekommen. Ich fing an, Monte Azul und anderen Projekten in Sao Paulo durch den Verkauf von Mineralien zu helfen.

Iva, die Sekretärin meines Mannes im Konsulat, erzählte mir bald vieles von ihrem Heimatstädtchen im armen Nordosten: Willst du da nichts machen? Die jungen Mädchen sind fünf Jahre lang in der zweiten Klasse und danach sitzen sie auf der Straße. Da kam mir die Idee einer Nähstube. Ich bekam sieben Nähmaschinen geschenkt, mietete ein kleines Häuschen und ließ es von Iva´s Familie renovieren.

Viele sagten, ich könne dort niemandem vertrauen. Tatsächlich habe ich das erste Mal nach acht Jahren „mein“ Projekt gesehen – und war tief ergriffen! Iva´s Schwester zeigte mir die Buchhaltung, in der jeder Pfennig aufgeführt war.

Nach einer Hungersnot hatten wir auch eine Soforthilfe. Ich sah, wie die Familien zu Fuß und auf Fahrrädern eine Monatsration Mehl u.a. abholten und dachte: Das ist doch nicht die Lösung! Wo ist die Angel zum Fisch? Dann fing die Hilfe zur Selbsthilfe an, erst die Bienen, jetzt die Ziegen. Als ich die Situation vor Ort selbst erlebte, hatte ich den Mut, alles zu vergrößern. So entstanden auch der Nachhilfeunterricht und die Pläne für einen Kindergarten und eine Krippe.

Woher kommt die finanzielle Hilfe? Zu Beginn meines eigenen Projekts griff ich zu den „Gelben Seiten“ und schrieb Bettelbriefe. Inzwischen helfen Menschen, die ich gar nicht kenne, sogar aus Polen oder Litauen. Als neulich unsere erwachsenen Kinder mit mehreren Freunden unser Ferienhaus nutzten, ging am Ende der Hut rum und so kamen wieder 400 Euro zusammen. Viele Spender freuen sich immer schon sehr auf meinen jährlichen Jahresbericht über das Projekt.

Mein Traum ist, daß z.B. im Kindergarten und in der Krippe wirklich Waldorfpädagogik umgesetzt wird. Das Prob­lem ist die Fortbildung und unsere einsame geographische Lage. Einmal konnte ich zwei junge Frauen nach Monte Azul schicken, das waren die ersten dort, die wirklich vom Lande kamen! Die Lehrerin, die unsere Nachhilfe betreut, geht jetzt einige Male zur Fortbildung nach Fortaleza. Insgesamt vertraue ich sehr auf die jüngere Generation. Die Nichte von Iva wird gerade Augenärztin – auch sie will später vor Ort arbeiten. Und mein heimlicher Wunsch ist: Vielleicht springt der Funke in Brasilien mal über und es macht auch jemand anders so was...