Eine Waldorfinitiative in Istanbul

Obwohl der Wunsch, Waldorfpädagogik in der Türkei zu beheimaten, schon seit mehreren Jahrzehnten in anthroposophischen Arbeitskreisen sowie in Interessengemeinschaften für alternative Pädagogik lebt, war ihr der Durchbruch bislang versagt geblieben. Ein wesentlicher Grund dürfte das intellektualisierte, zentralistisch gesteuerte Bildungssystem des Landes sein, das mit detaillierter Vorgabe der Lehrplaninhalte und rigider Prüfungsordnung alternativen Schulmodellen kaum eine Chance lässt. Ein weiteres Hindernis ist die zaghafte Präsenz der Waldorfschulen in der türkischen Öffentlichkeit: Bis auf einige Originalwerke Rudolf Steiners ist bisher keine übersetzte Literatur erschienen.

Nun aber hat sich am 8. Oktober 2008 ein Waldorf-Initiativkreis mit über 15 engagierten Menschen gegründet. In Zusammenarbeit mit Marie-Luise Sparka von der Landesarbeitsgemeinschaft der Hamburger Rudolf-Steiner-Schulen und Peter Lang von der Kindergartenvereinigung in Stuttgart ist für Ende März 2009 ein Waldorf-Symposium geplant. Im Herbst 2009 oder 2010 soll ein zweijähriges Waldorfseminar beginnen und dann ein Waldorfkindergarten eröffnet werden.

Hamburg-Istanbul

Schon seit 2003 bekamen die „Freunde der Erziehungskunst“ sporadisch Anfragen von Menschen, die sich erkundigten, ob es in der Türkei schon eine Waldorfinitiative gäbe, und auch bereit waren hier mitzuwirken – es gab aber bisher keine Ansätze.

2005 hatten dann die Rudolf-Steiner-Schulen in Hamburg einen ersten Kontakt zu einem der bekanntesten Schulen in der Türkei, dem staatlichen naturwissenschaftlichen Gymnasium Istanbul Lisesi, das eine deutsche Abteilung hat. In der Türkei finden am Ende der 8. Klasse Prüfungen statt, und von über 700.000 Schülern werden die besten ca. 1.000 Schüler auf sehr gute Schulen verteilt und kommen u.a. auf jenes Gymnasium. Innerhalb eines Jahres lernen sie Deutsch und kommen gewöhnlich am Ende zu einem Sprachkurs nach Deutschland – und beginnen nach ihrer Rückkehr regulär die 9. Klasse.

Nun gab es einige Unzufriedenheit über die teuren Sprachkurse renommierter Sprachschulen in Deutschland, die keine Möglichkeiten zu Kontakten mit Deutschen boten. Auf diese Weise kam über Herrn Erhan Erdogan, einen Absolventen des Istanbuler Gymnasiums und Leiter einer Sprachschule in Hamburg, schließlich der Kontakt zu den Hamburger Steiner-Schulen zustande. Die „Lise“-Absolventen sind alle  angesehene Persönlichkeiten mit viel Einfluss. Einige von ihnen haben eine Stiftung zur Förderung des Bildungswesens in der Türkei gegründet, die mehrere Schulen eröffnet hat.

Kinder einer Mittelschule der Stiftung waren dann 2006 die ersten, die als Austauschschüler in Hamburg waren.

Nach diesem ersten Austausch entwickelte auch der Generaldirektor der Stiftung des Istanbul Lisesi, Herr Kemal Kafadar, sehr schnell starkes Interesse für die Waldorfpädagogik. Obwohl die Stiftungseinrichtungen den Schülern nach bisherigem Verständnis optimale Bedingungen anbot, merkte er nun, dass das pädagogische Konzept noch durch Kunst und Handwerk ergänzt werden könnte. So kam auch er im Sommer 2006 nach Hamburg und war von dem künstlerisch-handwerklichen Unterrichtsangebot der Rudolf-Steiner-Schulen begeistert. Ein Jahr später flogen Schüler der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt in der Türkei, um dort ein gemeinsames Feldmess-Praktikum mit ihren Istanbuler Altersgenossen zu machen – und im September erfolgte der Gegenbesuch der türkischen Schüler in Hamburg. 2008 setzte sich diese Partnerschaft fort (siehe die >> Homepage der Hamburger).

Weitere Mitstreiter

Parallel und zunächst unabhängig von dieser Entwicklung kontaktierte uns im Mai 2006 Frau Tarhan Onur mit der Bitte um Praxisberichte und Bilder zur Waldorfpädagogik, die sie für ein Symposium über Alternativpädagogik im ersten Jahrsiebt brauchte. Sie selbst beschäftigte sich seit Jahren mit Rudolf Steiner und hatte bereits einige Artikel in einer Zeitschrift veröffentlicht. – Über eine Freundin hatte sie am selben Tag Frau Renate Zengin kennengelernt, die selbst die Hiberniaschule besucht hatte, später einige Waldorfkindergärten mit aufgebaut hatte und seit 1987 in Istanbul Erzieherin im Privatkindergarten der deutschen Botschaft ist.

Das Symposium war recht erfolgreich. Alle kannten Montessori, doch Waldorf war nur vage als „etwas Spirituelles“ bekannt. Nach den Ausführungen von Frau Onur zu den Jahrsiebten, der Nachahmung usw. haben sich viele Menschen bei ihr bedankt und weitere Fragen gestellt.

2007 hörten wir daneben noch von weiteren Initiativen einzelner an der Waldorfpädagogik interessierter Menschen in Antalya und Izmir. In Izmir eröffnete für kurze Zeit ein Kindergarten, musste mangels ausgebildeter Erzieherinnen aber zunächst wieder schließen. Ein türkischer Waldorflehrer in Rendsburg, Murat Özmen, bemüht sich um weitere Hilfe für diese Initiative.

Die Aktivitäten vereinigen sich

Im Februar 2008 auf der Weltlehrertagung in Dornach fragte Marie-Luise Sparka (Hamburg) Nana Göbel von den Freunden der Erziehungskunst nach weiteren Kontakten in der Türkei. So kam der Kontakt zu Frau Onur und Frau Zengin zustande. Zusammen organisierte man ein erstes Treffen am 8. Oktober in Istanbul, und es stellte sich heraus, dass Frau Onur bereits einen schnell wachsenden Kreis von aktiven Menschen miteinander vernetzt hatte.

Auf diesem Treffen gründete sich im Beisein von Peter Lang von der Internationalen Kindergartenvereinigung (IASWECE) ein Initiativkreis von 15 Menschen. Geplant ist nun eine aktive Öffentlichkeitsarbeit (ein Interview mit Herrn Lang wurde bereits fünf Tage später vom Istanbuler Rundfunk ausgestrahlt) und ein Waldorf-Symposium im März 2009. Im Herbst 2009 oder 2010 soll dann ein zweijähriges Waldorfseminar eröffnen und nach dessen Abschluss ein Waldorfkindergarten gegründet werden.

Perspektiven

In der Türkei leben über 70 Millionen Menschen, davon allein ca. 15 Millionen in Istanbul. Eine Gesellschaft zwischen Kulturtradition und Modernisierung, sozialen Erneuerungen, industriellem Wachstum und globaler Marktwirtschaft. Welchen Stellenwert Bildung für ein Land wie die Türkei mit einem hohen Anteil junger Menschen hat, zeigt allein ihre Wertschätzung: Der Abschluss einer angesehenen Schule ist in der Regel das Wichtigste, was Eltern für ihre Kinder als „Sprung ins Leben“ wünschen – exzellente Sprachkenntnisse, hohe Allgemeinbildung, besondere Profilierung, Weltoffenheit und Interkulturalität.

Doch nur die besten ca. 1.000 Schüler können sich jährlich in landesweiten Prüfungen für diese renommierten, zum größten Teil sehr teuren Einrichtungen qualifizieren. „Welche Chancen hat ein Kind, das die Aufnahmeprüfung in eine ‚gute Schule‘ nicht besteht oder den Prüfungs- und Leistungsstress des Schulsystems nicht aushält?“ – Eine der vielen drängenden Fragen, die auch am 8. Oktober diskutiert wurde.

Um diese und viele andere Fragen zu beantworten, treffen sich in Istanbul seitdem regelmäßig etwa 20 an Waldorfpädagogik interessierte WeltbürgerInnen: Lehrerinnen, Journalistinnen, Ärzte, Psychologinnen, Kunst- und Tanzerzieherinnen, Kindergartenleiterinnen, Holzspielzeughändlerinnen, die sich zu einem engagierten Initiativkreis um Tarhan Onur und Renate Zengin zusammengefunden haben.

Es wird einen intensiven Austausch mit deutschen Kindergärten, Schulen und Seminaren geben, da es in Deutschland bereits viele praxiserfahrene, türkischsprechende ErzieherInnen und LehrerInnen gibt.

Wir wünschen den Keimen der Waldorfpädagogik in der Türkei eine kräftige Entwicklung!

Holger Niederhausen, Marie-Luise Sparka (Landesarbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen Hamburg)

Stand / Update: 11/2008