In dem folgenden Aufsatz berichtet die Eurythmistin Noemi Boeken über ihre wunderbaren Erfahrungen in Thailand und in Deutschland. Der Text entstand als "Interview" mit Holger Niederhausen, der Gesprächscharakter wurde beibehalten.
Thailand: In der größten Eliteschule des Landes | Elite - ohne Kreativität | Schwierige Sechstklässler - und kein Übersetzer | Besuche in Deutschland | Alte Weisheit kommt neu ... aus dem Westen! | Eurythmie zerbricht den materialistischen Panzer | Existentielle Erfahrungen | Ein ehemaliges Supermodel wird Nonne
Deutschland: Eurythmie wieder lebendig machen | Die Kluft zwischen Alt und Jung | Eurythmie mit ehemaligen Drogenabhängigen | "Was faselst du jetzt für´n Scheiß?" | "Wann geht es endlich wieder weiter?"
Inzwischen bin ich seit 2006 das siebte Mal in Thailand gewesen – und habe jetzt das Gefühl, ich habe einigermaßen verstanden, wie die Menschen dort denken, wie auch die Eurythmie anders werden muss für diese Menschen. So dass ich also extra einige Übungen entwickele, d.h. nicht die klassischen Übungen von uns übernehme, sondern wirklich schaue: was brauchen die? Ich wurde jetzt sogar schon ein paar Mal gefragt, ob ich Buddhist sei. Das ist eigentlich das beste Kompliment! Ich bin das überhaupt nicht, ich kenne mich kaum aus mit dem Buddhismus. Es geht darum, dass man die Eurythmie so vermittelt, dass sie unmittelbaren Zugang haben, und immer angeknüpft auch an die Anthroposophie, so dass es immer anschaulich bleibt und nicht zur Theorie wird. Das versuche ich auch hier, das versuche ich überall.
Durch den Kunsttherapeuten Anupan und meine beste Freundin Napat – Musiklehrerin und Pianistin an der Tridhaksa Waldorfschule – bekamen wir vor etwa zwei Jahren den Auftrag, in der größten Eliteschule des Landes (St. Gabriel) zwei Nachmittage pro Woche mit einer ersten Gruppe von Lehrern zu singen und Eurythmie zu machen. Der Schulleiter, ein katholischer Priester, hatte an dem Waldorfkonzept von Anupan Interesse entwickelt. So fing es an.
Die Schule hat 6.000 Jungen als Schüler und 300 Lehrer! Alle Schüler haben Uniformen und tragen auf dieser Uniform einen kleinen Zahlencode – sie werden nicht mit Namen angesprochen. Die Schule ist siebenzügig. In jeder Klasse sind 65-70 Kinder, die mit Mikrofon unterrichtet werden!
Ich habe z.B. in der ersten Klasse hospitiert, in der Englischstunde. Diese winzigen Kinder – sie sind ja nochmal kleiner als unsere Erstklässler – sitzen dann zu dritt an einer Bank. Die Lehrerin stand vorne mit dem Mikrofon und kann die Klasse gar nicht überschauen. Da waren z.B. drei Jungen in einer Reihe, und zwei haben sich gebissen und hatten Streit miteinander, und der Schüler in der Mitte war völlig überfordert, was jetzt mit seinen zwei Nachbarn ist. Die beißen sich und weinen richtig, und die Lehrerin sieht es nicht, sie kann es unmöglich sehen, es ist da irgendwo in der Ecke.
Und dann fragt sie mich plötzlich und sagt, ich solle mal eine Nummer zwischen 1 und 67 sagen. Ich weiß gar nicht warum und sage dann irgendeine Nummer, also 23. Und sie sagt: Ok, Nummer 23, wo bist du, stell dich hin. Dann steht ein Kind auf und muss die Frage beantworten, die gerade gestellt wurde. Die Kinder haben mich dann natürlich auch dafür gehasst, denn ich habe irgendwelche Nummern gesagt und habe dann erst verstanden, dass das deren „Namen“ sind!
Wenn sie eine Frage beantworten können, kriegen sie so einen kleinen Aufkleber auf die Brust, neben ihren Code. Am Ende des Tages werden die Aufkleber gezählt, und dann gibt es eine kleine Bemerkung, wieviel man geleistet hat. So werden die Kinder belohnt!
Die Schule fängt kurz vor 8 Uhr an und geht bis um 15 Uhr. Der Beginn ist so, dass morgens über Lautsprecher auf Englisch gebetet wird. Alle Kinder müssen dann die Hände falten und morgens draußen in Zweierreihen stehen. Dann wird auch die Fahne gehisst (dies machen die anderen Schulen genauso). Nachmittags wird dann nochmal dasselbe Gebet gesprochen, dann aber im Klassenzimmer. Und wie gesagt alles katholisch. Zwischendurch gibt es immer Zwischendurchsagen über Lautsprecher, wo dann die ganze Schulanlage geradezu bebt – wie auch bei dem Gebet.
Die Sechstklass-Jungen (siehe unten) haben mich gefragt, welchen Glauben ich habe, und haben mir dann aber sofort gesagt, dass der Buddhismus viel, viel besser ist. Ich habe mit ihnen ja gar nicht über Religion geredet, aber das war ganz komisch, dass sie mir da auf dieser katholischen Schule als erstes sagen, dass der Buddhismus besser ist.
Es gibt drei Mittagsschichten. Im Esssaal werden dann tatsächlich für jede Schicht 2.000 Teller, Messer, Gabeln und Becher gedeckt! Die erste Schicht isst schon um 11 Uhr, wird ganz schnell abgefertigt, alle Teller weg, neue Teller rauf, und dann ist die nächste Schicht dran.
Im Prinzip ist die Schule um 15 Uhr zuende, die Eltern können aber weitere Stunden buchen. Das bietet nicht die Schule selbst an, aber es sind dieselben Lehrer, und damit verdienen die Lehrer auch am meisten. Das findet dann auch in kleineren Gruppen statt. Es gibt einen großen Instrumentalbereich, da gewinnen sie auch immer Preise, gehen nach Hongkong mit ihrem Schlagzeug-Workshop und so weiter. Das ist also riesig ausgebaut, auch Kunst usw., sie haben da sehr viele Möglichkeiten, aber alles in diesem nachschulischen Bereich – also nicht für jeden Schüler, sondern nur für die Familien, die richtig viel Geld haben.
Schon allgemein ist die Schule ja eine Eliteschule, die sehr viel kostet. Pro Jahr gibt es 6.000 Anmeldungen für die 1. Klasse, aber nur 600 werden in jedem Jahr genommen. Da geschieht ganz viel auch unter dem Tisch, mit Bestechung. Wenn man hinter die Kulissen guckt, sieht man, dass sogar taubstumme oder blinde Kinder aufgenommen werden, die irgendwie mitlaufen. Es gibt sogar Kinder, die noch nie eine Prüfung machen mussten, weil die Eltern sozusagen den Test kaufen. Die sind irgendwann in der 12. Klasse und dürfen dann auch in die Universität und haben noch nie etwas selber gelernt! Das werden dann die künftigen Politiker, Stars usw. – die kommen alle von dieser Schule. Wenn man auf die Webseite geht, nennen sie sich die fünftbeste Eliteschule von ganz Asien.
Es gibt auf dem Schulgelände ein sechsstöckiges Haus für 60 „foreign teachers“. Diese kommen aus Indien, Amerika, Kanada und so weiter. Gleich am ersten Abend traf ich einen Amerikaner. Er erzählte mir, dass er die Lehrer der Schule drei Tage lang in Business- und Finanzfragen berät. Ich dachte: „Bitte frag mich nicht, was ich mache!“. Natürlich kam dann doch: „And what do you teach?“ – Ich fragte ganz schüchtern zurück: „Do you know about Waldorf school?“. Und die Reaktion war umwerfend: „Yes! Yes! It´s the best school! My daughter has been there!”
Dann gibt es da eine Kanadierin, die jetzt ein Jahr dort arbeitet, eine ganz tolle Frau, selbst lange Zeit Schulleiterin und nun im Rentenalter. Sie schreibt die Englisch-Schulbücher für die Schule. Diese Frau ist pädagogisch supergebildet, hatte aber noch nie etwas von Waldorfpädagogik gehört. Ich hatte ihr dann die Waldorfschule Tridhaksa gezeigt, und sie sagte mir danach immer wieder begeistert: „Ich musste so alt werden, damit ich die Waldorfpädagogik kennenlerne...!“
Sie schreibt also die Englischbücher der Schule. Am Ende jedes Kapitels ist eine kleine Prüfung. Da geht es z.B. um eine Heldengeschichte, die irgendwann einmal wirklich passiert ist – die Thailänder wissen sehr viel über ihre Vorfahren, wann welche Könige regiert haben usw. In dieser Geschichte hat ein Bruder unwissentlich seinen eigenen Bruder ermordet. Eine Prüfungsfrage in diesem Buch ist nun: Was glaubst du, wie es dem Bruder geht, als er merkt, dass er seinen Bruder umgebracht hat? Da kamen dann die Lehrer und fragten: „Was soll man denn da jetzt schreiben?“ Jetzt soll man selber kreativ werden und sich in diesen Jungen hineinversetzen, aber das können die Lehrer gar nicht verstehen! Sie wissen wirklich nicht, was da gemeint ist. Eigenaktivität, Kreativität und Einfühlungsvermögen ist überhaupt nicht gefragt an dieser Schule. Man lernt an einem Tag, und am nächsten Tag spuckt man genau dasselbe wieder aus.
Also der Schulleiter war interessiert an der Waldorfpädagogik – und ich sollte Eurythmie machen. Unter welchen Bedingungen? Da ist z.B. ein Raum mit einem Riesenspiegel, also überhaupt nicht gut für die Eurythmie, und überall Plastik und Neonlicht – gar keine Atmosphäre. Normalerweise würde man nach zwei, drei Mal denken: „So, das war es jetzt.“ Aber man sieht an den Leuten, wie sie von der Eurythmie berührt werden, und man macht weiter...
Und nun gab es noch ein Experiment. Die Schule ist wie gesagt siebenzügig – und ich sollte mit den drei schwierigsten Jungen aus jeder sechsten Klasse Eurythmie machen! Diese 21 Jungs merkten natürlich gleich, sie sind anders als die anderen... Dann waren wir in diesem riesigen Raum, wo es hallte wie in einer Schwimmhalle. Also ein Riesenraum. Ich hatte keinen Pianisten, keinen Übersetzer – nur knallblaue Plastikrohre als Eurythmiestäbe!
Diese Jungen aus sieben verschiedenen Klassen kannten sich nun auch untereinander überhaupt nicht. Die ersten zwei, drei Wochen waren ganz schlimm – natürlich „durften“ sie keine Fehler machen und mussten vor den anderen „cool“ bleiben. Und das Ganze ohne Übersetzer, immer 60 Minuten lang! Und diese Jungs waren also ganz kühl und hart, haben eigentlich gegenseitig Fronten gebildet, das hatte mit mir unmittelbar eigentlich gar nichts zu tun...
Irgendwann hatte ich dann eine Assistentin, aber die konnte immer noch nicht wirklich gut Englisch. Vor allem aber gab es dann die klassische Situation, dass sie überhaupt nicht verstand, um was es ging. Ich wollte z.B. den Stab balancieren und die Hand dabei ganz locker lassen und nicht irgendwie verkrampfen. Ich demonstrierte das auch, nahm von jedem Kind die Hand, legte sie leicht auf meine und legte dann den Stab darauf. Sie sieht das, sagt den Kindern, sie sollen die Hand ausstrecken, und schlägt mit dem Stab darauf, damit sie auch ja gerade sei! Sie will sozusagen zeigen, dass sie es kapiert hat und dass sie die Disziplin hat. Das sind Methoden, wo ich immer denke: Am besten wäre sie doch gar nicht da. Am schlimmsten war es, wenn auch meine Freundin Napat, die Pianistin, da war. Dann „musste“ die andere Thailänderin vor ihr nämlich erst recht zeigen, dass sie die Kinder „im Griff“ hat! Schließlich haben wir ihr dann tatsächlich gesagt, sie solle doch lieber Kaffee trinken gehen...
Was ganz spannend war: Es gibt einen Sportlehrer an der Schule, der wirklich tief Waldorf will, er selbst ist schon seit 28 Jahren Lehrer an der Schule. Wir haben lange über die Frage geredet: Sind Sechstklässler fähig, gewisse Verantwortung zu übernehmen? Sind sie sozial verantwortungsfähig, bzw. legt man das an oder nicht? Denn in Asien zumindest legt man es nicht an. Dies nun ist aber ein Lehrer, der auch auf die Kinder eingehen kann und sehr geliebt wird. Und trotzdem hat er – und das konnte ich mit ihm sehr ehrlich anschauen –, wenn er eine Übung verstanden und für mich übersetzt hat, die Schüler nie zur Selbstständigkeit gebracht, sondern immer zur Abhängigkeit zu sich selber gestellt. Dies geschah ganz unbewusst, und es war sehr schön, das mit ihm hinterher zu reflektieren: Wann sind da Punkte, wo er die Kinder sozusagen bevormundet, und wann wären Momente, wo es für Sechstklässler eigentlich richtig wäre, dass sie selber merken, dass sie jetzt gefragt sind? Das war für ihn eine wahnsinnige Lernstunde, ich war selbst bewegt, dass ich jemanden in dieser Weise mentorieren kann, er hat ganz tief etwas von dem verstanden, was Lehrersein und Schülersein heißt und wie man in Freiheit erzieht.
Und dann wurde ich gefragt, ob ich eine erste Gruppe begleiten könnte, die einmal nach Deutschland kommen sollte. Das läuft jetzt seit knapp einem Jahr. Es sind immer 15-19 Leute. Jetzt im Juni kommt die fünfte Gruppe.
Alle müssen vorher ein Waldorfprogramm gemacht haben. Diese Arbeit findet vor allem mit Anupan statt, teilweise kommt auch die Gründerin des ältesten thailändischen Waldorfkindergartens „Banraak“ dazu. Es wird an „Die Erziehung des Kindes“ gearbeitet, dann auch in Epochen etwas Eurythmie, Singen, Plastizieren, Formenzeichnen – alles ganz rudimentär, aber es gibt eine gewisse Grundlage, zweimal pro Woche zwei zusätzliche Stunden am Nachmittag.
Und es gibt noch ein Auswahlverfahren: Den Kurs machen immer 30 Lehrer – und die werden danach einzeln interviewt, Anupan schaut dann auf die wirkliche Motivation. Und dann fliegen 15-19 von ihnen nach Deutschland. Die Woche verläuft so, dass sie Samstag hinfliegen, Sonntag ankommen, Montag die Uhlandshöhe besuchen und sich einen ganzen Tag die Schule anschauen und auch teilweise hospitieren; Dienstag besuchen sie das Therapeutikum Kräherwald, wo sie auch aktiv Heileurythmie, Musiktherapie und Maltherapie machen dürfen. Dann fahren sie Mittwochs an den Bodensee, und wir schauen uns einen halben Tag die suchttherapeutische Einrichtung „Sieben Zwerge“ an, besuchen kurz die Waldorfschule am Bodensee, die „Naturata“ und dann haben sie den Nachmittag frei. Donnerstags gehen wir entweder nach Zürich oder nach Dornach mit einem offiziellen Empfang der Pädagogischen Sektion. Donnerstagnacht fahren sie nach Stuttgart zurück. Freitag schauen sie noch Museen an, wir klären Fragen, die offengeblieben sind, und dann fliegen sie zurück.
Von den über 50 Lehrern, die die Waldorfpädagogik bisher kennengelernt haben, haben sich etwa acht sehr mit ihr verbunden und befinden sich nun natürlich in einem tiefen Konflikt... Jetzt im Juni kommt endlich auch der Schulleiter für einige Tage nach Deutschland. Dann wird es wirklich spannend – dann stellt sich die Frage: Wie geht es weiter?
Wie kommt es, dass dieser Direktor ein Interesse für die Waldorfpädagogik gewinnen konnte? Hier kann ich eigentlich mehrere Geschichten erzählen, die immer wieder zeigen, dass sehr vieles aus der Anthroposophie den Thailändern tief innerlich vertraut ist.
Als Michaela Glöckler in Thailand war, hat sie in aller Öffentlichkeit vor den bedeutendsten Pädagogen und Politikern über die Waldorfpädagogik gesprochen und auch das Bild gebracht, dass sich der Lehrer eigentlich vorgeburtlich mit den Kindern „verabredet“ und sich dann im Irdischen Klassenlehrer und Klasse wiedertreffen. Das muss man sich mal vorstellen – wenn man das hier in aller Öffentlichkeit sagen würde, dass dieser Reinkarnationsgedanke die Grundlage der Waldorfmethode ist! Diese Thailänder dagegen stehen fassungslos vor der Tatsache, dass aus dem Westen eine solche Pädagogik auf sie zukommt – eine Pädagogik, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern ganz ihrem eigenen Glauben entspricht. Da stehen sie wirklich vor einem Rätsel. Die Waldorfpädagogik wird in Asien ganz viel Zukunft haben. Bisher war Pädagogik dort reines Wissen – was ja auch aus dem Westen kam: rein amerikanische Multiple-Choice-Pädagogik.
Also das ist total spannend, denn eigentlich kennen sie diese ganze Menschenkunde, das ist bei ihnen veranlagt. Sie haben dann ein anderes Wort, und es ist vielleicht auch nicht so genau, aber im Prinzip kennen sie die vier Wesensglieder! Und sie haben z.B. sogenannte „Spirit houses“, das ist wie ein Puppenhaus außerhalb des eigenen Hauses, und das Familienoberhaupt bringt jeden Tag irgendwelche Essensgaben in dieses Haus – für die Naturwesen. Also was wir durch die Anthroposophie lernen, dass die Elementargeister Zuwendung brauchen, das ist da ganz tief veranlagt. In meinen Mutter-Kind-Gruppen versuche ich, den Eltern zu vermitteln – und sie sitzen dann mit offenen Augen und Ohren –, dass diese kleinen Kinder die Elementarwesen unter Umständen wahrnehmen und dass man es in der Pädagogik noch viel mehr aufgreifen kann, dass es diese Wesenheiten gibt. Auch da staunen sie, dass ich als Europäerin ihnen das wieder nahebringe.
So gibt es ganz viele Motive, wo diese Menschen ein tiefes Wiedererkennen haben. Ich glaube auch, dass auf einer gewissen Ebene durch den Buddhismus ein viel unmittelbarerer Zugang zur Anthroposophie möglich ist. Das Christentum ist heute fast immer stark dogmatisiert und intellektualisiert, da ist die Schwelle viel größer als bei den Buddhisten.
Vielleicht kann ich noch ein ganz anderes Beispiel erzählen. 2007 hatte man den anthroposophischen Arzt Dr. Olaf Koob (Berlin) gebeten, im ältesten Krankenhaus von Bangkok vor der Führungsschicht der Ärzte über Alternativmedizin zu sprechen. Einen Abend vorher bat er mich mitzukommen. Ich sagte zu, und wie aus einem Impuls heraus nahm ich Eurythmiekugeln mit – ohne auch nur im Geringsten davon auszugehen, dass ich dort irgendetwas tun muss.
Diese Ärzte dort sind natürlich auch alle vom Westen geprägt, haben oft in Amerika oder England studiert, und sind alle im rein intellektuellen Ansatz verankert. Eine Stunde erzählte Dr. Koob dann einführend über Alternativmedizin, und man merkte: Das spricht sie überhaupt nicht an. Sie sind zwar freundlich und tun so, als würden sie zuhören, aber denken an ganz anderes. Dr. Koob sagte dann in seiner etwas cholerischen Art ganz plötzlich, ohne mich vorher zu fragen, ins Mikrofon: „Und jetzt macht Frau Boeken als Abwechslung mit Ihnen 20 Minuten Eurythmie!“
In dem Raum fest angeschraubte Tische. Andererseits konnte man diesen Chefärzten auch nicht sagen: Wir gehen jetzt auf den Gang. Das war mein erstes Dilemma. Ich habe also zunächst durch das Mikrofon erklärt, was denn die Eurythmie wäre und wie man sie eigentlich praktiziert. Und dann haben sie gesagt, man könne doch auf den Flur gehen. Also das sind so kleine Tricks.
Dann haben wir mit den Kugeln eigentlich nur die Übung „kurz-kurz-lang“ gemacht, also nichts Spektakuläres. Aber diese Chefärzte waren dann doch auch wie Kinder, also auch sie lachen dann, machen Fehler und was weiß ich. Nach einer Kaffeepause ging es dann weiter. Und nun geschah das Unglaubliche: Plötzlich hörten sie Dr. Koob zu – tief berührt!
Er kam hinterher zu mir und fragte mich: „Was hast du mit denen gemacht?!“ Aber das ist wirklich die Eurythmie – ich bin das nicht. Es ist die Eurythmie, die die Asiaten öffnen kann. In diesem Fall war die Wirkung so extrem, dass Dr. Koob jetzt Ende Oktober, zwei Jahre später, als Gastredner zum Weltärztekongress eingeladen wird! Man kann nur hoffen, dass die Asiaten ihre alte Weisheit in der Alternativmedizin wieder entdecken und mit Hilfe der Anthroposophie neu beleben können.
Nicht nur die Eurythmie, auch die Kunst überhaupt hat gerade auf die asiatischen Menschen eine unglaubliche Wirkung – wie ich auch in meiner Zeit in einem thailändischen Jugendgefängnis erlebte.
Über die dortige Arbeit hatte ich u.a. im „Goetheanum“ schon einmal berichtet. Irgendwann entschloss ich mich, in diesem Gefängnis selbst einmal zwei Wochen zu wohnen – das war dann wirklich eine harte Zeit und eine große Herausforderung die mich an meine Grenzen brachte. Ich arbeitete diesmal mit einem Team, um der Gefängnisleitung zu zeigen, dass es nicht um meine Person geht, sondern dass dieser Impuls bereits in ihrem Land lebt. Wir hatten also neben Eurythmie auch Märchentherapie (Abiseree, Gründerin des Waldorfkindergartens „Banraak“), Singen und Musiktherapie (meine Freundin, die Pianistin Napat) und Kunsttherapie (Anupan).
Beim Märchenerzählen saßen dann die Jugendlichen – das sind ja teilweise kriminelle Siebzehnjährige! – mit offenen Mündern da, wie man es bei uns von kleinen Kindern kennt. Die tauchen voll ein, es ist so schön, wie die zuhören können! Das kennt man natürlich sonst gar nicht, sonst hat man immer nur die modernen Medien usw., die für kurze Zeit die Aufmerksamkeit fesseln...
Bei der Maltherapie haben sie in einer Woche nur in Blau gemalt, in der zweiten Woche nur in Gelb. Und das Unglaubliche war: Bei der blauen Farbe wurden diese Jugendlichen ganz emotional. Zwei Jungen sind sogar aus dem Gefängnis abgehauen, weil sie zu ihrer Mutter wollten! Natürlich kommen sie nicht weit, denn das Gefängnis liegt mitten im Niemandsland. Aber ganz viele Jungs haben tatsächlich geweint – entweder während der Arbeit mit den Farben oder kurz danach oder spätestens am Abend. Mir wurde erzählt, dass die Gefängnis-Therapeuten mit so weinerlichen Jungs völlig überfordert waren... Und es ging immer um die Beziehung zur Mutter, das war immer das Hauptthema.
Eigentlich wünsche ich mir für möglichst viele Waldorfpädagogen von hier, dass sie einmal solche Erfahrungen machen, damit sie für ihre eigene Arbeit wieder die notwendigen Impulse finden und im Alltag nicht in der Routine versinken. Das erlebe ich leider oft an meinen Kollegen an der Waldorfschule. Man war 20 Jahre Waldorflehrer, war nie weg und wird irgendwann dann auch „berentet“ und schätzt es eigentlich gar nicht mehr, was es wirklich heißt, Waldorflehrer zu sein. Dann läuft der Schulalltag noch aus Traditionen, aber es fehlt völlig die Lebendigkeit, das Improvisieren, das „aus dem Moment sein“ – und das innere Band zu den Kindern. Ich verstehe dann auch teilweise, warum die Kinder so sind, wie sie sind: völlig respektlos. Weil sie gar keine Vorbilder haben, die irgendwie aus Begeisterung arbeiten.
Ich lernte auch eine bemerkenswerte Frau kennen, die einst ein Supermodel war, dann Nonne wurde und heute einen eigenen Tempel leitet. Sie selbst war das Kind einer Nebenfrau: Chinesischstämmige Thailänder dürfen mehrere Frauen haben. Ihr Vater hatte sie nie anerkannt (auch rechtlich nicht), weil seine erste Frau, die selbst keine Kinder bekam, eifersüchtig war.
Darunter hat sie sehr gelitten, und deswegen nimmt sie jetzt Frauen auf, die gesellschaftlich „durchfallen“, hat sie auf ihrem Tempelgelände auch ein Gelände für Geburten und so weiter. Immer geht es ihr um das Muttersein und darum, das Karma des Kindes mit den besten Voraussetzungen zu beeinflussen, schon im Mutterleib. Das Ganze enthält auch viele Aspekte der Waldorfpädagogik, die sie wiederum durch Abiseree vom Waldorfkindergarten „Banraak“ kennengelernt hat.
Als Therapie machen die missbrauchten Mütter z.B. Lotosblütenkerzen aus Bienenwachs. Sie sagt den Müttern dann: Es hängt von ihren Gedanken ab, ob das, was sie machen, etwas Schönes wird. Egal was sie erlebt haben – sie können Schönheit schaffen.
Und sie weiß, alle Kinder schauen in Thailand Fernsehen. Da hat sie einen Zeichentrickfilm gemacht, wo nicht gesprochen wird und wo man Naturwesen sieht, mit ganz ruhigen Bewegungen. Sie sagt: Wenn schon Fernsehen, dann sollen die Kinder eben auch dort erleben, dass die Natur schön ist.
Ich habe mit einem Kollegen noch eine Jugendgruppe hier am Bodensee. Das sind 16 junge Menschen zwischen 16 und Ende 20. Von den 16 sind 11 Männer – nur drei sind Waldorfschüler, die anderen ehemalige Drogenabhängige von der Heilstätte „Sieben Zwerge“ oder aus der Berufsschule. Die kommen jeden Sonntagnachmittag zu uns und von fünf bis sieben Uhr machen wir Eurythmie und führen auch auf!
Einmal hat mich die Jugendstiftung Baden-Württemberg eingeladen, weil sie das Konzept total toll fanden. Die Frau von der Stiftung hat dann gleich zu Beginn gesagt: „Also wenn sie das Wort ‚Eurythmie’ streichen, unterstützen wir sie, ihr Konzept ist absolut stimmig“. Und dann habe ich mit ihr anderthalb Stunden gesprochen und habe sie wirklich dort abgeholt, wo sie stand. Sie hatte wirklich so negative Bilder von der Eurythmie, ich habe das alles mit ihr besprochen und hatte sie zum Schluss so weit, dass sie sagte: „Tun sie auf jeden Fall die ‚Eurythmie’ da rein, sie würden sich ja verleugnen, wenn sie das streichen!“ Es ist aber leider trotzdem keine Förderung zustande gekommen, weil wir kein Verein sind.
Was aber ist Eurythmie? Ich finde, dass sie nicht mehr nur auf der Bühne stattfinden muss, das ist meist nur noch „Museum“. Ich finde, dass man es ganz stark verpasst hat, die Eurythmie mit dem Leben zu verbinden, mit dem konkreten Leben – auch bei den Schülern: die wissen nicht, wozu man das macht. Gut, bei den Kleinen muss man das nicht erklären, aber man sollte den Mut haben, sich in einem gewissen Alter der Kritik und den Fragen der jungen Menschen zu stellen. Man hat nichts zu verlieren, sondern nur was zu gewinnen, aber es braucht diesen Mut.
Und je nachdem, wer fragt und wie er fragt, kann ich die Eurythmie nie pauschal erklären, sondern immer nur aus der Situation heraus – immer versuchen zu sehen, dass die Leute eine gewisse Bereitschaft mitbringen und dann eine Übung machen, danach die Erfahrungen damit beschreiben und die Eurythmie dadurch wieder zu echtem Leben erwecken.
Wenn man es aus einer Alltagssituation schafft, eine Eurythmieübung zu kreieren oder anzupassen und je nach Konstellation auch unmittelbar die Spiritualität durchschimmern zu lassen, ist das hochkünstlerisch! Wie tief das ist, muss man dann schauen, aber das Potential ist immer da, dass man es mit dem Spirituellen verknüpfen kann – wenn die Leute das irgendwie merken, hat man gewonnen! Dann verliert sich das falsche Image der Eurythmie, denn dann spricht sie durch sich selber. Und ich bin eigentlich nur dafür verantwortlich, dass sie durch sich selber sprechen kann.
Der Eurythmist soll etwas erlebbar machen. Aber das ist genau der Punkt – das ist so einfach wie auch schwierig. Viele Eurythmisten trauen sich nicht, dieses Etwas zu erleben, sondern sie machen die Dinge aus Tradition nach. Wenn die Seele wirklich erlebt, im Moment, ist das ja eigentlich höchste Meditation. Auch zu üben, dass es dann nicht tot wird, sondern dass es im Moment wieder lebendig ist, ist nicht einfach. Eurythmisten, die es schaffen, wie durchsichtig zu werden, so dass der Zuschauer wirklich miterleben darf, gibt es wenig heutzutage. Das ist auch individuell – der eine lernt es, der andere nicht. Ich weiß nicht, wie man das wirklich vermitteln kann.
Das fehlende Band zwischen Lehrern und Schülern habe ich schon erwähnt. Und dennoch fühlen die Schüler oft, was die Eurythmie in gewisser Weise trotz allem immer noch bedeutet – und vor allem: was sie eigentlich bedeuten könnte.
Ich habe in Amerika einmal Zwölftklässler gefragt: „Ihr wart jetzt zwölf Jahre Waldorfschüler. Was meint ihr denn, warum die Eurythmie Teil der Waldorfpädagogik ist?“ Es hat mich dann total überrascht, was einzelne dieser Schüler sagten.
Da war ein Junge, dem hingen seine Haare lang und verfilzt im Gesicht, auf seinem T-Shirt trug er einen Totenkopf. Er sagte: „Also ich würde nie freiwillig Eurythmie machen, aber ich finde es ganz wichtig, dass es die Eurythmie gab.“ Ich fragte nach: „Also das musst du mir jetzt erklären.“ Da sagte er: „Eurythmie ist das einzige Fach, wo es nicht darauf ankommt, was ich leiste, sondern was wir leisten. Wenn ich meine Form kann und der neben mir immer falsch läuft, dann bringt das Ganze nichts.“ – Das spricht eigentlich durch sich selber. Ich fand es tief beeindruckend, dass so ein Typ, von dem man von außen gesehen nicht mal glauben würde, dass er das Wort Eurythmie kennt, eine solche Aussage macht.
Und so gibt es immer wieder tolle Zitate. In der Schweiz schrieben mir die Schüler Abschiedsbriefe. Diese jungen Menschen schauen einen ja glasklar an. Ich wurde teilweise auch unglaublich kritisiert, aber so ehrlich, dass ich es immer vollkommen annehmen konnte. Aber ein 16-jähriger Junge zum Beispiel schrieb mir, dass er so dankbar sei, dass er Eurythmie hatte, gerade als Junge, weil man in der heutigen Gesellschaft überhaupt nicht dazu erzogen wird, seine Gefühle sichtbar zu machen – und in der Eurythmie müsse man das, sonst mache man keine Eurythmie. Also dass er das irgendwo doch in sich veranlagt habe, das habe er nur der Eurythmie zu verdanken...
Aber was die Eurythmie für diese jungen Menschen bedeutet, wird dann immer wieder nicht gesehen. Selbst in anthroposophischen Kreisen ist es schwierig, die notwendigen finanziellen Mittel zu bekommen. Da gibt es zum Beispiel unseren anthroposophischen Zweig am Bodensee. Dort beklagte man sich, dass die jüngsten Mitglieder 60-jährig sind! Wir haben dann so eine Art Unterzweig mit Eurythmie-Workshops usw. gegründet und gefragt, ob wir das irgendwie finanziell unterstützt kriegen. Die Antwort war: „Wenn ihr mal aufgeführt habt, können wir darüber reden.“ – Es geht doch nicht um Aufführung! Wenn ein ehemaliger Drogenabhängiger und einer, der hoch kriminell ist, freiwillig zur Eurythmie kommt und die beiden das Wort „Liebe“ eurythmisch darstellen müssen – gerade diese beiden, und was die aneinander lernen! – das ist für mich Anthroposophie... Das ist das erste Mal für so jemanden, dass er sich überhaupt mit solchen Fragen auseinandersetzt. Aber es ist offenbar hoffnungslos, dass man da irgendwie Verständnis von unseren alten Anthroposophen bekommt.
Als Detlef Kretzschmann von der Drogentherapieeinrichtung „Sieben Zwerge“ meine Arbeit in Thailand gesehen hatte, fragte er mich einige Wochen später, ob ich denn mal bei den „Zwergen“ arbeiten wolle. Natürlich sagte ich zu. Die Aufgabe war, mit 15 Jugendlichen in der Therapie-Endphase drei Wochen lang jeden Nachmittag Eurythmie zu machen – mit einem Abschluss am Ende.
Da gab es Jungs, das waren Typen, wo du erstmal denkst: „O, nee, lass mich in Ruhe“; oder Mädels, die unnahbar sind, weil sie so verletztlich sind, die sind ja teilweise auch missbraucht worden. Da gibt es so erschütternde Schicksale, dass ich teilweise wahnsinnig unsicher wurde, gerade den weiblichen „Zwergen“ gegenüber. Auch waren es nicht Schüler, ich durfte also absolut nicht die „Lehrerin“ spielen. Gerade die ersten drei Tage waren wahnsinnig heikel. Und so ein Junge mit türkischer Abstammung, der will schon gar nicht machen, was so eine blonde Frau sagt...
Ich war dann ganz streng und habe gesagt: Jeder sucht sich ein Gedicht, und das macht er als Solo. Jeder führt auf – ob wir dazu ein Publikum einladen oder nicht, ist noch eine ganz andere Frage, aber jeder geht auf die Bühne. Und ich sagte: An dem und dem Tag hat jeder von euch sein Gedicht. – An jenem Tag merkte ich, dass ich auch ganz viele Vorurteile hatte. Denn als die ersten in den Raum reingeschlendert kamen und keinen Zettel und nichts dabei hatten, sagte ich: „He, wo ist euer Gedicht“. Aber die Antwort war: „Ja, wir wissen die auswendig!“ Und dann haben die Texte gefunden, unglaublich, teilweise auch selber geschrieben, aber so präzise!
Sie sollten dann nur, sagen wir mal, die drei wichtigsten Worte unterstreichen und begründen: warum sind es diese drei. Dann sollten sie zu jedem dieser drei Worte eine Haltung finden, wie eine Skulptur. Das ging über mehrere Tage. Dann sollten sie versuchen, von einem Standbild durch eine Bewegung zum nächsten zu kommen und dann wieder zum nächsten. Und Bezüge finden, auf einer ganz anderen Ebene, gar nicht intellektuell, wie die Wörter miteinander zu tun haben. Warum sind es diese drei? Was sind die Zwischenwörter und so weiter. Und dann: Wie sind diese drei Wörter räumlich verteilt? Welches Wort muss in der Mitte sein, dann gibt es Bühnengesetze... Mit alledem waren sie ganz tief angesprochen, waren unglaublich dabei. Ich habe dann immer Einzelkorrekturen gemacht, und untereinander waren sie immer zu zweit, der eine liest, der andere übt. Die Zeit war immer zu kurz – ich sollte bis um sechs unterrichten und war immer bis um halb acht dort...
Ein Typ, 18-jährig, der mitten aus der Drogen- und Dealerszene kam, sagte mir am Anfang: „Eurythmie? Voll Scheiße“ – er hatte mal „so ne heilige Aufführung“ gesehen... Er hatte dann die zwei Worte „Suche Menschen“ darzustellen, und er machte als Gebärde eine Bewegung nach außen und wieder zum Herzen. Ich sagte ihm fassungslos: „Komm, verarsch mich nicht, du hattest Heileurythmie, warum machst du denn Laute?“ – „Was mach ich?“ – „Du machst Buchstaben!“ – „Wieso Buchstaben, was redest Du?“ – Ich sagte: „Wie kommst Du denn auf so eine Gebärde? Das ist das M!“ – „Wieso das M?“ – „So geht das M!“ – „Zeig nochmal genau!“. Ich machte es dann nochmal vor, er machte es mir nach und kommentierte begeistert: „Wow, geiles Feeling! Das ist viel mehr das, was ich eigentlich sagen will.“ – Dennoch ließ mir seine Entdeckung keine Ruhe: „Aber wie kommst Du denn auf eine solche Gebärde?“ – und er antwortete: „Naja, wenn ich aus mir rausgehe und Menschen suche, dann muss ich das doch mit meinem Herzen wieder verbinden“. Genial! Und so war es die ganze Zeit.
Ein Junge türkischer Abstammung hatte z.B. das Wort „Komm“. Er streckte dann als Gebärde machomäßig die Arme nach vorn und winkte mit den Händen in einer minimalen Bewegung nach innen. Ich dachte, irgendwie ist da das „M“ schon drin, und korrigierte seine Gebärde nicht. – Einige Zeit später kam er zu mir: „Ich hab ein Problem, kann ich nachher mit dir reden?“ Manchmal kommen die „Zwerge“ mit so Psychogeschichten, daher antwortete ich etwas unsicher: „Naja, ok, kannst nachher kurz kommen“. Er kam dann und wiederholte: „Also, ich hab ein ganz großes Problem“ – „M..., was ist denn dein Problem?“ – Und er: „Ich hab jetzt gemerkt, diese Bewegungen sind ja seelische Ausdrücke, und es ist doch bescheuert so...“ (wobei er wieder die alte Bewegung macht). Ich fragte: „Ja ... und jetzt?“ – „Dies da ist doch viel schöner als Gebärde zum ‚komm’...“ – und er macht die Geste für das „o“! – Ich bleibe äußerlich gelassen und frage: „Ja, und was ist jetzt dein Problem?“ – „Ja, soll ich jetzt dies machen (die alte) oder dies (die neue Geste)?“ – „Was fühlt sich für Dich echt an?“ – „Na, dies.“ (die neue...).
Und so ist die Eurythmie bei jedem veranlagt, bei jedem! Ich war so froh, dass ich nicht mit irgendwelchen Buchstaben angefangen hatte...
Zum Schluss sagen diese Jugendlichen: Wir wollen eine öffentliche Aufführung. Ich fragte irritiert: „Wie, öffentlich?“ Aber es sollte tatsächlich mit Publikum sein. Und nun brauchten sie ja noch Kostüme, konnten sie doch nicht in Alltagsklamotten aufführen! Mit schlimmsten Befürchtungen fragte ich: „Ja, was wollt ihr denn da anziehen?“ – „Ja, was zieht man denn so an?“ – „Das wollt ihr nicht wissen!“ – „Doch, doch, sag mal!“ – Ich dachte mir: „Jetzt schrecke ich sie einfach echt ab“, kam am nächsten Tag im Eurythmie-Schleier und sagte: „Das wäre so ein Kostüm, was man anziehen würde, im normalen Sinne.“ Dann habe ich Ihnen das mit dem Schleier ein bisschen erklärt, und plötzlich fragte einer: „Darf ich das mal anziehen?“ – und kaum probierte er es, kam wieder der Kommentar: „Boa, geiles Feeling!“
Von den 15 Jugendlichen waren es dann 13, die im Eurythmiekleid und Schleier aufgeführt haben, die anderen nur im Eurythmiekleid... Sogar innerhalb der ganzen Einrichtung war man sprachlos, dass solche Typen sich im Eurythmiekleid hinstellten. Und auch ich selbst dachte: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Das war bisher wirklich mein tollstes Projekt in Deutschland. Drogenabhängige in Therapie sind an einem solchen Tiefpunkt angekommen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben – damit bringen sie eine Voraussetzung mit, die eigentlich genial ist. Die sind so unmittelbar da! Wenn man dann einen gewissen Zugang zu ihnen hat, dann ist es wunderschön.
Von diesem Projekt sind dann ganz viele rüber gekommen zu meinem Jugendprojekt. Vor denen kann man nicht groß heilig tun. Die sagen dann sofort: „Also, was faselst du jetzt für’n Scheiß?“ – Da kann man dann nur zugeben: „Ok, ok, hast ja recht“. Man kann nicht anders als lebendig bleiben. Ich kann nur immer wieder sagen: Eurythmist ist der tollste Beruf. Und rausgehen damit! Denn es spricht durch sich.
Wir wurden dann von der Jugendsektion in Dornach gefragt, bei der letzten Jugendtagung aufzutreten! Man muss dazu wissen, dass viele von unseren Jugendlichen noch nie vorher Eurythmie gesehen haben. Sie waren zum ersten Mal in Dornach, abends war eine Eurythmie-Symphonie, und am nächsten Tag standen sie selber auf der Bühne...
Und unsere Jugendlichen, die die Eurythmie zwar von unserer eigenen Arbeit her kennen, sie aber als Kunstform noch nie gesehen haben, waren total beeindruckt – viele wollen jetzt unbedingt Eurythmie studieren. Und dann standen sie eben auch selbst auf der Bühne. Das war auch so ein unglaublicher Moment, das dann dem Publikum zu sagen. Und sie sind so ehrlich, so authentisch auf der Bühne!
Einer von diesen Jugendlichen war jetzt zwei Jahre im Gefängnis in Pforzheim, und wir wollten bei ihm aufführen, weil er eben ein Teil von uns ist. Wir haben eben wirklich heftige Typen dabei. Die schlafen bis Sonntagmittag um zwei ihren Rausch aus und sind um fünf Uhr mehr oder weniger fit dann bei uns! Chaoten bis zum geht nicht mehr. Die Gefängnisleitung hatte unser Anliegen bewegt, aber leider dürfen in Deutschland die Gefängnisinsassen das kulturelle Programm mitbestimmen, und da hatte die Eurythmie natürlich keine Chance...
Diese Jugendlichen haben ihr eigenes Programm entwickelt: „Ich in mir und in meiner Umwelt Oder was ist Freiheit“. Sie haben auch selber gedichtet, genial. Ein Gedicht ging ungefähr folgendermaßen:
„Ich zwischen mich und mir.
Und du in dir – wir.
Zwischen mir und dir.
Wir.
Zwischen wir
Ichs.“
Und was sie dann auch philosophiert haben! Das sind Diskussionen, wo sie sich selber abfeilen, man selbst muss da gar nicht viel machen. Sie fragen uns letztlich auch gar nicht, was wir dazu meinen, und trotzdem ist es ihnen wichtig, dass wir dabei sind! Und so wird es lebendig, es ist mit jedem machbar.
Aufgrund meiner Tätigkeit in Thailand hat die Waldorfschule am Bodensee den Eurythmieunterricht jetzt auf Epochen umgestellt – das scheint ein guter Griff gewesen zu sein, wie die Rückmeldungen der Schüler zeigen. Die Klassen werden geteilt, und die Gruppen wechseln während des Hauptunterrichts. Die Achtklässler sagen: „Wenn wir erst Eurythmie haben und dann zu Mathe runtergehen, dann verstehen wir Mathe viel besser als ohne Eurythmie vorher!“ Und sie sind auch von der Eurythmie selbst total begeistert.
Bei den Sechstsklässlern war dieses Feedback so deutlich, wie es nur möglich ist. Am letzten Tag der Epoche fragten sie mich: „Und wann geht dann die Eurythmie endlich wieder weiter? Wie lange müssen wir jetzt warten?“
Noemi Boeken