Die Geschichte unserer Schule ist so dramatisch wie die Geschichte unseres Landes in den letzten 21 Jahren. Es ist wie die Geschichte eines kleinen Samens, der vor vielen Jahren gepflanzt wurde und zu einem fast ausgewachsenen Baum wurde – oder man kann sie auch mit den ersten 21 Jahren eines erwachsen werdenden Menschen vergleichen.
Die Anfänge reichen noch viel weiter zurück als die eigentliche Geburt.
Zu der Zeit, als Schulboykotts und die Aktivitäten militanter junger Schwarzer in den Townships einen neuen Höhepunkt erreicht hatten, ging eine kleine Gruppe von Waldorflehrern hinaus, um in Alexandra Brücken zwischen Schwarz und Weiß zu bauen. Sie begannen, Kunst- und Handwerk-Workshops zu geben, die schon bald zu informellen Ausbildungskursen für Kindergärtnerinnen und Tagesmütter erweitert wurden.
Die Kurse fanden an der Alexandra Health Clinic und dem Funda Centre in Soweto statt. Truus und Claartje aus Holland und Christine und Carol aus Johannesburg waren die Pioniere dieser ersten Kurse und wurden bald von anderen enthusiastischen Lehrern und Eltern der Waldorfschulbewegung unterstützt. Die ersten fünf ausgebildeten Kindergärtnerinnen in Alexandra waren Elizabeth, Fundi, Palesa, Catherine und Emily. Das war 1986 – und Elizabeth und Fundi sind noch heute bei uns.
Mit dem Einverständnis der Township-Community wurde eine Waldorfinitiative ins Leben gerufen. Am 7.7.1987 eröffnete der Kindergarten in einem der ältesten Lehmziegelgebäude von Alexandra in der 10th Avenue. Es gehörte zu der Mahon Mission Church, und wir durften es wochentags nutzen – an den Wochenenden diente es weiterhin seinem ursprünglichen Zweck. Der wundervolle kleine Kindergarten wuchs schnell, und ein Jahr später hatte er bereits vier Gruppen.
Was die Kinder und Eltern erlebten, war so einzigartig, dass die Eltern darum baten, auch eine Waldorfschule zu eröffnen. Was machte den Kindergarten so besonders? Nun, als erstes war es die Wärme, die Liebe und Fürsorge aller Erwachsenen – der Erzieherinnen, der Assistenten, der Köchin, und zweitens die verschiedenen Aktivitäten wie Malen, Handarbeiten, Eurythmie und viele Märchen und Geschichten. All diese Merkmale der Waldorfpädagogik sind in den normalen Township-Schulen völlig unbekannt.
Mit Hilfe eines lokalen Geschäftsmannes, Guy Wertheim-Aymes, wurde dann ein Grundstück an der London Road erworben. Die lokalen Behörden stellten es uns zur Verfügung, um dort eine Schule und ein Gemeinschaftszentrum zu bauen. Zwei Zozo-Hütten wurden errichtet, aber bevor alles fertig war, hatte die erste Klasse bereits in der Garage einer der Erzieherinnen begonnen. Weil es keinen Strom gab, stand die Garagentür während des Unterrichts offen – und viele Passanten hielten an und warfen einen Blick auf die Aktivitäten in dieser farbenfrohen Garage und die lebendige, freudige Kinderschar. Die Menschen konnten nicht glauben, dass dies eine Schule war! Nach einigen Monaten konnte die Klasse dann in die fertige Hütte umziehen auf dem neuen Grundstück umziehen.
Wie wir alle aus unserer eigenen Kindheit wissen, ist die Zeit zwischen der Geburt und dem siebten Lebensjahr vor allem dem physischen Wachstum gewidmet, abgesehen von all den Lernprozessen, die ebenso stattfinden. Mit unserer Schule war es nicht anders. Wir bekamen jedes Jahr eine neue Klasse hinzu. Das richtige Schulgebäude wurde 1990 mit finanzieller Hilfe der schwedischen Waldorfschulen errichtet. Ein zweites Gebäude, das den Kindergarten und das Baobab Lehrerseminar beherbergte, entstand mit Hilfe der Freunde der Erziehungskunst durch ein vom BMZ ko-finanziertes Projekt.
Doch die Jahre zwischen 1987 und 1994 waren in vielen Townships im ganzen Land besonders gewalttätig. Unser Gebiet wurde zu einer Kriegszone, die „Beirut“ genannt wurde, und die meisten Menschen um uns herum flohen in ihre Heimat oder wurden vertrieben. Die Lehrer schafften es jedoch, die Schule während all dieser Jahre offen zu halten – während alle anderen Schulen um uns mit jedem Boykottaufruf oder Massenprotest geschlossen wurden. Die Kinder nahmen Minitaxis von zuhause und bestanden darauf, zur Schule zu kommen – gegen den Wunsch ihrer Eltern, die sich nicht in das „Beirut“-Gebiet wagten.
Unabhängig von ihrer jeweiligen politischen Orientierung trafen sich die Eltern mit Repräsentanten beider Konfliktparteien – dem ANC und der Inkhata –, um sichere Taxirouten für die Kinder und die College-Studenten zu auszuhandeln. Auf diese Weise waren wir zwischen 1990 und 1994 die einzige aktive Einrichtung in unserer Gegend, die inmitten von Chaos und Zerstörung Prinzipien von Ordnung und Zivilisation hochhielt. Im Dezember 1992 brachte die Zeitung „Guardian“ eine Titelstory: „Ein kleiner Stern scheint in der Dunkelheit von Alexandra“. Der Name unserer Inkanyezi Schule bedeutet „Sternenglanz“... Noch heute zeugen zahlreiche Einschusslöcher in unseren Mauern von diesen schwierigen Zeiten.
Im Dezember 1991 initiierten wir das erste Mal einen einzigartigen Marsch durch die Township: Schüler und Lehrer gingen mit Kerzen und Weihnachtslieder singend durch die dunklen Straßen der von Gewalt heimgesuchten Township... Die eingeschüchterten Menschen begegneten uns mit großem Misstrauen und Furcht – aber wir überwanden dies, indem wir ihnen Kerzen schenkten und sie einluden, mit uns zu kommen. Am Ende hatten wir nie genug Kerzen für all die Menschen, die sich uns anschlossen und mitsangen. In einem Jahr überreichten die Kinder ihre Kerzen sogar den jungen Soldaten, die den Zug von ihrem Armee-Büffeln beobachteten. 1995 bekam Alexandra dann Strom, und große Laternen erleuchteten die ganze Township, so dass wir unsere Weihnachtsmärsche beenden mussten. Aber wir besuchten auch weiterhin das Ithlokomeleng Altersheim, um dort Weihnachtslieder zu singen, bis auch dort plärrende Lautsprecher und „Konservenmusik“ Einzug hielten...
In all diesen Jahren der brennenden Schulen, Massenhysterie und Heckenschützen wurden wir niemals angegriffen, und wir verhielten uns im politischen Sinne streng neutral. Wir waren wahrhaft gesegnet.
Die nächsten sieben Jahre in unserer Geschichte entsprechen der Grundschulzeit im Leben eines Kindes. Zu dieser Zeit gehört viel weiteres Wachstum – physisch und emotional –, und man muss lernen, mit den vielen Problemen zurecht zu kommen, die das Leben bringt.
Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Lehrer im Baobab College auf unserem Grundstück ausgebildet worden. Das Schulgelände war wie ein Bienenstock von Aktivitäten. Dozenten aus allen Teilen der Welt kamen und unterrichteten Kunst und Handwerk, Theater, Eurythmie und akademische Fächer. Wir waren glücklich, unseren Schülern all dies anbieten zu können. Später hörten viele dieser Aktivitäten auf – entweder aus finanziellen Gründen oder aus Mangel an geeigneten Lehrern.
Das Rückgrat unserer Schule blieb jedoch immer die wöchentliche Kinderhandlung, die gleich zu Beginn für die erste Klasse eingeführt worden war und noch immer von allen Lehrern am Donnerstagmorgen gehalten wird, nun mit fast 300 Kindern.
Die letzten sieben Jahre brachten viele Veränderungen. Wenn wir auf den Menschen schauen, ist die Zeit zwischen 14 und 21 die Zeit der Jugend, in der man schließlich die Schule verlässt und seinen individuellen Lebensweg zu finden hat.
Wir sind durch viele schmerzliche Erfahrungen hindurchgegangen. Das Baobab College wurde geschlossen, und wir füllten ihre Räume allmählich mit unseren Klassen, weil die große Nachfrage einen zweiten Zug erforderlich machte. Wir verloren eine Reihe von Lehrern an besser bezahlte Privat- oder Staatsschulen, aber wir gewannen auch wundervolle Lehrer von unserer Schwesterschule Sikhulise in Soweto, die vor einigen Jahren leider schließen musste. Auch interne Probleme brachten uns schwierige Zeiten, aber wir sind innerlich gewachsen und arbeiteten hart daran, die Schule wieder auf eine solide Grundlage zu stellen. Während der gesamten Zeit unserer Existenz haben finanzielle Beschränkungen das Leben für die Lehrer sehr schwierig gemacht, aber sie haben es sich nie gestattet zu verzweifeln – im Gegenteil, die freudige Atmosphäre dieser Schule ist etwas, das wir alle sehr schätzen und pflegen und das unsere Schule so besonders macht.
Ich, Wiebke, war mit dieser Schule als Lehrerin und Mentorin von Anfang an verbunden und habe nie aufgehört, die warme und offene Atmosphäre unter den Kollegen und zwischen Lehrern und Schülern zu bewunden – jeder hilft einander, wo immer es nötig wird.
Heute haben wir etwa 360 Kinder und ein Kollegium von 20 Lehrern. Wir könnten viele weitere Kinder aufnehmen, aber wir müssen realistisch bleiben, was unsere Räumlichkeiten und unser Kollegium angeht. Nie haben wir Kinder aus finanziellen Gründen oder aufgrund von Behinderungen weggeschickt, und darüber sind wir sehr stolz. Wir geben auch den ärmsten Kindern eine Chance auf eine heilende und gesunde Erziehung – um später als freier Mensch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.
Mit Hilfe unserer Kollegen Dick und Ans aus Holland verbessern wir kontinuierlich die Qualität unseres Unterrichts. Wir sind dabei, ein Haus im nahegelegenen Bezirk Kew zu erwerben, wo einige unserer aus Soweto kommenden Lehrer wohnen können. Einige Räume werden wir dann für die Ausbildung und auch für Beratung und Therapie für Menschen nutzen, die an Krankheiten, Trauma und Missbrauch leiden. Einmal mehr möchten wir den „Freunden der Erziehungskunst“ danken, dass sie uns auch mit diesem Projekt helfen konnten.
Was sind unsere Zukunftspläne? Zuallererst möchten wir auch weiterhin an einer gesunden Schule bauen, an der alle Kinder diese heilende Erziehung erfahren dürfen, um selbstbewusste Erwachsene werden zu können. Außerdem suchen wir Möglichkeiten, unserer existierenden 7. Klasse zwei weitere anzufügen, um den Jugendlichen auch eine mehr praktische Ausbildung geben zu können.
Wie jeder 21 Jahre alter Mensch sind wir uns der Tatsache bewusst, dass wir das, was wir sind der Liebe, dem Opfer und dem Vertrauen vieler anderer Menschen und Organisationen verdanken. Es sind zu viele, um sie hier alle nennen zu können, aber wir wissen, wer sie sind – und wir möchten ihnen von Herzen danken. Nur durch sie können wir heute stolz und dankbar auf das blicken, was wir erreicht haben, und können unsere Arbeit in einem Gebiet fortsetzen, wo Hoffnungslosigkeit und Armut täglich zunehmen...
Am 6. September 2008 feiern wir unseren 21. Geburtstag mit unseren Kindern, Eltern und vielen Freunden. Wir freuen uns auf diesen Tag und auf die nächsten 21 Jahre! Mögen die Kräfte, die uns so weit gebracht haben, auch künftig leiten und unsere besten Intentionen unterstützen – in unserem Bemühen, freie Menschen zu erziehen, die ihrem Leben Ziele und eine eigene Richtung verleihen können.
Das Kollegium: Elizabeth, Fundi, Thandi, Phindile, Thuli, Peace, Finki, Lorraine, Jan, Patricia, Elnora, Hendrietta, Sylvester, Dick, Ans, Roslyn, Wiebke
Keine Links.
Inkanyezi Waldorf School
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