Unsere Schule trägt den Namen „Regenbogen“ seit ihrer Geburt vor 15 Jahren. Die eigentliche, tiefere Wurzel des Wortes „Raduga“ ist „rad“, was „Freude“ bedeutet. Somit ist eine Bestimmung der Schule ausgesprochen: Freude in die Familien auszustrahlen, die sich mit ihr in diesen 15 Jahren verbanden.
Diese Aufgabe war und ist mit Prüfungen verbunden, die so recht nur derjenige erspüren kann, der mitten in ihnen steckt und sie durchlebt. In seinen Kindheitsjahren ging unser „Regenbogen“ durch vielerlei Bedrängnisse hindurch. Es scheint in der Tat wundersam und erfüllt uns mit Dankbarkeit, dass in Momenten existenzbedrohender Ereignisse und scheinbar auswegloser Situationen Menschen ihre Hand reichten, neue Wege aufzeigten, in unterschiedlicher Gestalt Hilfe auf die Schule zukam.
Fünfmal musste der „Regenbogen“ mit Kind und Kegel umziehen, an neuem Ort beginnen, in unzähligen Arbeitsstunden Klassenräume und Säle renovieren. Fünfmal eine Aktion mit Schülern, Eltern und Lehrern – auch dies bildete unsere Gemeinschaft. Jedoch immer wieder begleitet von vielen Diskussionen, einem Gefühl der Unsicherheit, Verlusten.
Mit den Jahren wuchs im Kollegium die Überzeugung, gerade in dieser Gemeinschaft Stärke zu finden. Konnte ein neuer, aktiver Kollege gefunden werden, glich uns dies einem wertvollen Geschenk: ein Zuwachs in unseren Reihen, neue Kraft, neue Impulse in unserer Arbeit.
Die Raduga-Schule wächst an einem Ort auf, der noch stark geprägt wird von den Denkmustern sowjetischer Bildungspolitik. Die für das gesamte Russland vorgegebenen, einheitlichen Bildungsrichtlinien verstärken in moderner Zeit eher noch das alte Denken. Freiheitliche Bildungsideale und alternative Schulmodelle werden misstrauisch beäugt und nicht selten bekämpft. So spannt sich der Regenbogen auch über einen Raum, der Schutz bietet für ein zukünftiges Denken und die Verwirklichung neuer Ziele, der aber auch immer wieder um seine Anerkennung kämpfen muss.
Wir sehen mit Freude, dass sich der Bogen mit den Jahren immer weiter erstreckte und seine Farben kräftiger wurden. Wie leuchten sie nun konkret in diesem Schuljahr 2008/09?
107 Kinder und Jugendliche lernen hier in 12 Klassen. Dies ist bei einem durchweg 11-jährigen Schulsystem in Russland eine große Ausnahme. Die Schule besitzt auch heute noch kein eigenes Gebäude, sondern „lebt“ in Miete. Seit dem letzten Umzug vor zwei Jahren sind wir in einem ehemaligen Fabrikgebäude untergebracht. In ihm waren beim Einzug alle Räumlichkeiten frisch renoviert – für uns eine völlig neue Erfahrung.
Für jeden in unsere Schule Eintretenden steht gut sichtbar am Ende des Korridors eine große Holzskulptur, die drei Frauengestalten darstellt: Die ägyptische Königin Isis, Maria und die in Russland hochverehrte Gottesweisheit Sophia. Dieses Geschenk unseres Freundes, des deutschen Bildhauers und Waldorflehrers Peter Lampasiak, bildet seit einigen Jahren ein Zentrum unserer Schule.
Es gibt Farben im Regenbogen, die besonders hell leuchten. Sie zeigen unsere Gemeinschaft am deutlichsten. Vielleicht leuchtet die hellste bei unseren Jahresfesten. Besucher von außen bestätigen, dass ihre Intensität in den vergangenen Jahren zunahm. Die einzelnen Feste erfüllen unsere Räume mit Leben, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und schenken Kraft für den Alltag danach. Und die Kreativität der aktiven Teilnehmer erstaunt immer wieder aufs Neue.
Stellvertretend für alle Feste mag eine Schilderung jenes Festes stehen, das von vielen als besonders „russisch“ empfunden wird: „Maslenica“, die russische Butterwoche vor Beginn der großen österlichen Fastenzeit.
Am ersten Tag dieser Woche erscheint in der großen Pause auf dem Schulhof die große Maslenica-Puppe, der Inbegriff des Winters. Sie wird mit viel Lärm und Liedern in die Schule getragen, wo sie im Flur für diese Woche einen festen Platz findet. Jeder kann ihr während dieser Zeit einen Stofffetzen anbinden. Der Stoff wird mit persönlichen Eigenschaften „besprochen“, derer man sich gerne entledigen möchte.
Jeder Tag der Maslenica-Woche steht unter einem anderen Motto, Spiele im Freien, Rodeln, gegenseitige Besuche der Klassen, Pfannkuchen backen. Das große Maslenica-Schulfest jedoch wird zum Abschluss am Sonntag gefeiert.
Die Schulgemeinschaft trifft sich zuerst im Saal. Sketche oder auch kleinere Theaterstücke variieren von Jahr zu Jahr. Nicht selten parodieren die Erzählungen uns selber, einzelne Kollegen, Geschehnisse aus dem Schulleben. Die wichtigsten Akteure dabei sind jedoch immer die Narren, die mit viel Musik und Turbulenzen ihre Geschichten erzählen, dabei Kinder und Erwachsene hinzuziehen, sich necken, beschimpfen, sich umarmen und tanzen. Und schließlich das Publikum ins Freie begleiten.
Maslenica wird unter freiem Himmel gefeiert, besonders stimmungsvoll dann, wenn an einem kalten Tag die Sonne scheint und viel Schnee den Festplatz bedeckt. Dann wird eine Schneeburg gebaut und hernach gestürmt. Dann wird eine lange Eisbahn hinunter gerutscht. Dann finden vielerlei Wettkämpfe und Spiele statt. Welcher Schüler wünscht sich nicht, einmal mit einem Kissen seinen Lehrer von einem hohen Balken in den Schnee zu befördern. Von einem hohen Schneeberg bleibt in Sekunden nur wenig übrig, wenn Kinder erfahren, dass darin kleine Süßigkeiten zu finden sind.
Schließlich erscheint die Maslenica-Puppe und wird auf einen hohen Holzstapel gestellt. Ein großes Feuer entzündet sich und die Puppe verbrennt, begleitet von Liedern, die seit langer Zeit in Russland zu diesem Anlass gesungen werden. Wir tanzen im Kreis ums Feuer und wenn die Flammen niedriger werden, finden sich die ersten Mutigen, die darüber springen. Dann springen alle, einzeln, Paare, Eltern nehmen ihre Kinder in die Mitte. Wer übers Feuer springt, verliert seine Sünden, so heißt es.
Manche von uns sehen nun den eigentlichen Höhepunkt erreicht. Am Rande des Festplatzes steht eine lange Reihe Tische, bedeckt mit Marmeladegläsern und Hunderten von Pfannkuchen. Dazu gibt es eimerweise Tee und vielleicht sogar Tee aus einem altrussischen, mit Kohle beheizten Samowar. Pfannkuchen symbolisieren die Sonne, deren wachsende Kraft wir mit Freude empfangen. Die Bemühungen der Kinder und Erwachsenen sind allseits zu sehen, doch gab es schon Jahre, in denen nicht alle Pfannkuchen aufgegessen wurden.
So gehen die Besucher auseinander, nicht ohne sich nach alter Tradition gegenseitig um Verzeihung zu bitten. Was mit dem Ausspruch beantwortet wird, dass es Gott sei, der unter den Menschen vergebe.
Zum Jahreszyklus der Feste gehören außerdem: Das Brotfest (organisiert von der 4. Klasse), der Michaeli-Tag, das Laternenfest, die Weihnachtsspirale, der Weihnachtsbasar, das Weihnachtstheaterspiel, das Neujahrsfeiern mit Väterchen Frost und natürlich das Osterfest.
Ein weiterer Farbbogen umspannt das Theaterleben der Schule. Die Zusammenarbeit mit einem professionellen Regisseur führte es vor wenigen Jahren auf ein bis dahin nicht gekanntes Niveau. Er leitet seither ein Theaterstudio für die Oberstufe, deren Aufführungen mittlerweile von einem breiten Publikum mit Spannung erwartet werden. Parallel arbeitet er mit jeder 8. Klasse und studiert regelmäßig Theaterstücke mit Lehrern und Eltern ein. Die Erfahrungen damit werden von sämtlichen Akteuren hoch geschätzt. Auch jede andere Klasse zeigt pro Schuljahr mindestens ein Theaterstück.
Eine neue Farbe erschien im Regenbogen vor sechs Jahren, als er sich weithin bis nach Deutschland streckte. Eine Russischlehrerin der Waldorfschule Coburg, die vor über 40 Jahren in Woronesch studierte, suchte und fand uns als Partnerschule. In einer feierlichen Zeremonie erhielt diese Partnerschaft ihr offizielles Siegel. Seither besuchen sich unsere 10. Klassen jährlich gegenseitig. Auch die Zahl der Schüler, die einen individuellen, dreimonatigen Schüleraustausch wünschen, nimmt ständig zu. Zu den Aktivitäten gehören auch Sozialpraktika hier in Woronesch und Projektwochen in Coburg. Wir erleben mit Freude, wie sich der Horizont der Schüler weitet, wie Wissen und Verständnis des jeweils anderen Landes wachsen und wie auf diesem Wege ein neues Verhältnis zwischen Deutschland und Russland entstehen kann.
Hell leuchtet der Regenbogen gerade auch in den wärmeren Monaten, wenn sich praktisch alle Klassen auf mehrtägige Wanderungen, Zeltlager oder Reisen begeben. Die russische Natur bietet uns dazu vielfältige Möglichkeiten, zu Fuß oder auch mit dem Kanu. Im vergangenen Jahr fuhren sechs Klassen mit über 60 Personen für acht Tage in den Kaukasus. In der herrlichen Bergwelt dort erfahren Schüler wie Erwachsene ihre Grenzen, erproben soziales Miteinander, erringen Selbständigkeit und nehmen am Ende unvergessliche Natureindrücke mit nach Hause.
Unsere 5. Klasse reist seit einigen Jahren zu „Olympischen Spielen“, die zusammen mit anderen russischen Waldorfschulen ausgetragen werden. Dieses Jahr wird unsere Schule Gastgeber sein, und die Fünftklässler aus verschiedenen russischen Städten verwandeln sich auf Woronescher Erde in griechische Olympioniken.
30 Kilometer außerhalb der Stadt besitzt „Raduga“ eine Datscha, ein einfaches russisches Landhaus mit einem Gemüse- und Obstgarten und einem anliegenden Feld. Wasser wird vom Brunnen geholt, die Schüler kochen dort auf einem Lagerfeuer. Die 3. Klasse sät Getreide, Gemüse wird angebaut und die unterschiedlichsten Epochen werden auf dieser Datscha gehalten. In diesem Schuljahr baute die 11. Klasse unter fachmännischer Anleitung einen echten russischen Ofen, der das Haus nun heizt und eine zusätzliche Kochmöglichkeit bietet. Unsere Datscha und der Obstgarten beherbergte auch schon zweimal die Teilnehmer eines großen Elternseminars. Während die Kinder vergnügt umherziehen, besprechen die Erwachsenen allgemeine Themen der Waldorfpädagogik oder konkrete Fragen zur Entwicklung unserer Schule.
Drei Praktika absolvieren die Schüler der Oberstufe (Landwirtschafts-, Industrie- und Sozialpraktikum). In der 12. Klasse bilden die Präsentationen der Jahresprojekte einen gewissen Abschluss vor den Staatsexamina. Unser zwölfjähriges Schulmodell erlaubt die Projekte zu einem in Russland unüblich späten Zeitpunkt, an dem die Schüler zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema und zu einer stärkeren Selbstreflexion in der Lage sind. Praktika und Projekte als feste Bestandteile der Oberstufenpädagogik sind in unserer russischen Waldorflandschaft durchaus noch nicht überall als selbstverständlich zu betrachten.
Zum Ende sei noch eine Farbe des Regenbogens hervorgehoben: Die Beziehung zu unseren ehemaligen Schülern. Am 13. Januar (zu Neujahr nach dem alten Kalender) kommen sie jedes Jahr zu einem Fest in die Schule. Immer wieder dieselben und immer wieder andere. Sie bringen ins Gespräch das herein, was unter dem Regenbogen in starker und in schwacher Weise lebt. Sie zeigen auf, wo die Schule sich verbessern, entwickeln muss und wo sie von der Schule etwas mitbekamen, das weit in ihre jetzige Lebenssituation hineinwirkt. Eigenschaften, die unsere Ehemaligen deutlich mit ihrer Schulzeit verbinden, sind: Offenheit und Kommunikationsfähigkeit, ein kreatives Herangehen sowie Fantasie bei der Lösung von Aufgaben, Entschlossenheit und das Fehlen von Angst vor Problemstellungen im Leben. Auch das menschliche Verhältnis und das Ernstgenommen-Werden als Persönlichkeit heben sie hervor. Es scheint, dass jeder dieser Studenten wertschätzt, was zu einem eigenen Lebensziel werden kann: Der freie, nicht von oben bestimmte Umgang zwischen den Menschen.
Selbstverständlich werden in fröhlicher Runde auch alte Tänze und Lieder aufgefrischt und Erinnerungen wachgerufen – ganz so wie es dem Wort „Raduga“ in seiner alten Bedeutung entspricht: „rad“ ist die Freude...
Bernd Strobel
ANNOO - Schkola “Raduga”
ul. Perchorowitscha 6-53
394086 Woronesch
Russland
Tel.: +7 4732 605 760
raduga-waldorf@list.ru