Waldorfschulen in Russland

Nikolai Höfer: Waldorfschulen in Russland. Studienarbeit, 2001.

Inhalt
1. Einleitung
2. Schulen in Russland
3. Geschichte der Waldorfschulen in Russland
4. Auf der Suche nach neuen pädagogischen Konzepten
5. Unerwartete Gegner und Unterstützer
6. Neue Wege in der Lehrerausbildung
7. Waldorfkindergärten und andere Einrichtungen
8. Waldorfschule Jaroslawl
9. Résumé
10. Anhang

"Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen."
Rudolf Steiner 

1. Einleitung

Gut 80 Jahre besteht die Waldorfpädagogik heute, und lag ihr Zentrum anfangs vor allem in Deutschland und Mitteleuropa, so hat sie sich seit den 70-er Jahren über die ganze Welt, von Japan bis nach Brasilien und von Israel bis nach Südafrika, ausgebreitet. Mit dem Beginn der Öffnung Russlands in den späten 80-er Jahren konnte die Pädagogik Rudolf Steiners auch in dieses Land Einzug halten und inzwischen einen nicht geringen Teil zu den weltweit über 770 Waldorfschulen beitragen.[1] Und obwohl diese Schulen für Russland etwas vollkommen Neues darstellten, so werden wir später feststellen, dass sie doch in einer gewissen Tradition entstanden.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte es in Russland viele Anhänger Rudolf Steiners gegeben (z.B. den Schriftsteller Andrej Belyj)[2], die sich in kleinen Kreisen auch über die 70 Jahre der Sowjetdiktatur halten konnten (in Moskau z.B. um Maria Skrjabina, die Tochter des weltberühmten Komponisten).[3]

Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Entwicklung die Waldorfschulbewegung seit der Perestrojka in Russland genommen hat, welche Aufgaben und Probleme auf sie zugekommen sind und welche Möglichkeiten sich für sie in Zukunft bieten werden. Ich werde dabei nicht, oder wo nötig nur am Rande, auf die Besonderheiten der Waldorfpädagogik eingehen.[4] Bedingt durch das geringe Literaturangebot zum Thema 'Waldorfschulen in Russland' habe ich mich zu einem Teil auf Gespräche mit Lehrern und Dozenten, sowie auf eigene Erfahrungen in russischen Waldorfschulen gestützt.

Um die Waldorfschulen richtig in den russischen Schulalltag einordnen zu können, scheint es mir wichtig, diesen kurz vorzustellen, was im folgenden Kapitel geschehen soll.

2. Schulen in Russland

Zusammenbruch

Wie so oft in schwierigen Zeiten, leidet, bevor es andere Strukturen in einer Gesellschaft trifft, als erstes die Bildung. So auch im postsowjetischen Russland, wo sich die Lage der staatlichen Schulen nun schon seit über zehn Jahren kontinuierlich verschlechtert hat. Sowohl fehlt es an den nötigen Geldmitteln, um die Gehälter der Lehrer zu bezahlen und die Gebäude in Stand zu halten, als auch an den pädagogischen Konzepten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen Neuanfang ermöglichen würden. Viele fähige Lehrer haben die staatlichen Schulen verlassen und sind im besten Fall in private Schulen übergewechselt oder haben sich aber eine andere Beschäftigung in der freien Wirtschaft gesucht. Bedingt durch die miserablen Gehälter arbeiten die verbliebenen Lehrer mit eineinhalb- bis zweifachem Deputat, was eine enorme Belastung bedeutet und oft mangelnde Vorbereitung zur Folge hat. Viele Fachlehrer arbeiten, bedingt durch die Mehrzügigkeit der Schulen, z.B. nur mit den Klassenstufe 8 und 9, was eine ständige Wiederholung des selben Stoffes zur Folge hat. Die Lehrer stumpfen ab und verlieren mit der Zeit die Fähigkeit zu erkennen, ob die Schüler den Stoff wirklich begriffen haben. In den seltensten Fällen ist so ein Mitlernen der Lehrer oder ein pädagogischer Auftrag zu beobachten.

Geldmangel

Der allen voranstehende Faktor für den Niedergang des sowjetischen Bildungssystems ist der schwache Finanzhaushalt der russischen Regierung. Und ohne gute Lehrer, die ein gewisses Gehalt fordern, wenn es sich nicht gerade um große Ideologen handelt, ist so eben auch kein guter Unterricht möglich. Aber auch das Fehlen einer Weltanschauung bereitet den Menschen ein großes Problem. In einem Land ohne genaue Ziele, ist es sehr schwierig, als Lehrer klare Stellungen einzunehmen und Schülern neben dem Unterrichtsstoff auch Werte zu vermitteln.

Militärdienst und 12. Klasse

Ein Problem, welches eine grundlegende Reformierung des sowjetischen Schulsystems und seines Lehrplanes verhindert, ist die Armee. So muss jeder männliche Jugendliche nach Beendigung der Schule sofort in eine Universität oder ähnliche Einrichtung eintreten, um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden (im Rahmen seines Studiums muss er nur eine theoretische Militärausbildung besuchen). Diese Tatsache hat es bis jetzt verhindert, dass die schon lange geforderte und diskutierte 12. Klassenstufe ins russische Schulsystem Einzug hält. Schüler, die erst mit 18 Jahren die Schule beenden würden, werden so sofort eingezogen, weshalb dies wenn möglich immer vermieden wird, da die Zustände in der russischen Armee sehr negativ sind (Dedovschtschina, Tschetschenienkrieg etc.). Eine 12. Klassenstufe wäre dringend nötig, um den überfüllten Lehrplan zu entlasten.

Lehrpläne

Die Regelschulzeit von 11 Jahren korreliert heute in keiner Weise mit der von den Schülern geforderten Stoffmenge, da der Lehrplan der russischen Schulen noch immer stark überlastet ist und in sowjetischer Tradition versucht wird, aus Schülern kleine Naturwissenschaftler zu machen. Für den Schulalltag bedeutet dies vor allem Auswendiglernen von großen 'Wissensbergen', welche dann nach erfolgreich bestandener Prüfung sofort wieder vergessen werden, da keinerlei Verinnerlichung stattgefunden hat. Weitere Probleme des russischen Schulsystems bestehen in der starken Konzentration auf naturwissenschaftliche Fächer, wodurch künstlerische und musische Fähigkeiten der Schüler oft unterentwickelt bleiben. Viele Schulen haben inzwischen außerdem ein spezifisches Profil entwickelt, mit dem sie versuchen, Schüler zu gewinnen. So wird versucht, schon aus Kindern kleine Tennisprofis, Mozarts oder Fremdsprachenkorrespondenten zu machen. Dass dabei das Recht der Kinder auf Allgemeinbildung in allen Fächern verloren geht, wird meist übersehen oder ignoriert. Oft zählt für die Eltern nur der spätere Erfolg, den man sich im heutigen Russland selten von Kunst-, Handwerks-, Musikunterricht oder allgemeinbildenden Fächern erwartet.

Bildungspolitik und Privatschulen

Betrachtet man die Reaktionen aus dem Bildungsministerium auf die Zustände in den russischen Schulen, so kann man aus dieser Richtung in nächster Zeit kaum auf eine Lösung der Probleme hoffen. Bedingt durch die Vielzahl der Probleme in der russischen Schullandschaft und dem Nichtvorhandensein von möglichen Konzepten spricht Anatolij Pinskij, der Direktor der staatlichen Moskauer Waldorfschule № 1060, von einem völligen Fehlen einer russischen Bildungspolitik auf föderaler Ebene. Er befürchtet, ob bei weiterem chronischen Geldmangel und Mangel an politischem Einfluss von diesem Ministerium in Zukunft überhaupt Konstruktives zu erwarten ist.[5]

All diese Probleme des russischen Schulalltages sind sicher nicht über das ganze Land verbreitet und es haben sich, auch in der heutigen schweren Zeit, viele gute Lehrer an den Schulen Russlands gehalten. Außerdem ist immer noch vieles in Bewegung und auf der Suche nach neuen Wegen. Das sehr liberale Gesetz von 1992 zur Bildungspolitik[6] war dabei ein erster Anfang, der es unter anderem vielen Elterninitiativen und Privatpersonen ermöglicht hat, Schulen zu gründen. Neben Waldorfschulen konnten sich seit dieser Zeit auch viele andere Privatschulen (Lyzeen, Colleges und Gymnasien) bilden, die mit ihren eigenen kreativen Ideen und Konzepten arbeiten, leider aber oft nur die russische Oberschicht ansprechen. Diese Eltern suchen meist eine Alternative zum staatlichen System und erhoffen sich als Gegenleistung für das zu entrichtende Schulgeld Prestige und eine höhere Erfolgsquote für ihre Kinder. Aber es gibt auch alternative Schulen, die sehr gelungen sind und die ganze Breite der Bevölkerung ansprechen. So z.B. die Schule 'Kovčeg' (Arche) in Moskau, eine integrative Schule, die mit einer Mischung aus verschiedenen pädagogischen Modellen arbeitet und aus ihrem Schulgebäude ein lebendiges Lern- und Schaffenszentrum für behinderte und gesunde Kinder gemacht hat.

Dieser Schulreichtum, den das liberale Bildungsgesetz von 1992 hervorgebracht hat, mit seinem ganzen Potential und seinen Problemen, muss für die Neugestaltung des russischen Bildungssystems unbedingt beachtet und ausgeschöpft werden. Denn gerade darin liegt ja auch die Aufgabe von alternativen und freien Schulen: Den staatlichen Schulen ein mögliches Vorbild zu sein. Einen Teil für die Entwicklung eines neuen russischen Schulkonzeptes können so auch die russischen Waldorfschulen beisteuern, die in Russland seit der Perestrojka entstanden sind. Die Entwicklung und Arbeit dieser Schulen werde ich im Weiteren aufzeigen.

3. Geschichte der Waldorfschulen in Russland

Erste Schulgründungen

Der Anfang der Waldorfbewegung in Russland ist ungefähr auf das Jahr 1986 zu datieren, in dieser Zeit des Umbruchs und des Neubeginns wurde zum einen über Fernsehsendungen und Zeitschriftenbeiträge ein Millionenpublikum mit der Waldorfpädagogik bekannt gemacht und zum anderen fanden sich viele Menschen zusammen, die nach langen Jahren der pädagogischen Unfreiheit nach neuen Ideen und Konzepten Ausschau hielten und diese umsetzen wollten.[7] Durch Kontakte zu europäischen Waldorflehrern und Anthroposophen entstanden damals an verschiedenen Orten praktische und theoretische Arbeitsgruppen zur Waldorfpädagogik.

Am 13. April 1989 eröffnete eine Moskauer Arbeitsgruppe den Klub 'Aristoteles', in dem ein Kindergarten, ein Puppentheater und eine Bastelgruppe für ältere Kinder Platz fanden, und in dem sich Eltern mit der Waldorfpädagogik beschäftigen konnten.[8] Am 29. September 1990 konnte dann das 'Moskauer Zentrum für Waldorfpädagogik' eröffnet werden, welches ein erstes Lehrerseminar in Russland darstellte. Zur selben Zeit entwickelten sich in mehreren Städten Russlands Initiativen zur Gründung von Waldorfschulen. Die Initiativen in Jaroslawl und Moskau (Semeynyj Lad) eröffneten bereits am 1. September 1990 ihre ersten Klassen.[9] Im Jahre 1991 folgten die Städte Samara, St. Petersburg und Rjasan. Mit Hilfe von 18 Absolventen des ersten Durchgangs des Lehrerseminars konnte 1992 die heute größte Waldorfschule № 1060 in Moskau gleich mit 4 Klassen und 120 Kindern sowie zwei Kindergartengruppen begonnen werden.[10]

Ausbreitung über das ganze Land

In den folgenden Jahren entwickelten sich in vielen weiteren Städten Waldorfinitiativen, so dass die Waldorfbewegung bald recht bunt und kaum noch zu erfassen war. Im Jahre 1995 schrieb Anatolij Pinskij: "Es gibt Waldorfschulen (staatliche und freie), 'experimentelle' Klassen im Rahmen staatlicher Schulen, verschiedene Gründungs-Initiativen und schließlich Kindergartengruppen, ebenfalls unterschiedlich registriert. Man kann ca. 40-45 'Schulen' in Russland nennen." [11] Viele dieser Initiativen waren getragen von einer 'Waldorfwelle', die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion einsetze und inzwischen wieder zum Erliegen gekommen ist.

Eine gewisse Unübersichtlichkeit besteht allerdings auch weiterhin, obwohl viele kleine Schulen und experimentelle Klassen wieder geschlossen wurden, bedingt vor allem auch dadurch, dass nicht alle Waldorfschulen in der 1996 gegründeten 'Assoziation der russischen Waldorfschulen' (kurz Assoziation) vertreten sind. Heute gibt es 30-35 Schulen, wovon 11 Schulen in privater Trägerschaft sind. An diesen Schulen, die sich von Uchta über Irkutsk bis nach Nachodka hinziehen, werden ca. 3200 Schüler unterrichtet.[12]

Die Assoziation vertritt von diesen Schulen 21, sowie 2 Lehrerseminare. Ihre Aufgabe ist es, Kontakte zu der Regierung und auch zum Ausland zu pflegen und als zentrales Organ für die Verbreitung der Pädagogik Rudolf Steiners in Russland einzutreten. Hierzu gehört die Organisation der Zusammenarbeit aller Waldorfschulen Russlands, aber auch aller Kindergärten, Seminare und anderen Bildungseinrichtungen, die nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik arbeiten.[13] Bis zur Gründung der Assoziation 1996 wurde ein Großteil dieser Aufgaben von der 'Internationalen Assoziation für Waldorfpädagogik in Mittel- und Osteuropa' (kurz IAO) bewerkstelligt, die im Gegensatz zur 'Assoziation der russischen Waldorfschulen' vor allem mit Menschen aus dem Westen besetzt ist. Durch beide Assoziationen konnte die Arbeit der Waldorfschulen in Russland in den letzten Jahren wesentlich gestärkt werden.

Im Herbst 2000 feierten die ersten beiden Schulen ihr zehnjähriges Jubiläum, was einen großen Erfolg darstellt. Die Schulen, die diese 10 Jahre 'überlebt' haben, sind keine 'experimentellen Klassen' mehr, sondern durchaus ernstzunehmende Modellschulen, die inzwischen weithin von sich reden gemacht haben. Die Probleme, die sich im Laufe dieser zehn Jahre aufgetan haben, möchte ich im nächsten Abschnitt behandeln.

4. Auf der Suche nach neuen pädagogischen Konzepten

Pädagogisches Experimentieren

Die mehr oder weniger 'explosionsartige' Entstehung der Waldorfschulen in Russland ohne nötiges Hintergrundwissen und gut ausgebildete Lehrer brachte vielerlei Probleme mit sich. "Viele Menschen haben nach 70-jähriger indoktrinierter Planwirtschaft im Bildungswesen von staatlichem Dirigismus in Schule und Erziehung genug und suchen nach freiheitlichen Alternativen. Man begegnete der Waldorfpädagogik in der totalen Sinnkrise des sowjetischen Schulsystems wie einem Wunder. Oft wurden dann äußere Formen ohne inneres Verständnis nachgeahmt oder man scheiterte an der Umsetzung der Ideen in die Praxis. Was sich dann als 'Klassen mit Elementen der Waldorfpädagogik' zeigt, trägt oftmals groteske Züge: (...) Auch transzendentale Meditation mit Kindern, Schreiben lernen am Computer, Abhärtungsmethoden mit Eiswasser und Yogaunterricht gehören dann plötzlich zur Waldorforientierung." [14] Solche 'Auswüchse' fand man oft in experimentellen Klassen, in denen der Staat versuchte, verschiedene, für Russland neue Unterrichtsmethoden auszuprobieren. Dieser Zustand hielt allerdings nur während der Umbruchphase an, da sowohl durch die nötigen Akkreditierungen der Schulen durch den Staat, als auch durch die IAO Grenzen gesetzt wurden. So wurden die meisten dieser experimentellen Klassen inzwischen wieder geschlossen, auch aus dem Grund heraus, dass man glaubte, genügend Erkenntnisse gewonnen zu haben oder die Projekte als gescheitert, bzw. nicht verwertbar einstufte.

Auf der anderen Seite waren die ersten Jahre natürlich von großem Enthusiasmus und Engagement geprägt, man arbeitete viel und hart, um, gegen den Widerstand der alten Sowjetkräfte, neue Impulse in den Schulen durchzusetzen. So konnten auch die materiellen Barrieren überwunden werden, die sich von Anfang an stellten.

Waldorfschulen in der Krise

Ein besonders schwieriger Zeitraum begann nach der Augustkrise 1998, vor allem durch die finanziellen Probleme kamen viele Schulen damals hart an ihre Grenzen. Hier ist anzumerken, dass russische Privatschulen bis vor kurzem keinerlei staatliche Unterstützung erhielten und sich allein über Elternbeiträge finanzieren mussten. Einige Waldorfschulen mussten ihre Tore so wieder schließen, anderen gelang es nur mit Hilfe aus dem Westen oder durch eine Verstaatlichung zu überleben.

Ausgelöst durch die finanziellen Schwierigkeiten kam es damals zusätzlich zu einer inneren Konfliktkrise, die drei zentrale Fragen in der russischen Waldorfbewegung aufwarf: Was sind die Ergebnisse der russischen Waldorfschulen und inwieweit entsprechen sie den staatlichen Anforderungen? Ist Waldorfpädagogik für Russland kompatibel? Und: Ist eine kollegiale Verwaltung in russischen Waldorfschulen möglich? [15]

Staatliche Anforderungen

Das Problem der ungenügenden Schülerleistungen besonders in der Mittelstufe ergibt sich aus der Tatsache heraus, dass der Staat nach der 9. Klasse auch von Privatschulen Zwischenprüfungen verlangt, um so das Wissen dieser Schüler zu kontrollieren (ebenso nach der 4. und als Abschlussprüfung nach der 11. Klasse). Ein Grund für teilweises schlechtes Abschneiden in der Mittelstufe war oft der schwierige Übergang vom Unterricht der Klassenlehrer zu dem der Fachlehrer. Da an den Lehrerseminaren in Russland noch sehr wenige Fachlehrer ausgebildet wurden, musste man oft auf Lehrer mit rein staatlicher Ausbildung zurückgreifen, die mit dem Waldorfunterricht der Schüler bis zur Mittelstufe nicht vertraut waren. Viele Schüler waren mit dem plötzlichen Pauken auf nicht gerade niedrigem Niveau der staatlichen Lehrpläne sichtlich überfordert.[16] Schwierig war es auch für die Lehrer der russischen Waldorfschulen, da sie die Schuld für die Schwierigkeiten der Schüler bei sich selber oder in der Waldorfpädagogik suchten, und selten erkannten, dass ein großer Teil der Probleme seine Ursache in dem völlig überfrachteten staatlichen Lehrplan hatte.

Die erzielten Resultate in den verschiedenen staatlich durchgeführten Prüfungen waren jedoch nicht nur negativ, so wurden besonders in den Fächern Fremdsprache, Geschichte, Kunst, Musik und Handwerk sehr gute Ergebnisse erzielt.[17] Problematisch waren dagegen vor allem die Fächer Russisch (als Muttersprache) und die naturwissenschaftlichen Fächer, indem geforderte Leistungen nur knapp erfüllt werden konnten.

Die Frage nach den zu erbringenden Leistungen hat sich inzwischen weiterentwickelt, da eine Oberstufe entstanden ist, die im Sommer 2000 erstmals die Abschlussexamen ablegte. Manche Schule hat so in den oberen Schuljahren, auch aus Sorge um ihr Image, auf mehr intellektuelles Lernen Wert gelegt bzw. legen müssen. Einige Schulen versuchten so auch, von dem häufigen Klischee einer 'Schule für lernschwache Kinder' wegzukommen.[18] Trotz aller Sorgen waren die Ergebnisse der Abschlussexamen insgesamt gut bis sehr gut, ob die Herangehensweise an die Prüfungen aber immer der der Waldorfpädagogik entsprach, ist zu hinterfragen.

Kompatibilität der Waldorfpädagogik

Probleme gab es natürlich auch bei der Umsetzung der 'westeuropäischen' Waldorfpädagogik in russische Lebensverhältnisse bzw. bei der Angleichung an den russischen Lehrplan. So unterscheiden sich diese beiden Lehrpläne weitaus deutlicher, als z.B. die staatlichen Lehrpläne in Deutschland von denen der Freien Waldorfschulen in Deutschland. Es steht hinter der Waldorfpädagogik aber auch ein vollkommen anderes Lernkonzept, das im Vordergrund nicht das Lernen, sondern das Kind in seiner Entwicklung sieht. Um diese Ungleichheit zu korrigieren, ist es besonders wichtig, einen einheitlichen russischen Waldorflehrplan zu gestalten. Da es jedoch auch für staatliche Schulen noch keine neuen weiter ausgearbeiteten und anerkannten Lehrpläne gibt, besteht keine Möglichkeit, sich als Waldorfschule daran zu orientieren, was ja auf jeden Fall nötig wäre. Momentan arbeitet man vor allem mit übersetzten Waldorflehrplänen, wobei jede Schule diese auf ihre Bedingungen abstimmt, da auch die Behörden jeder Stadt verschiedene Anforderungen stellen.

Kollegiale Verwaltung

Ist eine kollegiale Verwaltung in russischen Waldorfschulen überhaupt möglich? Dies war in den letzten Jahren eine zentrale Frage in den Waldorfschulen. Hier muss man erwähnen, dass auch in Deutschland die kollegiale Arbeit an den Waldorfschulen nicht immer einfach ist und dass sich auch hier einige Lehrer damit überfordert fühlen. Dass es in Russland noch viel schwerer ist, eine Schule nicht durch einen Direktor, sondern durch ein Kollegium zu leiten, steht außer Frage. Das russische Volk wurde durch seine ganze Geschichte hindurch durch die Staatsmacht, sei es die Zaren- oder Sowjetregierung, von oben kontrolliert und gelenkt. So ist es weiter nicht verwunderlich, dass sich heute viele Menschen überfordert fühlen, wenn sie plötzlich selber Entscheidungen treffen dürfen, bzw. 'müssen'. Dennoch ist die kollegiale Arbeit an fast allen Waldorfschulen mehr oder weniger zur Realität geworden, allerdings in verschiedenem Maße.

Da man in Russland für den Kontakt zu den Behörden und anderen Organisationen, mit denen man zu tun hat, zumindest pro forma einen Direktor braucht, gibt es diesen an fast allen Waldorfschulen. Allerdings unterscheiden sich diese in ihren Kompetenzen. Meist haben sie nur nach außen die Rolle eines Direktors und sind innerhalb des Kollegiums gleichgestellt. Andere haben in wirtschaftlichen Fragen, die den laufenden Haushalt und ähnliches betreffen, größere Kompetenzen. In den verstaatlichten Waldorfschulen (Moskau, Samara, St. Petersburg - vier Schulen -, Smolensk und Kirov) hat der Direktor die selben Kompetenzen wie an staatlichen Schulen. Allerdings werden pädagogische Probleme auch dort im Kollegium gelöst.

Schwierig ist es besonders für die Schulen, die gut kollegial arbeiten, aber nach außen keinen klaren Ansprechpartner haben, der zum einen die in Russland nötigen Beziehungen zu den Behörden pflegt und 'schmiert' oder noch aus sowjetischen Zeiten einen Bekanntenkreis in diesen Ebenen besitzt. Zusätzlich erschwert wird die kollegiale Arbeit auch durch das Fehlen alter und erfahrener Lehrer, die den jungen Lehrern bei auftretenden Problemen weiterhelfen könnten.[19] So steht man, bedingt durch die ständig neuen Herausforderungen, die jede neue Klasse, Räumlichkeit, Akkreditierung oder pädagogische Problematik bietet, ständig vor fast unüberwindbaren Aufgaben, die neben der täglichen pädagogischen Arbeit, geleistet werden müssen.

Ob es auf Dauer gelingen wird, die Waldorfschulen in Russland kollegial, d.h. gemeinsam zu leiten und zu gestalten, ist nach Meinung von Jörgen Nielsen, dem Leiter des Periodischen Seminars, die entscheidende Frage, da nur so die Lehrer wirklich verantwortungsbewusst und mit dem nötigen Engagement arbeiten. "Bei Verzicht auf kollegiale Leitung muss man die mangelnde Verantwortung des Lehrers für die Qualität (seines Unterrichts) überwinden." [20] Diese Überwindung durch einen Schuldirektor zu bewerkstelligen, wird kaum möglich sein. Auch hört man in Gesprächen mit Lehrern den starken Wunsch nach kollegialer Verwaltung immer wieder. Betont wird dabei, dass kollegiales Arbeiten den Menschen in Russland an sich sehr nahe liegt, auch wird es als wichtiges Zeichen gegen die weiterhin außerordentliche Macht des Kremls, des KGB-Nachfolgers FSB und der neuen Großkapitalisten gesehen.

5. Unerwartete Gegner und Unterstützer

Orthodoxe Kirche

Ein weiteres Problemfeld ist im Umkreis um die russische Orthodoxe Kirche entstanden. Auf einem 'Internationalen Christlichen Seminar', welches 1994 in Moskau stattfand und an dem auch Vertreter der Römisch-katholischen und Lutheranischen Kirchen teilnahmen, unterzeichneten die Teilnehmer eine Schlusserklärung, die unter § 17 die Waldorfpädagogik als rassistisches, antichristliches und antisemitisches System bezeichnet.[21] Für viele Waldorfschulen bedeutete dies eine starke Erschwerung der Arbeit. So weigerten sich manche orthodoxen Priester, Waldorfschüler zu taufen. Chosinskij, ein Geistlicher aus Selenograd (bei Moskau) soll sogar ein Gelübde abgelegt haben, die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik für den Rest seines Lebens zu bekämpfen. Im Dezember 2000 veröffentlichte er eine Pamphlet gegen die Waldorfschulen, das seitdem in Orthodoxen Kirchen ausliegt.[22] In manchen Städten waren die Angriffe so groß, dass sie in Einzelfällen bis zur Schulschließung führten.[23]

Begründet wurden die Angriffe der Orthodoxen Kirche auf die Waldorfschulen vor allem mit Äußerungen Rudolf Steiners, die, wie so oft aus ihrem Kontext gerissen, rassistische und antisemitische Inhalte tragen sollen. Die Vorwürfe, antichristlich zu sein, richten sich vor allem gegen die anthroposophische Christengemeinschaft, eine durch Rudolf Steiner geprägte christliche Glaubensgemeinschaft, die jedoch in Russland sehr wenig verbreitet ist und in keiner Weise wie befürchtet einen Konkurrenten für die Orthodoxe Kirche darstellt.

Wenig bis gar nicht wird von Seiten der Orthodoxen Kirche darauf eingegangen, dass Waldorfpädagogik nicht einem Studium der Anthroposophie gleichzusetzen ist. Interessanterweise haben sich Anthroposophen und Waldorfpädagogen in Russland nur zu geringen Teilen vermischt, d.h. dass Gruppen der Anthroposophischen Gesellschaft (soweit sie in Moskau und anderen großen Städten existieren) nur in losem Kontakt zu den Waldorfschulen stehen. Viele Waldorfpädagogen erlangen Kenntnisse über die Geisteswissenschaft und Menschenkunde Rudolf Steiners erst während ihrer Tätigkeit als Lehrer z.B. auf dem Periodischen Seminar (siehe Kapitel 6). In keiner Weise kann man davon sprechen, dass an den Schulen anthroposophische Weltanschauungen vermittelt werden. Während meiner Aufenthalte an verschiedenen russischen Waldorfschulen konnte ich mich außerdem davon überzeugen, dass der Unterricht weder rassistisch, noch antichristlich oder gar antisemitisch ist. Vor dem Hintergrund der in weiten Kreisen Russlands (und auch in der Orthodoxen Kirche) verbreiteten negativen Einstellungen gegenüber Juden, Schwarzen und Moslems scheinen diese Vorwürfe geradezu eine Farce zu sein.

Andererseits gibt es auch positive Erfahrungen und Kontakte zur Orthodoxen Kirche. So berichtete Jörgen Nielsen von einem Priester, der regelmäßig die Klassenräume einer Waldorfschule in Moskau segnet. I. N. Semenov, ein Lehrer der 'Schule des Heiligen Dimitrius - Barmherzige Schwestern', hielt auf einem Priesterseminar 1996 einen Vortrag über die Möglichkeit der Verwendung von Elementen der Waldorfpädagogik in der orthodoxen Pädagogik.[24] In diesem sehr positiven Bericht über eigene Erfahrungen in Waldorfschulen kommt er zu dem Schluss, dass auch orthodoxe Schulen viel aus den Methoden und dem Unterricht der Waldorfschulen übernehmen könnten. Er geht soweit, dass er sich fragt, inwieweit man mit den Waldorfschulen zusammenarbeiten könnte. Positiv hervorgehoben wird, neben vielen pädagogischen Errungenschaften, die Erziehung zur Freiheit, er spricht sogar von einem Gott der Freiheit. Natürlich ist diese Begeisterung für die Waldorfpädagogik immer wieder mit Warnungen und Absagen an die Anthroposophie gespickt. Er schließt mit den Worten: "So werden wir mit Gottes Hilfe einen Weg finden, der es uns möglich macht, das Gute und Brauchbare der Waldorfpädagogik in unsere Kirche aufzunehmen." [25]

Konstantin Uschinskij

Hilfreiche Elemente für die Waldorfschulen fand man auch in der eigenen pädagogischen Tradition Russlands. Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob die Waldorfpädagogik Rudolf Steiners für Russland überhaupt ein richtiges Schulkonzept darstellt, ob es sozusagen sinnvoll ist, diese Ideen aus dem Westen auf russische Verhältnisse zu übertragen, stieß man auf die pädagogischen Werke Konstantin Uschinskijs.

Von vielen Eltern wird das Konzept der Waldorfpädagogik für die Unterstufe befürwortet, sozusagen als eine etwas 'verlängerte Kindergartenzeit'. Probleme haben dagegen einige Eltern mit dem scheinbar langsameren Lernen in der Mittel- und Oberstufe. Da man diese Herangehensweise nicht verstehen kann, bzw. nicht für sinnvoll hält, und mehr Wert auf Leistung und Wissenszuwachs als auf soziale Kompetenzen und praktische Lebenserfahrungen legt, wird die Waldorfschule von diesen abgelehnt. Teilweise geht man so weit, dass man von Missionierung der russischen Schullandschaft durch den Westen spricht, da es sich um ein für Russland ungeeignetes Konzept handele. Dabei wird übersehen, dass die Konzepte der Waldorfpädagogik denen einiger russischer Reformpädagogen gar nicht so fern sind!

So erkannte man vor einigen Jahren große Ähnlichkeiten zwischen den Äußerungen Konstantin Uschinskijs, einem der großen russischen Pädagogen des 19. Jahrhunderts, und Rudolf Steiners. Nikolai Petersen, der Leiter des St. Petersburger Lehrerseminars, schrieb in einer Gegenüberstellung der beiden Pädagogen: "Wäre Uschinskijs pädagogisches Konzept Ende des vorigen Jahrhunderts verwirklicht worden, hätte es vor Steiner, und zwar in Russland, eine Schule gegeben, die der Waldorfschule verblüffend ähnlich gewesen wäre." [26] Konstantin Uschinskij (1824-1870) sammelte in verschiedenen Schulen um St. Petersburg, sowie in Deutschland und der Schweiz jahrelang pädagogische Erfahrungen, die er in einer Vielzahl von Werken niederschrieb. Neben pädagogischen Schriften verfasste er auch Erzählungen und Märchen, die noch heute gelesen werden. Interessant ist, dass er auch in der Sowjetunion als einer der größten russischen Pädagogen anerkannt war, obwohl viele seiner Anschauungen denen der Kommunisten diametral gegenüberstanden. Im folgenden will ich einige Überschneidungspunkte zwischen Uschinskijs und Steiners pädagogischen Ansätzen näher beleuchten.

Einer der wesentlichen Bestandteile der Waldorfpädagogik ist der Epochenunterricht, der für drei bis vier Wochen jeden Morgen für 90-120 Minuten abgehalten wird. Diese Unterrichtseinheiten gestalten sich so, dass sich im Laufe dieser beiden Stunden verschiedene Tätigkeiten abwechseln (sogenannter rhythmischer Teil, Erzählen, Lesen, Schreiben, praktische Tätigkeit etc.). Genau diesen Wechsel der Herangehensweise an ein Themengebiet beschreibt auch Uschinskij: "Wenn in einer anderthalb- oder zweistündigen Schulstunde die Kinder bei Ihnen sowohl lesen, als auch schreiben, als auch zeichnen, zwei, drei Lieder singen, zählen, sowie etwas anhören oder irgendein Ereignis aus der biblischen Geschichte selber nacherzählen, so haben Sie am Ende des Monats nicht nur die Summe alles Angeeigneten, sondern jedes einzelne Wissen und Können wird mehr sein, als wenn die Kinder die ganze Zeit nur dieses eine Fach gehabt hätten. ( ...) Nichts widerspricht der Natur des Kindes so sehr, als es allein ans Alphabet zu setzen." [27] In ähnlicher Weise beschreibt er ein Arbeiten in Lernperioden, die immer wieder von Pausen durchzogen sein sollen, um den Stoff ruhen zu lassen. Dies entspricht in erstaunlicher Weise dem Epochensystem der Waldorfschulen.

Verblüffende Ähnlichkeit findet sich auch in dem von Uschinskij vorgeschlagenen Beginn des Schreibens, das ja in der Waldorfschule sehr spät einsetzt und durch eine lange Zeit von Formenzeichnen eingeleitet wird. Auch das Formenzeichnen kennt Uschinskij schon und spricht davon, dass vor dem eigentlichen Schreiben "nur die Elemente der Schrift" geübt werden sollen. Weiter: "Ich halte es für besser, dem Kind Lesen und Schreiben langsam beizubringen, gleichzeitig aber seine Aufmerksamkeit, seine Sprachfertigkeit, sein Denkvermögen zu schulen, sein Gedächtnis mit lebendigen Bildern und treffenden Worten zu bereichern, mit deren Hilfe es diese Bilder auch ausdrücken kann, und es ein wenig mit der lebendigen Volkssprache bekannt zu machen." [28]

Viele weitere Anregungen findet man bei Uschinskij, so die Einschulung erst mit sieben Jahren, die auch an Waldorfschulen praktiziert wird, die Wichtigkeit der Jahresfeste für die Gestaltung der pädagogischen Arbeit der Lehrer, sowie eine Dreigliederung des Menschen in Denken, Fühlen und Wollen. Uschinskij spricht von Verstand, Gefühl und Willen, die im Unterricht differenziert angesprochen werden müssen! Wesentlich ist auch Uschinskijs Plädoyer für den Klassenlehrer, der besonders in der Unterstufe so viele Fächer wie möglich übernehmen soll: "(...) je vielfältiger die Fächer in den ersten Schuljahren sind, desto unerlässlicher ist es, dass sie alle oder wenigstens deren Mehrzahl von nur einer Person unterrichtet werden. (...) Die gesunde, ja sogar unerlässliche Vielfalt der Fächer in den ersten Schuljahren ist nur unter der Bedingung möglich, dass der Unterricht gar nicht aus einzelnen Fächern besteht. Alles muss durch die Tätigkeit der erwachsenen Persönlichkeit zu einem vernünftigen Gesamtziel zusammenfließen: der allseitigen Entwicklung des physischen und seelischen Organismus des Kindes und der Vorbereitung auf den Fachunterricht in den einzelnen Disziplinen, der das Kind in der Zukunft erwartet. (...) Die vielen einzelnen Lehrer, die alle eifersüchtig über ihr Fach wachen, können das Kind zwar mit allerlei Wissen und Können voll stopfen, aber seine Geistesaugen bleiben verschlossen. Also: Je größer die Vielfalt des Unterrichts und je geringer die Vielfalt des Lehrpersonals, desto besser für die ersten Schuljahre." [29] Ähnlich dimensioniert ist die Rolle die Rudolf Steiner dem Klassenlehrer an der Waldorfschule zuspricht: "Unter allen Umständen leidet die Gemütsbildung, wenn die Kinder jedes Jahr einem anderen Lehrer übergeben werden, der nicht selbst das weiterbringt, was er in die Kinder in früheren Jahren hineingegossen hat." [30] In alter 'reformpädagogischer' Tradition sprechen sowohl Uschinskij, als auch Steiner nicht von der Wissenschaft, sondern von der Kunst der Erziehung!

In den kurzen hier aufgeführten Zitaten zeigt sich, dass Uschinskij alles in allem eine ganzheitliche, am Menschen und nicht am Wissenszuwachs orientierte Pädagogik anstrebt, was auch dem Grundkonzept der Waldorfschulen entspricht. Die Kenntnis dieser pädagogischen Ansätze macht es meiner Meinung nach unmöglich, bei der Waldorfschule von etwas von außen Aufgesetztem und für Russland Ungeeignetem zu sprechen. Dies mindert natürlich nicht die Differenzen zwischen den gängigen staatlichen pädagogischen Ansätzen und der Waldorfpädagogik. Uschinskij zeigt jedoch, "(...) dass die Waldorfschule nicht einer abstrusen, vom Westen eingeführten Weltanschauung, Sekte, entspringt, sondern gesundem Menschenverstand, und dass es den auch in Russland gibt, zufällig beim 'Begründer der russischen Pädagogik' selber!" [31]

6. Neue Wege in der Lehrerausbildung

So bunt wie die russische Schullandschaft, so bunt sind inzwischen auch die Ausbildungsmöglichkeiten, die heute für Lehrer bestehen. Einen nicht unwesentlichen Teil tragen dazu auch die Waldorflehrerseminare bei. In Moskau und St. Petersburg gibt es jeweils ein Vollzeitseminar, zusätzlich gibt es ein Periodisches Seminar, welches an verschiedenen Tagungsorten arbeitet. Die Vollzeitseminare richten sich vor allem an jüngere Studenten, die noch keine Ausbildung haben. An die ein bis zwei Ausbildungsjahre des Vollzeitseminars schließt sich zumindest in St. Petersburg ein Praxisjahr an.[32] Viele russische Studenten können es sich jedoch nicht leisten, zwei Jahre 'Hauptstadtaufenthalt' sowie die Kosten für das Seminar zu finanzieren, so dass die Teilnehmerzahl an diesen Seminaren geringer ist.

Das Periodische Seminar richtet sich an Lehrer, die eine abgeschlossene (pädagogische) Ausbildung besitzen und bereits im Beruf stehen. Es besteht seit November 1991 und hat seit dieser Zeit über 150 Studenten fortgebildet, die heute zu einem großen Teil an russischen Waldorfschulen arbeiten.[33] Ursprünglich sollte dieses Seminar staatliche Lehrer und pädagogisch Interessierte in den Provinzstädten über die Waldorfpädagogik informieren. Inzwischen ist dieses Seminar das eigentliche Zentrum der russischen Waldorfschulen geworden (vor allem für die Schulen außerhalb Moskaus und St. Petersburgs).[34] Bedingt ist dies auch durch die bessere Finanzierbarkeit, meist werden die Seminarkosten von der Schule übernommen, an denen die Lehrer arbeiten, außerdem werden Fahrtkostenzuschüsse gewährt.[35] Die Dozenten des Periodischen Seminars kommen vor allem aus Westeuropa. Die meisten Schulen, deren Lehrer das Periodische Seminar besuchen, sind auch in der 'Assoziation der russischen Waldorfschulen' vertreten.

Die Ausbildung im Periodischen Seminar dauert drei Jahre und besteht aus drei Seminarkursen pro Jahr, die im Wechsel an verschiedenen Waldorfschulen in den Schulferien stattfinden (in letzter Zeit vor allem in Jaroslawl und Schukowskij, bei Moskau). Für Lehrer, die diesen Grundkurs bereits absolviert haben, gibt es seit 1995 auch Fortbildungskurse, die jeweils auf spezielle Problematiken eingehen. Der Vorteil, den die Fortbildungskurse bieten, ist, dass die Lehrer dreimal im Jahr mit Fragen, die bei ihnen im Unterricht aufgetreten sind, zusammentreffen und diese mit den Dozenten, aber auch mit ihren Kollegen besprechen können. Für viele staatlich ausgebildete Fachlehrer ist es eine sehr gute Möglichkeit, in die Waldorfpädagogik einzusteigen. Das Seminar wird von zwei Dozenten vor Ort in Moskau (Jörgen Nielsen) und Schukowskij (Colin Young) geleitet. Hinzu kommt eine große Gruppe Dozenten aus Westeuropa, die jeweils für ein Seminar nach Russland reisen und dort unterrichten.

Finanziert werden diese Dozenten (außer für das Periodische Seminar gibt es viele weiterer Mitarbeiter in Russland an den Vollzeit-, Kindergarten- und Heilpädagogischen Seminaren) u.a. durch den Ostdozenten-Fonds, der von der 'Pädagogischen Sektion am Goetheanum' und den 'Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.' in Zusammenarbeit mit der IAO ermöglicht wurde.[36] Neben Colin Young (USA) und Jörgen Nielsen (Dänemark) gibt es drei weitere deutsche Dozenten, die mit einem Teildeputat fest am Periodischen Seminar mitarbeiten, sowie einige Dozenten auf russischer Seite. An der Seite der westeuropäischen und russischen Dozenten hat sich eine russische Arbeitsgruppe gebildet, die sich vor allem um organisatorische Dinge, wie z.B. Verpflegung, Unterkunft, Anerkennung der Ausbildung kümmert. Nebenbei betreuen die Dozenten des Periodischen Seminars die an die Assoziation angeschlossenen Waldorfschulen, d.h. sie besuchen jede dieser Schulen mindestens einmal im Jahr und stehen dort für Fragen zur Verfügung. Zusätzlich zu den bereits erwähnten Seminaren gibt es seit 1996 Oberstufenkurse, sowie Fachlehrertagungen die ganz gezielt auf bestimmte Themen und Probleme eingehen.

7. Waldorfkindergärten und andere Einrichtungen

Waldorfkindergärten

Neben den verschiedenen Waldorfschulen gibt es in Russland auch Kindergärten, die nach der Pädagogik Rudolf Steiners arbeiten, der Vollständigkeit halber seien sie hier kurz vorgestellt. Die Gründung des ersten Kindergartens fällt mit der des Klubs "Aristoteles" am 13. April 1989 zusammen, der am Anfang bereits erwähnt wurde. Die Entwicklung der russischen Waldorfkindergärten verlief etwas schneller, als die der Schulen, da sie von der russischen Gesellschaft schneller akzeptiert und als 'gut' empfunden wurden (auch in Deutschland schicken viele Eltern ihre Kinder in einen Waldorfkindergarten, nicht aber in eine Waldorfschule). Heute bestehen in ganz Russland zwischen 50 und 60 Kindergärten, die über 1.600 Kinder betreuen.[37] Viele Kindergärten sind zusammen mit anderen staatlichen Gruppen in einem Gebäude untergebracht, was teilweise befruchtend, teilweise aber auch sehr schwierig ist.

Die Kindergärtnerinnen werden seit September 1991 in einem zweijährigen Seminar in Moskau und St. Petersburg ausgebildet. Bis heute konnten dort 146 Kindergärtnerinnen ausgebildet werden. Bedingt durch das Arbeiten in Epochen und den berufsbegleitenden Charakter des Seminars "(...) ergibt sich eine sehr gute Möglichkeit, Studium und Praxis miteinander zu verknüpfen, da das Gelernte gleich erprobt werden kann und neue, aktuelle Fragen in die nächste Epoche zum Seminar in Moskau mitgebracht werden können." [38] Um die Waldorfpädagogik im Rahmen des Kindergartens bekannt zu machen, werden zusätzlich Einführungsseminare in verschiedenen Städten angeboten. Das Ausbildungsprogramm des Seminars wurde inzwischen staatlich anerkannt, im Dezember 2000 wurde dem Seminar in der russischen Botschaft in Berlin sogar eine Ehrenmedaille für seine langjährige Ausbildungstätigkeit verliehen.[39]

Die Situation vieler Kindergärten gleicht aber dennoch derer vieler Schulen, so ist auch dort die Haushaltslage nicht einfach, und man kämpft oft um Gebäude und Finanzen. Wie bereits erwähnt, ist das Interesse der Eltern jedoch sehr groß, und es bestehen für alle Gruppen lange Wartezeiten. Gut funktioniert auch die Selbstverwaltung innerhalb der Kindergartenkollegien, was natürlich auch auf die kleinere Kollegiumsgröße zurückzuführen ist. Im Frühjahr 2001 wurde nun eine lehrplanähnliche Anleitung für russische Waldorfkindergärten 'Bereska' fertig und durch das russische Bildungsministerium anerkannt, was für die Zukunft eine große Erleichterung bedeutet.[40]

Weitere anthroposophische Einrichtungen

In Russland gibt es außerdem 11 heilpädagogische Einrichtungen, deren Arbeit sich vor allem auf die Städte Moskau, St. Petersburg und Irkutsk konzentriert. Einige Initiativen gibt es jedoch auch auf dem Land.[41] In St. Petersburg besteht seit einigen Jahren ein heilpädagogisches Seminar, eine Ausbildungsmöglichkeit für Sozialpädagogen ist momentan im Aufbau. Zahlreiche Waldorfschulen, Kindergärten und heilpädagogische Einrichtungen arbeiten ferner in anderen Staaten der GUS (Kasachstan, Georgien, Armenien, Baltikum, Ukraine etc.), auf deren Entwicklung hier jedoch nicht eingegangen werden soll.

8. Waldorfschule Jaroslawl

Während des Schuljahres 1999/2000 konnte ich in der Waldorfschule Jaroslawl[42] als Deutschlehrer aus zahlreichen Gesprächen mit verschiedenen Lehrern Erfahrungen sammeln, die mir in das Leben dieser Schule Einblick gewährten. Im Folgenden möchte ich das Leben dieser Schule etwas ausführlicher beschreiben, um die oben beschriebenen Situationen mit einigen Beispielen zu veranschaulichen.[43]

Die Stadt

Der Lebensrhythmus dieser Stadt ist wesentlich gemächlicher als der der beiden 'Hauptstädte' Moskau und St. Petersburg. Trotz aller Provinzialität verfügt Jaroslawl aber über ein reiches kulturelles Erbe und gehört so auch zum sogenannten 'Goldenen Ring' altrussischer Städte. Das Gründungsdatum der Stadt beziffert man auf das Jahr 1010, das Stadtbild ist so von vielen Kirchen und einstmals reichen Kaufmannshäusern geprägt, von denen inzwischen viele wieder renoviert wurden. Im Gegensatz zu anderen Provinzstädten konnte sich Jaroslawl in den letzten Jahren gut entwickeln und hat, besonders durch gut florierende Wirtschaftszweige (Brauereien, Zigarettenfabriken, Autoreifen- und Motorenwerke), an Wohlstand gewonnen.

Pädagogische Erneuerung

Zur Zeit der Perestrojka fand sich in Jaroslawl eine Gruppe interessierter Menschen zusammen, die sich intensiv mit dem Thema Bildung und Erziehung auseinandersetzen. Man lehnte das sowjetische Bildungssystem ab und suchte nach neuen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten. Bei einem Bildungsfestival in dieser Zeit waren neben vielen unterschiedlichen Initiativen aus dem Westen auch Vertreter einer schwedischen Waldorfschule aus Järna anwesend. In der Folgezeit wurde jedoch durch diese Gruppe ein großer Schul- und Bildungskomplex 'alten Typs' aufgebaut, an dem alternative pädagogische Anschauungen nur am Rande Platz finden sollten. Drei Lehrerinnen, Irina Andreeva, Elena Sergeeva und Elena Sakurova, traten daraufhin aus der Gruppe aus, da sie lieber in einem kleineren, überschaubareren Rahmen arbeiten wollten. In enger Zusammenarbeit mit Eltern eröffneten diese drei tatkräftigen Lehrerinnen im September 1990 eine erste Klasse.[44] Im Jahre 1991 entschied man sich die Schule in eine Waldorfschule umzuwandeln.

Zehn Jahre Praxis

Im November 2000 konnte das zehnjährige Jubiläum der Jaroslawler Waldorfschule gefeiert werden, was ein großer Erfolg war, da auch für diese Schule viele schwere Jahre zu meistern gewesen waren. Trotz Angriffen durch die Orthodoxe Kirche[45], diversen Finanzkrisen und Problemen mit den Behörden zwecks der staatlichen Anerkennung der Schule hatte man es geschafft, zehn Jahre ein sehr fähiges und engagiertes Lehrerkollegium sowie eine immer größer werdende Schülerzahl zu halten. Nach vier Umzügen ist die Schule seit 1995/96 in zwei schönen Gebäuden im Stadtzentrum untergebracht, umgeben von einem großen Garten. Ende des Schuljahres 2001/2002 wird erstmals eine ganze 11. Klasse die Schule mit den staatlichen Prüfungen abschließen.[46] Rege Kontakte und Freundschaften werden zu den Waldorfschulen in Überlingen und Kassel, sowie zur schwedischen Waldorfschule in Järna gepflegt.

Zahlen und Fakten

Trotz finanzieller Krisen konnte die Schule immer in privater Trägerschaft bleiben. Inzwischen hat sich die Situation verbessert, so werden in Jaroslawl momentan ca. 70% der laufenden Kosten vom Staat übernommen.[47] Die Eltern sollten eine Eigenbeteiligung von 30 € zahlen (zweite und weitere Kinder zahlen 18 €, finanzschwache Eltern 12 € bzw. sind vom Eigenbeitrag befreit). Die Gehälter der Lehrer liegen im Mittel bei 85 €. Im Jahr 1994 wurde Galina Wolkowa in die organisatorische Leitung der Schule berufen, was sich besonders gegenüber den Behörden als sehr erfolgreich erwies. Die Schule war immer privat und kollegial organisiert, was zwar nicht immer einfach war, jedoch ein sehr unabhängiges Arbeiten ermöglichte. Für verschiedene Aufgabenbereiche haben sich in den letzen Jahren Arbeitskreise gebildet. Momentan ist ein heilpädagogischer Förderbereich im Rahmen der Schule im Aufbau, der Kindern mit Lernproblemen zusätzliche Unterstützung bieten soll.

Die Schule unterrichtet im Schuljahr 2001/2002 insgesamt 163 Schüler (84 Jungen und 79 Mädchen), außerdem sind an die Schule zwei Kindergartengruppen mit 35 Kindern angeschlossen. Die Klassenstärke schwankt zwischen 9 und 25 Kindern, einen Anmeldungseinbruch erlitt die Schule nach der Augustkrise 1998, was vor allem finanzielle Gründe hatte (Elternbeiträge). Seit der 10-Jahresfeier und der daran anschließenden sehr positiven Berichtserstattung nahmen die Schülerzahlen wieder zu.

Ein Problem, was sich auch an vielen anderen russischen Waldorfschulen findet, ist das große Interesse von schwachen und verhaltensauffälligen Schülern, an diese Schule zu wechseln.[48] Vielfach besteht so auch in Jaroslawl das Vorurteil, man habe an der Waldorfschule außer singen, malen und stricken nicht viel zu lernen und jeder werde irgendwie mitgezogen, kurz es handele sich um eine Schule für leistungsschwache Schüler. Dieses Bild der Waldorfschulen hat in gewisser Weise auch seine Berechtigung. Besonders in den harten Jahren, wo sich nur wenig Schüler fanden, wurden auch schwierige Kinder aufgenommen, denen man nicht immer ganz gerecht werden konnte, da man keinen Förderbereich hatte.[49] Jedoch haben bisher alle 4. und 9. Klassen in Jaroslawl die nötigen staatlichen Prüfungen gut bestanden. Um diesen schwächeren Kindern gerecht zu werden, ist man zur Zeit dabei, eine heilpädagogische Zusatzbetreuung einzurichten. Auch legt man inzwischen wieder mehr Wert darauf, dass man bereits bei der Aufnahme neuer Kinder genau prüft, ob man dem Kind wirklich gerecht werden kann und ob es für die Klasse tragbar ist.

Pädagogische Arbeit

Die pädagogische Arbeit an der Waldorfschule Jaroslawl gleicht besonders in der Unterstufe stark der an westeuropäischen Waldorfschulen. Es findet in allen Klassen jeden Morgen Hauptunterricht statt, auch unterrichtet man in Epochen, wobei die Frage, wann der Klassenlehrer von den Fachlehrern ersetzt werden soll, individuell gelöst wird. So werden einzelne Epochen ab der 7., teilweise schon ab der 6. Klasse übernommen. Viel Wert wird auf den Fremdsprachenunterricht gelegt, der, soweit es die Lehrerkapazität erlaubt, sowohl in Deutsch, als auch in Englisch in der ersten Klasse beginnt. Probleme gibt es aber vor allem mit gut ausgebildeten Deutschlehrern.

Seit 1998 gibt es an der Schule eine Eurythmielehrerin. Des weiteren werden Musik, Chor, Orchester, Malen, Handarbeit, Plastizieren und Handwerken unterrichtet. Alle 29 Lehrer (bis auf den Schularzt und den Handwerkslehrer) haben ein Studium an einer staatlichen pädagogischen Hochschule abgeschlossen. 6 Lehrer habe zusätzlich das Vollzeitseminar in St. Petersburg oder Moskau, 14 Lehrer das Periodische Seminar abgeschlossen.[50]

Probleme ergeben sich an dieser Schule vor allem in der Mittel- und Oberstufe, da dort der Lehrplan der Waldorfschulen fast nicht mehr mit dem der staatlichen Schulen zu vereinbaren ist. So muss in der Oberstufe fast nur noch auf die staatlichen Prüfungen gelernt werden, dabei handelt es sich entsprechend dem sowjetischen Bildungssystem vor allem um Auswendiglernen großer Stoffmengen. Selten bis nie bleibt den Schülern die Zeit, um den Stoff wirklich zu begreifen und zu durchleben. Die Problemfächer, in denen sich die Waldorfpädagogik hier von der staatlichen pädagogischen Richtlinie unterscheidet, sind vor allem Russisch und die naturwissenschaftlichen Fächer Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Besonders für die letzten drei Fächer ist es fast unmöglich, die beiden Lehrpläne zu verbinden, da sie nach völlig unterschiedlichen Prinzipien aufgebaut sind. Auch ist es schwierig, kompetente Lehrer zu finden, die sowohl für das jeweilige Fach, als auch eine Waldorfpädagogikausbildung haben. Die Verbesserung dieser Fachbereiche ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft, im letzten Jahr haben in diesem Zusammenhang mehrere Fachkurse stattgefunden.

Elternhäuser

Die Elternschaft der Schule ist sehr gemischt, es finden sich sowohl reiche, als auch arme Elternhäuser. Sehr reiche Eltern geben ihre Zöglinge aber häufiger an die anderen Jaroslawler Privatschulen. Davon gibt es in Jaroslawl drei, was für die Stadt relativ viel ist. In der Schule 'Mishka' und 'Provincialnyj College' ist der Schulbeitrag wesentlich höher als in der Waldorfschule (ca. 100 €). Die Schulleitungen legen dort vor allem Wert auf gute 'Leistungen' im Sinne der herkömmlichen staatlichen Anforderungen. Der Anteil an anthroposophisch orientierten Elternhäusern an der Jaroslawler Waldorfschule ist gering, jedoch sind alle Eltern offen für neue und alternative pädagogische Methoden. In den Klassen der Oberstufe haben sich einige Eltern in der Vergangenheit zunehmend von den Konzepten der Waldorfpädagogik distanziert, da sie für ihre Kinder möglichst gute Startbedingungen fürs Studium fordern und diese durch die Unterrichtsmethoden der Jaroslawler Schule nicht immer gewährleistet sahen. Allerdings haben die ersten Absolventinnen eines Teils der 11. Klasse bei vorzeitigen Prüfungen im Jahre 2000 sehr gute Ergebnisse erzielt. Auch in Moskau gelang es vielen ehemaligen Waldorfschülern, an die besten Moskauer Universitäten zu kommen, die Angst der Eltern ist also unbegründet.[51]

Mein Eindruck während meiner Zeit in der Waldorfschule Jaroslawl war vor allem positiv. So hatte ich zwar in manchen Klassen Schwierigkeiten mit der Disziplin, aber ob dies an den Schülern oder an mir selber lag, ist ungewiss... Allgemein war ich von dem Engagement von Eltern, Schülern und Lehrern tief beeindruckt.

Im Sommer 2000 konnte eine groß angelegte Renovierung der Schulgebäude bewerkstelligt werden, und für die ferne Zukunft ist der Erwerb der beiden Gebäude, sowie ein zusätzlicher Neubau geplant. So wächst und gedeiht die Schule, wenn auch nicht so schnell wie z.B. einige Waldorfschulen in Deutschland, doch stetig und ist aus der Jaroslawler Schullandschaft schon lange nicht mehr wegzudenken.

9. Résumé

Blickt man auf zehn Jahre Waldorfbewegung in Russland zurück, so wundert man sich doch immer wieder, dass sich die einzelnen Schulen über all die Zeiten der Wirren halten konnte. Dass dieses möglich war, lag vor allem am großen Enthusiasmus unzähliger Lehrer, für die Kinder Russlands an einem zukünftigen Schulmodell mitzubauen. Und obwohl Waldorfschulen in Russland wahrscheinlich nie so ein großes Publikum wie in Deutschland ansprechen werden, so sind sie, wie sich zeigen ließ, eine wichtige Bereicherung für die russische Schullandschaft. Sowohl in den verschiedenen Ebenen des Bildungsministeriums, als auch in den Provinzbehörden schaut man so immer wieder mit großem Interesse auf die Arbeit der Waldorfschulen, eben auch um einzelne Elemente für die staatlichen Schulen zu übernehmen. Dass man an der Arbeit der Waldorfschulen interessiert ist, zeigt sich auch durch die erwähnte Verstaatlichung mehrerer Schulen, wobei den Schulen ein großes Maß an Selbstverwaltung zugesprochen wurde.

Die Anfangsphase der russischen Waldorfschulen war sichtlich die schwerste Zeit, und für die Zukunft bleibt so zu hoffen, dass sich nicht allzu viele neuen Probleme auftun werden, so dass man Zeit und Kraft hat, um sich der Festigung dessen zu widmen, was man bisher aufgebaut hat. Waren in den letzen zehn Jahre die kollegiale Verwaltung, die Beschaffung von Schulgebäuden, sowie die finanzielle Konsolidierung die Hauptprobleme, so wird man sich in Zukunft vor allem um die Gestaltung der Oberstufe, sowie um die Ausarbeitung eines Waldorflehrplanes für Russland kümmern müssen.

Für mich stellen Waldorfschulen besonders in Russland eine enorme Bereicherung dar, und es ist zu wünschen, dass sie auch in Zukunft weiter expandieren können und in jeder größeren Stadt ein Beispiel dafür setzen, die kreativen Kräfte der Schüler von Grund auf zu entfalten und mit Liebe zum Kind in den Schulen zu arbeiten.

10. Anhang

Bibliografie

Detzel, Katrin, Praktikum in der Waldorfschule Jaroslawl, Freiburg 2000
Gut, Tanja, Symbolismus - Anthroposophie - Ein Weg, Dornach/Schweiz 1997
Hardorp, Detlef, Was will Waldorfpädagogik? - Eine Informationsschrift zur Einführung, Berlin 1999, S. 1 - 12
Hoeck, Regina, Waldorfkindergartenrundbrief, Moskau 2001, S. 1 - 3
Lang, Peter, Waldorfkindergarten-Seminar in Moskau geehrt, Erziehungskunst - Monatschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, 2/2001, S. 188
McAlice, Jon, Ausbildung in Osteuropa, FdERS Rundbrief Herbst 2000, S. 13 - 15
Nielsen, Jörgen, Das Periodische Seminar in Russland, FdERS Rundbrief Frühling 1999, S. 28 - 29
Pegow, Wladimir, Russische Waldorfschulen in der Krise, Erziehungskunst - Monatschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, 12/1999, S. 1369 - 1372
Petersen, Nicolai und Jana, Ein Vorläufer der Waldorfpädagogik in Russland - K. D. Uschinskij, St. Petersburg 1997, S. 1 - 16
Pinskij, Anatolij, 1, Waldorfbewegung in Russland, aus einer Publikation zum 30-jährigen Jubiläum der 'Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners', die in Kürze erscheinen wird, Berlin 2001, S. 1 - 9
Pinskij, Anatolij, 2, Вальдорфская школа: традиционная и современная, aus: www.aha.ru/~pinskij/Trad_Sovr.html, S. 1 - 11, keine Jahresangabe
Pinskij, Anatolij, 3, Заметки на темы образовательной политики, aus: www.aha.ru/~pinskij/Obr_Pol.html, 1997, S. 1 - 5
Pinskij, Anatolij, 4, Die Waldorfbewegung in Russland, in: Waldorfschulen weltweit, Stuttgart September 1994, S. 99 - 103
Pinskij, Anatolij, 5, Zur Situation der Waldorfpädagogik in Russland, FdERS Rundbrief Herbst 1995, S. 24 - 28
Ruf, Bernd, Waldorfpädagogik in Russland, FdERS Rundbrief Herbst 1993, S. 22 - 24
Semenov, I. N., Семенов, И.Н., Взгляд православного христианина на вальдорфскую педагогическую систему, 1996, S. 1 - 7, aus: www.aha.ru/~pinskij/zerkov_.html
Steiner, Rudolf, Erziehungskunst - Methodisch Didaktisches, GA 294, Dornach 1990
Uschinskij, K. D., Ушинский, К.Д., Избранные педагогические сочинения, Москва, издательство Академия Наук РСФСР, 1945 (nicht eingesehen)

Hoeck, Regina, Gespräch am 23. August 2001, Überlingen
Nielsen, Jörgen, Gespräch am 23. August 2001, Überlingen
Wolkowa, Galina Wladimirowna, Gespräch am 23. Januar 2001, Berlin, und am 14. Oktober 2001, telefonisch

Abkürzungen

FdERS - Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V., Berlin
IAO - Internationalen Assoziation für Waldorfpädagogik in Mittel- und Osteuropa
Assoziation - Assoziation der russischen Waldorfschulen
EK - Erziehungskunst - Monatschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners

Anmerkungen

[1] Hardorp, Was will Waldorfpädagogik?, S. 7, 1999
[2] Gut, Symbolismus - Anthroposophie - ein Weg, S. S. 9 - 24, 1997
[3] Pinskij 1, S. 1
[4] Zur Einführung in die Waldorfpädagogik empfehlen sich folgende Bücher: Johannes Kiersch, Die Waldorfpädagogik, Verlag Freies Geistesleben; Christoph Lindenberg, Waldorfschulen: angstfrei lernen, selbstbewusst handeln, Verlag rororo. Eine kurze Einführung Was will Waldorfpädagogik? von Detlef Hardorp kann über die 'Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.' (im Weiteren kurz: FdERS) in Berlin bezogen werden.
[5] Pinskij 3, S.1f
[6] Закон "Об образования", 1992
[7] Pegow, EK, 12/1999, S. 1369
[8] Pinskij 1, FdERS noch nicht veröffentlichte Festschrift, 2001, S. 1
[9] Wolkowa, mündl., 2001
[10] Ruf, FdERS Herbst 1993, S. 23; Diese Schule ist inzwischen bedingt durch finanzielle Schwierigkeiten in staatliche Trägerschaft übergegangen, wodurch sich der 'Name' № 1060 erklärt.
[11] Pinskij 5, FdERS Herbst 1995, S. 24
[12] Pinskij 1, FdERS, noch nicht veröffentlichte Festschrift, 2001, S. 9, Stand 2000; Wolkowa, mündl., 2001; Der Bund der Freien Waldorfschulen kennt auf seiner Internetseite. (http://www.waldorfschule.de/frameset2.htm) nur 17 Schulen in Russland
[13] aus: Ustav der Assoziation, keine weiteren Angaben; Die Assoziation ist mit dem Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland zu vergleichen.
[14] Ruf, FdERS Herbst 1993, S. 24
[15] Pegow, EK 12/1999, S. 1370
[16] Zum Vergleich: An deutschen Waldorfschulen müssen die Schüler erst Ende der 12., bzw. 13. Klasse auf dem staatlichen Niveau angekommen sein.
[17] Wolkowa, mündl., 2001, Pinskij 1, S. 7
[18] Besonders Anatolij Pinskij äußert seine Sorgen in diese Richtung immer wieder. Siehe: Pinskij 1, S. 3f; Pinskij 2, S. 2; Pinskij 4, S. 103
[19] Nielsen, mündl., 2001; Wolkwa, mündl., 2001; Pegow, EK 12/1999, S. 1370
[20] Prof. Asadulin, Im Labyrinth der Pädagogik, nicht eingesehen, zitiert nach: EK 12/1999, S. 1370
[21] Alfa und Omega - Wissenschaftliche Skizzen der Gesellschaft für die Verbreitung der Bibel in Russland, Abschlusserklärung des Seminars, № 2, 1994; siehe auch: Pinskij 5, FdERS Herbst 1995, S. 24f
[22] Nielsen, mündl., 2001; Wolkowa, mündl., 2001
[23] Pinskij 1, FdERS noch nicht veröffentlichte Festschrift, 2001, S. 5; Geschlossen wurde die Schule in Ekaterinenburg, sowie eine der Schulen in Kasan.
[24] Семенов, И.Н., Взгляд православного христианина на вальдорфскую педагогическую систему, 1996, ohne Ortsangabe
[25] Семенов, И.Н., "Так мы, возможно, с Божией помощью найдем путь воцерковления хорошего и полезного опыта вальдорфской педагогики.", S. 7
[26] Petersen, 1997, S. 2
[27] Uschinskij, Anleitung zum Unterricht anhand der Muttersprache, S. 359; Alle Zitate Uschinskijs nach der Auswahlsammlung von Jana und Nicolai Petersen zitiert.
[28] Uschinskij, Anleitung zum Unterricht anhand der Muttersprache, S. 385
[29] Uschinskij, Anleitung zum Unterricht anhand der Muttersprache, S. 360; An einer anderen Stelle schreibt er: "Das Fachstundensystem ist das Krebsgeschwür der russischen Volksbildung.", Uschinskij, Pädagogische Reise durch die Schweiz, S. 247
[30] Steiner, Erziehungskunst, Methodisch Didaktisches, 1990, S. 89
[31] Petersen, 1997, S. 2
[32] McAlice, FdERS Herbst 2000, S. 13; Wolkowa, mündl., 2001
[33] Nielsen, mündl., 2001
[34] Nielsen, FdERS Frühling 1999, S. 28
[35] Wolkowa, mündl., 2001
[36] McAlice, FdERS, Herbst 2000, S. 13
[37] Regina Hoeck, in: Rundbrief 2001, S. 3; sowie: Pinskij 1, 2001, S. 8
[38] Regina Hoeck, in: Das Goetheanum, Oktober 2000; Seite unbekannt
[39] Peter Lang, in: Erziehungskunst Februar 2001; S. 188
[40] Regina Hoeck, mündl., 2001
[41] Pinskij 1, FdERS noch nicht veröffentlichte Festschrift, 2001, S. 8
[42] Школа-сад на улице Вольная
[43] Ein längerer Erfahrungsbericht wurde veröffentlicht in: Vorhang auf! - Zeitschrift für Kinder und Eltern, Heft 45 - Winter 2000, Elternteil, S. 6; sowie in: Praktika - Forum für den Rusischunterricht 2/2000 Juni, S. 48
[44] Katrin Detzel, Praktikum in der Waldorfschule Jaroslawl, Freiburg Frühjahr 2000, S. 21f
[45] Zuletzt wurde im Dezember 2000 ein Schüler der 2. Klasse aus der Orthodoxen Sonntagsschule in Jaroslawl ausgeschlossen, mit der Begründung, dass er in die Waldorfschule gehe. Wolkowa, mündl., 2001
[46] Die erste Klasse verließ bis auf fünf Schülerinnen nach der 9. Klasse die Schule, da es Probleme mit der Anerkennung durch die Behörden gab.
[47] Der Stadt Jaroslawl zahlt pro Schüler eine bestimmte Summe, so das sich der staatliche Anteil nach der Schülerzahl der Schule richtet.
[48] Ein weiterer Grund ist, dass andere private Eliteschulen diese Kinder nicht aufnehmen und die staatlichen Sonderschulen meist sehr schlechter Qualität sind und in gewisser Weise einen sozialen Abstieg bedeuten.
[49] Seit einigen Jahren arbeitet eine Heilpädagogin in der Schule, die Einzelbetreuung durchführt. Vgl. Katrin Detzel, Praktikum in der Waldorfschule Jaroslawl, Freiburg Frühjahr 2000
[50] Wolkowa, mündl., 2001
[51] Pinskij 1, FdERS noch nicht veröffentlichte Festschrift, 2001, S. 7

 

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