Erfolgreiche Arbeit in Irkutsk

Elena Berdytschevskaja arbeitet seit neun Jahren bei Talisman. Seit kurzer Zeit hat sie auch die Leitung der Schule übernommen. Lesen sie den berührenden Bericht über ihre drei Schüler der zweiten Klasse, die Arbeit im Lehrerkollegium und die beeindruckende Entwicklung ihres autistischen Sohnes Igor.

Das letzte Schuljahr war für mich reich an Arbeit in verschiedenen Bereichen. Seit dem Schuljahr 2006/2007 arbeiten wir sehr eng zusammen mit der zweiten heilpädagogischen Schule „Semenaja Usadba“. Dies benötigt viele zusätzliche Anstrengungen, vor allem in der Organisation. Dazu kam noch, dass ich die Entscheidung getroffen hatte, die Stelle der Schuldirektorin zu übernehmen. Ich bekam sehr gut den Unterschied zu spüren zwischen einem Mitarbeiter, der etwas nur aus eigenem Antrieb macht, und einem, der nur offiziell die Verantwortung für die Tätigkeit der Einrichtung übernommen hat. Ich wurde mit Problemen, Fragen und Situationen, die eine dringende Lösung benötigen, geradezu überschüttet.

Vielen verschiedenen Aufgabenbereichen musste ich mich widmen – der schulischen Betreuung meiner Klasse, der Organisation des inneren Schullebens und der Pflege der Beziehungen zur Außenwelt. Natürlich löste ich die Probleme nicht alleine – die Arbeit wurde wie immer vom Lehrerrat durchgeführt. Dennoch war es eine sehr große Herausforderung für mich. Trotz allen Erfolgen stehe ich meiner neuen Rolle ziemlich kritisch gegenüber.

Drei einmalige Kinder

Als Klassenlehrerin betreute ich die 2. Klasse. Es gab nur drei Schüler in meiner Klasse – alles Schüler die neu zu Talisman gekommen waren. Meine erste Aufgabe war, meinen Schülern zu helfen, sich im Schulleben zurecht zu finden. Der neunjährige Nikita, der an frühkindlichem Autismus leidet, widersetzte sich besonders hartnäckig jedem pädagogischen Einfluss. Dennoch fand er erfolgreich in den Tagesrhythmus hinein und erwachte allmählich im rhythmischen Teil des Unterrichts. Bei ihm entstand eine Begeisterung für die Handarbeit. Noch aber ist es uns nicht gelungen, seine Trägheit bei der Arbeit und seine Unlust beim Schreiben und Malen zu überwinden.

Auch der rastlose Aljoscha kam zu uns – ein wirklich netter Junge mit einem wunderschönen Wesen, der in mir ungeahnte Kräfte weckte. Der laut sprechende Aljoscha, ein kleiner, schmaler Junge, bewies sich als ein außerordentlich guter Organisator von Spielen mit allen Kindern – ungeachtet ihres Alters. An seinen Spielen nahmen auch die großen Jungs aus der 9. Klasse teil und sie gehorchten ihm dabei wortlos. Einmal warf er ein Netz über den korpulenten 15jährigen Andrej, und Andrej folgte ihm bereitwillig, wobei Aljoscha glücklich schrie: „Ich fing den Fisch!“ Der Unterschied vom kleinen, schmalen Fischer Aljoscha und dem von ihm gefangenen „Riesenfisch“ Andrej war unheimlich komisch, doch diese Tatsache störte den Fischer nicht. Das andere Mal wurde Aljoscha von einem der Schüler der 9. Klasse auf dem Rücken getragen. Der große Schüler lief dabei ächzend auf allen Vieren – widersetzte sich aber nicht. Aljoscha gab seinem „Kriegspferd“ reichlich die Sporen.

Aljoscha spricht sehr laut und klar, aber leider nur sehr wenige Wörter. Damit kommt er gut in seinem einfachen Leben aus. Den Koch und mich nannte er „Babulja“ („Oma“ auf Deutsch), alle Fisch – „Kilka“ und alles Essbare – „Manjaka“ (wahrscheinlich vom „mnjam–mnjam“ abgeleitet, was man den kleinen Kindern beim Essen sagt, z. B.: „Gehen wir „mnjam–mnjam“ statt „essen“), Nachdem der erste Unterricht in seinem Leben um war, guckte er mich kläglich an und sagte: „Babulja, ich will Manjaka“. So lernten wir auch die Buchstaben. Als ich eine Wassermelone zeichnete, um mit ihm den Buchstaben „A“ zu wiederholen (auf Russisch ist Wassermelone „Arbuz“), rief er natürlich „Manjaka“. Als ich dann einen Haifisch, der auf Russich „Akula“ heißt, gezeichnet hatte, rief er „Kilka“ – „Fisch“. So musste ich mir lange überlegen, was ich am besten zeichne, damit Aljoscha den Buchstaben „A“ nennt. Wenn man ihn bittet, ein neues Wort zu wiederholen, lässt er den Kopf sinken und presst die Lippen zusammen, beginnt seine Fingernägel anzuschauen und wartet mühevoll, bis man ihn in Ruhe lässt. Ich habe das Gefühl, dass früher jemand Druck auf ihn ausgeübt hatte. Deshalb bemühe ich mich, den Weg für ihn ohne Druck zu finden.

Auch Julia lernt in meiner Klasse. Julia ist ein wunderschönes Mädchen mit großen blauen Augen und einem engelsgleichen Lächeln. Sie hat mich bei unserem ersten Treffen mit ihren vernünftigen Reden sehr überrascht. In meiner achtjährigen Zeit als Lehrerin hatte ich mich daran gewöhnt, sehr schwierige Kinder zu empfangen. Deshalb ging ich eine Minute aus dem Klassenzimmer, um darüber nachzudenken, wie ich mich einem so vernünftigen Mädchen gegenüber verhalten sollte. Als ich zurück wollte, hatte Julia das Klassenzimmer verschlossen. 20 Minuten waren alle Mitarbeiter bemüht, Julia zu überreden, ihrer Lehrerin wieder die Tür zu öffnen. Sie antwortete dabei nur ruhig: „Aber ich will doch nicht!“ Ich kann mich nicht ohne Lächeln daran erinnern, wie blöd ich in der ersten halben Stunde unserer Bekanntschaft aussah. Wie gesagt, man lernt im Leben nie aus!

Bei der Abschlussaufführung spielten meine Schüler hervorragend. Die vielen Zuschauer schüchterten sie ein wenig ein, doch es hat ihnen gefallen, Schauspieler zu sein. „Die tapfere Mücke“ (Aljoscha) rettete „die Schönheit Fliege“ (Julia) aus den Händen von „Der bösem Spinne“ (Nikita).

Zusammenarbeit, Fortbildungen und ein großer Erfolg

In der Klasse half mir Marina Romanowa. Marina ist Diplomerzieherin und Waldorflehrerin. Sie hatte einen Kurs in der Heilpädagogik belegt. Für die Stelle der Helferin war sie überqualifiziert. Sie hat dies nur gemacht, um in der Heilpädagogik Erfahrungen machen zu können. Seit dem vergangenen November kümmert sie sich um eine eigene Gruppe, die jetzt in diesem Schuljahr 2007/2008 in die 1. Klasse geht. Die Zusammenarbeit mit Marina bereitete mir sehr viel Freude. Immer lächelnd, kreativ, inspirierend den Alltag mit anthroposophischen Ideen.

Marina ist eine sehr wertvolle Bereicherung für Talisman. Ihre Zusammenfassung der Kapitel des Buches „Gesunde Entwicklung“ von R. Steiner war für das ganze Team ein Meilenstein im Thema „Selbstentwicklung“. Ihr tiefes Eingehen auf das Thema half allen Teilnehmern die Ideen eines Buches zu verstehen, das nicht einfach zu verstehen ist. Sie hat eine seltene Begabung die unentbehrlich für Talisman ist.

Die Ausbildung und die persönliche Weiterbildung der pädagogischen Arbeit läuft in verschiedene Richtungen: Das ist einmal die selbstständige Lektüre von pädagogischen Schriften. Ich muss dabei sagen, dass das Interesse an der anthroposophischen Literatur im Rahmen der gemeinsamen Kollegienarbeit und zur Vorbereitung festlicher Angelegenheiten sehr hoch ist. Des weiteren studieren Mitarbeiter von Talisman an dem Waldorfseminar in Irkutsk. Zur Zeit sind dies vier Mitarbeiter. Und sie nahmen an der jährlichen Medizinkonferenz teil, die schon zum dritten Mal von der Medizinischen Sektion des Goetheanums in Irkutsk veranstaltet wurde.

Das Studium ist nicht nur als ein Ansammeln von Informationen zu verstehen. Allein die Begeisterung, die die Mitarbeiter mitbringen, schafft eine besondere Atmosphäre. Die Teilnehmer suchen nach der Wahrheit, sie arbeiten an ihrer Weltanschauung, und sie versuchen, geistig zu wachsen und ihre seelischen Fähigkeiten zu entwickeln. Dadurch werden doch die guten Kräfte der Welt verstärkt, nicht wahr? Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Schmitz–Stiftung für die finanzielle Unterstützung der Teilnahme von 14 Heilpädagogen und sozialen Therapeuten an der Konferenz!

Es ist mir auch ein persönliches Anliegen, Ihnen aus der Sicht einer Mutter eines Kindes mit frühkindlichem Autismus zu erzählen. Mein Sohn Igor ist in diesem Jahr 16 geworden und hat die 10. Klasse in Talisman abgeschlossen. Er ist vor neun Jahren in die Talisman Schule gekommen. Damals hatte Igor vor allem Angst – vor Menschen, der Welt, er war gefesselt von seinen autistischen Ängsten. Ich geriet in Verzweiflung, da ich mich nicht in der Lage fühlte, ihm zu helfen, und weil ich keinen Kontakt zu ihm herstellen konnte.

Die neun Jahre in der Talismanschule, vor allem die gute Arbeit seiner Lehrerin, der begabten Erzieherin Tatjana Gerasimowna, haben meinen Igor regelrecht verwandelt. Von seinem totalen Autismus ist nur ein Minimum geblieben – die Unfähigkeit an einem Dialog teilzunehmen. Aber er hat gelernt zu lesen, zu schreiben, zu malen, zu kneten, mit Holz zu arbeiten und wie man sich in der Gesellschaft benimmt.

Vorigen Sommer ist etwas geschehen, was ich früher für unmöglich gehalten habe. Igor wurde in einer Berufsschule für Behinderte aufgenommen, als einziger Schüler mit geistigen Störungen – und er wurde nur aufgrund seiner Arbeiten angenommen: einer Skulptur aus Ton und einer Holzschale. Ich kann jetzt nicht sagen, wie es in der Berufsschule weiter geht, da der Unterricht dort auf die Schüler mit mentalen Störungen nicht abgestimmt ist. Aber eine Tatsache ist klar: Talisman half ihm die Kluft zur Welt zu überwinden.

Mein besonderer Dank gilt allen gutherzigen Menschen, durch deren Hilfe die Arbeit an der Talisman Schule überhaupt erst möglich gemacht wird. Diese Dankbarkeit gilt nicht nur für diesen Moment, unsere Herzen sind jeden Tag erfüllt von Dankbarkeit. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die Unterstützung, die wir bekommen, unsere Schicksale ändert.

Elena Berdytschevskaja

Update: 12/2007 

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