Oberstufenschüler der Rudolf Steiner Schule Ismaning gründeten 2004 die Schülerfirma Nyendo, um Waren aus Afrika zu verkaufen und den Waldorfschulen in Nairobi/Kenia, aber auch anderen Kindern in Afrika zu helfen (siehe Artikel im Rundbrief Frühjahr 2005). Im August 2007 fuhren drei Schülerinnen aus Ismaning nach Kenia - ein Bericht von Sophie Kettenbach.
Aus der Gepäckankunftshalle rausgekommen, suchten wir unter den vielen Schwarzen, die da warteten, nach einer Weißen, nach Mandy, einer Freundin Irmgard Wuttes, die wir nicht kannten, bei der wir aber die ersten zwei Nächte bleiben durften. Wir fanden sie aber nicht, ließen sie dann sogar ausrufen, aber sie kam nicht. Unser Flugzeug war ja schon mit einer Stunde Verspätung angekommen, trotzdem war sie noch nicht da. Und als wir uns gerade zu einer Telefonzellensuche aufmachten, stand sie plötzlich vor uns mit über einer Stunde Verspätung und sagte: "Hallo! Ich hoffe, ihr habt jetzt nicht zu lange gewartet!" Aber wir waren sehr froh, dass sie nun endlich da war, denn so ganz alleine hier war es uns allmählich doch etwas unangenehm geworden.
Wir holperten eine relativ große, befahrene Straße entlang und ich fragte sie, ob das eine der gut gepflasterten sei – sie sagte mit einem Lachen ja. Das sei noch eine sehr komfortable Straße. Es stank fürchterlich nach Benzin. Und die Autos fuhren, wie sie gerade wollten! Als wir dann auf der Hauptstraße waren, liefen sogar manchmal Afrikaner zwischen den fahrenden Autos herum. Und als wir dann zum Stehen kamen, liefen da einige Händler, die beispielsweise Laternen mit Batterien (!) verkauften. Ist aber auch sinnvoll dort, weil so oft Stromausfall ist.
Am ersten Tag fuhren wir mit Mandy zu den Ngong Hills, um dort einen wunderbaren Blick auf das Rift Valley genießen zu können. Morgen fing unser Sozialpraktikum an, jetzt konnten wir nochmal entspannen. Was ich so beeindruckend und wunderbar fand, war, dass uns jeder grüßte und fragte, wie es uns ging – und zwar mit was für einer Heiterkeit und Offenheit. Die Afrikaner strahlten und waren so herzlich. Das erlebst du so gut wie nie in Deutschland! Was wir für tollen, wunderbaren Menschen begegneten! Die zwar materiell sehr arm sind, aber im Herz wesentlich reicher als wir Europäer.
Wir bestiegen den Berg und hatten eine herrliche Aussicht!! Und schöne Begegnungen. Eine Familie wollte uns gleich in ihr "Haus" einladen, das aus Holz bestand und so groß war wie bei uns ein Badezimmer... Später auf dem Rückweg begegneten wir einer Frau, die uns ganz stolz erzählte, sie brächte nur schnell das Wasser zu ihrer Großmutter, um dann später zu ihrem neuen Job in einer Gärtnerei in Karen zurückzugehen. Sie war so glücklich und strahlte einfach nur wie die Sonne selbst – obwohl sie drei volle Wassereimer auf ihrem Rücken und Nacken trug...
Vom 30. Juni bis zum 16. August 2007 dauerte meine Keniareise. Ich war das erste Mal in Afrika gewesen – mit 17 Jahren und zwei gleichaltrigen Freundinnen, Klassenkameradinnen sowie Firmenkolleginnen. Der Grund war unser Sozialpraktikum, das wir an einer der beiden Waldorfschulen in Nairobi absolvierten, die wir mit unserer Schülerfirma Nyendo unterstützen. Das Sozialpraktikum und der Einkauf der neuen Waren für Nyendo ließen sich wunderbar miteinander verbinden, zudem konnten wir endlich einmal vor Ort sehen, für was wir zwei lange Jahre ehrenamtlich gearbeitet hatten. Man kann sagen, dass unser Sozialpraktikum bzw. soziales Engagement nicht nur drei bis fünf Wochen dauerte, sondern bereits ganze zwei Jahre.
Unsere Hauptaufgabe in der Zeit des Praktikums an der Schule bestand darin, den neuen Wareneinkauf für Nyendo zu tätigen – alles zur Unterstützung der beiden Waldorfschulen in Nairobi. Und jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass wir drei nun so gut wie ausgebildete Import-Exporteure sind – fast jedenfalls – denn was wir hierbei leisteten und an praktischer Erfahrung sammelten, ist enorm. Mittlerweile haben wir nun wirklich alle Aufgabenbereiche innerhalb der Schülerfirma selbst gemeistert, abgesehen von der Buchführung d.h. den Finanzen.
Und jetzt ist diese Zeit auch schon wieder vorbei, und einerseits bin ich froh, denn, wer weiß schon, was es heißt, eine Schülerfirma zu führen und zwar zu Dritt! Wieviel Arbeit und wieviel Verantwortung wir getragen haben! Und doch trauere ich dem allen ein bißchen nach, denn wenn es auch eine wirklich arbeitsintensive Zeit war, so hat es auch Spaß gemacht, man hat sehr viel bei der Arbeit gelernt und man fühlt sich noch sehr verantwortlich...
Während unserer Zeit in Afrika besuchten wir auch drei verschiedene Slums und eine Slumschule, von denen mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. Natürlich waren wir immer in Begleitung dort gewesen. Sehr erschreckend fand ich die Tatsache, dass 65 % (!) der Einwohner Nairobis in Slums leben. Und die meisten der Menschen dort haben keine wirkliche Arbeit und du siehst sie den ganzen Tag einfach nur rumlaufen, weil sie so gut wie nichts zu tun haben.
Doch wie schon erwähnt, bestand unsere größte und anspruchsvollste Aufgabe darin, den Einkauf für Nyendo zu tätigen. Und das war nicht mal eben schnell gemacht; es war eine Arbeit, bei der wir unglaublich viel lernten, die äußerst viel Zeit und Kraft kostete – sowohl physische als auch psychische – und die wirklich manchmal an unseren Nerven zerrte. Angefangen damit, dass wir erst einmal auf den Maasaimarkt und den Citymarkt in Nairobi fahren mussten, um uns über die Preise unserer gewünschten Artikel zu informieren, um zu handeln, um dann zurück zur Schule zu kommen, erste Preishochrechnungen zu machen und festzustellen, dass das Geld nicht reicht für alle Waren, die wir haben wollten. So mussten wir dann radikal aussortieren, d.h. einige Artikel schlichtweg aus unserem Sortiment streichen. Es wurde verglichen, wo wir dieses und jenes am günstigsten bekommen.
Hier einen kleinen Ausschnitt aus meinem Tagebuch vom 10. Juli '07: "Ganz früh am Morgen standen wir auf, sodass wir den Schulbus um 6³° nehmen konnten, denn um 7°° Uhr hatten wir uns mit Felistas in Ongata Rongai vor dem Shopping Center verabredet, um mit einem Matatu nach Nairobi zu fahren. Dort angekommen, mussten wir ein ganzes Stück zum Citymarkt laufen, um dann dort für Nyendo die neuen Waren einzukaufen bzw. erstmal die Preise zu vergleichen und an den einzelnen Ständen zu verhandeln. Dieses "nur gucken, nicht gleich kaufen" war sehr anstrengend, besonders eben deswegen, weil wir Msungus (Weiße) sind. Da kommt wirklich jeder auf dich zu und will, dass du was bei ihm kaufst. Und irgendwann steht dir der Kopf sonstwo!!! Aber trotzdem war es sehr interessant und aufregend. Nach dem Citymarkt gingen wir zum Maasaimarkt, der nur jeden Dienstag und Samstag da ist – anders als der Citymarkt, der jeden Tag offen hat. Der Maasaimarkt ist aber auch draußen und da ist eine ganz andere Atmosphäre, weil dort alles viel gedrängter und auf einem Haufen ist. Auf dem Maasaimarkt musst du aufpassen, dass du selber überhaupt noch Platz hast! Wirklich!
Nach etwa sechs bis sieben Stunden kamen wir mit einem Matatu und dann zu Fuß wieder zurück, und zwar ziemlich erschöpft! Wir ruhten uns ein bißchen aus, kalkulierten Preise, aßen und spielten abends noch mit den Internatskindern."
Und dann schrieb ich am 12.Juli '07: "Um 11°° hatten wir uns mit Felistas verabredet, um nochmals genaueres zu besprechen – bürokratisches, kompliziertes Zeugs, was dadurch noch erschwert wurde, weil sie und wir nicht perfekt Englisch sprechen und man für so exakte Dinge die richtigen Wörter braucht, wie z.B. Frachtbriefnummer. Es sind wirklich komplizierte Sachen, die wir da machen und auch organisieren müssen!!! Zum Flughafen, Euro I Form holen, damit den Zoll klären, Rechnung abgeben, checken lassen, Pakete packen, erstmal überhaupt einkaufen, Transporte organisieren, Verpackungsmaterial und all das besorgen, lagern und und und...Das ist nicht ohne und beansprucht eine Menge Zeit!
Später fuhren wir mit dem Schulbus nach Ongata Rongai, wo wir zur Bank mussten, um Geld zu wechseln. Wir hatten 1890 Euro zu wechseln und das war nicht sehr angenehm, denn jeder konnte sehen, was für Batzen von Geld wir dann rausbekamen! Wirklich Batzen, denn 1 Euro sind ungefähr 100 Kenianische Schillinge!!! Aber wir mussten unbedingt das Geld für den Nyendoeinkauf wechseln! Das restliche Geld für den Einkauf (nochmal etwa 2000 Euro) war einer Freundin Irmgard Wuttes überwiesen worden, die es für uns umtauschen würde.
Und dann ging es wieder in das Getümmel so vieler Menschen auf dem Maasaimarkt, wo du als "Msungu" (Weiße) sehr rausstichst und das natürlich seine Folgen hat: "Hey sister! Come to my shop!" oder "Sister! Karibu! Just look! Looking is free!" oder "Hey babe! Welcome!" oder "Ah, you have come back! Welcome!" ... und du darfst immer freundlich ablehnen, aber besser nicht stehenbleiben, sonst kommst du nicht mehr so leicht weg, ohne etwas gekauft zu haben. Geschickt sind sie, das muss man ihnen wirklich lassen, den Afrikanern!
Als wir das zweite Mal auf dem Maasaimarkt waren, kauften wir einen Teil der Waren ein – soviel, dass wir es zu dritt nicht mehr alleine tragen konnten. Aber wir hatten ja auch Felistas, Nyendos treue Handelspartnerin dabei, die uns half – auch am Anfang bei den Preisen. Denn zu Beginn hatten wir keinen blassen Schimmer davon, wieviel so etwas kosten durfte und vertrauen durftest du den Händlern als Msungu nicht, denn die betrachten dich ja teilweise als "moving banks" oder auch "Dollars auf zwei Beinen" und da macht es ja nichts, wenn du mal 'nen Tausender mehr zahlst...
Am nächsten Tag ging es dann wieder zum Citymarkt, wo wir diesmal nur Bestellungen machten. Und ein paar Tage danach fuhren wir wieder hin, um die bestellten Waren abzuholen. Aber da "Pünktlichkeit" in Afrika ja ganz anders gehandhabt wird, war es für uns recht nervenstrapazierend und zeitaufwändig, denn ein paar der Bestellungen waren noch nicht da, sollten aber im Laufe des Tages eintreffen. Mit viel aufgebrachter Geduld und mit den Nerven so ziemlich am Ende kamen wir dann abends vollbepackt mit allen Waren und dem Verpackungsmaterial zum Versenden zur Schule zurück.
Der Eurythmieraum der Schule wurde unser Lager, wir hatten jedoch eine Frist: es war Samstag und somit Wochenende, da brauchten sie den Raum nicht, aber am Montag benötigten sie ihn wieder. Also hieß es schnell machen. Als erstes mussten wir alles auspacken, damit ein paar Sachen noch trocknen konnten (wie z.B. frisch eingeölte Salatbestecke) und dann ging's ans Pakete packen. Und das war verdammt anstrengend und wir hatten diesen Zeitdruck und höllische Rückenschmerzen vom vielen Bücken, Heben und Tragen. Und bei allem mussten wir darauf achten, dass alles sicher verstaut war, damit beim Transportieren nichts kaputt ging, und dazu mussten wir noch genaue Inhaltslisten eines jeden Paketes schreiben; was, wieviel in welchem Paket. Die genaue Preisliste und der Gesamtpreis der Waren durften natürlich auch nicht fehlen.
Dann mussten wir irgendwann zum Flughafen fahren, um die ganzen Fracht- und Zollgeschichten abzuchecken. Und das war dann richtig anstrengend, weil wir erstens von einem Büro ins andere geschickt wurden und dann zweitens vollkommen andere Informationen erhielten, als wir in Deutschland gesagt bekommen hatten. Anstatt einem Formular brauchten wir plötzlich drei, hieß es. Und eigentlich waren wir nur zum Flughafen gekommen, um uns das sogenannte Euro I Formular zu holen, doch wollten die das irgendwie nicht rausrücken. Und irgendwann meinten sie dann plötzlich, dass, wenn wir ihnen 10.000 Schillinge (~100 Euro) geben würden, würden sie alles für uns machen. Danke, nein! Das wollten wir natürlich nicht, also fuhren wir wieder. Und hatten ein Problem! Und die Zeit drängte, denn bald würde die Schule schließen und bis dahin müssten wir die Waren abgeschickt bzw. unser Lager geräumt haben. Felistas meinte, wir sollten das einen Agenten für uns machen lassen, den wir dann halt bezahlen müssten. Das wollten wir aber nicht, da wir nicht unnötig Geld von der Schülerfirma ausgeben wollten.
Mit unserem Problem gingen wir dann zur Deutschen Botschaft in Nairobi. Wir hatten ein Treffen mit dem Botschafter, der uns dann weiter zu einer Kollegin vermittelte, die für uns die Sache zu klären versuchte. Am nächsten Tag fuhren wir dann mit den in der Nacht noch fertig gepackten Paketen zum Flughafen, um die Waren abzuschicken (wir benötigten einen ganzen Schulbus für unsere Pakete – 292 kg!) Diesmal wurde es auch nicht wirklich einfacher, als das letzte Mal am Flughafen – trotz der Hilfe der Botschaft – aber letztendlich schafften wir es doch noch. Und man kann sich kaum vorstellen, was damit eine Last von uns abfiel!!!
Zwei Tage später war dann unser letzter Tag in der Schule und damit das Ende unseres Sozialpraktikums. So sind wir dann im letzten Moment mit unserer Arbeit fertig geworden.
Am vorletzten Tag bekochten wir noch einen Großteil der Schule: einmal das Lehrerkollegium, Arbeiter, Wächter und dann die ganzen Internatskinder – insgesamt an die 90 Personen. Das war unser Dankeschön- und Abschiedsgeschenk. Und alle waren begeistert. Und sie bedankten sich alle zusammen bei uns mit einer Lobrede auf unser Engagement und einem Abschiedsgeschenk für jeden von uns – für das, was wir für sie getan hatten.
Dann ging es auf die Ferien zu und ich fragte ein paar der Kinder, ob sie sich auf die Ferien freuten, bis mir die Köchin verriet, dass viele Kinder sich nicht freuen würden, da sie nun die Schule verlassen mussten und es ihnen hier wesentlich besser ging als oftmals zu Hause oder bei Verwandten von ihnen. Natürlich, daran hatte ich in meiner westlichen Naivität nicht gedacht und das machte mich ein wenig traurig. Und als die Schule dann schloss, tat es so weh, alle diese lieben Menschen zu verlassen, nicht wissend, ob du sie nochmals sehen wirst... Aber doch bin ich mir sicher: Afrika – eines Tages werde ich wiederkommen!!!
Einiges hat mich schockiert, einiges wusste ich und einiges hat mich aber auch sehr gefreut. Was mich sehr erschreckt hat, als ich nach Afrika kam, war der viele Dreck und Müll überall – Plastikfetzen, wohin du schautest! Kinder spielen darin, Tiere fressen darin, ganze Flüsse sind schon verseucht, die dann verdreckt, wie sie sind, in den Ozean münden, in denen tote Fische auf der Wasseroberfläche treiben, Krokodile jedoch weiter in diesen Drecklachen leben und das auch seine Auswirkungen hat.
Die kenianische Regierung hat jetzt ein Gesetz verabschiedet, indem es heißt, dass ab 2008 die Verwendung nicht recyclebarer Plastiktüten untersagt ist. So gibt es hier wenigstens einen kleinen Lichtblick. Nicht so aber bei den Abgasen der Kraftfahrzeuge; Autos mit Katalysatoren bekommst du hier nicht zu Gesicht – dafür aber die vielen stinkenden umweltverschmutzenden schwarzen Abgase... Das ist wirklich schrecklich und wird ein ganz großes Problem werden, und zwar nicht nur für Afrika, sondern für die ganze Welt!
Das Problem der Arbeitslosigkeit in ganz Afrika ist ebenfalls sehr erschreckend. Hier könnten die Regierungen soviel machen. In Kenia z.B. wäre es ein wichtiger Job, das Land von dem ganzen Müll, vor allem Plastik, zu säubern und zu befreien. Damit schon könnte man so vielen Menschen Arbeit und damit einen Verdienst geben! Aber stattdessen wandert das Geld in die Taschen der Staatschefs und das Land verharrt in seinem Zustand. Obwohl Kenia sowohl von anderen afrikanischen Staaten als auch von Einheimischen selber als ein schon weit entwickeltes und friedvolles Land angesehen wird. Das Problem ist nur: wenn schon jetzt so viele der Menschen dort keine Arbeit haben, wie wird es dann erst in ein paar Jahren aussehen?! Denn die Bevölkerung wächst ständig.
Von einem Ereignis muss ich berichten, denn das hat mich sehr gefreut und fasziniert: Einer der Lehrer in der Schule ist Mitglied in einer Organisation, die gegen das viele Plastik und den vielen Müll in Kenia kämpft und dafür wirbt, mehr und mehr Bäume zu pflanzen. Er ist beeindruckend engagiert und startet demnächst auch eine Plastik-Aufräumaktion in Ongata Rongai, d.h. einem Vorort Nairobis. Er unterhielt sich mit uns, und wir stellten fest, dass er auch mit "IDEM", einer hervorragenden Jugendinitiative, in Kontakt steht und mit ihnen arbeitet. Durch den Münchner Jugendkongress im Oktober 2006 waren wir mit IDEM bekannt.
Was mich persönlich in Afrika richtig fasziniert hat, war der Aspekt der Pünktlichkeit und überhaupt der Zeit. Alle lassen sich Zeit, und wenn du mal ein Stündchen zu spät kommst, nimmt dir das niemand übel. Außerdem ist es wahr, dass du gar nicht sicher sein kannst, dass du pünktlich bist, auch wenn du rechtzeitig losgehst. Denn die Matatus (Hauptverkehrsmittel in Kenia) haben keine festen Fahrpläne und so weißt du nie, wie lange du warten musst bis eins kommt, geschweige denn bis es losfährt; das tun sie nämlich erst, wenn das Matatu voll ist. Meistens zumindest. Manchmal vertrauen sie aber auch darauf, dass sie auf dem Weg noch Leute einsammeln können.
Mit der Zeit gewöhnten wir uns auch daran, zu spät zu kommen und wir lernten, dass es besser war, den Leuten die geplante Treffpunktszeit einfach eine halbe Stunde nach vorne verschoben zu sagen, sodass wir dann sozusagen zu spät kamen, aber sie dann zum eigentlichen Zeitpunkt einigermaßen pünktlich erschienen. Trotzdem mussten wir einmal 3 1/2 Stunden auf jemanden warten, das war jedoch ein Ausnahmefall. Genauso ist es eine Ausnahme, wenn wirklich mal jemand pünktlich ist.
Wenn ich jetzt so zurückdenke, dann kann ich sehen, wie unsicher wir uns am Anfang in Afrika noch gewesen waren und wie das dann mit der Zeit verschwand. Jetzt kann ich nur darüber grinsen, wenn ich bedenke, wie wir uns am Anfang den Kopf darüber zerbrachen, ob wir es wagen konnten, als drei weiße Mädchen alleine in einem Matatu mitzufahren...
Zum Thema Sicherheit in Nairobi: Jeder, den ich gefragt hatte, ist schon mindestens einmal überfallen worden. Außerdem warnte uns jeder vor Taschendieben in der Innenstadt. Und wenn es dunkel würde – also gegen 19 Uhr - sollten wir uns sowieso nicht mehr alleine draußen bewegen. Das wäre viel zu gefährlich, zum einen wegen der wilden Tiere (die Schule grenzte fast an den Nairobi National Park) und dann natürlich wegen Gangs und Halsabschneidern... Uns passierte glücklicherweise nie etwas, abgesehen davon, dass mir einmal beinahe meine Tasche geklaut wurde und dass uns einmal am hellichten Tag ein Mann verfolgte und uns auch anlangte, wir dann aber glücklicher Weise auf einen Freund trafen und er daraufhin sofort verschwand, wir aber einen ordentlichen Schock hatten...
"Letztes Abendessen dieser Reise in Kenia... Dann ging es gegen 21 Uhr ans Gepäck einladen und los zum Flughafen. Und da wurde es mir erst so richtig bewusst, dass ich jetzt gleich zurückfliegen würde ... und ich konnte es nicht fassen! Es war wirklich unfassbar! Und irgendwie traurig, weil ich gar nicht weg wollte...
In dieser Zeit habe ich so unglaublich viel gelernt und gesehen – ich habe einen anderen Kontinent mit seinen Menschen und ihren Kulturen kennen gelernt. Ich habe Slums besucht und daneben die Villen der Reichen gesehen – so etwas geht dir nicht mehr aus dem Kopf! Ich habe Bilder in mir aufgenommen, die da immer bleiben werden und über die man einfach nachdenken muss. Ich werde viel davon für mein Leben mitnehmen können.
Ich bin so froh, dass ich anhand meiner Arbeit bei Nyendo die Möglichkeit hatte, nach Afrika zu gehen und alles real zu erleben. So konnte ich mir alles selbst ansehen und mir eine wirklich eigene Meinung verschaffen, denn ich war da:
in Afrika.
Sophie Kettenbach