Die Waldorfschule Schwäbisch Gmünd hat seit einigen Jahren einen aktiven „Afrikakreis“. Mit vielfältigen Aktionen wird die Partnerschule Rudolf Steiner School Mbagathi am Rande der kenianischen Hauptstadt Nairobi unterstützt. Der Impuls zum Handeln ging aus von Brigitte Goldmann, die dort einst drei Monate als Förderlehrerin gearbeitet hatte. 2005 besuchte eine Gruppe von Lehrern, Eltern und Schülern aus Schwäbisch Gmünd die Schule in Nairobi und leistete tatkräftige Aufbauarbeit.
Rose Ingala (Handarbeits- und Gartenbaulehrerin) vertritt heute die erkrankte Lehrerin der Klasse 3/4. Sie steht in der offenen Tür zur Klasse, wie eine schwarze Mutter Erde, ihr weiter Blumenrock reicht bis zu den Knöcheln. Die Kinder treten einzeln zu ihr vor; sie nimmt jede Kinderhand in ihre zwei großen Hände, drückt sie und sagt feierlich, das Kind anblickend: „Good morning, ... (z.B. Purity)“ und das Kind antwortet gemessen und zu ihr aufblickend: „Good morning Mrs. Ingala“ und darf dann über die Schwelle in das Klassenzimmer treten.
In unendlicher Ruhe wird dieses Eintreten mit jedem Kind zelebriert, bis alle 20 auf ihren Stühlen sitzen. Es ist kühl im Klassenzimmer und ein wenig düster, weil die Sonnenstrahlen noch hinter grauen Wolken versteckt sind.
Nach dem Morgenspruch und einem Kanon werden in Blitzesschnelle die Stühle und Tische an die Wand geschoben, sodass ein freier Platz entsteht, auf dem die Kinder im Kreis stehen, paarweise zueinander gewendet und ein Klatschspiel mit einem dazu gesprochenen Gedicht machend; dann weiter zum nächsten Kind im Kreis schreitend, das Gleiche wiederholend, 20, 30, 60 mal, mit einer unerschütterlichen Ruhe im Wiederholen; keine Sorge des Lehrers, den Kindern könnte langweilig werden.
Wie verschieden fühlen sich die Hände der Kinder beim Klatschen auf die Handflächen an; zart, kräftig, derb usw. und dazu immer ein anderer Blick; scheu, strahlend, traurig...; die strahlendsten und größten schwarzen Augen hat ein Junge, von dessen linkem Arm nur noch ein Stumpf da ist, ein langer brauner Pulloverärmel hängt darüber. Wie wird es diesem Kind später ergehen; welchen Beruf wird es ausüben können?
Später beim Freispiel auf der Wiese staune ich über die verschiedensten „Outfits“, zerlöcherte Pullover, ausgefranste Hosen, dann wieder Mädchen mit bodenlangen Prinzessinnenkleidern und zur „Abrundung“ darüber eine Regenjacke...
Unsere „Staubstraße“, die wir so tauften, weil jedes vorüber fahrende Auto die Fußgänger und Eselskarren für einige Zeit in eine dichte Wolke hüllt, ist die Fortsetzung des rötlichen Lehmweges, der an unserem großen Schultor vorbeiführt, sich durch einige Kilometer freie Landschaft windet, den Mbagathi River überquert, in dem während der fünf Wochen unseres Aufenthaltes der Körper eines verendeten Hundes trieb, und schließlich in einer Ansammlung von Verkaufsständen und Hütten mündet.
Ganz Afrika scheint immer wandernd unterwegs zu sein. Rötliche Trampelpfade im grünen Randstreifen säumen wie zierliche Muster den Weg. Kleinere Kinder verstecken sich angstvoll hinter ihren Müttern, beim ungewohnten Anblick von Weißen zu Fuß. Die wenigen Weißen in der Umgebung hier wohnen verschanzt hinter hohen Mauern in Villen, die von Security-Firmen überwacht werden, fliegen ihre Kinder morgens mit Hubschraubern in teure Schulen nach Nairobi und lassen sich auf der „Staubstraße“ nur in eilig vorbei brausenden Autos sehen.
Viele Erwachsene grüßen uns freundlich mit Jambo oder Salaam. Als wir am ersten Abend, schon im Dämmerlicht, diese Straße entlang gingen – die wackligen Holzstände mit Gemüse und Obst zu beiden Seiten betrachtend, die vielen Menschen, die sich im Rauchblau des Abendlichtes verloren – und wir uns als Eindringlinge in eine fremdartige Welt fühlten, erschien uns diese Straße höchst unheimlich und gefährlich. Inzwischen ist uns ihr Anblick lieb und vertraut geworden. Man kann für „Pfennigbeträge“ Bündel von Bananen, Arme voll Gemüse und „Mandasis“ (in schwimmendem Fett gebackene Krapfen) kaufen. Wir haben schon unsere Lieblingshändler und werden als Stammkunden erkannt und begrüßt, wir erfahren nach und nach, welche Kinder unserer Schule in welchen Seitengässchen wohnen, wessen Onkel hier einen Laden besitzt; und dass James, der Busfahrer jeden Morgen von hier zu Fuß zur Schule läuft.
Obwohl die meisten der Behausungen hinter den Verkaufsständen keinen Strom- oder Wasseranschluss haben, sehen die Menschen adrett und sauber gekleidet aus. Männer entsteigen diesen Hütten mit Bügelfalten in den Hosen und schneeweißen Hemden; die Frauen drapieren sich farbenfrohe Tücher elegant um ihren Leib und schreiten, Lasten auf dem Kopf tragend, graziös wie Prinzessinnen. Im größeren Einkaufszentrum "Karen" sah ich fabrikneue Bügeleisen, die man mittels glühender Holzkohle beheizt. In einem Matatu (private Kleinbusse) auf engstem Raum mit den Menschen zusammengedrängt, konnte ich die komplizierten und phantasievollen Frisuren meiner Vordersitzerinnen bewundern. Diese Menschen hier verkörpern für mich, trotz der Armut in der sie leben, Schönheit und Anmut.
Heute waren wir mit Faith (Lehrerin der Klassen 7 und 8) in Kitengela, der Glasfarm von Nani Croze; hin mit dem Pick-Up, zurück zu Fuß über die "Kitengela Plains". Wir sahen eine Giraffenfamilie: Vater, Mutter und das Kind in der Mitte, die langsam ihre Köpfe zu uns wendeten, als wir sie halbkreisförmig umgingen.
Der "Vater" kontrollierte genau, dass wir nicht zu nahe an sein Kind kamen, was wir auch nicht wagten. Später beobachtete uns ein Pavian im hohen Gras und wir sahen eine Antilopengazelle, die ruhig stehen blieb, als wir vorbei gingen. Wie anders sind diese Begegnungen mit Waldtieren bei uns in Deutschland! Während diese scheu flüchten, verharren Giraffen, Paviane und Gazellen wie Mahnmäler und staunen den Menschen an, der an ihnen vorüber geht.
Auf einer Terrasse des Dorfes neben der Glasfarm versammelte sich eine Gruppe von erwachsenen Massai, die jeden Dienstag Nachmittag von Faith in Lesen, Schreiben, Rechnen und Englisch unterrichtet werden. Es waren zwei junge hübsche Frauen, eine dickere resolute mittleren Alters und eine ältere Frau mit langen Ohrringen, in ein bodenlanges gemustertes Massaikleid gewickelt. Ihr Gesicht war wie aus schwarzem Ebenholz geschnitzt, und sie hatte irgendeine Augenkrankheit, so dass man ihre Augäpfel gar nicht sah, was ihr ein tragisch-unheimliches Aussehen gab. Schließlich noch ein Mann, der offensichtlich etwas behindert war, aber mit großem Fleiß mitlernte und laut Faith auch Fortschritte machte.
Als wir abends zum Schulgelände zurückkehrten, spielten die kleinen "Boarding-Kinder" (Kinder, die während der Schulzeit hier leben), die oft Waisen sind, begeistert und lachend mit Johann Render.
Morgens um sieben Uhr höre ich immer das Trippeln und Trappeln der Füße der Boarding-Kinder, die über mir schlafen. Während Alice, die Boarding-Mutter die Treppe wäscht, lehnen sie am Geländer und singen ganz süß, sehr oft das Lied mit dem Refrain: Hakuna matata (kein Problem).
Mein Blick geht auf die Wasserzapfstelle, die Pfützen drumherum, die vielen Plastikeimer, in denen Wäsche gewaschen wird, und die vielen Reihen von überfüllten Wäscheleinen. Das Wasser wird in einem großen Eisenkessel auf einem Holzfeuer nahebei erhitzt.
Hier sitzen oft nach Einbruch der Dunkelheit die beiden "watchmen", unsere Beschützer, und wärmen sich die Hände. Abends sieht man sie wie "Pat und Patachon" (einer lang und dünn, der andere, ihm auf den Fersen folgend, klein und dick), ausgerüstet mit Pfeil und Bogen, einem "Rungu" (Holzkeule, die auch als Schleuderwaffe dient) und Taschenlampe, als dunkle Silhouetten das Schulgelände durchstreifen und die Tore mit schweren Vorhängeschlössern abschließen. Morgens um sieben schließen sie das kleine Tor der Wasserzapfstelle wieder auf.
Dahinter erstreckt sich eine weite Landschaft aus gelblichem, wehendem Gras, durch das viele kleine Trampelpfade führen. Einer z.B. führt in eine nahe gelegene Massaisiedlung. Manchmal schreiten buntgekleidete Massaifrauen den Pfad von ihrem Haus zu unserer Wasserzapfstelle, um in einem Plastikkanister ihre Tagesration Wasser zu holen. Jeder Mensch, wenn auch noch so weit entfernt, der durch diese Graslandschaft seinen Weg geht, heb grüßend die Hand, oft von einem freundlichen Zuruf begleitet, sobald man bemerkt wird. Wenn man dann, am frühen Morgen, noch vor dem Frühstück dort spazieren geht und in einiger Entfernung dem ruhig beobachtendem Blick einer Giraffe begegnet, weiß man, dass ein schöner neuer Tag in Afrika beginnt.
Heute sind wir mit James, dem Busfahrer der Schule nach Nairobi auf den Massaimarkt gefahren, um Waren für den Herbstbazar einzukaufen. In einem weitläufigen Lehmhügel ist eine Art "Kanallandschaft" gegraben worden.
Man zwängt sich durch enge, von Menschen verstopfte Lehmgänge und sieht zu beiden Seiten, etwas erhöht, eine verwirrende Vielfalt von Tüchern, Schmuck, Schnitzwerk, Taschen etc. auf Decken ausgebreitet, und mitten in diesem bunten Durcheinander sitzen die Verkäufer, häufig noch mit Anfertigung von Waren beschäftigt, und warten auf Kundschaft.
Dazwischen drängen sich Bettler, oft Kinder, starrend vor Schmutz und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Leere und Verzweiflung in den Augen. Es sind die "Schnüffelkinder", die mangels ausreichender Nahrung und einem Zuhause, in giftigen Dämpfen ein kurzes Vergessen suchen. Auch Mütter, die ihre Kinder auf den Rücken gebunden tragen, deren Gesichter meist vollständig mit einem Tuch bedeckt sind, um sie gegen den bösen Blick zu schützen, gehen bittend herum: "Sister, give me money that I can buy something to eat and God will bless you!"
Ein Mann ohne Beine rutscht, sich mit Stöcken vorwärts schiebend, über die schmutzige, stark befahrene Straße. Mit ergebener Beharrlichkeit strebt er zwischen rasenden Autos und Abgaswolken die andere Straßenseite an, die er wie durch ein Wunder lebend erreicht. Schwärme von Kindern folgen uns, nehmen uns an die Hand, halten sich an unseren Kleidern fest und bitten ohne Unterlass um Geld. Dieses Elend, diese hässliche Seite von Nairobi, ist kaum zu ertragen.
Als wir zur Mbagathi-Schule zurückkommen, begreifen wir erst richtig, in welcher Oase der Schönheit, des Friedens und der menschlichen Wärme es einigen Kindern für einige Zeit vergönnt ist zu leben.
Mit dem mitgebrachten WOW-Day-Geld kauften wir vor Ort geeignete Werkzeuge (die wir dann dort ließen) wie Stichsägen, Bohrer etc., Holzbretter und Holzfarbe, um für die vier neuen Klassenzimmer Schuhregale und Malbrett-Regale zu bauen. Allein die Einkäufe nahmen mehrere Tage in Anspruch, da zum Beispiel, wenn endlich die geignete Stichsäge gefunden war, im einzigen Laden im Ort auch nur ein einziges Sägeblatt dafür zu erhalten war...
Mehrere Tage wurde dann unter Anleitung unseres Werklehrers Johann Render gesägt, geschliffen, zusammengebaut und schließlich zartrosa lasiert (damit der rote Lehm von den Schuhsohlen der Kinder nicht so auffällt). Die Schüler lasierten die Wände der vier neuen Klassenzimmer, verschönerten und reparierten einige Klos; ich nähte auf einer handbetriebenen Nähmaschine 30 Matratzenüberzüge, damit die Lehrer während des Teacher Training auf “repräsentativen” Matratzen schlafen konnten.
Von den WOW-Day-Geldern hatten wir schon in Deutschland eine transportable Feldschmiede gekauft. Allein die um Tage verspätete Ankunft der Schmiede in Nairobi, die inzwischen vom Zoll auseinander genommen und nur bruchstückhaft wieder zusammen gesetzt wurde, wäre eine eigene Geschichte. Nachdem die fehlenden Teile durch Fahrradschläuche etc. notdürftig ersetzt wurden, gab Johann Render einen Schmiedekurs, damit sie dort ihr Werkzeug selbst reparieren könnten.
Wenige Tage vor der Ankunft der erwarteten 40 Lehrer für das Teacher Training (aus denen dann 60 wurden) ging der Generator kaputt, d.h. kein Licht, kein Strom, kein Wasser für so viele Menschen. Zum Glück konnten wir mit dem Rest unseres WOW-Day-Geldes einen großen Teil des eilig neu angeschafften Generators bezahlen. Mitgebracht aus Deutschland hatten wir auf Wunsch Schulmaterialien wie Wachsfarben, Aquarellfarben usw., auch Medizin. Auf dem Massai-Markt kauften wir Waren für den Herbstbasar an unserer Schule und schickten das erwirtschaftete Geld wieder zurück.
An einem Wochenende machten wir mit 11 Boarding-Kindern einen Tagesausflug in das von Sheldrake gegründete Elefanten-Waisenhaus im Nairobi Nationalpark. Eine mitgereiste Mutter gab für Lehrer und Kindergärtnerinnen einen Puppenkurs und ich gab in der dritten Klasse eine Eurythmiestunde. Ich hätte gern mehr Stunden, auch in anderen Klassen, gegeben, aber vor unserer Ankunft war gerade für drei Monate eine Eurythmistin dagewesen und jetzt hatten sie es nicht mehr im Stundenplan vorgesehen.
Am abendlichen Lagerfeuer vor den Zelten, in denen wir schliefen, befreundeten wir uns mit drei Neuntklässlern, die gerade für ihre Aufnahmeprüfung in eine Secondary School lernten, aber nicht wussten wie sie ein Boarding bezahlen sollten, da sie alle drei Waisen waren. Ich versprach ihnen, in Schwäbisch Gmünd Klassenpatenschaften einzurichten. Leider verschwanden bald zwei Schüler aus der Secondary School; sie waren in den Norden Kenias gegangen, wo noch Geschwister lebten. Einer aber, Aide Tuke, ist geblieben, und seit drei Jahren bezahlt die jetzige Klasse 7 in Gmünd die Kosten für die Schule, Unterkunft, Kleidung, Taschengeld und Busfahrten. Das Geld der Kinder reicht nicht ganz aus, aber Eltern sind noch helfend eingesprungen.
Am letzten Schultag nahmen wir an der 4-stündigen (!) Monatsfeier teil. Ich glaube das war uns zu Ehren, weil jeder zeigen wollte, was er kann. Eine fünfte Klasse zeigte ein Spiel aus der griechischen Epoche (bei den Kostümen halfen wir auch etwas mit), eine 9. Klasse zeigte ein sehr beeindruckendes Spiel aus der afrikanischen Mythologie, natürlich gab es auch viel Gesang und Flötenspiel. Wir selbst beteiligten uns mit einer sehr bescheidenen Eurythmiedarstellung. Wir hatten anderes geplant, mussten dies aber aufgeben, da wir nur ein paar Meter eines Klassenraumes, der sonst voll besetzt war, zur Verfügung hatten. Zum Glück gab es nach zwei Stunden eine kleine Erfrischungspause im Grünen, bevor es weiter ging. Ich habe die unendliche Geduld der dortigen Menschen sehr bewundert und mir vorgenommen, etwas von diesem Langmut mit nach Hause zu nehmen.
Dann kam der Abschied von den Kindern, die in die “Ferien” fuhren. Nie vorher war eine derart gedrückte Stimmung unter den Kindern. Alle, die die “Slum-Kinder” nach Nairobi ins Waisenheim “Credo” begleiteten, weinten, als sie sahen, in was für eine Umgebung man die Kinder entlassen muss und wie sich die Kinder weinend an ihre Boarding-Mütter klammerten. Aber auch hier zeigten sich die Afrikanerinnen sehr stark und gar nicht sentimental. Sie sagten, die Schule sei nur ein Teil des Lebens der Kinder. Später würden sie mit dem anderen Leben außerhalb konfrontiert und da sei man in Afrika ganz auf soziale Bindungen angewiesen, die man eben nicht abbrechen dürfe.
Als die Kinder fort waren (auch die Massai Kinder stiegen mit ausdruckslosem Gesicht in den Bus. Sie hatten eine ganztägige Fahrt in mehreren Matatus und einen 12-stündigen Fußmarsch in ihr Dorf am Turkana See vor sich), war das Schulgelände unerträglich leer. Wir blieben noch, um unsere Arbeiten zu vollenden und machten dann eine Rundfahrt in Kenia.
Karin Junghans