Indiens erste Waldorfschule im ländlichen Raum

Sadhana Village liegt ca. 4 Autostunden südlich von Mumbai in einem weitläufigen Tal. Obwohl die große Stadt Pune nicht weit ist, ist es hier sehr ländlich. Die Frauen waschen morgens ihre Wäsche noch im Fluss und die Wasserbüffel werden von einem Hirten zu den Ufern getrieben. Ihre Hörner sind rot angemalt, und oft ist ihr Hals mit bunten Bändern geschmückt. Trotzdem ist die Zeit hier nicht stehen geblieben. Viele Familien habe ein Motorbike, auf dem dann mindestens vier Personen Platz haben. In die Motorrikschas, überdachte Dreiräder, passen eigentlich nur drei Personen, aber hier eben mindestens 15 Personen...

Es wird überwiegend Reis und Zuckerrohr angebaut. In den Gärten wachsen alle Arten von Gemüse. Vieles, was wir auch kennen, wie Bohnen, Gurken, Tomaten, Kohl und Paprika, aber auch besondere Formen von Bohnen, Bittergurke, Auberginen, Chili. Der letzte Regen mit starkem Sturm hat großen Schaden angerichtet, da der Reis gerade zum Trocknen auf den Feldern lag, und nun steht das Wasser wieder knöcheltief auf dem lehmigen Boden. Viele Zuckerrohrhalme sind umgeknickt. Das ist für die Bauern sofort ein schwerer Schlag, da die meisten wirklich von der Hand in den Mund leben.

Die umliegenden, bewaldeten Hügel sind zum Teil Naturschutzgebiet, und es gibt sehr viele Vögel, aber auch Affen und kleine Rehe. Nach Sonnenuntergang jagen kleine und große Fledermäuse zusammen mit einer Art Kauz nach Insekten. Davon gibt es genug: Libellen, handgroße Schmetterlinge, dicke, wirklich sehr dicke blaue Käfer (5cm), die beim Fliegen ein Geräusch wie eine kleine Motorsäge hervorbringen, und selbstverständlich Moskitos. Es zirpt und summt und quakt pausenlos. Zur Zeit ist hier Trockenzeit bei angenehmen 25-30°C am Tag und 15°C nachts.

Inmitten dieses Tales liegt Sadhana Village, ein Camphill-Heim für pflegebedürftige Erwachsene. Aber das Sadhana-Village Projekt umfasst viele Aktivitäten – unter anderem ein Frauenprojekt und als jüngstes Kind einen Waldorfkindergarten. Der erste im ländlichen Raum von Indien!

Die ersten Schritte der künftigen Waldorfschule

Seit fünf Monaten werden zwei Gruppen mit Kindern zwischen 3,5 und 6 Jahren von drei Frauen – Chaya, Sushma und Dipali – betreut. Im Juli 2010 soll dann die erste Klasse beginnen. Das ist hier nicht so einfach und es fehlt an vielem, vor allem an einem ausgebildeten Lehrer.

Wer eine Ausbildung hat, geht in die Stadt und nicht mehr zurück aufs Land, zumal die Gehälter nur sehr gering sein können. Auch die Kindergärtnerinnen, die hier – den indischen Verhältnissen entsprechend – eher eine Vorschule haben, müssen noch ausgebildet werden. Es ist sehr wichtig für die Weiterentwicklung der Schule, einen guten Start zu haben, da die Eltern den Erfolg an den Maßstäben der großen Städte messen. Es müssen also Kompromisse zwischen dem staatlichem Auswendiglern-System und der Waldorfpädagogik entwickelt werden. Die Chancen sind gut, da in der Dorfschule ein Lehrer auf 80 Kindern kommt. Da gehen viele Kinder nach ein paar Jahren eben nicht mehr zur Schule...

An Kindern fehlt es hier nicht. Indien ist ein sehr junges Land. Seit Anfang November arbeite ich mit den drei Frauen an den Grundlagen der Waldorfpädagogik, um ihnen möglichst viel Material zu geben, das sie dann für ihre Verhältnisse umwandeln und gleich probieren. Morgens bin ich mit in den Klassen und zeige rhythmische Spiele, Malen, Eurythmie und helfe beim Englischunterricht, denn die Schule soll als Unterrichtssprache Englisch haben. Die Kindergärtnerinnen sprechen selbst aber nur wenig Englisch. So bleibt die größte Sorge von Mr. Deshpande, dem „Vater“ von Sadhana, qualifizierte Lehrer zu finden bzw. vor Ort auszubilden. Ein Seminar im Jahr reicht da nicht aus.

Für ein paar Monate kann ich in diesem Jahr hier sein, soll die Arbeit aber in regelmäßigen Abständen weitergeführt werden, muss eine Finanzierung für Fahrt- und Honorarkosten gefunden werden. Für das Wachsen der Schule hier wäre es ideal, wenn ich in regelmäßigen Abständen kommen könnte, um die Lehrer weiter zu schulen.

Im Seminar haben wir erarbeitet, wie wichtig es ist, die Umgebung der Kinder auch schön zu gestalten. Als ersten Schritt zu einer entwicklungs-fördernden Umgebung ohne Müll haben wir angefangen, den Kindergarten und die Schulklasse (Teile einer alten Reismühle) schön zu machen. Auch können wir nun mit Hilfe von Oberstufenschülern einer internationalen Schule hier in der Nähe (Mahindra-Collage) einen kleinen Spielplatz mit Sandkasten und Schaukel einrichten. Der Grund muss mit viel Sorgfalt vorbereitet werden. Bevor die Arbeit beginnt, muss mit Stöcken von innen nach außen auf den Boden geschlagen werden, um eventuelle Schlagen zu vertreiben. Es gibt hier Kobras, kleine giftige Wiesenschlangen und Krebse, die mit ihren Scheren zwicken.

Mit Hilfe einiger Frauen aus dem Camphill nähen wir nun kleine Puppen und Zwerge, da als Spielzeug nur Plastikimitate von Tieren, Spiderman, Disneyfiguren und Dinosaurier zur Verfügung stehen. Dabei haben besonders die indischen Frauen einen ausgeprägten Sinn für Schönheit. Auch wenn sie noch so arm sind, tragen sie wunderschöne, farbenfrohe Saris und Schmuck. Sie waren von den Waldorfpuppen sofort begeistert. Die Kinder hier sind sehr lieb und haben viel Temperament. Sie singen und tanzen gerne und machen mit viel Begeisterung Eurythmie, aber auch das Malen, was sonst hier nicht so üblich ist, wollen sie am liebsten jeden Tag machen.

Letzte Woche haben wir angefangen, Seil zu springen und einen beim Sturm umgestürzten Baum als Balancebalken hergerichtet. Das hat ein bisschen gedauert, da es an einer Säge fehlte. Aber so ist das hier in Indien. Man kann nicht mal eben schnell etwas richten oder haben. Dafür ist die Kunst der Improvisation – sprich aus nichts etwas zu machen – sehr hoch entwickelt. Die Prioritäten, was wichtig ist und was man so hinnehmen kann, sind doch sehr verschieden von Europa.

Hilfe ist dringend nötig

Die meisten Menschen hier sind froh, wenn sie tägliches Essen haben. So können die Eltern natürlich kein Schulgeld bezahlen. 5 Rupien (10 Cent) im Monat sind auch für die Verhältnisse hier eher so gedacht, dass es eben nicht ganz umsonst ist. Eine Fahrt mit dem Bus, ca. 10km, kostet 8 Rupien. So ruht denn alle Hoffnung auf Hilfe von außen. Es gibt zwar Industrie hier, die durchaus profitabel ist, aber die geben erst etwas, wenn auch zu sehen ist, dass es sich lohnt. So müssen die ersten Jahre ganz aus Spenden finanziert werden. Auch später gibt es für Privatschulen keine staatliche Unterstützung. Da dies aber eine Bauern- und Arbeiterschule wird, bleibt Geld wohl eher knapp. Es wäre deshalb sehr hilfreich, wenn es eine Art Patenschaftssystem geben würde. Es wird Schulgeld für die Kinder, Geld zur Ausbildung der Lehrer und für Schulmaterial wie Papier und Stifte gebraucht. Jede Hilfe ist willkommen!

Ute Meuser, Flensburg

Stand / Update: 12/2009