Waldorfschule Tiflis - Jahresbericht 2006

Am 16. Januar begann wiederum der Schulbetrieb, doch leider nur für drei Tage, da nach der Explosion einer Gasleitung im russisch-georgischen Grenzgebiet das Gas und damit auch der Strom für längere Zeit ausfiel. Aufgrund großer Schneemengen und großer Kälte mußten die Schulen in Tbilissi erneut Ferien machen. Unsere Schule jedoch konnte schon nach wenigen Tagen dank eines Generators wieder eröffnen – nachdem der notwendige Diesel gefunden und finanziert war.

Am 29. März durften wir eine in einigen Gebieten Georgiens totale Sonnenfinsternis erleben. Die Schüler der Oberstufe und die sechste Klasse fuhren hierzu nach Westgeorgien und konnten an diesem einmaligen Erlebnis teilhaben.

Mit einem großen Bazar und einem Schulfest gingen wir im April in die Osterferien. Besonders beeindruckend war eine gemeinsame eurythmische Darstellung der vierten und siebten Klasse, welche aus Motiven des klassischen georgischen Dichters Wascha Pschavela bestand.

Im späten Frühjahr konnte ein großer Teil des Kollegiums erneut an der gemeinsamen Arbeit mit unseren Kollegen und Beratern aus Marburg, Ute Blankenburg und Malte Schuchardt teilnehmen. Auch diesmal teilte sich die Arbeit in zwei Teile: Teilnahme am Unterrichtsgeschehen in verschiedenen Klassen der Oberstufe und gemeinsame Arbeit an pädagogischen Fragen am Nachmittag. Auch dem Chemieunterricht konnte durch den erneuten Besuch von Frau Renkendorf unter die Arme gegriffen werden. Diese Arbeit ist für die weitere Entwicklung unserer Oberstufe momentan noch unverzichtbar.

Im Mai veranstaltete der Bildungsminister einen „Bazar der Ideen“, der einen schönen Austausch zwischen den verschiedenen Schulen Tbilisis brachte. Wir konnten durch die Ausstellung verschiedener Schülerarbeiten und intensive Gespräche über Waldorfpädagogik große Anerkennung bei allen Anwesenden erreichen.

Das Bildungsministerium bringt momentan durch viele Veränderungsverordnungen neue Elemente in die staatlichen Schulen, wo sie auch dringend notwendig sind, auch wenn sie nicht immer zu der Verwaltungsform einer Waldorfschule passen. Wir haben mit dem Bildungsministerium und direkt mit dem Bildungsminister mehrfach darüber gesprochen. Obwohl wir nicht mit allen Strukturen einverstanden sind, findet unsere Arbeit so viel Anerkennung, dass wir nicht so einfach aus den staatlichen Strukturen kommen können.

Am 25. Mai veranstaltete die siebte Klasse einen russischen Abend. Der Samowar hörte nicht auf zu kochen, und wir wurden mit duftendem Gebäck versorgt, noch versüßt durch wunderschönen russischen Tanz und Lieder. Die vierte und fünfte Klasse konnten uns zu russischen Märchen einladen.

Am 13. Juni hatte das Kollegium ein Treffen mit der achten Klasse. Jeder Schüler konnte sich neu „vorstellen“ und über seine bisherigen Erlebnisse und seine zukünftigen Pläne sprechen. Wenig später konnte mit großer Liebe die zwölfte Klasse entlassen werden. Dies ist immer wieder ein Ereignis, das auch zum Nachdenken anregt, zumal der Schritt in die georgische Realität der Bildungswelt noch sehr schwer ist. Der von den Schülern organisierte Abschiedsabend wurde sehr interessant und fröhlich.

Zum Schuljahresende hatte die Unterstufe verschiedene Klassenabschlussfeste. Die sechste Klasse reiste mit einer Tanzdarstellung gleichsam in verschiedene Ecken Georgiens. Das schöne Wetter ließ diese Veranstaltung zu einem echten Sommerfest werden.

Der ganze Juni wurde begleitet von verschiedenen Praktika und Ausflügen. Die 9. Klasse machte ihr Landwirtschaftspraktikum in einem der wenigen Biologischen Höfe in Kachetien, arbeitete in einem sehr trockenen Gebiet auf dem Feld und grub auch einen sechs Meter tiefen Brunnen. Die 10. Klasse hatte ein ökologisches Praktikum im Nationalpark Borjomi Kharagauli, legte Wege und Treppen an, reinigte Plätze und Waldwege und reparierte Holzbrücken. Die 6. Klasse hatte die Möglichkeit zu einer Bergwanderung in Zentralgeorgien, die aufgrund der wechselnden Wetterbedingungen und der großen Höhen zu einem einmaligen Erlebnis wurde.

Auch wenn der Schulbetrieb nach den Sommerferien erst wieder im September begann, erklang bereits im August Musik, denn das Orchester fing mit viel Einsatz und Liebe an, für einen Orchesteraustausch nach Saarbrücken zu proben. Nachdem wir am 19. September die neuen Erstklässler mit Blumen und Gesang empfangen hatten, reiste unser Orchester eine Woche später ab nach Saarbrücken. Die schöne und fruchtbare Zusammenarbeit mit den Schülern der dortigen Freien Waldorfschule schenkte unseren Schülern einen unvergesslichen Erfahrungsschatz.

Die 12. Klasse führte dann an unserer Schule den „Guten Mensch von Sezuan“ von Berthold Brecht auf, und wenige Wochen später wurde auch ein georgisches Stück der 12a ein großer Erfolg. Im Oktober fuhren dann beide Klassen zusammen auf ihre große Kunstfahrt in den Norden der Türkei, wo sie frühchristliche georgische Architektur erleben konnten.

Ein Puppentheater der 8. Klasse konnte im November alle Zuschauer von den großen künstlerischen Fähigkeiten der Schüler überzeugen. Bis hin zum kleinsten Detail wurde alles von der Klasse selbst durchgeführt. Bei mehreren Aufführungen durften auch viele Gäste von anderen Institutionen das Theater genießen.

Mit einer geringen Verspätung konnte der Kindergartenbau, der auch Gruppen-, Musik- und Eurythmieräume enthält, fertig gestellt werden. Dies ist besonders der Software AG Stiftung und den Freunden der Erziehungskunst zu verdanken, welche bei der Finanzierung des Bauabschnittes maßgeblich helfen konnten. Durch die Eröffnung zweier weitere Gruppen hat unser Kindergarten nun vier Gruppen und kann der Nachfrage in Zukunft hoffentlich gerecht werden.

Trotz dieser vielen erfreulichen Ereignisse, gab es auch große Schwierigkeiten. So mußten wir zum ersten Mal die kommunalen Kosten tragen, die zudem wie die übrigen Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen sind. Die staatliche Finanzierung erfolgte auch nicht mehr nach der Zahl der Mitarbeiter, sondern nach den Schülerzahlen und war viel geringer als früher. Wir haben nun die Schulküche und auch den morgendlichen Schultransport komplett in die Arbeit des Elternvereins übertragen. Dennoch ist die finanzielle Situation der Schule sehr angespannt, zumal auch die Eltern durch die Inflation in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation sind. Im Grunde müßten die Elternbeiträge um 40% steigen, doch ob dies durchzuführen ist, bleibt abzuwarten.

Und dennoch: Alle Ereignisse des letzten Jahres, auch die häufigen Besuche und Gespräche mit unseren ehemaligen Schülern und auch die große Unterstützung aus dem Ausland bestärken und in unserer täglichen Arbeit und geben und große Kraft und Zuversicht.

Das Kollegium der Waldorfschule Tbilisi

Stand / Update: 04/2007