Waldorfpädagogik am Tor zum Orient

Fridtjof  Nansen nannte Tbilisi einmal das Tor zum Orient. Auch heute weiß die Stadt noch nicht so ganz, in welche Richtung sie denn eigentlich gehen will, auch wenn das kulturelle Erbe große europäische Wurzeln besitzt.
Neuere Ausgrabungen im südlichen Kaukasus zeigen, dass dieses Gebiet schon vor 1,8 Millionen Jahren besiedelt war. Doch scheint die Geschichte den Georgiern nie lange Ruhe gegönnt zu haben – und so schwimmt das Land immer zwischen Aufbau und Zerstörung. Große christlich-architektonische und literarische Meisterleistungen entstanden in oft nur kurzen Friedenszeiten.

Auch heute ist wieder eine Suche nach einer neuen, eigenen Identität zu spüren. Nach dem Umbruch in der Sowjetunion erreichte Georgien eine Unabhängigkeit, die viele Probleme mit sich brachte: einen Bürgerkrieg, abtrünnige Republiken, große Korruption, Landflucht und zuletzt eine friedliche Revolution. Heute steht eine recht junge Regierung vor den Folgeproblemen, die sich in der sozialen Gesellschaftsstruktur widerspiegeln, und versucht eine Richtung zu finden, um einen Wiederaufbau zu ermöglichen.

In dieser Situation befindet sich auch die Freie Waldorfschule Tbilisi seit ihrer Begründung 1994 in ständigem Wandel, sowohl in pädagogischer als auch in rechtlicher Form.

Am besten können wohl die Schüler selbst die Bedeutung unserer Arbeit wiedergeben:

Ein Erstklässler erklärt seine Schule: “Gäbe es die Waldorfschule nicht, würde ich sterben!“
Ein kranker Zweitklässler: “Nimm mich auf den Arm und trage mich in die Schule!“ Und als die Mutter den Lehrer zu Hause anrufen möchte: „Nein, nein, das kannst Du niemals, mein Lehrer wohnt immer in der Schule!“
Vor ein paar Tagen kam eine ehemalige Zwölftklässlerin, um anzukündigen, dass sie die vor mehr als einem Jahr erhaltene Übersetzungsaufgabe eines Buch aus dem Deutschen ins Georgische bald fertig habe, denn es sei ja sehr wichtig, dass alle anderen Schüler dies zur Verfügung hätten...

Steter Wandel in einem armen Land

1994 konnte die Freie Waldorfschule Tbilisi in einem staatlichen Kindergartengebäude gegründet werden. Auch wenn sie bis heute als staatliche Schule geführt wird, hatte sie von Anfang an besondere pädagogische Freiheiten, die sich jetzt wegen der Umgestaltung des gesamten Bildungssystems des Landes erneut behaupten müssen.

Begonnen wurde 1994 mit zwei Klassen. Inzwischen ist die Schule mit bereits zwei Abschlüssen voll ausgebaut und dennoch mitten im Aufbau. Noch immer reicht, trotz vieler Unterstützungen, Um- und Anbauten, die Raumkapazität nicht aus. Ebenso ist der pädagogische Aufbau noch immer nicht abgeschlossen – nein, heute wird mehr denn je um einen georgischen Waldorflehrplan und dessen Einklang mit den neueren staatlichen Forderungen gerungen.

Ohne die treue Unterstützung, die wir seit der Gründung auf allen Gebieten von verschiedenen Menschen und Organisationen aus Mitteleuropa erhalten, wäre unsere tägliche Arbeit nicht möglich.
Da die Schüler der Freien Waldorfschule Tbilisi aus dem ganz normalen Umfeld einer „Dritte-Welt-Stadt“ kommen, erlauben die sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen nur eine geringfügige finanzielle Beteiligung am Schulhaushalt. Eher umgekehrt konnte einigen Schülern, Eltern und Lehrern durch groß angelegte Altkleiderspenden aus schweren Situationen geholfen werden. Noch heute leben über die Hälfte unserer Elternhäuser und das gesamte Lehrpersonal unter dem Existenzminimum.

Das Bildungssystem des gesamten Landes ist durch die finanzielle Geringschätzung der Lehrer in einem desolaten Zustand. Vom staatlichen Lohn kann kein Lehrer überleben. Er ist auf einen Nebenverdienst angewiesen, was sehr schnell dazu führt, dass die eigentliche Unterrichtsqualität rapide abnimmt. Das Ergebnis ist oft entweder Korruption oder eine „Privatunterrichtsmentalität“.

Auch die Freie Waldorfschule kämpft mit dieser Situation und versucht, durch eine zusätzliche Lehrerausbildung, regelmäßige Seminararbeit und einer dank unserer Eltern aktiven Öffentlichkeitsarbeit ihr Möglichstes – um den Lehrern Mut zu machen, unter dem Existenzminimum zu leben, und den Eltern, Vertrauen in den Weg der Waldorfpädagogik zu haben. Durch unsere beiden letzten Schulabgänge, die sehr gut abgeschnitten haben, kann letzteres zunehmend gelingen, auch wenn dem eine große allgemeine Arbeits- und Perspektivlosigkeit gegenübersteht, mit welcher es sich in Zukunft verstärkt auseinanderzusetzen gilt.

In Georgien ist die Freie Waldorfschule Tbilisi die einzige Schule, die großen Wert auf eine breit gefächerte Allgemeinbildung (und nicht nur Prüfungsvorbereitung) legt, zu der in besonderem Maße handwerkliche und auch praktische Arbeit gehört. Einmalig sind auch zwei Arbeitspraktika in der 9. und 10. Klasse, in denen meist Aufbauarbeit in entlegeneren Regionen des georgischen Kaukasus geleistet werden kann.

Zukunftsgedanken

In der momentanen Situation, in der das staatliche Bildungssystem für zunehmende Einschränkungen sorgt, wird der Schritt zu einer Schule in privater Trägerschaft notwendig, doch ist dieser mit großen finanziellen Problemen verbunden.
Da es in Georgien noch fast keine Ausbildungsmöglichkeiten für praktische Berufe gibt, sind auch in dieser Richtung verstärkt Ideen vorhanden. In erster Linie muss jedoch besonders der handwerklich-künstlerische Unterricht noch fester verankert werden.
Um der verstärkten Nachfrage nach der Waldorfpädagogik gerecht werden zu können, muß die  pädagogische Erwachsenenbildung weiter ausgebaut werden.

Mariam Lgvilava

Die Freie Waldorfschule Tbilisi in Zahlen:
Kindergarten: Vier Gruppen mit 60 Kindern
Schule: 12 Klassen mit je 25-38 bzw. insgesamt 380 Schülern
Fremdsprachen: Deutsch, Russisch, Englisch
Staatliche Unterstützung: 30%
Schulform: Staatliche Schule mit pädagogischen Freiheiten, Trägerverein

Stand / Update: 02/2007