Eine Kerze begrüßt uns im Schuleingang, An allen Ecken wird geschafft, gebastelt und gearbeitet. Erste Sterne sind an den Fenstern zu sehen. Eine Zeit, in der langsam das vergangene Jahr zumindest in Gedanken noch einmal erlebt werden darf. Kollegen kommen und fragen, wann wir denn endlich wieder Weihnachtspost schreiben, ein Ereignis, an welchem die gesamte Donnerstagskonferenz teilnimmt. Viel ist passiert, viel hat sich getan. Und genau daran wollen wir Sie teilhaben lassen.
Durch das vergrößerte Schulgebäude konnte das letzte Weihnachtsfest und der Weihnachtsbazar auf verschiedenen Etagen und über das gesamte Schulgelände verteilt stattfinden. An allen Ecken waren Schüler, Eltern und Lehrer aktiv, und auch aus dem Umfeld hatten wir regen Besuch. Es gab Kaffees, Theatervorführungen, Verkaufsstände, Eurythmie und vieles mehr. Auch ein Fernsehteam war dabei, und so konnten wir uns kurz darauf eine aktive Schule in der Weihnachtsvorbereitung im Fernsehen ansehen. Das Schulorchester eröffnete.
Nach den Ferien arbeiteten wir in gewohntem Rhythmus weiter. Im Chemieunterricht konnte durch die Hilfe von Frau Renkendorf intensiv weitergeholfen und aufgebaut werden. Ein erstes Konzert im Therapiehaus Tbilisi zeigte uns die ersten Früchte unseres neu gegründeten Unterstufen-Orchesters. Die Klasse 12a erfreute die gesamte Schule kurze Zeit später mit der Aufführung einer Komödie. Aus Platz und Finanzgründen fand dieses Theater in dem kleinen Musiksaal unserer Schule statt, der sich jedoch als würdiger Platz erwies.
Eine Einladung der Klasse 9 führte zu dem Besuch des israelischen Botschafters und seinen Mitarbeitern. Die Neuntklässler zeichneten sich als hervorragende Gastgeber aus. Kammermusik, Georgische Lieder und Gedichte, gesprochen von der Klasse drei auf Hebräisch, sowie die Bewirtung mit Kaffee und Kuchen, gehörten zum Programm. Die Israelische Botschaft hat sich sehr interessiert gezeigt und so wurde auch ein kleiner Artikel über dieses Treffen in der Zeitung der israelischen Diaspora Georgiens gedruckt.
Durch die letzten Änderungen und Fortschritte im Bildungssystem Georgiens haben wir einen engeren Kontakt zu den Verantwortlichen des Bildungsministeriums aufgenommen. So hatten wir einige Treffen, bei denen wir über unseren Status, Namen, Lehrpläne und Verwaltungsfragen sprechen konnten. Auch dem Bildungsministerium sind unsere Probleme mit dem staatlichen Bildungssystem und dessen engen Programmen bekannt, doch haben wir nach wie vor die Möglichkeit unser Waldorfpädagogisches Programm weitgehend uneingeschränkt durchzuführen. Mehrmals wurde auch die Frage erörtert, ab wann und unter welchen Bedingungen wir in den Status einer Privatschule wechseln sollten. An diesen Fragen muss aber noch weiterhin gearbeitet werden, zumal ein solcher Schritt einen größeren finanziellen Aufwand bedeuten würde.
Unsere beiden Abschlussklassen 12 und 12a arbeiten intensiv am Unterrichtsmaterial ihrer Klassenstufen, sowie Nachmittags an der notwendigen Prüfungsvorbereitung für die Abschlussprüfungen Georgiens. Diese Prüfungen sind hier gleichzeitig die Aufnahmeprüfungen für die weitere Berufsausbildung.
Nun nahte auch schon das Osterfest, und so wurde an den Vorbereitungen zu unserem Schulosterfest intensiv gearbeitet. Durch ein tragisches Ereignis, welches die gesamte Schule erschütterte, konnte die Osterfeier nicht stattfinden. Unser ehemaliger Schüler Micheil Loladze wurde vollkommen unschuldig Opfer eines Gewaltverbrechens. Nicht nur für Lehrer und Eltern war dies ein großer Schlag, sondern auch besonders die Schüler der Oberstufe hatten viele Fragen. Letztendlich organisierten sie eine Aktion, bei welcher einige Jugendmorde der letzten Wochen aufgelistet wurden und nur eine Frage zu sehen war: Warum? Dieses Blatt verteilten sie schweigend in der Stadt und schrieben selbige Frage mit Blumen auf den Freiheitsplatz vor dem Rathaus.
Nach einer besinnlichen Osterpause begann der Schulbetrieb mit der Vorstellung der Jahresarbeiten der Klasse 8. Erneut konnten wir Schüler erleben, welche ihre vielfältigen Arbeiten in erfrischender Weise vorstellten.
Schon in den Ferien hatten einige Schüler der Oberstufe die Möglichkeit, in die Schweiz zu fahren. Sie waren von einer Schule in Bern zu einem Kulturaustausch eingeladen. Kurze Zeit später konnten wir uns an Schülern erfreuen, die tief beeindruckt und dankbar von ihren Erlebnissen und Taten berichteten. An dieser Stelle in herzliches Dankeschön an die großartigen Gastgeber in der Schweiz.
Da bei uns bereits in der Klasse 12 Schulabschlüsse stattfinden, wird das große Theaterstück der Oberstufe in der Klasse 11 gespielt. Nach langer Zeit der Theaterproben konnten wir Ende Mai eine eigene Interpretation von Gorkis „auf dem Grund“ erleben.
Auch dieses Frühjahr durfte die Pädagogische Arbeit an unserer Schule durch die Arbeit und Anwesenheit von Ute Blankenburg und Malte Schuchardt eine große Unterstützung erfahren. Wir sind dankbar für diese wertvolle Arbeit, die von der IAO finanziert wird.
Traditionell hört der Schulbetrieb für die Zwölftklässler mit dem Mai auf. Dieses Jahr wurde es ein besonderes Fest, denn wir durften uns gleich von zwei zwölften Klassen verabschieden, die bis zuletzt ihre Eigenschaften entwickeln und behalten konnten. Mit Blumen, Gesang und Gedichten wurden die Zwölftklässler von den Klassen eins und fünf aus ihren Klassenzimmern geholt. Nun durften sie zum letzten Mal die Treppe, welche beidseitig von der gesamten Schulgemeinschaft gesäumt war, in den Hof zur Abschlussfeier hinunter gehen.
Wir spürten alle, dass es langsam dem Schuljahresende zuging. An allen Ecken und Enden aktives Treiben. Die achte Klasse brachte ihr Theater Stück, „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare, zur Aufführung und begeisterte damit viele Zuschauer. Diese Klasse beendete in den folgenden Tagen die Unterstufe mit einer Fahrt in die Berge Georgiens.
Zum ersten Mal gab es mehrere Themenabende in den Fremdsprachen. Von deutschen und russischen Gedichten, Liedern und kleinen Theatern bis hin zu einem russischen Puppentheater war viel geboten. Auch eine Eurythmieaufführung der Klasse vier konnte schöne Errungenschaften der Schüler zeigen.
Schon das gesamte letzte Jahr ist unsere Schule in einem größeren öffentlichen Interesse. So wollte bereits im Frühjahr ein Fernsehsender einige Eindrücke aus dem Unterrichtsgeschehen filmen. Im Mai gab es dann ein ähnliches Projekt vom Bildungsministerium, in welchem ein Lehrfilm für Lehrer aufgenommen werden sollte, in dem der Unterschied zwischen einem autoritären und nicht-autoritären Unterricht, sowie verschiedene Verhältnisse zwischen Lehrern und Schülern gezeigt werden sollte. Wir stimmten beiden Projekten zu, da wir von der Notwendigkeit einer solchen Aufklärung in Georgien überzeugt sind. Unsere Arbeit konnte so erneut einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden. Die DVD des Bildungsministeriums wurde an alle Schulen, vom Ministerium aus, versendet.
Während in den letzten Schulwochen die Klassen 10 und 11 durch ein gemeinsames Ökologie-Praktikum, bei dem Brücken gebaut und Wege angelegt wurden, den Naturpark Borjomi-Charagauli verunsicherten, arbeiteten die Schüler der neunten Klasse nur 20 Kilometer entfernt auf den Versuchsfeldern von Elkana, eines georgischen biologischen Bauernverbandes. Dort werden alte georgische Obst- und Getreidesorten gezüchtet und an interessierte Bauern verteilt.
Da wir als staatliche Schule geführt werden, gibt es natürlich auch einige Ereignisse, welche für eine Waldorfschule zwar interessant, aber nicht unbedingt notwendig sind. So wurden uns vom Bildungsministerium zuerst zwei und später weitere vier Kandidaten als Direktoren geschickt. Auch wenn wir die Möglichkeit einer Ablehnung haben, hat sich die Situation vorerst von selbst gelöst. Nach einem ersten Kennenlernen konnten alle den Organisations- sowie Verwaltungsablauf unserer Schule einsehen. Die Gespräche verliefen durchaus positiv, und es wurde allen Kandidaten deutlich, dass es keinen Platz für einen Direktor im bestehenden Organismus unserer Schule gibt. Auch wenn eine solche Situation vom Gesetzgeber nicht vorgesehen war, verläuft die Verwaltung momentan, mit verschiedenen pädagogischen Vertretern von unserer Seite und einem neuen Geschäftsführer, der aus dem Elternverein kommt, wie gewohnt und stabil weiter.
In den Sommerferien konnte eine kleine Touristengruppe von einem Schulpädagogen durch Georgien geführt werden. Diese Reise hat die Gäste in die georgische Kultur und die Bergwelt des Kaukasus einführen können und war auch für uns ein großes Erlebnis. Wir hoffen, auch in den nächsten Sommerferien hier wieder Gäste begrüßen zu dürfen. Ein Teil des Lehrerkollegiums verbrachte auch einen kleinen Teil der Sommerferien gemeinsam in den Bergen Georgiens.
Der September begann dieses Jahr sehr sommerlich. In bester Stimmung und voll Erwartung begann der Schulbetrieb. Die Einschulung der Erstklässler war auch dieses Jahr wieder ein großes Erlebnis. Die sechste Klasse umrahmte, als befreundete Klasse, das Fest mit einigen Liedern und Gedichten. Darüber hinaus wurde die Feier durch weitere Lieder, gesungen von der Klasse 12, sowie durch die Ansprache eines Schülers dieser Klasse begleitet.
In der Oberstufe konnte der Unterricht, durch die Intensive Unterstützung unserer Marburger Kollegen, wie bereits im Frühjahr, mit besonderer Intensität beginnen. Eine vierwöchige gemeinsame Arbeit gab uns die richtige Stimmung für die folgenden Monate. Fast gleichzeitig waren auch verschiedene Vertreter unseres Marburger Freundes- und Fördervereines anwesend und es konnten wichtige Fragen besprochen werden.
Die Änderungen des Bildungssystems betrafen dieses Jahr in besonderem Maße unseren Kindergarten. Zuerst wurde die Institution Schule - Kindergarten juristisch in zwei getrennte Organisationen aufgeteilt. Damit bestand eine Neugründung des Kindergartens bevor. Da der Kindergarten, nach Ansicht des Bildungsministeriums, nicht ausreichend betreute Kinder vorweisen kann, war schon von vorneherein klar, dass es ein Kindergarten in privater Trägerschaft sein wird. Ende September war es dann soweit: der Kindergarten konnte neu eröffnet werden. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Kindergarten bleibt jedoch wie bisher. Der Garten vor dem Kindergarten-Gebäudeteil ist bereits im Sommer von Schülern der Oberstufe in intensiver Arbeit neu angelegt worden und ist nun für alle Vorbeigehenden eine Augenweide.
Zeitgleich mit der Kindergartenneugründung konnte die Klasse zwölf, nach langer Vorbereitung und mit großer finanzieller Hilfe, ihre Kunst- und Architekturfahrt nach Griechenland antreten. Gefahren wurde mit den Schulbussen und übernachtet in Zelten. Vor Ort stellte uns die Stadt Tripolis ein Jugenderholungsheim zur Verfügung. Durch das Vortragen vorbereiteter Themen und das Zeichnen und Betrachten vor Ort, sowie bei intensiven Besprechungen, konnten die großen Baudenkmäler von Athen, Korinth, Delphi, sowie Mykene und vielen weiteren Orten, gründlich erforscht und entdeckt werden. Inzwischen hat die intensive Prüfungsvorbereitung für diese Schüler begonnen.
„Weinernte“ ist in Georgien ein Begriff, der überall große Anerkennung hat. Schon immer hat die Stadtbevölkerung auf dem Land bei diesem Festereignis mitgeholfen. In diesem Jahr hatte die Klasse 10 die Möglichkeit, bei der Ernte mehrerer Tonnen biologischer Trauben in Ostgeorgien zu helfen.
Unser Oberstufenorchester hat nun auch wieder mit der Arbeit begonnen. Mit großem Interesse wird auf das Orchestertreffen mit dem Schulorchester unserer Partnerschule in Saarbrücken im kommenden September hier in Tbilisi hingearbeitet.
Eine wichtige Erfahrung für unsere Schüler ist der Beginn eines regen Schüleraustausches. Nicht nur unsere Schüler können zunehmend einen Gastschüleraufenthalt in Deutschland wahrnehmen, sondern es gibt inzwischen auch wenige mutige Schülerinnen und Schüler in Deutschland, die sich auf das Abendheuer „Gastschüleraufenthalt“ in Georgien einlassen.
Für Schüler aus Georgien ist dies nicht nur eine Möglichkeit die deutsche Sprache besser kennen zu lernen, nein es finden durch das Kennenlernen einer neuen Kultur und Gesellschaft, maßgebliche Entwicklungsprozesse statt, die eine große Bedeutung für den weiteren Werdegang der einzelnen Personen haben. Es kommt darüber hinaus auch immer ein großer Schub neuer Kraft und Ideen in die Klassen zurück. Es entstehen somit in den Klassen neue Ideen, die für die Zukunft Georgiens einmal von Bedeutung sein können. Wir danken auf diesem Weg allen Menschen, sowohl den Gasteltern, als auch den Schulen, die sich für diese große Hilfe entschieden haben und hoffen, dass sich auch in Zukunft viele Menschen melden, die unseren Schülern eine so einmalige Entwicklungsmöglichkeit ermöglichen wollen und können.
Durch die politische und gesellschaftliche Entwicklung Georgiens in den letzten Jahren konnte eine starke Orientierung in Richtung Westen wahrgenommen werden. Dies betrifft leider nicht nur positive Schritte, sondern auch ein langsames Angleichen der Preisgestaltung unter welcher besonders der Teil der Bevölkerung leidet, der sich im Sozial- und Bildungswesen bewegt. Auch wenn der Staat versucht, durch Gas- und Stromgutscheine besonders in der Winterzeit den Pädagogen unter die Arme zu greifen, ist dies nur ein kleiner Trost, denn auch das Existenzminimum hat sich inzwischen verdoppelt. Der Pro-Kopf-Betrag der Schüler, mit welchem der Staat die Schulen unterstützt, ist nun auch etwas angehoben worden, doch ist auch dies noch immer völlig unzureichend. Eine Erhöhung der Gehälter unserer Mitarbeiter konnte zwar in geringem Maße stattfinden, doch werden wir auch in Zukunft weiter unter dem Existenzminimum leben.
Wie jeder Georgienfreund weltweit in den letzten Wochen erleben konnte, ist besonders die politische Situation hier etwas rauh. Im Ministeriumshaushalt hat sich einiges geändert, und so erwarten wir die Wahlen am fünften Januar voll Spannung und hoffen weiterhin auf eine zukunftsorientierte Stabilität des Landes.
Das Verfassen eines Jahresrückblickes ist besonders für uns eine sehr schöne Arbeit. Endlich haben wir die Möglichkeit erlebtes und getanes ausgebreitet betrachten zu können. Dankbarkeit berührt uns immer wieder für alles, was wir doch so im Verlaufe eines Jahres haben erleben und erfahren dürfen, auch wenn es schwere Momente gab. Immer wieder erfahren wir erneut, wie man aus dem Vertrauen und der Zuversicht von Kindern und Jugendlichen neue Kraft für zukünftiges Tun empfangen kann.
Auch das Erlebnis, in all den verschiedenen Situationen des letzten Jahres, ja der letzten Jahre, nie alleine gewesen zu sein, ist großartig und wir möchten uns bei Ihnen allen herzlich für die vielfältige Unterstützung, die wir auf allen Ebenen erfahren durften, bedanken.
Ihr Kollegium der Freien Waldorfschule und des Kindergartens Tbilisi