Tagesheim Tiflis in Not

Östlich von Europa, im Südkaukasus, befindet sich das Land der ältesten Kultur - Georgien. Ende der 80er Jahre, noch unter dem Sowjetregime, begann eine Initiativgruppe mit der Verwirklichung eines Präzedenzfalles, der Schaffung wirklicher Lebens- und Entwicklungsbedingungen von Erwachsenen mit beschränkten geistigen Fähigkeiten entsprechend der Menschenwürde. 1990 eröffnete das Tagesheimes für Sozialtherapie.

Die Arbeit des „Verein für Seelenpflegebedürftige Menschen“ hat verschiedene Bereiche – neben dem Tagesheim mit derzeit 54 Erwachsenen auch ein Seminar in der Sozialtheraphie, kurzfristige Praxiskurse für Fachleute und Interessierte, sowie eine Druckerei (Verlag „Azmko“) bei der Staatlichen Universität Tbilissi.

Das Problem der Personen mit beschränkten geistigen und körperlichen Fähigkeiten war und bleibt in Georgien ungelöst. Die unstabile Außen- und Innenpolitik des Landes, die sehr schwierige wirtschaftliche Lage, eine ungesunde soziale Umgebung, Armut und anderes führen dazu, dass sich nichts ändert. Die behinderten Menschen müssen ständig warten, bis alle obengenannten Probleme gelöst werden. Doch die Zeit wartet nicht, das Leben läuft, aber sie warten und warten...

Einige Begründer unserer Arbeit waren selbst geistig und körperlich beschränkt: Sopo, Giorgi, Gudsha, Ana und Simon. Sie zeigten selbst ihre Bedürfnisse, öffneten ihre eigene einzigartige Welt wie ein Buch. Wir sollten von diesem Buch lesen lernen. Es begann die Etappe der gegenseitigen Zusammenarbeit: Kennenlernen, Arbeiten, Gewöhnen, Zusammenleben, voneinander lernen, Überwindung von Hindernissen, die gemeinsame Freude an den ersten Erfolgen.

Jeder konkreter Mensch ist eine große Welt, jeder von ihnen hat die Schwelle des Theraphiehauses mit Angst und Zögern überschritten. Sascha hat seine Ohren mit den Händen zugehalten. Keti regte sich auf, Tamuna weinte, Marika sprach nicht, von Teona musste man sich fernhalten, fast jeder brauchte individuelle Aufsicht. Ihre innere Lage war durch die schwere politische und sozialwirtschaftliche Lage, durch langfristige Isolation und überflüssige Sorge seitens der Eltern (meistens der Mütter) erschwert.

Heute sind sie die führenden Mitarbeiter des Hauses. Das Zeichen ihres Fortschrittes sind: selbstständige, hochqualitative Arbeit, Aufsicht und Sorge für neue Mitglieder, Integration in die Umgebung, Vertrauen und Offenheit gegenüber anderen Menschen, seelische Ausgeglichenheit. „Das Sozialtheraphiehaus ist mein Haus“, sagt Keti stolz. „Sieh mal, das habe ich selbstständig gemacht“, sagt Sascha. „Zu Hause ist langweilig, hier sind wir alle zusammen“, sind Worte von Lado. Die Eltern sehen die Fortschritte mit Freude und Erstaunen an.

Was gibt unser Verein dem konkreten Menschen?

Erinnerungen eines Sozialtherapeuten

Ich möchte ihnen von Keti erzählen, die vor zwei Jahren, im September 2006, zu uns kam. Keti hat grüne Augen, lockiges Haar, und sie ist erstaunlich warmherzig – sie zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Als ich sie zum ersten Mal sah, ergriff mich ein ungewöhnliches Gefühl: Ich fühlte mich, als ob zu mir ein sehr naher Mensch käme, den ich seit langem nicht mehr gesehen hatte. Später erfuhr ich, dass vor einigen Monaten ihre Mutter in jungem Alter an Krebs gestorben war – ein großer Schlag für Ketis Familie und besonders für sie.

Alle Mitglieder des Tagesheims sind für uns sehr nahe Menschen, aber Keti wurde mir besonders nah. Sie spürte auch, dass ihr großer Schmerz mein Schmerz wurde. Die Anpassung an ihre neue Umgebung begann sie mit mir. Sie erzählte mir alles, was sie und ihre Mutter betraf. Am Anfang erzählte sie leise, damit die anderen nichts hören konnten, erzählte alles als heilige Geschichte. Oft konnte sie ihre Gefühle nicht steuern und weinte. Sie sagte, dass sie die Mutter vermisse, dass die Mutter für sie leben solle. Sie erzählte, wie sie sich um ihre Mutter kümmerte, wie die Mutter sich um sie Sorgen machte, dass die Mutter Ärztin gewesen sei und von ihrem Sterben im voraus wusste. Beim Erzählen nahm ich ihre Hand und sagte, dass die Mutter ständig bei ihr sei und sie nicht verlassen habe, dass sie sich einfach in einem anderen Zustand befindet. Ich sagte ihr, dass ihre Mutter sich freut, weil Keti hier beschäftigt ist.

Heute lacht Keti und sagt: Was würde ich nur machen, wenn ich nicht hier wäre. Sie sagt, dass sie bei uns viel gelernt und endlich viele Freunde gefunden hat. Ich und auch Ketis Familie, wir sind davon überzeugt, dass unser Tagesheim Keti unendlich geholfen hat.

Bidzina

Wenn Sie sehr früh am Morgen unsere Organisation besuchen, sehen Sie als erstes Bidzina mit strahlendem Gesicht und enthusiastisch winkender Hand vor dem Eingang stehen. Er kommt immer sehr früh um zu vermeiden, dass er etwas von der Arbeit versäumt.

Es ist nun schon zehn Jahr, dass Bidzina ein treuer Betreuter unseres Tagesheims ist. Motiviert, temperamentvoll, freundlich und liebevoll, unermesslich gutherzig und lustig – wegen dieser Eigenschaften lieben ihn alle. Für sich selbst hat er Verantwortungen übernommen und wird uns nie enttäuschen. Sein Morgen beginnt mit dem Reinigen des Eingangsbereichs, er wird nicht anfangen in der Werkstatt zu arbeiten, wenn das Vorzimmer nicht gefegt ist. Alle Passanten auf unserer Strasse kennt er gut und niemand verbleibt ohne Gruß.

Bidzina hat von Anfang sehr gut auf dem Webstuhl arbeiten gelernt, er webt schnell und fehlerlos. Er kann auch Filzbälle machen, obwohl das Zimmer wegen seines beweglichen und energischen Charakters nicht groß genug ist. Deswegen beschäftigt er sich einen bestimmten Teil des Tages mit Außenarbeiten– er hilft dem Hausmeister beim Ausladen von Waren, sammelt Müll auf und pflegt den Hof. In letzter Zeit hat er auch in der Werkstatt für Altpapier zu arbeiten angefangen – er schneidet und zerkleinert das Papier. Mit Begeisterung widmet er sich künstlerischen Arbeiten – er malt, bastelt und singt mit ganzem Herzen, was im Allgemeinen auf alles zutrifft, was er tut.

Mit einem Wort, das Leben von Bidzina ist ausgefüllt und reich. Das Tagesheim für Sozialtherapie – das ist es, was ihm das Erleben der eigenen Würde ermöglicht.

Vielfältige Aufgaben

Unser Verein und die Arbeit des Tagesheims sind als hochqualifiziert anerkannt und geschätzt, aber die staatliche Unterstützung ist meistens moralisch und nicht finanziell. Um behinderte Kinder kümmert man sich irgendwie ... es gibt einige staatliche Hilfsschulen, 14 spezialisierte Internate, sowie viele Nichtregierungsorganisationen in diesem Bereich, aber um die seelenpflege-bedürftigen Erwachsenen kümmert sich nur unser Tagesheim und unsere Schwesterorganisation „Kedeli“ im östlichen Teil von Georgien.

In Georgien gibt es etwa 20.000 dieser hilfsbedürftigen Menschen, davon etwa 4.000 in Tbilissi. Und doch gibt es nur unser Sozialtherapiehaus und unsere Werkstatt bei der Universität, die sich ununterbrochen um 60 Menschen kümmern. Ständig wenden sich viele Familien an uns, bitten um Aufnahme ihrer Kinder und tragen sich in die Liste der Wartenden ein.

Unser Therapiehaus ist ein Modell für einen ganz anderen Umgang mit behinderten Menschen. Nicht nur die Oberstufen-Schüler der Waldorfschule Tiflis machen bei uns Sozialpraktikum – auch Studenten von psychologischen und pädagogischen Fakultäten kommen zum Fachpraktikum zu uns. Die Begegnung mit den seelenpflege-bedürftigen Menschen, der Kontakt und die Zusammenarbeit mit ihnen, verändert gründlich das Wertesystem der jungen Generation. Man fängt an zu erkennen, dass man diese Menschen nicht vergessen und ablehnen (und damit ihn zur Isolation zwingen), sondern neben und mit ihnen leben soll.

Wir sind schon in verschiedenster Weise tätig geworden. In einer Schule hatten wir während zwei Jahren eine sozial-therapeutische Werkstatt, wo Hefte hergestellt wurden. Seit 2006 funktioniert unsere Druckerei an der staatlichen Universität Tbilissi, die den Studenten dient und auch ein Ort für Beziehungen und Praktika ist. Durch aktive Unterstützung unserer Organisation entstanden auch weitere Initiativen: „Die Brücke der Eltern“, der Verein „Veilchen“, unsere Schwesterorganisation „Kedeli“ und andere.

Eine Priorität für uns ist die Ausbildung. Seit 2001 haben wir einen Grundkurs in Sozialtherapie, seit 2002 auch einen kürzeren Praxiskurs, für den sowohl von staatlichen als auch nichtstaatlicher Organisationen eine große Nachfrage besteht. Durch eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit ist unsere Arbeit inzwischen sehr bekannt. Immer wieder wenden sich auch staatliche Stellen mit der Bitte um Rat an uns.

Die Finanznot

Seit 1996 wurde unsere Arbeit von der großen holländischen Stiftung CORDAID finanziert 2008 hat CORDAID sich jedoch aus den osteuropäischen Ländern zurückgezogen – was uns in eine große Notlage brachte. Angesichts der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Lage in Georgien haben wir keine Hoffnung, einen hiesiegen Geldgeber zu finden. Seit 2005 gibt es für unsere sozialtherapeutische Arbeit staatliche Zuschüsse – ein Pilotmodell, das wir selbst initiiert haben. Doch diese Zuschüsse von 10 Lari pro Kopf und Monat decken gerade einmal 20% des erforderlichen Betrages. Ein weiteres Problem ist, dass sie nur für zehn Monate gezahlt werden und dass während des Jahres kein neuer Betreuter in das Programm aufgenommen werden kann.

Wir brauchen pro Jahr derzeit rund 160.000 Euro. Unsere Eltern und Vereinsmitglieder bringen davon 7.000 Euro auf, die staatlichen Zuschüsse betragen etwa 41.000 Euro, unsere Werkstätten erwirtschaften rund 9.000 Euro... Für den Rest sind wir auf Spenden angewiesen, auf Freunde und Förderer! Wer wird uns helfen?

Lia Asanischwili

Stand / Update: 09/2008